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Gelesen. Brecht.

Bertolt Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe. Berlin: Suhrkamp. 2017.

Relektüre wegen Schillers Jungfrau von Orleans als Korridorthema. Sinclairs Dschungel als – wie wir heute wissen – nach wie vor gültiger literarischer Hintergrund.

(Der Minister, der von der im verlinkten Blog-Eintrag verlinkten Zeit-Reportage so beeindruckt war, dass er Maßnahmen versprach, ist inzwischen längst kein untätiger Minister mehr, hat aber inzwischen einige Monate im Auftrag von Tönnies, einer der größten Fleischfabriken, gearbeitet. Wer also die von Brecht dargestellte Handlung als lehrhaft übertrieben empfindet, irrt: die zynische Normalität unseres Wirtschaftslebens (auch in anderen Bereichen als dem Schlachten von Tieren) übertrifft jede als übertrieben empfundene literarische Darstellung bei Weitem.)

Gelesen. Tung.

Debbie Tung: Happily Ever After & Everything In Between. Kansas City: Andrew McMeel, 2020.

(Die letzten vier Einträge Nachträge aus den letzten Wochen. Man kam ja zu nix.)

Gelesen. Harstad.

Johan Harstad: Max, Mischa und die Tet-Offensive. Übertragen von Ursel Allenstein. Hamburg: Rowohlt, 2019.

Gar nicht bewusst war mir, dass ich vom selben Autor auf Linus’ Empfehlung hin schon ein anderes Buch gelesen hatte. –

Zunächst war ich geneigt, den Kritiker*innen, die Harstad eine gelinde Geschwätzigkeit unterstellten, zu widersprechen, denn mir gefiel die allmähliche Ausbreitung der Geschichte und auch die langsame Entwicklung von Figuren und -konstellationen. Es gibt ziemlich großartige Stellen, aber sie verlieren sich auf den über 1200 Seiten ein wenig; so zieht sich die Geschichte gegen Ende in der Tat, und uneingeschränkt empfehlen würde ich das Buch nicht.

Gelesen. Mühlenweg.

Fritz Mühlenweg: In geheimer Mission durch die Wüste Gobi. Lengwil: Libelle, 2007.

»Es gibt keine Hilfe«, sagte Großer-Tiger düster.

»Es gibt keine Hilfe«, bestätigte Christian.

»Wie!«, rief Großer-Tiger, »du sagst auch, es gibt keine Hilfe? Das darfst du nicht tun. Du musst etwas anderes sagen.«

»Es fällt mir nichts anderes ein.«

»Kwi-Schan!«, rief Großer-Tiger flehend, »es muss dir etwas infallen! Es geht nicht, dass wir beide mutlos sind.«

»Dann«, sagte Christian, »müssen wir einen Vertrag machen: nur einer von uns darf verzweifelt sein und ›Es gibt keine Hilfe‹ sagen.«

»Das bin ich«, sagte Großer-Tiger geschwind.

»So wäre es kein Vertrag. Ein Vertrag ist anders. Sobald einer von uns ›Es gibt keine Hilfe‹ sagt, dann muss der andere von etwas Zuversichtlichem reden, und dann ist es ein Vertrag, der gilt.«

»Ich habe es zuerst gesagt.«

»Da bestand der Vertrag noch nicht!«

»Besteht er denn jetzt?«

»Ja«, sagte Christian, »wenn es dir recht ist, besteht er.«

»Es ist mir recht«, erklärte Großer-Tiger, »und ich sage als Erster: ›Es gibt keine Hilfe‹.« Großer-Tiger schaute, was Christian für ein Gesicht mache, und dann mussten beide lachen. [Ebd., 232 f.]

Ein Kinder-/Jugendbuch, erstmals erschienen 1950 in zwei Bänden (Großer-Tiger und Kompaß-Berg sowie Null Uhr fünf in Urumtschi) und seitdem eher vergessen, was wohl auch am Umfang liegt: in der schönen einbändigen Ausgabe bei Libelle selbst ohne Nachwort 747 Seiten. Diese erzählen die Geschichte zweier zwölfjähriger Freunde, eben Großer-Tiger und Kompaß-Berg (eigentlich Christian), beide in Peking lebend, die zufällig in ein Abenteuer geraten, das sie quer durch die Wüste Gobi treibt, dabei vielen Gefahren aussetzt, aber auch Freunde gewinnen lässt. Würde das Buch heute auf den Markt kommen, würde es vermutlich deutlich gekürzt, denn die eine oder andere Länge findet sich schon; als Überbleibsel einer Zeit, in der Wissen über das Leben mongolischer Nomad*innen nicht jederzeit per Smartphone in Wort und Bild abrufbar war, ist es trotzdem ein entdeckenswertes Werk.

Ich bin dafür, dass es in der Wüste heiß ist.«

»lch bin dafür und dagegen«, sagte Großer-Tiger.

»Kann man beides sein?«, fragte Christian erstaunt.

Großer-Tiger bedachte sich, und weil es eine schwere Frage war, sagte er: »Im armseligen Reich der Mitte denkt man, dass es vorteilhaft sei, manchmal beides zu sein.«

»Wollen wir ein Stückchen schlafen?«, fragte Christian.

»Ich bin dafür«, sagte Großer-Tiger.

»Ich auch; sind wir uns einig?«

»Wir sind uns immer einig.«

»Auch wenn es in der Wüste heiß sein wird?«

»Wir sind doch Freunde«, sagte Großer-Tiger.

Christian gähnte ein bisschen, und Großer-Tiger gähnte zur Gesellschaft mit; aber das kam weniger vom Müdesein als vom Hunger, denn die Mohnkuchen waren leider alle aufgegessen. Trotzdem schliefen sie schnell ein. [Ebd., 104]

Die offene und am Fremden interessierte Haltung des Autors, der die Gegend in den 1920er und frühen 1930er Jahren selbst bereist hat, findet ihren Ausdruck in den Handlungen der Freunde, die – wenn auch zuweilen frech und gegen die Anweisungen der Erwachsenen – stets auf der moralisch richtigen Seite stehen. Hier zeigt sich der pädagogische Impetus des Autors (wie er nicht ganz so fein auch in den Ubique-Terrarum-Bänden von Herbert Kranz deutlich wird), beispielsweise wenn die Jungs traurig erkennen, das das Lügen in bestimmten Fällen geboten scheint, um den Erfolg der Mission nicht zu gefährden (vgl. ebd. 254 f.) oder auch hier:

Als sie oben beisammensaßen und zum Trost einige Honigbrotwürfel aus dem Sack langten, sagte Christian: »Glück ist ein Dummkopf.«

»Ich habe es ihm gesagt«, erwiderte Großer-Tiger.

»Das war nicht klug«, sagte Christian, »nun haben wir beide gegen uns.«

»Ich bekenne, dass ich unbedacht war, Kwi-Schan.«

»Es ist nicht schlimm«, tröstete Christian geschwind. [Ebd., 310]

Für ein Kinderbuch ist die sprachliche Form bemerkenswert: ohne Ausnahme findet sich im Werk ein ganz eigener Ton, der von bewusst willkommene Fremdheit signalisierenden Übertragungen aus dem Chinesischen bzw. Mongolischen, die sich in formelhaften Wendungen (»Reden schafft Erleichterung«, »der befehlende Herr«, »Es gibt keine Hilfe«, »Wir harren der Belehrung«, »Keine Besorgnis deswegen«, »In der Eile sind Fehler«), niederschlagen, und mongolischen Wörtern, die mit den Protagonisten auch die Leser*innen kennen lernen, unterstützt wird, und der gerade im Gespräch der beiden Jungs immer auch einen komischen Effekt zeigt.

»So geht das nicht«, sagte er; »zwei Stück Menschen, die mit Mongolenfürsten befreundet sind, müssen sprechen: ›Amorchen sän sotje beino‹.«

»Amorchen sän sotje beino?«, sagten Christian und GroßerTiger.

»Gut«, lobte Glück, »für den Anfang mag es gelten. Wisst ihr, was es heißt?«

»Wir wissen es nicht, befehlender Herr.«

»Es heißt: ›Sitzt ihr leicht und gut?‹ Das ist ein mongolischer Gruß. Und jetzt setzt euch selbst, aber ja nicht mit den Füßen gegen das Feuer!«

»Ist das verboten?«, fragte Christian.

»In der Mongolei ist nichts verboten«, sagte Glück, »aber es gibt Dinge, die nicht erlaubt sind, weil es unhöflich wäre, sie zu tun. Versteht ihr mich?«

»Wir bedauern außerordentlich«, sagte Christian.

»Entschuldigt unsere Begriffsstutzigkeit«, sagte Großer-Tiger.

»Das Feuer«, erklärte Glück, »ist ein Gott. Wenn man ihm die Füße entgegenstreckt, ist er beleidigt, und mit ihm ist der Hausherr und die ganze Familie beleidigt. Obendrein zeigt es, dass man nichts von Umgangsformen versteht, und dann verliert man das Gesicht, und kein Mensch schaut einen mehr an. Ihr zwei habt heute Abend ein Großes Gesicht gekriegt. In allen Zelten wird man davon reden, dass euch der Wang ein dickes Freundschaftsgeschenk gemacht hat. Also müsst ihr euch besonders gut benehmen.«

»Wir wünschen uns ausgezeichnet zu betragen«, versicherte Großer-Tiger. »Wir werden von heute an sehr artig sein«, stimmte Christian bei. [Ebd., 194]

Bei aller Bereitwilligkeit zu lernen (die echt ist und sich an vielen Beispielen zeigt) sind die schließenden Versicherungen der beiden Jungs durchaus auch tongue in cheek zu verstehen. –

In diesem Zug gleich auch gelesen: Tausendjähriger Bambus – eine von Mühlenweg übertragene Sammlung chinesischer Gedichte.