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Gelesen. Berg.

Sibylle Berg: GRM. Brainfuck. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019.

Heftig und zeitweise schwer erträglich; gewiss keine Wohlfühl-Literatur. Und natürlich trotzdem – wahlweise deshalb – empfehlens- und lesenswerte … Dystopie, wäre hier das nächste zu erwartende Wort. Aber tatsächlich ist der Brainfuck eine solche nur teilweise, weil viele der geschilderten Begebenheiten weder fiktional noch zukünftig sind, sondern fast schon wieder vergessener junger faktischer Vergangenheit entstammen. Insofern eher ein Rant aus vielen Stimmen einer Zeit voller gedachtem und ausgelebtem Hass – wenn bei aller hellsichtigen Verzweiflung über den destruktiven Irrsinn des Menschen auch der Wille zur humanistischen Hoffnung erkennbar wird (erklärt man sich in naiver Harmoniesucht).

Alles Weitere viel klüger in der Rezension Ursula März’ in der Zeit – »Ein Buch wie ein Sprengsatz« (€), auf die mich Tanja hinwies.

Gelesen. Moss.

Sarah Moss: The Tidal Zone. London: Granta, 2016.

Geschenk von E-Kind 1. – Leseempfehlung.

Wesentlich aus der Sicht Adams, des vorwiegend als Hausmann tätigen Vaters, erzählte Geschichte, in der der Alltag von Emma (der Mutter, einer im NHS tätigen Ärztin) und ihren Töchtern Rose (8) und Miriam (15) aus dem Trott gerissen wird, als letztere nach einem unvermittelten Atem- und Herzstillstand aufgrund eines anaphylaktischen Schocks wiederbelebt werden muss. Auch nach langen Tagen und Wochen im Krankenhaus wird nicht wirklich klar, ob ein nicht erkanntes Allergen oder aber bloße körperliche Betätigung zur Extremreaktion geführt hat, sodass das Leben der Tochter dauerhaft gefährdet bleibt.

Moss schildert überzeugend die Gefühle und unterschiedlichen Reaktionen auf die neue Situation und verschränkt das allmähliche Arrangieren der Betroffenen mit Szenen aus dem Leben des Vaters Adams: gerade das Familienleben, das aufgrund des Vorfalls plötzlich gefährdet ist, wird erst begreifbar, indem es als in einen Generationenlauf eingebettet vorgestellt wird. Bei Uwe Johnson liest man: »Man sollte kein Leben beschreiben, ohne mit der Großmutter anzufangen.«1 1: »Ich überlege mir die Geschichte …« Uwe Johnson im Gespräch. Hg. von Eberhard Fahlke. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch, 1988 (es NF 1440). 242. In diesem Fall wird die Forderung umso deutlicher, denn bereits die Mutter Adams verschwand, obwohl hervorragende Schwimmerin, in seinem Kinderalter in der See, was er vor dem Hintergrund des jetzigen Geschehen als eine Vorwegnahme des Beinahe-Todes Miriams begreift.

Eine weitere Parallelgeschichte ist die Coventrys und insbesondere seiner 1940 zerstörten Kathedrale sowie dessen Überlegungen zum Wiederaufbau und Neuausstattung, was durch den historischen Nebenjob Adams begründet ist.

Moss’ Roman – von der Anlage her novellenhaft – hat mich beeindruckt durch das Erfassen der Beziehungen zwischen den Eltern und insbesondere zwischen dem Vater und seinen Töchtern.

The child was a girl, but the most important thing about her was that she was herself. She was someone new, someone who had not not been before and so, like all babies, she was a revelation. (4)

Der Roman endet nicht hollywoodesk auf die eine oder andere extreme Weise. Er beschreibt den Schmerz über die Sterblichkeit der Kinder und anderen nahen Personen, aber auch das stoische Akzeptieren des jede menschliche Beziehung bedrohenden Memento mori, schließlich auch die Einhegung elterlicher Angst im Interesse der Kinder.

Gelesen. Wallace-Wells. Klimawandel.

David Wallace-Wells: The Uninhabitable Earth – Life After Warming. New York: Tim Duggan Books, 2019.

Selten verzeichne ich hier die gelesenen Sach- und Fachbücher, aber dieses hier soll schon einmal erwähnt werden.

Wallace-Wells1 1: Nicht zu verwechseln mit Wallace Wells. Das ist Scott Pilgrims Mitbewohner. ist Journalist, kein Wissenschaftler, beschäftigt sich jedoch schon seit mehreren Jahren mit dem Thema Klimawandel. Sein Buch geht auf einen Artikel zurück, den er 2017 in New York veröffentlichte (im Freitag auf Deutsch zu lesen).

Wallace-Wells’ Beschreibung des möglicherweise Kommenden ist mehr als bedrohlich. Es ist selbst dann noch bedrohlich, wenn man davon ausgeht, dass aufgrund sich als zukünftig falsch erweisender Annahmen vielleicht nur die Hälfte des Prognostizierten tatsächlich eintrifft (und ignoriert, dass aufgrund sich als zukünftig falsch erweisender Annahmen ja auch mehr als das Prognostizierte eintreffen könnte).

Er beschreibt sich selbst als typischen Städter, fern vom Bild des zauseligen Ökopredigers, nicht mal Umweltschützer oder naturnah, der jedoch – ausgehend von einzelnen Nachrichten2 2: Beispielsweise die vom russischen Jungen, der an einer Milzbrandinfektion starb, die er sich an einem vom tauenden Permafrostboden freigelegten Rentierkadaver einfing, oder die von den Wissenschaftlern, die sich auf einer von Eisbären besiedelten Insel gefangen sahen, nachdem ihnen mit dem Eis auch die Brücke zum Festland wegtaute etc. und aufgrund der in der Folge recherchierten Fakten und Prognosen über den Klimawandel ein apokalyptisches Bild unserer Zukunft hat entwerfen müssen, in der eben nicht nur beliebig ferne Natur, sondern in der Folge eben auch der Starbucks nebenan sowie alle anderen Hervorbringungen der Zivilisation zerstört werden können, wenn nicht schnell drastische Maßnahmen dagegen unternommen werden.

Wie problematisch das Ganze ist, verdeutlicht er in der Einleitung unter dem Titel »Cascade«: weil alle Einzelwirkungen zusammenhängen und an bestimmten Punkten nicht mehr umkehrbar sind und/oder sich selbst (und andere Wirkungen) verstärken, ist inzwischen Dringlichkeit geboten.

Er erinnert an die Flüchtlingsbewegung aus Syrien, die auf einen Bürgerkrieg zurückgeht, der wiederum von Unruhen aufgrund von klimawandelbedingten Dürren entfacht wurde. Es ging damals um etwa eine Million Flüchtlinge, die Europas Politik ziemlich durcheinander gebracht haben. Allein aus Bangladesh, das zu großen Teilen der Überflutung durch den steigenden Meeresspiegel anheimfallen wird, werden 10 Millionen Menschen auf der Flucht sein. Die Weltbank – nicht bereits benannte Ökozausel – prognostiziert bis zu 140 Millionen Flüchtlinge bis 2050 in unterschiedlichen Teilen der Erde, die UN sprechen von 200 Millionen im guten Fall, es könnten bis zu einer Milliarde sein.3 3: Alle Zahlen und Prognosen werden übrigens im Anhang auf über 60 Seiten sauber belegt. Quellen sind Weltbank und UN samt Unterorganisationen, aber auch die NASA und andere US-Behörden, die WHO, das IPCC, wissenschaftliche Zeitschriften, Fachpublikationen etc.

Gleichzeitig werden Extremwetterereignisse (Hitzewellen, Wirbelstürme etc.) und deren Folgen (z. B. Waldbrände) von der Ausnahme zur Regel werden, aufgrund der zunehmenden Wärme werden große Städte um den Äquator unbewohnbar, Wassermangel und Dürre in großen Gebieten der Erde (inklusive des südlichen Teils Europas) zur Regel, der Anteil fruchtbaren Landes geht bei gleichzeitiger Zunahme der Weltbevölkerung zurück. Je nachdem, um wieviel Grad wir die Durchschnittstemperatur ansteigen lassen, werden die Folgen deutlicher und weitere treten hinzu. Dass dies alles auch wirtschaftliche Folgen hat (nach Schätzungen kostet 1°C Temperaturanstieg einen Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts), ist dabei noch außer Acht gelassen.

Nach dieser allgemeinen Einleitung werden einzelne Aspekte, die »Elements of Chaos« als Folgen des Klimawandels beschrieben: Hitzetode, Hunger, Überflutungen, Brände, Extremwetter, Trinkwasserknappheit, sterbende Ozeane, Luftverschmutzung, Verbreitung von Krankheiten, wirtschaftlicher Zusammenbruch, klimainduzierte Auseinandersetzungen sowie übergreifend die gegenseitige Verstärkung von Effekten.

Wer diese erste Hälfte liest, weiß, dass jede Anstrengung, den Klimawandel zu verlangsamen, sinnvoll, und jede andere Unternehmung kontraproduktiv ist. Auf diese Erkenntnis hin ist Alltagshandeln, aber auch Politik zu überprüfen.

Die zweite Hälfte des Buches ist weniger brauchbar, weil sie eher unseren gedanklichen Umgang mit diesen Krisen und Herangehensweisen beschreibt, beispielsweise in »The Church of Technology« die Annahme, dass der Klimawandel nicht so relevant sei, weil man, bis es wirklich ganz schlimm kommt, sein Bewusstsein wahlweise irgendwo hochladen oder aber die Erde in Richtung des nächsten zu kolonisierenden Planeten verlassen könne.

Was mir ganz fehlt, sind Ansätze zur Lösung des Problems. Hier ist nun Politik am Zuge, die sinnvollerweise vielleicht mal nicht Berater*innen von McKinsey, sondern aus den Wissenschaften einladen sollte, um schnell nachhaltig wirksame Methoden zur Verlangsamung des Temperaturanstiegs zu finden.

Selbst hier in der Provinz werden Schüler*innen dies anmahnen.

Wir Älteren dürften schon in der Schule (auch wenn das über 30 Jahre her ist) von vielen Einzelbeobachtungen, die Wallace-Wells schildert, erfahren haben (Erosion mit langfristigem Bodenverlust, Wüstenbildung, Wasserknappheit, Problematik fossiler Brennstoffe etc). Ob es der Bericht des Club of Rome ist, die von Jimmy Carter in Auftrag gegebene Studie Global 2000 oder auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse an anderen Stellen, die in die Schulbücher eingeflossen sind – wir alle (und die an den entscheidenden Stellen erst recht) wissen schon lange, dass es an der Zeit ist zu handeln, weil endloses Wachstum unter den Bedingungen von Ressourcenbegrenztheit in einem fragilen Ökosystem nicht funktionieren kann. Die Lektüre des Buches (oder ähnlicher) kann aber die Dringlichkeit des Ganzen noch einmal verdeutlichen.

Zum Weiterlesen: Rezension des Buches in der New York Times.

Zum Umgang mit dem Thema auch in psychologischer Hinsicht schreibt Rachel Riederer in The Other Kind of Climate Denialism.

Update 14.3.2019: Ausführliche deutschsprachige Rezension hier.

Gelesen. Pilcher.

Rosamunde Pilcher: Die Muschelsucher. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch, 1995.

Bestsellertitel in meiner Buchhandelszeit – die Lektüre (die nicht so deutlich zdf war wie ich befürchtete) war ich Frau Pilcher nun schuldig.

Gelesen. Hein.

Christoph Hein: Drachenblut. Darmstadt: Luchterhand, 1983.

Die geradezu katatonische Lebensführung einer allein lebenden Ärztin in geradliniger Pflichterfüllung wird von ihr selbst umso deutlicher als gut behauptet, als sie durch den überraschenden Tod des (fremden) Freundes problematisiert werden müsste: bereits im Kindesalter erworbene Qualitäten – keine Fragen zu stellen, Vorsicht zu zeigen, Umgang nur mit den richtigen, nämlich systemunterstützenden Leuten, Abwehr des bedrohlich Anderen oder auch nur eigener Emotionalität, in der das befestigte Selbstbild zum Wanken kommen könnte – werden im Laufe des erwachsen Werdens und des Ankommens in der bespitzelten und bespitzelnden Gesellschaft perfektioniert, sodass die Protagonistin schließlich beruhigt ihr Mantra denken kann:

Es geht mir gut. Heute rief Mutter an, und ich versprach, bald vorbeizukommen. Mir geht es glänzend, sagte ich ihr. Ich bin ausgeglichen. Ich bin einigermaßen beliebt. Ich habe wieder einen Freund. Ich kann mich zusammennehmen, es fällt mir nicht schwer. Ich habe Pläne. Ich arbeite gern in der Klinik. Ich schlafe gut, ich habe keine Alpträume. Im Februar kaufe ich mir ein neues Auto. Ich sehe jünger aus, als ich bin. Ich habe einen Friseur, zu dem ich unangemeldet kommen kann, einen Fleischer, der mich bevorzugt bedient, eine Schneiderin, die einen Nerv für meinen Stil hat. Ich habe einen hervorragenden Frauenarzt, schließlich bin ich Kollegin. Und ich würde, gegebenenfalls, in eine ausgezeichnete Klinik, in die beste aller möglichen Heilanstalten eingeliefert werden, ich wäre schließlich auch dann noch Kollegin. Ich bin mit meiner Wohnung zufrieden. Meine Haut ist in Ordnung. Was mir Spaß macht, kann ich mir leisten. Ich bin gesund. Alles was ich erreichen konnte, habe ich erreicht. Ich wüßte nichts, was mir fehlt. Ich habe es geschafft. Mir geht es gut. [Ebd., 156]

Die im Laufe des Romans lakonisch geschilderte Zurichtung auf soziale Passgenauigkeit und geradezu enervierende Zufriedenheit ist offenbar das äußerste, was an Gesellschaftskritik geäußert werden konnte. Die Kritik Heins am Zensursystem, die er in einem Referat auf dem X. Schriftstellerkongreß 1987 äußerte –

Das Genehmigungsverfahren, die staatliche Aufsicht, kürzer und nicht weniger klar gesagt: die Zensur der Verlage und Bücher, der Verleger und Autoren ist überlebt, nutzlos, paradox, menschenfeindlich, volksfeindlich, ungesetzlich und strafbar.

– ist wohlbegründet; die Grenzen des Sagbaren manifestieren sich bei Hein in der Gestaltung einer innerhalb der gesellschaftlichen Rollenerwartungen starr funktionierenden, entemotionalisierten Figur.

Gelesen. Hein.

Christoph Hein: Trutz. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch, 2018.

Konventionell erzählte Geschichte einfacher Leute, die in zwei Diktaturen zu leiden haben. Fallada meets Rybakow: nach der Gewalt der Nationalsozialisten nach der Machtergreifung fliehen die Protagonist*innen nach Moskau und erfahren dort über Jahre die Willkür des Stalin-Terrors.