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Gelesen. Tokarczuk.

Olga Tocarczuk: Ur und andere Zeiten. Übertragen von Esther Kinsky. Zürich: Kampa, 2019.

Schlichte universelle Existenzialität, dargestellt an besonderen und doch alltäglichen Figuren in einem Dorf, das überall ist.

Großartiges Buch. Lesen!

Gelesen. Seiler.

Lutz Seiler: Stern 111. Berlin: Suhrkamp, 2020.

Einem Kollegen mailte ich dazu:

Bin erst knapp halb durch. Ist bislang nicht schlecht, aber auch nicht ganz groß, wenn stellenweise auch von feinem Sprach- und Handlungswitz, finde ich (bislang). Dokumentarischer Wert in Bezug auf die Bewahrung einer Szene (Hausbesetzer, Oppositionelle, Drop-Outs [,Künstler]) und der Stimmungen in der Wendezeit. Das mag ich. Lässt die Figur Kruso aus »Kruso« wieder auftauchen. Mal sehen, wie es sich entwickelt.

Tatsächlich war es erst etwa ein Drittel, das ich gelesen hatte, und die stärkeren zwei Drittel folgten dann noch, aber insgesamt kann dieses ambivalente Urteil bestehen bleiben. Es gibt gelungene Stellen, auch in ihrer drastischen Poetizität (etwa eine fliegende Ziege als Ostberliner Variante des magischen Realismus), aber auch Redundanzen, es gibt schöne und großartige Stellen, aber auch Längen. Insgesamt wohl lesenswert, aber nicht so kraftvoll wie im letzten Jahr etwa zur gleichen Zeit Sibylle Bergs GRM. Brainfuck.

Gelesen. Tolstoi.

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden. (2 Bände.) Übertragen von Barbara Conrad. München: Hanser, 2010.

»Roman«, das ist die Restmenge, nachdem man die strenger bestimmten Prosaformen per Definition ausgeschlossen hat, und so ist auch diese Sammlung Tolstoischer Schriften ein solcher, obwohl das Konstrukt neben (gesellschafts-, familien- und entwicklungs-) romanhaften Zügen auch solche der allgemeinen Geschichtsbetrachtung, ideengeschichtlicher Reflexionen, militärischer Überlegungen und politischen Diskussion aufweist, und sich der_dem Lesenden daher zuweilen auch etwas sperrig zeigt.

Seit Jahresbeginn habe nichts anderes Belletristisches gelesen (und ich lege Wert auf die Tatsache, dass ich gestern, einen Tag vor der Bekanntgabe des ab dem 16.3. folgenden zweiwöchigen Unterrichtsausfalls im Interesse der verlangsamten CoViD-19-Verbreitung, die Lektüre abgeschlossen habe), und wie andere langen Bücher hat auch dieses mich schließlich sehr im Bann gehalten. (Inhalt gibt’s in der Wikipedia.)

Es sind nicht so sehr die Geschichten, die erzählt werden, die, verkürzt wiedergegeben, banal sind, wie wir Menschen es nun einmal sind: boy meets girl, zuweilen hemmende Einflüsse durch Konventionen und/oder Zeitläufte, doch schlussendlich finden sich die Liebenden doch … – schon eher die Veränderungen, die sie durchleben über die Zeit von 1805 bis 1812, die aufgrund der historischen Lage – Napoleon unterwirft sich ein Land nach dem anderen und marschiert schließlich bis nach Moskau – existenzielle Fragen aufwerfen und die Figuren stellvertretend leiden, aber auch reifer werden lassen.

Wer den Titel allein liest, könnte vermuten, der Krieg würde eine positive Rolle einnehmen, doch Tolstoi ist nichts ferner: die Lehrjahre der Figuren bedeuten auch eine deutliche Abkehr von allen Illusionen, die sie sich über den Krieg als vermeintlich heroische Einrichtung je gemacht haben; dies wird deutlich in Figuren wie dem jungen Petja, der begeistert in den Krieg zieht und beim ersten ernsthaften Gefecht durch einen Kopfschuss getötet wird, aber auch in der naiv-wunderlichen Art, in der Pierre die Schlacht bei Borodino als Unbeteiligter miterlebt, was ihn fürderhin stoisch alle kleineren Dummheiten der Menschen ertragen lässt, weil an die eine große keine andere herankommt.

Erstaunlich klar und bitterhumorig entlarvt Tolstoi die Vorstellungen der Menschen über angeblich großartige Heerführer und ihre Leistungen. So wie er als erstaunlich zeigt, dass Hunderttausende dem Befehl eines einzelnen Aggressors über tausende Kilometer in völlig fremde Länder folgen, statt lieber zuhause zu bleiben, wird auf der anderen Seite die militärische Verteidigung Russlands als nutzlos demaskiert und ihre anschließende Dekoration mit höchsten Orden spöttisch begleitet. Die Kontrastierung dieser großen Linien, die auf der Fähigkeit zum Bluff, fragwürdigen Ehrbegriffen und anderen Geistesverirrungen gründen, mit der empathischen Schilderung der Schicksale Einzelner beeindruckt zutiefst, was jede Kriegsführung in späteren Jahren nur umso unverständlicher werden lässt.

Das klingt dann – in einem fingierten historischen Bericht (mithin nicht in Tolstois typischem Duktus, von der Haltung her allerdings stimmig) im Epilog – beispielsweise so:

»Ludwig XIV. war ein sehr stolzer und anmaßender Mensch; er hatte die und die Geliebten, die und die Minister und regierte Frankreich schlecht. Ludwigs Nachfolger waren ebenfalls schwache Menschen und regierten Frankreich ebenfalls schlecht. Auch sie hatten die und die Favoriten und die und die Geliebten. Außerdem schrieben zu jener Zeit auch einige Menschen Bücher. Ende des 18. Jahrhunderts versammelten sich in Paris etwa zwei Dutzend Leute, die davon zu reden anfingen, dass alle Menschen gleich und frei seien. Daraufhin begannen in ganz Frankreich die Menschen einander abzuschlachten und zu ersäufen. Sie töteten den König und noch viele andere. Zur selben Zeit aber gab es in Frankreich einen genialen Menschen – Napoleon. Überall besiegte er alle, das heißt, er tötete viele Menschen, weil er sehr genial war. Er zog aus, um zu irgendeinem Zweck Afrikaner zu töten, und so gut brachte er sie um und war so listig und schlau, dass er, als er wieder nach Frankreich kam, allen befahl, ihm zu gehorchen. Und alle gehorchten ihm. Nachdem er sich zum Kaiser gemacht hatte, zog er wieder los, Menschen in Italien, in Österreich und in Preußen umzubringen. Auch dort tötete er viel. In Russland aber gab es den Kaiser Alexander, der sich entschlossen hatte, die Ordnung in Europa wiederherzustellen und der deshalb gegen Napoleon Krieg führte. Aber im Jahre sieben schloss er plötzlich Freundschaft mit ihm, zerstritt sich aber im Jahre elf wieder mit ihm, und wieder begannen sie, viel Volks zu töten. Napoleon führte sechshunderttausend Mann nach Russland und eroberte Moskau; aber dann lief er plötzlich aus Moskau weg, und damals einte Kaiser Alexander Europa mit Hilfe der Ratschläge Steins und anderer, um sich gegen den Störenfried zu rüsten. Die Verbündeten Napoleons wurden plötzlich alle zu seinen Feinden; und diese Streitmacht zog gegen Napoleon, der neue Streitkräfte zusammengezogen hatte. Die Verbündeten besiegten Napoleon, rückten in Paris ein, zwangen Napoleon, auf den Thron zu verzichten, und schickten ihn auf die Insel Elba, ließen ihm aber die Kaiserwürde und erwiesen ihm alle Ehren, obgleich ihn alle in den fünf Jahren davor und dem Jahr danach für einen Räuber und Gesetzlosen gehalten hatten. […]« [Ebd., II, 1018]

Zweieinhalb Monate lang habe ich an diesen von Barbara Conrad vorbildlich übertragenen und mit Anmerkungen versehenen über 2100 Seiten gelesen. Es war keine vertane Zeit.

Gelesen. Sente, Berserik, van Dongen.

Yves Sente, Teun Berserik und Peter van Dongen: Das Tal der Unsterblichen 1: Gefahr für Hongkong. Übertragen von Harald Sachse. Hamburg: Carlsen, 2019.

Auch diese Neubelebung der Blake-und-Mortimer-Abenteuer hat zwar den Charme der ligne claire, kommt aber an Hergés Werk nicht heran. Trotzdem werde ich natürlich den zweiten Teil lesen müssen, sobald er erscheint.

Gelesen. Zhou.

[Zhou Xingsi:] Der 1000[-]Zeichen[-]Klassiker. Übertragen von Eva Lüdi Kong. Ditzingen: Reclam, 2018.

Reclam hat sich in den letzten Jahren ja schon durch verschiedene (Neu-) Übersetzungen chinesischer Klassiker hervorgetan, und dieses ist ein von der Konzeption her besonderes Projekt:

Kaiser Wu beauftragte um 500 v. u. Z. Zhou Xingsi, die in Stein gemeißelte Vorlage von genau 1000 grundlegenden Schriftzeichen, die gemeinhin zur Übung der Pinselschrift verwendet wurden, in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Dies gelang Zhou sogar in Reimen, und in dieser Form – 250 Strophen à 4 Verse (wobei jeder Vers aus einem Schriftzeichen besteht) – ist der Text über Jahrtausende überliefert worden, diente fast ebenso lang als Grundschulfibel, sodass unzählige Generationen von Schüler*innen sich beim Üben der Schriftzeichen den Inhalt einschrieben und aufgrund der gereimten Form vermutlich auch lebenslang behielten.

Das für uns Nichtchinesen Faszinierende ist dabei, dass tatsächlich jedes einzelne Zeichen einen weiten Sinnhorizont evoziert, aber im Kontext vergleichsweise eindeutig verstanden werden kann, sodass insgesamt historisches und naturwissenschaftliches Wissen wie auch gesellschaftliche Vorstellungen und Normen tradiert wurden – wer beispielsweise Konfuzius’ Gespräche gelesen hat, wird viele Gedanken wiedererkennen.

Foto einer Doppelseite des besprochenen Buches.In der vorliegenden Übertragung wird ein sinniges Layout verwendet, um einerseits das Original zu präsentieren, andererseits den des Chinesischen Unkundigen eine annotierte Übersetzung zeigen zu können: auf der jeweils rechten Buchseite finden sich (neben der Versnummerierung als Marginalie ganz rechts) vier Spalten. Die erste enthält die im Kontext sinnvollste Ein-Wort-Übersetzung des in der nächsten Spalte folgenden chinesischen Schriftzeichens, in der dritten folgt eine phonetische Umschrift, die den Reim des Originals erahnen lässt, in der vierten schließlich die Übertragung in deutsche Verse. Ergänzt wird diese Textpräsentation durch Anmerkungen auf der linken Buchseite; diese wiederum sind illustriert mit Bildern aus Ausgaben des Klassikers, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden sind. (Ein erklärender Abschnitt zur Textgestalt findet sich fast wörtlich wiederholt auf den Seiten 8 und 116; an Absicht mag ich nicht so ganz glauben.)

Insgesamt eine sehr schöne Ausgabe in rotem Seideneinband, natürlich fadengeftet mit Lesebändchen (dessen Abdruck auf dem Foto erkennbar ist).

Gelesen. Carr.

J. L. Carr: Die Lehren des Schuldirektors George Harpole. Übertragen von Monika Köpfer. Köln: DuMont, 2019.

Carr wusste offenbar aus eigener Erfahrung, von was er schrieb, als er in einem in den 1950er Jahren spielenden Schulroman die Auseinandersetzung mit Schuladministration und Umfeld thematisierte. Die erwähnten Eigentümlichkeiten, die fragwürdigen Hierarchien und behäbigen Entscheidungswege, die in Funktionen erstarrten Theoretiker, all das, was Außenstehende unbegreiflich fänden – all das ist heute selbstverständlich ganz anders.