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Diskussionsveranstaltung »Fehlerquotient: Nachteil und Nutzen«.

In Schleswig-Holstein gibt es seit Ende 2014 neue Fachanforderungen im Fach Deutsch, die unter anderem eine leicht veränderte Regelung im Hinblick auf die Bewertung von Fehlern im Bereich der Sprachrichtigkeit (Orthografie, Interpunktion, Grammatik) mit sich bringen. Dies haben wir im Fachverband Deutsch, der Gruppe der Lehrkräfte im Deutschen Germanistenverband, zum Anlass genommen, eine Diskussionsveranstaltung zum Thema zu organisieren. Im Folgenden der Text der Einladung:

Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer in Schleswig-Holstein sind in ihrer Korrekturpraxis verunsichert, weil der Fehlerquotient, der viele Jahre lang zur Korrekturpraxis gehörte, verändert worden ist. Die Lehrkräfte fragen sich, wie sie die Sprachrichtigkeit künftig bewerten sollen. Das bildet den Anlass für ein vertiefendes Nachdenken darüber,
  • was die Korrekturpraxis bisher für die Transparenz der Notengebung, aber auch für die Weiterentwicklung der Sprachrichtigkeit bei den Lernenden geleistet hat,
  • welche Wege zu einer angemessenen, landesweit vergleichbaren, gerechten Bewertung der Sprachrichtigkeit führen,
  • wie die Kompetenz der Lernenden, richtig und gut zu schreiben, weiterentwickelt werden kann.

Das Ziel der Veranstaltung: Experten nehmen zu einzelnen Aspekten des Komplexes Stellung, so dass zahlreiche Faktoren thematisiert werden. In der sich anschließenden Diskussion sollen Handlungsimpulse entwickelt werden, die zu Korrekturgerechtigkeit und verbesserter Sprachkompetenz der Jugendlichen führen können.

Montag, 23. März 2015, 15.30–17.30 Uhr,
in Kiel, Käthe-Kollwitz-Schule, Paul-Fleming-Straße 1

Programm

  • Begrüßung
    • KKS-Schulleiterin OStD’ Susanne Schütz
    • die Landesvorsitzende des Fachverbands Deutsch Gabriele Knoop
  • Kurz-Statements auf dem Podium von Vertreter/innen des Ministeriums, des IQSH, von Lehrer- und Elternverbänden, der IHK und von Seiten der Schulleitung sowie von Lehrer/innen und Schüler/innen
  • Offene Diskussion
  • Konsequenzen und Resümee

Moderation: Arne Schumacher

Wir freuen über Ihre Zusage: GermanistenverbandSH@email.de

Sachtexte im Deutschunterricht – Beispielanalyse.

Zur Zeit arbeiten wir in meinem Deutschkurs des 11. Jahrgangs an der Sachtextanalyse. Hierzu haben wir begleitend einige Ausgaben der FAZ und der Zeit geschenkt bekommen, was für viele S die erste Begegnung mit einer überregionalen Qualitätszeitung ist.

Nach vielen stichwortartig ausgeführten Vorübungen ist irgendwann auch einmal ein ganzer Analyseaufsatz als Hausaufgabe zu schreiben, und damit die S neben eigenen Texten (Schreibkonferenz mit Rückmeldebogen) hinterher auch einmal einen Beispieltext lesen können, habe ich die Hausaufgabe auch erledigt11: In den Beispielen im Die-Zeit-Begleitmaterial Medienkunde werden zwar ebenfalls Argumentationsstruktur und sprachliche Gestaltung untersucht, leider allerdings immer nur abschnittsweise wie für eine vorbereitende Stichwortsammlung, sodass ein Beispiel eines ganzen Aufsatzes fehlt. – nicht ohne über die Entscheidung der S für einen so langen Text zu fluchen. Formal habe ich mich an den neuen Fachanforderungen orientiert.

Der zu analysierende Artikel Ulrich Greiners – »Schönheit muss man lernen« – findet sich inzwischen auch online – meine Untersuchung hier.

Greiners Artikel hat übrigens in der darauffolgenden Woche eine Antwort erhalten von Yascha Mounk: Allgemeinbildung ist überschätzt.

Gelesen (und lesend). Proust. I.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 1: Auf dem Weg zu Swann. Übertragen von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2013.

Die (momentan noch nicht abgeschlossene) Neuübersetzung der Suche war für mich der Anlass, mit der Lektüre dieses Ausnahmewerks zu beginnen. Die ausgesprochen schöne Edition in der Reclam Bibliothek – leinengebunden, fadengeheftet, Schutzumschlag von Forssmann und Feyll – tat ein Weiteres dazu; dass der Verlag ab dem zweiten Band auch erkannt hat, dass eine Ausgabe mit einem ausführlichen Anmerkungsapparat nicht nur ein, sondern zwei Lesebändchen braucht, ist nicht selbstverständlich.

Der Titel ist jedem literarisch Interessierten bekannt, und für eine Vorstellung vom Inhalt (da stippt jemand eine Madeleine in einen Lindenblütenaufguss und erinnert sich aufgrund des gustatorischen Reizes an frühere Lebensphasen) reicht es meist auch noch. Bis diese Szene jedoch geschildert wird, sind wir auf Seite 70 angelangt – und ein Großteil potentieller Leser_innen vermutlich längst abgesprungen, wie es auch mir bei früheren Lektüreversuchen erging.

Dieses Mal lief’s besser, was natürlich auch damit zu tun hatte, dass in den Weihnachtsferien ein wenig mehr Muße war, um sich dem Konzept des Werks zu ergeben, was hinzunehmen (und über längere Sicht gar zu goutieren) beinhaltet, dass der Erzähler über Seiten hinweg in langen, wieder und wieder durch Einschübe und Präzisierungen unterbrochenen und daher nur durch konzentriertes Lesen erfassbaren Sentenzen eine einzige Gefühlsregung analysiert und ausdeutet, ohne dass nun eine Geschichte herkömmlicher Art wesentlich vorangetrieben würde. Fern ist dieser Roman also dem, was man als »Spannung« angepriesen zu bekommen gewohnt ist, weil es sich ganz dem mehr oder minder behaglichen Schwelgen in Erinnerung hingibt, dabei jede noch so kleine emotionale Regung, jedes winzige Geschehnis als wichtig und mitteilenswert begreift. (Spätestens an dieser Stelle wird erkennbar, warum die Kritiker Knausgårds unglücklich betitelte Min kamp-Reihe mit Prousts Roman vergleichen.)

Die Suche besteht insgesamt aus sieben Bänden (insgesamt über 5000 Seiten), von denen ich nun den ersten im Umfang von gut 580 Seiten (ohne Anmerkungen!) gelesen habe. Er ist wiederum aufgeteilt in drei Teile – »Combray«, »Eine Liebe von Swann«, »Ländliche Namen: Der Name« –, die ihrerseits von Umfang und Dichte her mindestens längere Erzählungen ausmachen, wenn nicht gar als Roman gelten könnten. Im ersten Teil wird der ländliche Ort Combray (samt damit verbundenen Erinnerungen) vorgestellt, an dem der Erzähler in Kindertagen mit seinen Eltern, an sich in Paris wohnend, die freie Zeit verbrachte, im zweiten Teil die verhängnisvolle Zuneigung Swanns zu einer Dame fragwürdigen Rufs geschildert, im dritten die Liebe des Erzählers zu Gilberte, der Tochter Swanns, beschrieben. Alle wichtigen Informationen zu den genannten Geschehenszentren könnten problemlos auf wenigen Seiten mitgeteilt werden; es ist also rasch offensichtlich, dass das Erzählen Prousts einem anderen Antrieb folgt.

In »Combray« beispielsweise werden Spaziergänge mit der Familie, Lektüreeindrücke, persönliche Vorlieben (wie etwa für den Weißdorn), Beziehungen der Figuren untereinander – insbesondere die des Jungen zu seiner Mutter –, aber auch gesellschaftliche Ereignisse, zum Beispiel Besuche und Gegenbesuche, Gründe für und gegen dieselben sowie immer wieder ausführlichst die mal schwärmerischen, mal sentimentalen, mal furchtsamen, mal zuversichtlichen Reflexionen des Erzählers geschildert. Eine leise Ironie ist seinem Ton öfter eigen, wenn es um die mehr oder minder anerkannten Berühmtheiten des provinziellen Lebens mit ihren Eigenheiten geht, die Eifersüchteleien und Sticheleien, das Sich-aus-dem-Weg-Gehen wie das bewusste Suchen vermeintlich wichtiger Bekanntschaften und so fort. Die Sehnsucht des (zum Beispiel zu viel, unglücklich oder unerwidert) Liebenden wird in verschiedenen Variationen zart, mit der Überempfindsamkeit des Liebesleidenden vielfältig und in allen Facetten erfasst.

Der zweite Band liegt schon bereit.

Weiter zu Band II.

Von gestern.

Ausschnitt aus dem Magazin der FAZZum einen trägt Alexander Graf Lambsdorff, MdEP, eine Erinnerung an frühere Herrschaftsverhältnisse im Namen. Dafür kann er fast nichts. Zum anderen ist er Mitglied der FDP. Dafür schon eher. Zum dritten aber, und das ist das traurige, meint er (im Magazin der Frankfurter Allgemeinen), Asterix sei (nur) etwas für Jungs (siehe Bild). Das ist aus verschiedenen Gründen falsch.

Erstens stützt er diese Aussage auf empirische Erfahrungen im unmittelbaren familiären Umfeld (Sohn schätzt Asterix, Tochter nicht), was aufgrund der Auswahl und der Größe der Probandengruppe zweifelhaft ist und durch Beobachtungen in anderen familiären Zusammenhängen widerlegt werden kann. Zweitens erkennt er kritisch das fragwürdige Frauenbild in den Asterix-Comics (ignoriert dabei jedoch das ebenso fragwürdige Männerbild), folgert daraus aber nur, dass Mädchen sich in diesem nicht wiedererkennen und die Hefte daher ablehnen würden, nicht aber, dass vor diesem Hintergrund die Lektüre für Jungs mindestens ebenso problematisch wäre: lächerlich sind nämlich sowohl die Frauen- als auch die Männerfiguren, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Drittens ist das eigentlich Problematische an den Zuschreibungen nicht, was (Frauen- oder Männerfiguren) zugeschrieben wird, sondern dass ihnen etwas (Festes) zugeschrieben wird. Und just diesen Fehler wiederholt Lambsdorff eben auch, wenn er meint, seine zufälligen familiären Beobachtungen generalisieren zu können.

Möglicherweise aber geht es aber den sich an Asterix-Comics Delektierenden um etwas anderes als Frauen- und Männerbilder. Viele der früheren Leserinnen und Leser übrigens sollen sich inzwischen vegetarisch ernähren – obwohl der Konsum großer Mengen Wildschweine ganz offen und unzeitgemäß propagiert wird …

Frauenfiguren in der Literatur (gesucht).

Aus gegebenem Anlass: suche Literatur deutschsprachiger Autorinnen oder Autoren der letzten zehn Jahre, in denen gute Frauenfiguren mindestens eine wichtige Rolle spielen. Bechdel-Test wäre vielleicht auch mal auszuprobieren. Des Lehrplans wegen gern das Thema Jugend / Adoleszenz berührend. Muss auch schon als Taschenbuch lieferbar sein.

Gelesen. Wegehaupt.

Matthias Wegehaupt: Die Insel. Berlin: Ullstein, 2005.

Ein Tausend-Seiten-Roman verdient schon ein wenig mehr Worte als nur den lakonischen Eintrag »Gelesen«, umso mehr, wenn er letztlich gefällt.

Matthias Wegehaupt ist eigentlich Maler, und so erstaunt es auch nicht, dass die Hauptfigur des Romans, norddeutsch geprägt »Unsmoler« genannt, ebenfalls als Künstler auf einer kleinen Ostseeinsel sein Auskommen sucht. Über die 40 Jahre der DDR (und ein wenig darüber hinaus) bildet Wegehaupt das Leben auf der Insel in Miniaturen, Landschaftsbildern, Porträtserien ab und erfasst damit sowohl die Inselbewohner – Lütt Otto, dessen Pferd Unsmoler »totschmeißt«, Lüders, den Traktoristen, Elfriede als Postbotin und andere –, aber auch die neuen Herren der Insel: den »Inselchef« genannten höchsten Parteivertreter, den Mitarbeiter (der Staatssicherheit), die weiteren Angestellten des Objekts.

Themen sind die Umgestaltung der Insel über die Jahrzehnte als Zeichen der gewaltsamen Annektierung, die Auswirkungen auf die eng umgrenzte Inselgesellschaft, die dabei stellvertretend für die DDR insgesamt steht, das Verhalten der Bürger im Angesicht des zunehmend deutlicher werdenden Totalitarismus, die Spannung zwischen Bürger und Künstler sowie Künstler und Staatsgewalt (unter den besonderen Bedingungen der DDR, die sich ja als kulturfreundlich verstand), natürlich auch die zwischenmenschlichen Beziehungen, die Frage nach der Möglichkeit eines richtigen, mithin glücklichen Familienlebens im falschen und so fort.

Weitgehend realistisch erzählt Wegehaupt das Ganze, zumindest ohne gewollt wirkende Manierismen, lässt sich viel Zeit für die Schilderung der Geschichte; »Geschichte« meint hierbei in erster Linie tatsächlich dargestellte Zeitgeschichte, denn die Figuren bleiben weitgehend Charaktermasken (der Fischer, der Traktorist, der, Abschnittsbevollmächtigte, der Mitarbeiter …), allein bei Unsmoler selbst sowie dem benachbarten Künstlerpaar sind Anflüge von Entwicklung erkennbar. Eine Abkehr vom Realismus zeigt sich vor allem in den Nachahmungen von Unsmolers Naturerfahrungen, die für ihn Grundlage neuer Werke werden, aber auch gerade in der ersten Hälfte des Buches in humoristischen Zuspitzungen von Begebenheiten und ironisierenden Beschreibungen von Figuren und Sachverhalten.

Der Fokus scheint für Wegehaupt auf der Darstellung des Künstlercharakters selbst zu liegen, der sich als auf Ansprache hin umgänglich, aber von sich aus uninteressiert am gesellschaftlichen Verkehr zeigt, zeitweise – bedingt durch Schaffens- oder Blockadephasen – fast soziophob, auf seine Arbeit konzentriert, der sich sein Leben und damit auch seine Liebste (die diese Unbedingtheit letztlich flüchtet) unterordnen muss.

Obwohl der Inselchef der oberste Machthaber auf der Insel ist und Maßnahmen aller Art weitgehend auf seine Vorstellungen zurückgehen, wird er stets auch als kleines Licht im Staatsapparat gezeigt, das von Anfang an kaum eine Handlung allein aus eigenem Wollen vollzieht: fast immer richten sich seine Gedanken auf die höheren Hierarchiestufen, und je weiter die Erzählung voranschreitet, desto deutlicher wird des Inselchefs immerwährende existenzielle Angst, nun den entscheidenden Fehler begangen oder die wichtige Entscheidung unterlassen zu haben, was ihm von oben vorgeworfen werden könnte.

Die die Interessen des Einzelnen überrollende Gewalt im Namen einer übergeordneten Idee übrigens, die Wegehaupt über tausend Seiten sehr eindrücklich und gewiss nicht verharmlosend zeigt, wird im letzten Kapitel noch einmal relativiert: was dem Inselchef die schnurgerade volkseigene Betonpiste (und andere architektonische Fragwürdigkeiten) als Zeichen der Entwicklung und des Erfolges war, sind den ausschließlich am privaten Profit interessierten Investoren nach 1989 dann ebenso inselfremde Golfplätze, Bootshäuser und Jachten. Als Verkäufer für die Investoren indes tritt einer auf, den der Leser schon aus dem alten System gut kennt …

Und der Maler ist wieder fremd. –

Dass mein Exemplar des Buches den Stempel »Mängelexemplar« trägt, ist nicht dem Roman selbst, wohl aber dem Korrektorat anzulasten: nicht wenige Rechtschreib- und Kommafehler, auch vom Lektorat übersehene widersinnige versehentliche Vertauschungen von Figuren etc. zeigen, dass bei Ullstein zu wenig auf Qualität geachtet wird.

Der Roman selbst darf – auch als Gegenstück zu Tellkamps Der Turm – gern wieder entdeckt werden. (Danke für den Tip, Almut!)

Schwierige Literatur bei Flix.

Zum Lernfeldteil »Wertung von Literatur« bei den Buchhandelsauszubildenden, in dem wir uns zuletzt über Widerständigkeit von Literatur am Beispiel von Finnegans Wake unterhalten haben, gibt’s passende Nachbilder in Flixens Heldentagen, Folge 907.

Es sei (aber) auch noch einmal auf The Rights of the Reader hingewiesen.

Grass für Lehrkräfte.

Gestern abend fand in der Stadtbibliothek Lübeck eine vom Günter-Grass-Haus organisierte Veranstaltung statt: eine Fortbildung für Lehrkräfte zu Grass’ Novelle Im Krebsgang. Da das Buch für das Berufliche Gymnasium in Kürze Korridorthema (also für das Zentralabitur relevant) wird, kann es nicht schaden, sich schon mal ein bisschen ins Thema einzuhören, und so fanden sich auch ein Kollege und ich zum Lernen ein. Auch wenn ich kein Foto vom Autor habe (die anderen pausenlos Fotografierenden waren schon störend genug), sei hiermit versichert, dass die Veranstaltung stattgefunden hat und sowohl Autor als auch Zuhörende teilgenommen haben.

Zu Beginn las Grass den Anfang der Novelle vor, ein kleiner Einspielfilm zeigte eine Ahrensburger Schulklasse beim Autor zu Besuch und im Gespräch, dann führte Jörg-Philipp Thomsa, Leiter des Grass-Hauses, einen Dialog, in dem die zuvor aus dem Publikum gesammelten Fragen gestellt und zum Teil sehr ausführlich beantwortet wurden.

Grass zeigte sich die ganze Zeit launig und vergleichsweise positiv gestimmt, und die Bereitschaft, sich einem Publikum aus Lehrkräften auszusetzen, rechne ich ihm hoch an. Dass inhaltlich nicht viel Neues zu erfahren war, wenn man sich einmal auf die Behandlung der Novelle im Unterricht vorbereitet hat (und daher natürlich auch ein wenig drumherum liest), ist schade, aber ein Profi wie Grass kennt natürlich sowohl die zu erwartenden Fragen als auch die zurechtgelegten Antworten.

An einer Stelle ging er auf den Aspekt der Faszination von Kriegstechnik ein (die er als junger Mann auch verspürt habe) und verglich dies mit der heutigen Aufrüstung mit Drohnen – seien sie nun bewaffnet oder unbewaffnet. Hier drohten eben auch wieder neue mögliche Verbrechen.

Den Abschluss bildete die Lesung eines Gedichts, in dem Grass die vermeintlich überbordende Ratio der Schulbildung zurückwies und dem Anderen, Widerständigen, auch: Ungebildeten das Wort redete. Ob ich ihm darin so zustimmen kann, weiß ich nicht – mich beeindruckt Widerständigkeit und Andersartigkeit dann, wenn sie sich nicht auf das Gefühl beschränkt, sondern die Schärfe des Gedankens pflegt, klug ist im besten Sinne des Wortes. (Lichtenberg fällt mir hier ein.)

Insgesamt war die Veranstaltung im schönen Scharbausaal erfreulich; den Organisatoren sei ebenso wie dem Autor für die Bereitschaft zur Teilnahme gedankt.

Das Grass-Haus hat übrigens eine Lehrermappe verteilt, die auch als Download verfügbar ist. (Auf das Verzeichnis der Interpretationshilfen für Schülerinnen und Schüler sei ebenfalls verwiesen, auch wenn Grass darauf bestand, dass das Lesen des Buches am ehesten Erfolg verspreche.)

Gelesen. Hustvedt. (Und Bachmannpreis.)

Siri Hustvedt: Was ich liebte. Übertragen von Uli Aumüller, Erica Fischer und Grete Osterwald. Reinbek: Rowohlt, 2004.

Also, nichts gegen Tex Rubinowitz – ich schätze seine Zeichnungen sehr –, aber wenn man möchte, dass der Bachmannpreis etwas mit Literatur zu tun hat, muss man da wohl mal etwas verändern. Das liegt nicht an Rubinowitz (warum sollte er nicht versuchen, dort zu gewinnen?), sondern an den Juroren, möglicherweise an der ganzen Veranstaltung dort, für die ich das Interesse schon verloren hatte, bevor es hätte mehr als nur aufkeimen können, weil das, was man hört und liest (und jahrelang berichtete eine ferne Freundin über das Geschehen), schon genügt, und darin verhält es sich mit dem Bachmannpreis fast so wie mit der Fußballweltmeisterschaft, nur dass beim Klagenfurter Showdown mir der eigentliche Kern des Ganzen am Herzen liegt.

Man kann Rubinowitz’ Text, der amüsant, stellenweise witzig ist, mal gegen ein Stück Hustvedt stellen – nicht witzig, sondern ernst, analytisch, genau, schmerzhaft – und erkennt möglicherweise, dass Welten liegen zwischen der Art der Texte: das eine Unterhaltung, das andere Literatur.

Damit können wir noch immer streiten über die Qualität des Romans, ob einem Hustvedts Schreiben gefällt, ob die Darstellung der Figuren überzeugend gerät, die Konflikte glaubhaft, das Einfangen der Welt gelingt – nur findet das ganze auf einer ganz anderen Ebene statt als Rubinowitz’ Wettkampfbeitrag.

Wenn ein Literaturpreis vergeben werden soll, liegt es an den Organisatoren, dafür zu sorgen, dass Literatur ausgezeichnet wird. Rubinowitz ist dafür nicht verantwortlich.

Gelesen. Steiner.

George Steiner: Die Antigonen. Geschichte und Gegenwart eines Mythos. Übertragen von Martin Pfeiffer. Berlin: Suhrkamp, 2014.

Das Zeit-Interview anlässlich des fünfundachtzigsten Geburtstags des Befragten weckte mein Interesse, und da ich mit S gerade Zehs Corpus Delicti lese, in dem das Antigone-Motiv den Hintergrund für die Dystopie bildet,1 1: »Zehn Minuten Zeh« zur Einführung ins Thema gibt’s hier. hielt ich die Lektüre des oben genannten Buches für sinnvoll – tatsächlich hat es sich als sehr reichhaltig erwiesen.

Drei Kapitel hat das Werk:2 2: Die Kapitel sind unbenannt; auch die im Folgenden angeführten Abschnitte tragen keine Titel. Die inhaltlichen Schwerpunkte habe ich so gesehen, andere mögen andere erkennen. im ersten gibt Steiner einen Überblick über die Rezeptions- und Interpretationshistorie des Mythos (Abschnitte 2 und 3: Hegel, 4: Goethe, 5: Kierkegaard, 6 und 7: Hölderlin, 8: Synopse), im zweiten versucht er aus dem jeweiligen kulturellen Zusammenhang und den Schwerpunktsetzungen bei unterschiedlichen Bearbeitungen eine Erklärung für die Bedeutung des Mythos bis heute zu gewinnen (1: Entstehung des Mythos, 2: Historische Aktualität an Beispielen, 3: Stellung und Funktion Ismenes, 4: Haimon und Polyneikes in ihrer Relation zu Antigone, 5: Der Chor, 6 und 7: Kreon, 8: Synopse und Ausblick auf unberücksichtigte Varianten), im dritten schließlich offenbart Steiner die Verständnisschwierigkeiten, die der moderne Leser auch unter der Voraussetzung herausragender Altgriechischkenntnisse immer haben muss (1: Grundlegende Problematik des Übersetzens, 2: Der erste Vers, 3 bis 6: Andere Stellen, die unter Rückgriff auf Übersetzungsvarianten und Kontext diskutiert werden, 7 und 8: Erkenntnis des endgültigen Verlusts, 9: Synopsis und Würdigung).

Steiner zu lesen ist nicht immer unanstrengend, weil der Text dicht und anspielungsreich ist, aber man kann eben auch eine Menge lernen. Eigentlich mit Blick auf die Schule gelesen, habe ich mir ein paar Stellen notiert, zum Beispiel eine Aussage über die Tragödie, die vielleicht einmal problematisierend eingesetzt werden kann:

Weil sie flüchtige Momente in menschlicher Ungewißheit isoliert und aufführt, weil sie Verhalten bis zur Grenze der Katastrophe belastet – Katastrophe ist ja die letztendliche Logik des Handelns –, hat die Tragödie in besonderer Weise philosophischen »Gebrauch« angeregt. Der utilitaristische Impuls ist schon in Aristoteles’ Poetik offenkundig. Die Tragödie dient dazu, beständig wiederkehrende metaphysisch-ethisch-psychologische Betrachtungen über das Wesen des freien Willens, über die Existenz anderer Geister und Personen und über die Konventionen im Hinblick auf Vertrag und Übertretung zwischen dem Individuum und transzendenten oder gesellschaftlichen Sanktionen zu verkörpern, zu sichtbarer Gegenwärtigkeit anzutreiben. (Ebd., 130)

In diesem kleinen Textausschnitt steckt eine Menge an diskutierenswerten Ansätzen, die am jeweils behandelten dramatischen Text probiert werden können. (Worin besteht (im Hinblick auf Tragödie X) der »flüchtige Moment«, worin die »Ungewißheit«; wieso ist die »Katastrophe […] die letztendliche Logik des Handelns«? Ist die Tragödie tatsächlich durch ihre (tatsächliche?) Nützlichkeit in ihrem Wesen erfasst? Worin besteht jeweils das Metaphysische, das Ethische, das Psychologische? Und so fort. – Das ist so voller problematisierendem Futter, dass der Lehrer, der gerade unterrichtsfreie Zeit hat, schier bersten könnte!)

An anderer Stelle zieht Steiner Döblins Roman November 1918 heran, den ich peinlicherweise nicht zu kennen zugeben muss. Er zitiert eine Stelle, an der eine Lehrkraft Antigone, die doch immer als Revolutionärin verstanden wird, umdeutet als wahrhaft Konservative, während Kreon den Part des Umstürzlers zugewiesen bekommt:

Ja, er in seinem in der Tat tyrannischem Willen, in seinem Stolz, Sieger und endlich König zu sein, er glaubt, sich über geheiligte Traditionen, über uralte Selbstverständlichkeiten hinwegsetzen zu können.« (Döblin nach Steiner 233f.)

– Fantastisch! Das ist eben nicht nur eine beliebige Umdeutung, sondern eine, über die man ja durchaus streiten darf und sollte (und die Anwendbarkeit auf heutige Zeiten, in denen Bürger irritiert bemerken, dass sich Geheimdienste und Regierungen einen Dreck scheren um den zivilen Konsens rechtlichen Handelns, der mit dem Grundgesetz und den Entscheidungen des Verfassungsgerichts in langen Jahren erarbeitet wurde, ist noch eine weitere interessante Nuance: hier wird eben auch sichtbar das Beiseitewischen einer von den Bürgern geschätzten Tradition rechtsstaatlichen Handelns).

(Wir sollten vielleicht einmal Stellen in der Literatur sammeln, in denen einzelne L (anders als gemeinhin im Schulroman, in dem die S ja im Regelfall unterm System zu leiden haben) positiv mit Literatur arbeiten – die Johnsonsche Jahrestage-Stelle, in der Fontane gelesen wird, ist ja auch ein Beispiel.)

Das Übersetzungs- bzw. Übertragungsproblem wird immer wieder thematisiert: aus einer fremden Sprache, aus einer alten fremden Sprache, die nicht mehr gesprochen wird, zu übersetzen, wird im Grunde als kaum möglich angesehen:

Das Leben der Anklänge, die unentbehrliche Kurzschrift des Unausgesprochenen und des Selbstverständlichen, die Codes von Intonation, von Hervorhebung oder Untertreibung im Tonfall wie sie im Verkehr zwischen sozialen Klassen, Altersgruppen oder Geschlechtern eine Rolle spielen – alles, was in einer lebenden gesprochenen Sprache einzelne Worte und Wendungen mit genauen oder diffusen Werten umgibt, ist für den Wissenschaftler nahezu ebenso verloren wie für den Laien. (253)

Das hindert Steiner allerdings nicht daran, auf den folgenden elf Seiten die erste Zeile der Antigone – Erste Zeile der Antigone des Sophokles– übersetzend auszudeuten; er bemerkt dabei selbst: »latent sind solche Kommentare endlos« (266). Dem Leser zeigen diese elf Seiten allerdings, was er an Vorentscheidungen in Kauf nimmt, wenn er nicht das Original zu Hand nimmt.

Die Bedeutung der Antigone sieht Steiner unter anderem darin, dass in dem Drama »alle Hauptkonstanten des Konflikts in der menschlichen Existenz« (287) ausgedrückt werden, die als »nicht überbrückbar« (ebd.) verstanden werden:

[…] die Konfrontation zwischen Männern und Frauen; zwischen Alter und Jugend; zwischen Gesellschaft und dem Individuum; zwischen den Lebenden und den Toten; zwischen Menschen und Gott/Göttern. (Ebd.)

Auch hier die Fragen: sind diese Hauptkonstanten die richtigen? Wieso diese und nicht andere, warum nicht mehr oder weniger? Wie sieht es mit der Unüberbrückbarkeit aus? (Vor allem im Hinblick auf das vorher postulierte nützliche Ziel der Tragödie: was hilft es mir als Rezipient zu erkennen, dass Antigone und Kreon sich fetzen, weil sie Mann und Frau sind, wenn dieser Gegensatz als unüberbrückbar und der Konflikt damit als nicht anders lösbar als mit dem Tod möglichst vieler Figuren gezeigt wird?)

Bei alledem, was Steiner gelehrt vor uns ausbreitet, geht er übrigens ganz selbstverständlich davon aus, dass »kein Leser des 20. Jahrhunderts völlig unvorbereitet auf die Antigone des Sophokles stößt« (368). Das stimmt natürlich nicht: unsere S kennen die Mythen der Sternen- und Ringkriege und wissen, welcher Seite der Macht sie zuneigen – Antigone allerdings dürfte bis zur Initialbegegnung in der Schule an ihnen vorbeigegangen sein.

Übrigens sei – in Anbetracht des von ihm zu Lernenden ja durchaus erstaunlich – erwähnt, dass Steiner selbst in Demut verharrt: nach 370 Seiten kenntnis- und beziehungsreichen Schreibens über Literatur (das ja wiederum Jahrzehnte des Lesens und Forschens auf den Punkt bringt), kommt er für sich zum Ergebnis:

Mein Verständnis von Antigone ist provisorisch. (370)

Na dann.

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Gelesen. Barker.

Pat Barker: Tobys Zimmer. Übertragen von Miriam Mandelkow. Zürich: Dörlemann, 2014.

In zwei Abschnitte ist das Buch geteilt: einen, 1912 spielend, in dem die eines Tages über das Erlaubte hinausgehende Liebe der jungen Malerin Elinor Brooke zu ihrem Bruder Toby geschildert wird, und einen zweiten, in dem Elinor 1917 erfährt, dass ihr Bruder als »vermisst, vermutlich gefallen« wohl nicht aus dem Krieg zurückkehren wird. Um seinen Tod rankt sich ein Geheimnis, das nach und nach aufgedeckt wird.

Thematisiert werden neben psychischen Verwerfungen, die das Ereignis zwischen den Geschwistern mit sich bringt, die Ausbildung Elinors, ihre Selbstwerdung (zu der natürlich das jungenhafte Kürzen der Haare, aber eben auch ein allgemein damals für Frauen ungewöhnlich selbstbewusstes Auftreten gehören), die freundschaftlichen und amourösen Beziehungen, in denen sie sich bewegt, die Ausbildung Elinors an der Kunstschule Slade, vor allem aber auch Elinors Umgang mit Tobys Tod.

Mir scheinen diese Aspekte teilweise recht formlos nebeneinander zu stehen, obwohl sie für sich genommen stilistisch fein ausgeführt sind; offenbar aber ist dieses Buch als einzelnes aber gar nicht abschließend zu beurteilen, denn es bewegt sich in einem in den Werken Barkers öfter besuchten Figurenkosmos (Elinor und ihr Freund Paul beispielsweise spielen auch in Life Class wichtige Rollen), und auch der Erste Weltkrieg als lebensbedeutsamer Einschnitt wurde schon in früheren Werken Barkers in Zentrum gestellt. Es gälte also im Umkreis weiter zu lesen.

Schon im Nachwort der Autorin findet sich ein Hinweis auf den im Buch fiktionalisierten, aber tatsächlich existenten Kunstlehrer an der »Slade School of Fine Art«, Henry Tonks, dem sie später in einem Hospital wieder begegnet, in dem vor allem Gesichtsverletzungen von Kriegsopfern behandelt werden. Hier dokumentiert er zeichnerisch, was junge Männer sich im Krieg gegenseitig antaten. Zeichnungen des realen Tonks finden sich [nur klicken, wenn du weißt, was du tust] hier.

(Abbildungen wie diese, allerdings in fotografischer Form in Ernst Friedrichs Krieg dem Kriege, ließen mich den Kriegsdienst verweigern. Es sollte uns mit Sorge erfüllen, dass das Buch, nachdem es jahrzehntelang immer wieder neu aufgelegt wurde, momentan, da gelangweilte Zeitgenossen angesichts der Krise in der Ukraine einen dritten Weltkrieg herbeifaseln wollen, nicht lieferbar ist.)

Doch auch literarische Spuren werden in verschiedenste Richtungen gelegt; so ist schon der Titel eine Reminiszenz an Virginia Woolfs Jacobs Raum (in dem Erinnerungen an Woolfs Bruder Thoby (!) verarbeitet werden), die Bloomsbury Group findet sich auch in Anspielungen wieder. Das Antigone-Motiv spielt ebenso eine Rolle wie das des Inzests, zu Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit gibt es eine Verbindung, und letztlich hat die Handlung eben auch etwas Kriminalistisches.

Es bleibt zu hoffen, dass Dörlemann mehr von Barker übersetzen lässt.

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Übersetzung von Graphic Novels – Alison Bechdel.

Die Besonderheiten und Schwierigkeiten des Übersetzens von Comics werden in einem Interview Isabel Bogdans mit Thomas Pletzinger und Tobias Schnettler besprochen – am Beispiel des neuen gezeichneten Romans Wer ist hier die Mutter? der hier geschätzten Alison Bechdel: Wie übersetzt man eigentlich … Alison Bechdel?