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Imre Kertész: Roman eines Schicksallosen (1975, dt. 1996)

Der Roman eines Schicksallosen erzählt von einem jüdischen jungen Ungarn und seiner Deportation nach Auschwitz und Buchenwald. Der Junge erlebt das Geschehen in einer vollkommen naiven Weise; Kertész entgeht damit der Verpflichtung, neue Metaphern für das Leid, die Maschinerie des Todes in Auschwitz und die Alltäglichkeit des Grauens in Buchenwald finden zu müssen: dem Protagonisten geschieht alles wie nebenbei und selbstverständlich und wird mit dem Staunen des Kindes wahrgenommen (der Satz »Am nächsten Tag passierte mir eine kuriose Geschichte.« (47) leitet die Schilderung der Deportation ein), und er meint sich stets gut einfügen zu müssen. Dies fängt bei den Vorschriften für die Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel an und hört bei den Anweisungen der Bewacher des Transports noch lange nicht auf.

»Ich wußte auf einmal gar nicht mehr, wo mir der Kopf stand, und ich erinnere mich nur daran, daß ich die ganze Zeit fast auch ein bißchen lachen mußte, einerseits vor Staunen und Verlegenheit, aus dem Gefühl, plötzlich in irgendein sinnloses Stück hineingeraten zu sein, in dem ich meine Rolle nicht recht kannte, andererseits wegen einer flüchtigen Vorstellung, die mir gerade so durch den Sinn huschte; das Gesicht meiner Stiefmutter, wenn sie heute abend merken würde, daß sie mit dem Abendessen umsonst auf mich wartete.« (67) Diese Textstelle zeigt die Besonderheit der Schilderung: die Betonung liegt auf dem Bemühen um Eingliederung in das System, das nicht beurteilt, sondern nur dargestellt wird als dasjenige, das nun einmal da ist und dem man sich entsprechend anpasst.

Genau diese Haltung jedoch bei Opfern wie bei Tätern des Holocaust ist es jedoch, die das wahrlich Monströse der Vernichtung in den Konzentrationslagern erst ermöglicht hat: ein Konformismus, der einen Protest gegen eine Deportation nicht zulässt, weil dieser Protest irgendwem peinlich sein könnte.

In dieser Erzählhaltung des Naiven lässt Kertész wenig aus, angedeutet – wie das Wissen des Protagonisten ja auch nur auf Gerüchten basiert – werden Versuche mit Zwillingen, geschildert wird die in Auschwitz stattfindende Selektion nach arbeitstauglich und sofort zu vernichten, Hunger, Erschöpfung bis zum Tode – alle Erscheinungsformen der Qual in Konzentrationslagern sind da, aber perspektivisch relativiert: nach dem tagelangen Transport in Viehwaggons nach Auschwitz werden den Ankommenden die persönlichen Gegenstände genommen, der Protagonist bemerkt »Später [...] würden alle ihr Eigentum zurückerhalten, zuvor aber erwartete die Sachen eine Desinfizierung, uns selbst aber ein Bad: das war in der Tat an der Zeit, wie ich fand.« (89)

Kertész gelingt die erzählerische Verarbeitung des monströsen Stoffes, indem er die Perspektive des Naiven nutzt, um das Geschehen überhaupt literarisch verarbeiten zu können – und das heißt auch: dem Leser eine Realität zu zeigen, die sich per se jeglichem Lesegenuss widersetzen muss, dies aber so zu tun, dass der Leser dem Sujet zum Trotze nicht nur aus historischem Interesse weiterlesen will.

Ein beeindruckendes Buch. Lesen!

Weiteres: Informationen des Lessing-Gymnasiums Döbeln zu Kertész



© Hanjo Iwanowitsch 2002–2004. Zuletzt geändert: 07.03.2004; 19:55:35 Uhr.