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Angekündigter Merkel-Abgang.

Wenn Angela Merkel heute in der Reaktion auf die Hessen-Wahl ihren absehbaren Abschied vom Parteivorsitz (und den späteren Rückzug aus dem Kanzleramt) ankündigt, dann ist das etwas, was der CDU noch einige Enttäuschung bescheren wird. Dass diese nämlich in den Wahlen nicht so gnadenlos abgestraft wurde wie die SPD, dürfte der nach wie vor großen Popularität Merkels zuzurechnen sein, die weder Herr Spahn noch Herr Merz – jeder auf seine Art peinlich – jemals erreichen werden. Frau Kramp-Karrenbauer wiederum wird sicher keine Chance bekommen, denn die Stimmen, die fordern, nun müsse auch mal ein Mann ran, werden laut und zahlreich sein, und so werden die Jungs es unter sich ausmachen.

(Und feixend in der Ecke sitzt Herr Seehofer, der in seiner egomanischen Destruktionslust die eigentliche Verantwortung für die letzten Monate an Zwist trägt; es ist ein Jammer, dass immer die Klügeren nachgeben und Dummdreiste in ihrer unsensiblen Schamlosigkeit den Sieg davontragen.)

Tscha, und die SPD? Erneuerung kann nicht bedeuten, alle paar Monate neue Vorsitzende zu installieren. Und es hat keinen Zweck, nur der Veränderung wegen noch weniger geeignete Kandidaten zu verschleißen. Andrea Nahles wird an sich arbeiten müssen, so wie es beispielsweise Sigmar Gabriel auch zugestanden wurde. Ihr Abgang würde nichts verändern, denn wenn keine überzeugenden Leute in der Partei nachfolgen können, wird sie so wie so halt nicht gewählt.

Und Bündnis 90/Die Grünen?: ich gönne ihnen ihren Höhenflug (auch wenn ich vermute, dass es sich mindestens teilweise um das Ergebnis politischer Herdenbildung, nicht um Überzeugungsstimmen handelt – das gleiche Phänomen, das bei der SPD negativ wirkt), möchte aber auch Ergebnisse sehen. In Baden-Württemberg sehe ich einen grünen Ministerpräsidenten, der Daimler huldigt. So etwas würde ich nicht wollen, gäbe ich Grünen meine Stimme. –

»Es kommen härtere Tage.«

»Wer nichts zu verbergen hat, der hat bereits alles verloren.«

Juli Zeh zum Datenspeicherproblem von NSA und anderen westlichen Geheimdiensten: Ein beobachteter Mensch ist nicht frei.

Während übrigens die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff der NSA-Affäre wegen ihre USA-Reise absagt, meint Frau Merkel (die sich um ihre Wiederwahl bewirbt), es sei besser zu warten. Damit ist sie bis heute beschäftigt.

Offener Brief an Angela Merkel.

Den offenen Brief an Angela Merkel in Sachen Überwachungsgeschehen kannst Du auch unterschreiben.

Zu den Erstunterzeichnenden gehören Juli Zeh, Ilija Trojanow, Carolin Emcke, Friedrich von Borries, Moritz Rinke, Eva Menasse, Tanja Dückers und viele andere.

Zeit für Frau Merkel, Herrn Friedrich ihr Vertrauen auszusprechen.

Ein früheres Nachrichtenmagazin berichtet in seiner Online-Dependance Spiegel Online:

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich nimmt in der Spähaffäre nicht sich selbst, sondern die Bürger in die Pflicht. Der CSU-Politiker rief die Deutschen dazu auf, selbst mehr für den Schutz ihrer Daten zu tun.

Das ist schon eine rechte Dreistigkeit, die sich der Noch-Innenminister da leistet: er ist offenbar nicht in der Lage, die Interessen der bundesrepublikanischen Bevölkerung in den USA zu vertreten, verbreitet offenkundig Unsinn, den sein eigenes Ministerium später korrigieren muss, und meint, dem normalen Netznutzer die Verantwortung dafür zuschieben zu können?

Treten Sie zurück, Herr Friedrich!

Update 19.7.2013: Es ist soweit:

Auch mögliche personelle Folgen der Affäre schloss Merkel mit Blick auf den wenig souveränen Innenminister Hans-Peter Friedrich aus. Dieser genieße ihr "vollstes Vertrauen".

[Spiegel online]

Gelesen. Becker.

Jurek Becker: Schlaflose Tage. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1978.

Jurek Beckers Jakob der Lügner steht schon seit Jahrhunderten auf meiner Liste der zu lesenden Bücher, doch irgend etwas hielt mich immer wieder von der Lektüre ab; kürzlich bekam ich Schlaflose Tage empfohlen und habe es jetzt gelesen.

Simrock ist Lehrer (es lohnte, analog zum Schülerroman auch einmal eine Liste der Lehrerromane zusammenzustellen) in der DDR der 70er Jahre. Als er eines Tages Herzbeschwerden verspürt, stellt er sein bisheriges Leben vollkommen in Frage und entdeckt für sich ein der Wahrhaftigkeit verpflichtetes. Damit einher geht eine Revision seines Lehrerbildes und die Formulierung von Leitsätzen:

1. Mein guter Lehrer muß ein Verbündeter der Kinder sein. Nicht in der Absicht, einen pädagogischen Trick anzubringen, nicht wie ein Taschenspieler, der mit Hilfe seines Verbündet-Tuns andere Ziele verfolgt, sondern ohne Vorbehalt. Nur auf Grund der Überzeugung, daß Kinder Verbündete brauchen.

[…]

3. Im Extremfall bereit sein, Konsequenzen zu ziehen […]. Bereit sein, nicht länger Lehrer zu sein, sich mit dieser Bereitschaft Bewegungsfreiheit verschaffen. […]

4. Er muß sich den Kindern verantwortlich fühlen, mehr als der Schulbehörde. Über den vielgebrauchten Satz, die Schule sei dazu da, die Kinder aufs leben vorzubereiten, darf er nicht vergessen, daß die Gegenwart ja schon das Lebend er Kinder ist. Daß sie schließlich nicht Tote sind, die erst zum Leben erweckt werden müssen.

[…]

8. Es wird geschehen, daß seine Ansichten von denen abweichen, die er laut Lehrplan den Kindern vorzutragen hat. […] Wie sich verhalten? Nur die andere Ansicht sagen? Oder nur die eigene? Oder beide? Wahrscheinlich gibt s keinen anderen Weg, als den Kindern zu erklären, wie Überzeugungen zustandekommen: nicht nur aus Urteilen, sondern auch aus Vorurteilen. […] Er darf die Kinder nicht lähmen mit Endgültigem, sondern er muß sie vergleichen lehren und somit zweifeln.

9. […] Er hat gewonnen, wenn die Kinder ihn akzeptieren, obwohl sie ihn ungestraft ablehnen können.

Allein diese Grundsätze bieten genügend Anlass zum Nachdenken.

Simrock wird dem Leser auf seinem Weg zu einem ehrlichen Selbst nie zur Identifikationsfigur, er ist zuweilen eher von sich selbst überrascht, welch weitreichende Folgen aus seinen neu gefundenen schlichten Prinzipien im Hinblick auf Schule und Leben erwachsen; gleich seine erste Handlung – die kaum begründete und letztlich gefühllos vollzogene Trennung von seiner Familie – verdeutlicht die sozialen Folgen seines Denkens. Simrock ist kein Sympathieträger, sondern eine sich selbst und uns in Frage stellende Figur, der wir beim Irren zusehen dürfen, die uns in ihrer finalen Radikalität allerdings überflügelt.

(An einer Stelle übrigens schildert eine Freundin Simrocks ihre Erfahrungen während ihres Physikstudiums:

Sie behauptete, vor Jahren schon gemerkt zu haben, daß Aufrichtigkeit hierzulande nur gefragt sei, wenn der Aufrichtige und die Vielzahl seiner Vorgesetzten übereinstimmten. […] In der Schule habe sie so überzeugend ihr Pensum heruntergelogen, daß es für die Universität reichte. Leider sei auch beim Studium der Physik, das sie fälschlicherweise für exakt gehalten habe, die Notwendigkeit zu Bekenntnissen übermächtig geworden. Ihre Tarnung sei drei Semester lang tadellos gewesen, dann habe eine Unvorsichtigkeit ihr wahres Wesen für Augenblicke durchscheinen lassen. […] Eine Woche später habe man sie von der Universität gewiesen […].

Heute ist in unserem Staat eine Person an herausragender Stelle tätig, die in ihrem Physikstudium in der DDR der 70er Jahre offensichtlich nie ein wahres Wesen hat verbergen müssen.)

Spröde und langweilig kommt es zunächst daher, das schmale Büchlein von gerade einmal 157 Seiten. Gelesen werden sollte es dennoch.

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