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Gelesen: Proust. VII.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 7: Die wiedergefundene Zeit. Übertragen von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2016.

Technische Daten des siebten Bandes: 610 Seiten, davon 502 Text, der Rest Anhang (Anmerkungen, Inhaltsübersicht, Namensverzeichnis etc.). Wie seit dem zweiten Band stets mit zwei Lesebändchen; fadengeheftet. Wie die letzten Bände auch vorbildlich lektoriert.

Der vorherige Band ließ Marcel in Tansonville zurück; hier setzt der siebte wieder ein. In den Gesprächen beispielsweise mit Gilberte und Robert spielt immer wieder die Homosexualität des letzteren eine Rolle, deutlicher noch als in früheren Bänden, wobei Gilberte eher feiert, was Robert nach wie vor verleugnet.

Das zweite Kapitel spielt während des Krieges, von dem düstere Eindrücke geschildert werden, mit Rückblicken in frühere Zeiten; Marcel entdeckt Monsieur de Charlus in einem Hotel, in dem dieser, ausgestoßen aus der »guten« Gesellschaft, sich inmitten einer haremartigen Gesellschaft junger Männer bezahlten masochistischen Erniedrigungen hingibt, verraten und als Allemande verleumdet von Morel, seinem früheren Gespielen, der sich nun einen eher gesellschaftskompatiblen Rahmen geschaffen hat. Auch erfahren wir (posthum), dass M. de Charlus den Mord an Morel geplant hatte und nur durch dessen Fortgang von der Ausführung abgehalten wurde.

Das dritte Kapitel, »Matinee bei der Prinzessin de Guermantes«, führt Marcel schließlich in seine alte gesellschaftliche Welt zurück, allerdings sieht er sie deutlich gealtert, was ihn erkennen lässt, dass auch er kein junger Mann mehr ist, obwohl er sich selbst noch so sah. Als er über einen Pflasterstein stolpert, erinnert er sich an den Aufenthalt in Venedig; diese Assoziation wiederum lässt ihn über den Wert und die Funktion von Erinnerung und ihren Bezug zur Literatur nachsinnen und letztlich auch den Entschluss fassen, sein Leben in seinen Empfindungen niederzuschreiben. Die Gesellschaft scheint ihm inzwischen wie ein Maskenball, früher Bekannte, Vertraute oder gar Geliebte erkennt Marcel kaum mehr wieder; erneut wird der Snobismus und die Dünkelhaftigkeit der Gesellschaft demaskiert, während Marcel sich in die Vergangenheit erinnert. Bedroht vom Gedanken an den möglichen Tod noch vor Abschluss seines Werkes wird dieses begonnen. –

Den letzten Band des Werkes habe ich sehr langsam gelesen; einerseits anderer Lektüren wegen, andererseits, weil die Suche damit beendet ist. Die Lektüre ist dabei ganz gegensätzlich: in den Passagen um Charlus werden die Ereignisse und Eindrücke vergleichsweise fast reportageartig dicht am Geschehen erzählt, in anderen – etwa wenn es um das Thema Erinnerung geht – reihen sich seitenlang bedenkenswerte Reflexionen aneinander, etwa wenn es um Eindrücke geht, an die sich Marcel wieder und wieder erinnern möchte –

Die einzige Art, sie [die Eindrücke] ausgiebiger zu genießen, bestand in dem Versuch, sie dort, wo sie sich befanden, gründlicher kennenzulernen, also in mir selbst, sie bis auf den tiefsten Grund auszuleuchten. Ich hatte das Vergnügen in Balbec nicht kennenzulernen vermocht und auch nicht im Zusammenleben mit Albertine, vielleicht war es für mich erst nachträglich erkennbar geworden. [Ebd., 263]

– nicht allein der Sentimentalität wegen, sondern um sie ganz zu begreifen; als sei das Hin- und Herwenden der Erinnerungen, das Betrachten aus allen Perspektiven ein Mittel, sie auch rational begreifbar und literarisch bewahrbar zu machen.

Was die Zeit aus den Menschen macht und wie Marcel dies wahrnimmt, lässt sich exemplarisch an der Begenung mit seiner früheren Liebe Gilberte zeigen:

Eine dickliche Dame wünschte mir einen guten Abend, und während dieser kurzen Zeit drängten sich die verschiedensten Gedanken in meinem Geist. Ich zögerte einen Augenblick, ihren Gruß zu erwidern, in der Befürchtung, sie könnte mich, da sie die Leute nicht besser erkannte als ich, für jemand anderen halten, dann jedoch brachte mich ihre Sicherheit aus Angst, sie könnte jemand sein, mit dem ich eng befreundet gewesen war, ganz im Gegenteil dazu, die Liebenswürdigkeit meines Lächelns übertreiben, während meine Blicke weiter in ihren Zügen nach dem Namen suchten, den ich nicht finden konnte. Ähnlich unsicher wie ein Kandidat bei der Abiturprüfung seine Blicke auf das Gesicht des Prüfers heftet in der vergeblichen Hoffnung, dort die Antwort zu finden, nach der er besser in seinem eigenen Gedächtnis gesucht hätte, heftete ich, während ich sie weiter anlächelte, meine Blicke auf die Züge der dicklichen Dame. Sie schienen mir diejenigen von Madame Swann zu sein, und so mischte sich Respekt unter mein Lächeln, während meine Unsicherheit zu schwinden begann. Dann, eine Sekunde später, hörte ich die dickliche Dame zu mir sagen: »Sie haben mich für Maman gehalten, und tatsächlich fange ich an, ihr ziemlich ähnlich zu sehen.« Da erkannte ich Gilberte. [Ebd., 407]

In all der Distinguiertheit des Tons: wie vernichtend dieser Blick Marcels! Unerträglich, wenn er nur die anderen beträfe, doch an anderer Stelle (die ich gerade nicht wiederfinde) seziert er anhand vieler Beispiele, wie sein Selbstbild als nach wie vor junger Mann mit dem Fremdbild als »Väterchen« und »alter Mann« konfrontiert wird.

An anderer Stelle geht es um die Popularisierung von Literatur:

Die Idee einer populären wie auch einer patriotischen Kunst erschiene mir, wenn sie nicht so gefährlich wäre, einfach lächerlich. Wenn es darum ginge, sie dem Volk zugänglich zu machen, indem man die formalen Feinheiten opferte, die nur »gut für Müßiggänger« sind, so hatte ich Erfahrung genug im Umgang mit Leuten von Welt, um zu wissen, dass sie die eigentlich Ungebildeten sind, und nicht die Elektriker. Insofern wäre eine über die Form popularisierte Kunst eher etwas für die Mitglieder des Jockey-Clubs als für die der Gewerkschaft; und was die Themen betrifft, so werden die Leute aus dem Volk von den volkstümlichen Romanen ebenso sehr gelangweilt wie Kinder von den eigens für sie geschriebenen Büchern. [278 f.]

Wie auch immer: nun, da ich zuletzt von Marcels Planung des Vorhabens gelesen habe, dessen Ergebnis die vorherigen Bände darstellten, würde ich gern gleich wieder von vorn beginnen. Meinen ersten Band las ich im Januar 2015, ohne allzu viel über das Werk zu wissen; zwei Jahre vergingen über der Lektüre, weil ich die bewundernswürdige Arbeit des Übersetzers erst abwarten musste. Eine erneute Lektüre wäre also dringend angebracht und ich würde sie auch gern unternehmen, wollten nicht andere Bücher auch gelesen werden. So verschiebe ich sie denn auf später – aber sie wird kommen:

was für ein Buch!

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Gelesen. Ransmayr.

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2016.

Wenn auch stellenweise gewollt (und gar zu deutlich), so insgesamt doch souverän und erfreulich.

Gelesen. Nabokov.

Vladimir Nabokov: Fahles Feuer. Übertragen von Uwe Friesel und Dieter E. Zimmer. Reinbek: Rowohlt, 2008.

Im hilfreichen Anhang erfährt man nicht nur aus verschiedenen Zeugnissen, dass Nabokov den Roman meistens unverstanden fand, sondern auch aus einem Brief seiner Frau Véra Nabokov, der beste Artikel über das Buch sei der Mary McCarthys in der New Republic (vgl. S. 590). Nun denn, dann lies ihn.

Gelesen. Tempest.

Kate Tempest: Hold Your Own. Originaltext; ergänzt um Übertragungen von Johanna Wange. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch, 2016.

Nachdem Everybody Down hier schon rauf & runter läuft, musste ich auch mal ein wenig in gedruckten Texten Kate Tempests lesen:

Hold Your Own beginnt mit dem Langgedicht »Tiresias«, das den Lebenslauf des Sehers, der uns beispielsweise in Sophokles’ Antigone in der Schreibweise Teiresias begegnen kann, in die aktuelle Zeit überträgt: ein Fünfzehnjähriger stromert der Schule ausweichend durch den Stadtwald, beobachtet Schlangen bei der Paarung. Verstört scheucht er sie auseinander, indem er sie mit einem Stock schlägt, und wird dafür von Hera mit einem Geschlechtswechsel bestraft. Fortan lebte Teiresias jahrelang als Frau, bis sie sich nach einiger Zeit wieder zum Mann verwandeln kann. Er wird in einem Streit zwischen Zeus und Hera als Richter berufen, entscheidet unter Verrat eines weiblichen Geheimnisses zugunsten Zeus’, worauf Hera ihm die Augen nimmt. Zeus versucht dies auszugleichen, indem er Teiresias zum Ausgleich zum Seher macht.

Auf das Langgedicht folgen einzelne kurze Gedichte, die aber in thematische Gruppen geordnet sind – »Childhood«, »Womanhood«, »Manhood«, »Blind Profit« – und damit wie auch innerhalb der einzelnen Gedichte mehr oder weniger explizit auf Tiresias und andere Mythen Bezug nehmen. Gleichwohl werden moderne Ereignisse geschildert, typische Situationen Heranwachsender gezeigt (»Bully«, »Thirteen«), wird vermutlich vielfach biografisches Material verwendet, Großstadtleben vorgeführt, Sprache und menschliches Sein reflektiert.

Language lives when you speak it. Let it be heard.
The worst thing that can happen to words is that they go unsaid.

Let them sing in your ears and dance in your mouth and ache in your guts. Let them make everything tighten and shine.

[…] [Erste Verse von »These things I know«]

Eine Stunde Bewegtbilder einer Performance des Zyklus:


Tempest lesen, hören und sehen kann nicht verkehrt sein.

(Johanna Wanges Übertragung scheint mir inhaltlich stimmig, kann aber der Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Englischen wegen des Rhythmus der Texte nicht 1:1 abbilden. Wo ich Wanges Übersetzung gebraucht habe, wird die Problematik auch gleich offenbar, etwa wenn in der Strophe

You’re the crazy on the corner
Old, and smelling weird
Queuing for electric
With birdbones in your beard. [Aus »Tiresisas«]

der vierte Vers mit »In der Schlange für die Strom-Wertbons« übersetzt wird. Als Nicht-Muttersprachler hätte ich diesen Vers vielleicht nicht genau verstanden, in der Übertragung wird mir der notwendige Hintergrund mitgeliefert, gleichzeitig aber die lakonische Kürze des Originalausdrucks vollkommen konterkariert. Gleichwohl halte ich die Parallelausgabe für empfehlenswert.)