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Gelesen. Maljartschuk.

Tanja Maljartschuk: Biografie eines zufälligen Wunders. Übertragen von Anna Kauk. Wien: Residenz, 2013.

Auch dieser Blick in die ukrainische Literatur lohnt. Maljartschuk begleitet hier Lena vom Kindergarten- bis ins Erwachsenenalter im Entstehen des ukrainischen Staates nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Bitterhumorig geschildert kollidiert die Protagonistin immer wieder mit den Zumutungen der Gesellschaft, die Kapitalismus übt und Bürokratie beherrscht.

Empfehlenswert.

Gelesen. Zhadan.

Serhij Zhadan: Internat. Übertragen von Juri Drukot und Sabine Stöhr. Berlin: Suhrkamp, 2018.

Pascha, ein Lehrer für Ukrainisch im Donbass, soll wegen der militärischen Aktivitäten seinen dreizehnjährigen Neffen aus dem Internat am anderen Ende der Stadt holen. Unter normalen Umständen kein Problem – wenn aber Krieg herrscht, gerät alles und jeder zur potentiellen Bedrohung, nichts bleibt sicher, und die vertraute Umgebung wird zur Fremde. So braucht Pascha denn einen ganzen Tag, um seinen Neffen zu erreichen, und ihre gemeinsame Rückkehr nach Hause lässt sie zwischen die Fronten geraten.

Eindrucksvoll und – nicht nur in diesen Tagen – wichtig.

Gelesen. Franzen.

Jonathan Franzen: Crossroads. Übertragen von Bettina Abarbanell. Hamburg: Rowohlt, 2021.

Sprachlich deutlich dichter als Sandgrens Gesammelte Werke, aber inhaltlich mit einem ähnlichen Problem, nämlich hoher Redundanz in Bezug auf wesentliche Handlungsaspekte: wir lernen die Familie eines Pastors in einer amerikanischen Kleinstadtgemeinde kennen, indem die sich entwickelnde Geschichte aus der Perspektive ihrer Mitglieder erzählt wird. Das ist handwerklich sauber gemacht und ergibt auch recht stimmige Bilder der Zeit. Russ Hildebrandt, der Pastor, hat allerdings ein Problem mit der ehelichen Treue und ein wirklich wesentlicher Handlungsstrang besteht in der Verfolgung des Ziels, eine für ihn attraktive Witwe aus der Gemeinde zu verführen. Das wird mit all den Gewissensbissen und Selbstrechtfertigungen sehr eindrücklich geschildert und noch einmal geschildert und, damit es nicht überlesen wird, noch einmal geschildert. Und als es denn zum lang ersehnten Erlebnis kommt, wird es vom Erzähler verschränkt mit einer hochproblematischen Handlung eines von Russ' Kindern, das ja aufgrund der anderweitigen Aktivitäten des Pastors unbeaufsichtigt ist. Was entsteht: geradezu existenzielle Schuld! Schuld! Schuld!, die nur durch was wieder negiert werden kann? Durch einen allverzeihenden Exkulpationskoitus mit der ebenfalls schuld!schuld!schuld!beladenen Ehefrau Marion, die im zwar fremdgehenden, aber doch ganz passabel aussehenden Pastor die zum probehalber noch einmal in Augenschein genommenen früheren, deutlich gealterten und auch gar nicht so großartigen früheren Liebhaber bessere Alternative sieht. Ja, so spielt das Leben in amerikanischen Pastorenfamilien, wenn Franzen es beschreibt.

Tatsächlich kann er auch anders. Durchaus berührend sind die Schilderungen der Annäherungen zwischen dem jungen Russ und Navajo-Vertretern, Fremdeleien zwischen Nachbarschaftshilfeprojekten und der betreuten Nachbarschaft, auch Erzählungen der anderen Perspektiven haben immer wieder auch gute Momente. Doch gerade durch die Fokussierung auf eine Pastorenfamilie, deren fundamentale Auseinandersetzung immer die mit dem Glauben und der Gemeinde sein wird, scheinen mir wesentliche Aspekte der ja an Facetten nicht armen amerikanischen Gesellschaft ausgelassen bzw. nur angedeutet. Die Universalität des Zugriffs, der im Anspruch der Trilogie, »ein[en] Schlüssel zu allen Mythologien« zu liefern, ist dadurch kaum gegeben.

Trotzdem werde ich dranbleiben und sehen, wie Franzen sich müht, das Panorama weiter auszuleuchten.

Gelesen. Sandgren.

Lydia Sandgren: Gesammelte Werke. Übertragen von Stefan Pluschkat und Karl-Ludwig Wetzig. Hamburg: Mare, 2021.

Eine Mutter zweier Kinder verschwindet spurlos, Mann und Kinder richten sich im neuen Leben ein. Als das Buch einsetzt, sind die Kinder junge Erwachsene; die Tochter Rakel stößt auf eine Spur.

Was wie der Plot eines Kriminalromans klingt, wäre als solcher eine Enttäuschung, denn das Buch endet an einer Stelle, an der die Lösung präsentiert werden könnte. Statt tatsächlich die Verfasstheit und Gründe der Frau zu erforschen, die Kinder und Mann verlässt, stehen im Fokus dieses Buches eine langjährige Männerfreundschaft und die Befindlichkeiten der beiden – die letztlich recht langweilig sind. Interessanter ist da schon die Tochter Rakel, die ihre positiven Erinnerungen an die Mutter mit dem über sie Erfahrenen in Einklang zu bringen versucht.

Kein schlechtes Buch, aber auf mindestens das Doppelte des Gehalts aufgebläht (wer Novellen denkt, muss nicht Romane schreiben). Eine gute Lektorin hätte Wunder wirken können.

Gelesen. Fittko.

Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1941/42. München: dtv, 2004.

Zusammen mit anderen führte Lisa Fittko, selbst zunächst aus Nazi-Deutschland, dann vor der Besetzung Frankreichs in das Gebiet des Vichy-Regimes geflohen, Flüchtlinge aus Deutschland über die Grenze nach Spanien, von wo aus sie der Franco-Diktatur wegen weiterfliehen mussten – beispielsweise, wie später die Fittkos selbst, nach Kuba. Der bekannteste Flüchtling auf dieser Route war sicher Walter Benjamin.