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Ende des Schuljahres.

Morgen ist der letzte Schultag vor der langen unterrichtsfreien Zeit im Sommer.

Etwa 300 Klausuren im Beruflichen Gymnasium (Deutsch und Philosophie, Oberstufe), ungefähr 200 Klassenarbeiten in der beruflichen Ausbildung (Buchhandelsbetriebslehre, aber auch EDV) habe ich in diesem Schuljahr korrigiert (wenn ich nicht welche vergessen habe). Gerade in den letzten Wochen und Monaten war dies wieder besonders zeitaufwendig – so zeitaufwendig, dass die Unterrichtsvorbereitung weniger intensiv als angemessen erledigt werden musste (und die private Regeneration mehr als nur sparsam stattfand). Das ist – wie immer wieder festgestellt – ärgerlich und belastend, auch, weil die Korrekturarbeit außer dem Ergebnis einer Schulnote kein weiteres zeitigt.

Und ja: auf die unterrichtsfreie Zeit freue ich mich wegen dieser Anstrengungen mindestens so sehr wie die Schülerinnen und Schüler auf ihre Ferien.

Aber wieder habe ich in diesem Schuljahr viele Stunden Unterrichts erteilt, die mindestens mir Freude bereiteten: das Lehren und gemeinsame Lernen ist nach wie vor eine ganz wertvolle Erfahrung, die oft einfach richtig Laune macht, manchmal zufrieden (und manchmal natürlich auch ein schales Gefühl hinterlässt): Lehrer zu sein ist im Unterrichtsgeschehen eine im Großen und Ganzen tolle Sache.

Solltet Ihr aber noch die Wahl haben: nehmt nicht die Fächer mit langen Aufsätzen.

Terry Pratchett: Choosing to Die.

Wer jung ist, wer in der Mitte seines Lebens, mag möglicherweise nicht nachdenken über das Ende bzw. die Beendigung desselben. Terry Pratchett (Sir Terry Pratchett (so viel Zeit muss sein)!) hat einen Grund, darüber nachzudenken: seine Alzheimer-Erkrankung.

In einer Dokumentation berichtet die BBC über Pratchetts Umgang mit dem Thema: Choosing to Die. [Via]

»Königin der Wikipedia«: die Philosophie.

Warum man (wenn nicht) immer (, so doch zumindest sehr oft) beim Eintrag über die Philosophie landet, wenn man in beliebigen Wikipedia-Artikeln »auf den ersten Link im Text klickt, der nicht in Klammern steht oder kursiv ist, und das ganze immer wieder wiederholt«, erklärt Anatol Stefanowitsch in Die Philosophie, Königin der Wikipedia.

Neue Essay-Themen: Distelmeyer, Baumann, Popper, Suarez, Wittgenstein, Arendt.

Ein weiterer Essay-Durchgang ist an der Reihe. Die Themen diesmal:

1. Jochen Distelmeyer: Wohin mit dem Hass? [Dis09] (Video mit nerviger Werbung.)

2. Die Suche nach Vorbildern, Beratung und Orientierung hat Suchtcharakter: Je mehr man es tut, desto mehr braucht man es und desto größer das empfundene Unbehagen, wenn der Nachschub ausbleibt. Alle Abhängigkeiten sind als Mittel der Befriedigung des Bedürfnisses selbstzerstörend, sie zerstören die Möglichkeit dauerhafter Befriedigung überhaupt. [Bau03, 88]

3. Unsere Unwissenheit ist grenzenlos und ernüchternd. [Pop04, 79]

4. Nehmen Sie die Aufgabe an, eine Rechtfertigung für die Freiheit der Menschen zu finden […]? »Ja« oder »nein«? [Sua11, 619]

5. Laß uns menschlich sein – [Wit84, 492]

6. Der Platz des denkenden Ichs in der Zeit wäre der Zwischenraum zwischen Vergangenheit und Zukunft, die Gegenwart, jenes geheimnisvolle und schlüpfrige Jetzt, eine bloße Lücke in der Zeit, auf die nichtsdestoweniger die festeren Zeitformen der Vergangenheit und der Zukunft insofern hingeordnet sind, als sie das bezeichnen, was nicht mehr ist, und was noch nicht ist. Daß sie überhaupt sind, verdanken sie offensichtlich dem Menschen, der sich zwischen sie eingeschoben und dort seine Gegenwart eingerichtet hat. […]

[Hier folgt im Original eine Abbildung, die den S auch vorliegt.]

Im Idealfall sollte die Wirkung der beiden Kräfte, die unser Parallelogramm bilden, in einer dritten Kraft resultieren, der Diagonalen mit dem Ursprung an dem Punkt, an dem sich die Kräfte treffen und auf den sie wirken. […] Diese Diagonalkraft, deren Ursprung bekannt ist, deren Richtung durch Vergangenheit und Zukunft bestimmt ist, deren Kraft aber auf ein unbestimmtes Ende hinzielt […], sie scheint mir eine vollkommene Metapher für die Tätigkeit des Denkens. [Are77, 204f.]

[Are77] Arendt, Hannah: Vom Leben des Geistes. Bd. 1: Das Denken. München : Piper, 1989 (EA 1977) (SP 705)
[Bau03] Baumann, Zygmunt: Flüchtige Moderne. Frankfurt am Main : Suhrkamp Taschenbuch, 2003 (es 2447)
[Dis09] Distelmeyer, Jochen: Heavy. Columbia, 2009
[Pop04] Popper, Karl R.: Auf der Suche nach einer besseren Welt: Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren. 13. Aufl. München : Piper, 2004 (sp 699)
[Sua11] Suarez, Daniel: Daemon. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt Taschenbuch, 2011 (rororo 25643)
[Wit84] Wittgenstein, Ludwig: Vermischte Bemerkungen. In: Über Gewißheit. Werkausgabe Bd. 8. Frankfurt am Main : Suhrkamp Taschenbuch, 1984 (stw 508)

Zum digitalen Schulbuch, ...

einem Vorschlag von gleich8, schrieb ich

Die sozialen Probleme, die Du schilderst, sind Realität. Andererseits habe ich auch schon viel von Ideen und Anregungen aus (Lehrer- und anderen) Blogs profitiert und selbst auch das eine oder andere öffentlich gemacht. Es gibt also – wenn auch bei einer Minderheit – durchaus die Bereitschaft, gemeinsam an einer Sache zu arbeiten.

Dass ich selbst nicht häufiger Unterrichtsdinge, die ich ja sowieso produziere, verfügbar mache, hat einen einfachen Grund: kaum eine meiner Stunden funktioniert ohne urheberrechtliches geschütztes und insofern nicht einfach weitergebbares Material – ob’s nun für einen stummen Impuls durch ein projiziertes Photo oder einen zu bearbeitenden Text oder was auch immer ist (Schulbücher in meinen Fächern Deutsch und Philosophie funktionieren genauso). Und während ich durchaus Motivation verspüre, Unterrichtspraxis in Teilen öffentlich zu machen, verspüre ich so gar keine Motivation, mich mit diesen rechtlichen Regelungen auseinandersetzen zu müssen und / oder gar wegen Nichtbeachtung mit finanziellen Forderungen konfrontiert zu sehen.

Dummerweise sind Skripte wie meines zur Metaphysik nur wenig hilfreich, wenn die darin angeführten Texte erst wieder aus allen möglichen Quellen zusammengesucht werden müssen …


(Leicht redigiert.)

Beim abendlichen Blättern und Falten.

Nicht vergessen sollte, wer die Zeit nicht im Abonnement bezieht, beim morgigen Wochenendeinkauf die Besorgung derselben, denn die aktuelle Nummer beinhaltet im Feuilleton (nicht im Ressort »Wissen«: eine feine Spitze) einen Schwerpunkt über die Bedeutung der Philosophie.

Adorno, Busch, Camus, Lohbeck, Epiktet, Rammstein: Philosophie-Essays als Klausurersatz.

Da bei uns am Beruflichen Gymnasium das Fach Philosophie im 12. Jahrgang nur mit zwei Wochenstunden unterrichtet wird, ist kaum Zeit für die sinnvolle Unterbringung zweier Klausuren pro Halbjahr. Seit zweieinhalb Jahren schreiben die S bei mir daher ein philosophisches Essay, für deren Anfertigung sie drei bis vier Wochen Zeit haben und das sie in getippter und ausgedruckter Form bei mir abgegeben, als Klausurersatzleistung.

Die ersten Male bin ich ausgegangen von den Vorschlägen zum Bundeswettbewerb philosophischer Essay, inzwischen bediene ich mich da mit Aufgaben, ändere aber auch ab, da mir die Vorschläge zuweilen zu langweilig sind, und ergänze aus eigener Lektüre.

Anders als bei herkömmlichen Klausuren, bei denen alle S einen identische Aufgabe bekommen, haben die S in diesem Fall sechs verschiedene Schreibanlässe, von denen sie eines auswählen. Zu diesem schreiben sie anhand einer selbstentwickelten These zum Thema ein philosophisches Essay.

Die Themen waren diesmal diese:

1. »Taubstummenanstalt – Während die Schulen die Menschen im Reden drillen wie in der ersten Hilfe für die Opfer von Verkehrsunfällen […], werden die geschulten immer stummer. Sie können Vorträge halten, jeder Satz qualifiziert sie fürs Mikrofon, vor das sie als Stellvertreter des Durchschnitts gestellt werden, aber die Fähigkeit miteinander zu sprechen erstickt.« [Ado51, 179 (Nr. 90)]

2. »Oh, hüte dich vor allem Bösen! / Es macht Pläsier, wenn man es ist, es macht Verdruß, / wenn man’s gewesen.« [Bus72, 67]

3. Evelien Lohbeck: Noteboek

4. Ȇber den Luxus
Als Maß für den Besitz soll jedem das leibliche Bedürfnis gelten wie der Fuß für den Schuh. Bleibst du dessen eingedenk, so wirst du Maß halten. Andernfalls geht es ohne Aufhalten die abschüssige Bahn hinab. Es ist wie mit dem Schuh: gehst du über das Bedürfnis des Fußes hinaus, so wird er zuerst vergoldet, danach mit Purpur verbrämt, endlich gar gestickt. Ist einmal das Maß überschritten, so gibt es keine Grenze mehr.« [Epi84, 44 (Nr. 39)]

5. »Wenn man zu denken anfängt, beginnt man untergraben zu werden.« [Cam42, 10]

6. Rammstein: Ich will [Ram01]

Für den Korrigierenden sind diese Ersatzleistungen immer angenehmer als Klausuren, weil sie formal und inhaltlich wenig standardisiert sind. Sie können mit Interesse gelesen werden – auch wenn das Essay als Form beim ersten Mal nur wenigen hinreichend gelingt. Beim zweiten Durchgang geht's schon besser. (Übrigens ein Grund dafür, dass ich so gut wie nie Benotungsskalen vorab festlege, sondern immer erst mal die Ergebnisse ansehe.)

Beim Korrigieren benutze ich – wie immer bei Aufsätzen – einen Rückmeldebogen.

Unter den S gibt es übrigens zwei Gruppen: solche, die sich durch die recht offene Form herausgefordert sehen, sich freuen, dass sie mal über längere Zeit (oder aber auch einfach nachts, wenn es sich besser schreibt) zuhause an einer Aufgabe arbeiten können und (mindestens relativ) beachtliche Leistungen erbringen und solche, die die herkömmliche Klausur schätzen, weil man da weiß, was man hat …

Literatur:

[Ado51] Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1951 (Bibliothek Suhrkamp 236)
[Bus72] Busch, Wilhelm: Die fromme Helene. In: Das dicke Busch-Buch. Leipzig : Eulenspiegel, 1983 (EA 1872)
[Cam42] Camus, Albert: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt Taschenbuch, 1991 (EA 1942) (rororo 12375)
[Epi84] Epiktet ; Schmidt, Heinrich (Hrsg.) ; Metzler, Karin (Hrsg.): Handbüchlein der Moral und Unterredungen. Stuttgart : Kröner, 1984 (KTA 2)
[Ram01] Rammstein: Mutter. Motor Music, 2001

Fertig!

(Mit der Korrektur der letzten 23 Philosophieklausuren für das Jahr 2010 nämlich. Jetzt gibt's erst mal eine Weihnachtspause, bevor's am 3. Januar 2011 mit 37 Philosophie-Essays los geht ...)

Eine frohe Weihnachtszeit allen Leserinnen und Lesern!

Wikileaks und Kant.

Julian Nida-Rümelin zeigt im Artikel »Demokratie will Öffentlichkeit«, dass Kant in Zum ewigen Frieden die Transparenz (die, so die Anwendung auf die heutige Situation, beispielsweise Wikileaks herstellt) Bedingung der Möglichkeit eines friedlichen Miteinanders von Staaten sei: »Es gebe keine geheimen Nebenabsprachen zu internationalen Verträgen, alles sei für alle Staatsbürger jederzeit transparent und kontrollierbar, die Regierenden vermieden jede Doppelzüngigkeit und verzichteten auf Geheimstrategien«, referiert Nida-Rümelin Kants Standpunkt.