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Gelesen. Hughes.

Rian Hughes: XX. A Novel, Graphic. London, Picador, 2020.

Ein geschickter Lektor hätte möglicherweise die eine oder andere Länge zu kürzen gewusst, doch insgesamt bereitet auch dieser Roman auf 980 Seiten viel Freude: eine Botschaft aus fremden Welten wird entschlüsselt, weltumspannende Netze offenbaren sich, eine Astronautin erlebt auf dem Mond Außergewöhnliches, virtuelle Entitäten treten zu nerdigen Protagonist*innen. Erneut Spaß mit Typografie und Gestaltung, unterschiedlichen Ebenen des literarischen Erzählens (nebenbei wird eine der Geschichten aus einem Science-Fiction-Groschenheft dargeboten; ihr Inhalt spielt auf der eigentlichen Handlungsebene eine Rolle, zudem findet sich eine Anzeige für den Dampflokomotiven-Club darin, der im vorher gelesenen Buch eine wichtige Rolle spielt …), wilden Theorien und klugen Denkansätzen. Das macht Laune.

Gelesen. Dath.

Dietmar Dath: Neptunation. Frankfurt am Main: Fischer, 2019.

Wenn Dialoge selbst in lebensbedrohlichen Grenzsituationen zu viel Was-Dath-alles-Interessantes-gelesen-hat enthalten, muss jede Figur wie ein Sprachrohr wirken. Auch der Geschichte insgesamt tut derlei nicht gut. Schade eigentlich.

(Dabei schätze ich kluge Autor*innen, die mir Unbekanntes mitteilen. Es scheint eine bestimmte Art von Dogmatismus zu sein, der hier zu aufdringlich durchscheint. In Daths Feuilletontexten funkelt, was hier schmerzhaft blendet.)

Gelesen. Jünger.

Ernst Jünger: Gläserne Bienen. Stuttgart: Klett-Cotta, 1990.

Durch fingierte Herausgeberschaft relativierte krude Mischung aus rückwärtsgewandter Heldenverehrung, sentimentaler Rückschau auf Geist und Praxis vermeintlich guter Zeiten der Kriegsführung (zu Pferde) und Science-fiction-Elementen, die für das Erscheinungsjahr (1957 bzw. in der vorliegenden Fassung 1960) erstaunlich genau gesellschaftliche und technische Phänomene beschreiben.

Wenn der Erzähler beispielsweise die Beschäftigten eines Industriewerks sieht –

Daß Zapparonis Arbeiter Herren waren, bezeugte kein Umstand besser als der, daß ihnen keine Arbeitszeit gesetzt wurde. Sie kamen und gingen, wie es ihnen lag, vorausgesetzt, daß sie nicht gerade im Team schafften. Das war im Modellwerk die Ausnahme. Freilich muß ich hinzufügen, daß diese Regelung oder vielmehr Nichtregelung für Zapparoni günstig war. Das Arbeitsethos in seinen Werken ließ nichts zu wünschen übrig; man schaffte und schuf dort nach Art der Künstler, die von ihrem Opus besessen sind. Es gab keine Arbeitszeit – das hieß eher, es wurde fast immer gearbeitet. Die Arbeiter träumten von ihren Kunstwerken. Daß sie Herren waren, ließ sich auch daraus ersehen, daß sie Zeit hatten. Das hieß aber nicht, daß sie Zeit verschwendeten. Sie hatten diese Zeit vielmehr, wie reiche Leute ihr Geld im Sack haben. Ihr Reichtum ruht im Sack, nicht in der Ausgabe. Man spürt ihn aber in ihrem Auftreten. [Ebd., 32]

–, dann ist die Nähe zu dem, was wir von der Arbeitsweise der großen Netzfirmen à la Google wissen, offensichtlich. Ebenso, dass die »gläsernen Bienen« eine Vorstufe zu Kleinstdrohnen sind, deren mögliche zivile wie militärische Einsatzgebiete auch schon abgesteckt werden …

Marianne Regensburgers Fazit bei der Veröffentlichung: »Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, daß Ernst Jünger uns heute nicht mehr sehr viel zu sagen hat.« [Die Zeit]