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Gelesen. Berg.

Sibylle Berg: RCE. #RemoteCodeExecution. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2022.

Dass der Trend aus dem Jugend-/All-Age-Buch, den Plot immer mindestens auf drei Bände aufzuteilen, nun auch auf die ernsthafte Literatur übergreift, muss nicht positiv sein: GRM Brainfuck habe ich als singuläres literarisches Ereignis begriffen und gelesen, von einer Wucht, die ihresgleichen sucht (und auch nicht zwingend der Ergänzung bedarf). Dass dies Gestaltungsprinzip nun weitere fast 700 Seiten trägt (und noch weitere tragen müssen wird), scheint mir nicht unbedingt überzeugend.

Auch dieses neue Buch ist nun eine Enzyklopädie scheiternder Menschheit – wer Gründe für die Annahme sucht, dass diese Welt nicht bestehen wird, schlage eine beliebige Seite auf und lasse sich ein paar Sätze um die Ohren hauen – und dass der Anschlag auf das System (Obacht: Spoiler!) diesmal glücken wird, ist in Anbetracht der gargantuesken Fülle der Dummheit des Menschen, für die Berg fleißig Belege gesammelt hat, eher dünn motiviert und nicht wirklich glaubwürdig. Da habe ich in Genretiteln wie Suarez’ Daemon und Darknet Besseres gefunden.

Gelinde Spannung immerhin entsteht aus der Frage, was Berg denn bald im dritten Band präsentieren wird. Denn für Selbstorganisiation in technisierten Hippiekommunen als Zukunft der Menschheit, wie sie Suarez vorstellt, scheint mir Berg nicht trommeln zu wollen.

Neue Essay-Themen: Distelmeyer, Baumann, Popper, Suarez, Wittgenstein, Arendt.

Ein weiterer Essay-Durchgang ist an der Reihe. Die Themen diesmal:

1. Jochen Distelmeyer: Wohin mit dem Hass? [Dis09] (Video mit nerviger Werbung.)

2. Die Suche nach Vorbildern, Beratung und Orientierung hat Suchtcharakter: Je mehr man es tut, desto mehr braucht man es und desto größer das empfundene Unbehagen, wenn der Nachschub ausbleibt. Alle Abhängigkeiten sind als Mittel der Befriedigung des Bedürfnisses selbstzerstörend, sie zerstören die Möglichkeit dauerhafter Befriedigung überhaupt. [Bau03, 88]

3. Unsere Unwissenheit ist grenzenlos und ernüchternd. [Pop04, 79]

4. Nehmen Sie die Aufgabe an, eine Rechtfertigung für die Freiheit der Menschen zu finden […]? »Ja« oder »nein«? [Sua11, 619]

5. Laß uns menschlich sein – [Wit84, 492]

6. Der Platz des denkenden Ichs in der Zeit wäre der Zwischenraum zwischen Vergangenheit und Zukunft, die Gegenwart, jenes geheimnisvolle und schlüpfrige Jetzt, eine bloße Lücke in der Zeit, auf die nichtsdestoweniger die festeren Zeitformen der Vergangenheit und der Zukunft insofern hingeordnet sind, als sie das bezeichnen, was nicht mehr ist, und was noch nicht ist. Daß sie überhaupt sind, verdanken sie offensichtlich dem Menschen, der sich zwischen sie eingeschoben und dort seine Gegenwart eingerichtet hat. […]

[Hier folgt im Original eine Abbildung, die den S auch vorliegt.]

Im Idealfall sollte die Wirkung der beiden Kräfte, die unser Parallelogramm bilden, in einer dritten Kraft resultieren, der Diagonalen mit dem Ursprung an dem Punkt, an dem sich die Kräfte treffen und auf den sie wirken. […] Diese Diagonalkraft, deren Ursprung bekannt ist, deren Richtung durch Vergangenheit und Zukunft bestimmt ist, deren Kraft aber auf ein unbestimmtes Ende hinzielt […], sie scheint mir eine vollkommene Metapher für die Tätigkeit des Denkens. [Are77, 204f.]

[Are77] Arendt, Hannah: Vom Leben des Geistes. Bd. 1: Das Denken. München : Piper, 1989 (EA 1977) (SP 705)
[Bau03] Baumann, Zygmunt: Flüchtige Moderne. Frankfurt am Main : Suhrkamp Taschenbuch, 2003 (es 2447)
[Dis09] Distelmeyer, Jochen: Heavy. Columbia, 2009
[Pop04] Popper, Karl R.: Auf der Suche nach einer besseren Welt: Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren. 13. Aufl. München : Piper, 2004 (sp 699)
[Sua11] Suarez, Daniel: Daemon. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt Taschenbuch, 2011 (rororo 25643)
[Wit84] Wittgenstein, Ludwig: Vermischte Bemerkungen. In: Über Gewißheit. Werkausgabe Bd. 8. Frankfurt am Main : Suhrkamp Taschenbuch, 1984 (stw 508)