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Gelesen. Nagelschmidt.

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 2020.

Nee, nee, habe ich gedacht, als ich die zweite Episode dieses Romans las, das interessiert mich nicht, weil es nur eine weitere romantisierend glorifizierende Darstellung eines Dealer- und Konsumentenlebens im Partyleben Berlins ist; tatsächlich aber wird es dann rasch besser: anhand unterschiedlicher Einzelschilderungen schildert Nagelschmidt überzeugend Alltagsgeschehnisse eines Tableaus von Figuren, die allesamt zum Berliner Dienstleistungsbereich gehören: ein Taxifahrer, eine Fahrradkurierin, eine Sanitäterin, ein Schüler nichtdeutscher Herkunft, eine Frau in ihrem eigenen Späti, auch eine Buchhändlerin, die sich aber eher als Flaschensammlerin begreift, etc. Jeder Lebensbereich wird dabei ernsthaft, kenntnisreich und stimmig aus der Perspektive der Figuren geschildert, wobei letzteres besonders reizvoll wird, wenn die engeren Verbindungen zwischen einzelnen Figuren deutlich werden.

Eine Roman mit dokumentarischem, durchaus aber auch erzählerischem Wert. Bezüge zu anderen Großstadtromanen wie Berlin Alexanderplatz, Fabian etc. ergeben sich wie von selbst.

Lesenswert.

Gelesen. Schulz.

Gesamtausgabe PeanutsCharles M. Schulz: The Complete Peanuts. Edinburgh: Canongate, 2007–2016.

Ein fast eineinhalb Jahre dauerndes Nebenbei-Leseprojekt ist beendet. Großartige Ausgabe, von Seth gestaltet, fadengeheftet, jeder Band mit Vorwort und Index.

Gelesen. Gipi.

Gipi: Eine Geschichte. Übertragen von Myriam Alfano. Berlin: Avant, 2022.

Mit der Aufforderung »Gib mir komplexe Antworten« beginnt diese Graphic Novel und genau das passiert angesichts der Fragen, die Leser*innen sich stellen mögen: ein Schriftsteller bricht infolge einer Lebenskrise zusammen, versucht sich zu verstehen, sein Leben neu zu ordnen, dabei spielen das Erleben des Großvaters im Ersten Weltkrieg, historische Ereignisse – die Entwicklung des Maschinengewehrs –, familiäre erinnerte und aktuelle Geschehnisse eine Rolle. Die Handlungen der unterschiedlichen Zeiträume werden verschränkt, Verbindungen erkannt. Das Ganze in Schwarzweißzeichnungen und Aquarellen. Anspruchsvoll und gut.

Beispielabbildungen in der Comic-Denkblase.

Gelesen. Ishiguro.

Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne. Übertragen von Barbara Schaden. München: Blessing, 2021.

Uncanny ist der Begriff für das Unvertraute, bedrohlich Wirkende, das aus der leichten Verschiebung der Realität, des Gewohnten entstehen kann. Diese Verschiebung ist auch in diesem Buch Ishiguros erneut Gestaltungsprinzip.

In diesem Buch ist die Heldin, Klara, eine androide KI, moralisch zuverlässiger als die Mutter in ihrer Liebe, die stets nur das Beste für ihr Kind Josie will, dies jedoch mit fragwürdigen – gesellschaftlich aber längst akzeptierten, im Sinne der Optimierung von Lebenschancen fast geforderten – Gentherapien zu erreichen sucht. Als die Behandlung negative Folgen zeigt und Josie dem Tode nahe ist, scheint Klara eine weitere Aufgabe übertragen zu bekommen, die ihre Fähigkeit, Josie imitieren zu können, nutzen würde …

Erneut eine lohnende Lektüre, die mir deutlich besser gefallen hat als Der begrabene Riese.

Gelesen. Levy.

Andrea Levy: Small Island. London: Tinder, 2014.

Überzeugende, multiperspektivisch erzählte Geschichte (unter anderem) über jamaikanische Migranten, die in GB Fuß zu fassen versuchen, vor dem Hintergrund von Krieg und Rassismus. Zu Recht mehrfach preisgekrönt.– Lesen!

(Gesetzt übrigens in der selten gesehenen Aldine 401 BT, die zudem auf dem groben Papier eine besondere Ausprägung erhält.)

Gelesen. Maljartschuk.

Tanja Maljartschuk: Biografie eines zufälligen Wunders. Übertragen von Anna Kauk. Wien: Residenz, 2013.

Auch dieser Blick in die ukrainische Literatur lohnt. Maljartschuk begleitet hier Lena vom Kindergarten- bis ins Erwachsenenalter im Entstehen des ukrainischen Staates nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Bitterhumorig geschildert kollidiert die Protagonistin immer wieder mit den Zumutungen der Gesellschaft, die Kapitalismus übt und Bürokratie beherrscht.

Empfehlenswert.

Gelesen. Zhadan.

Serhij Zhadan: Internat. Übertragen von Juri Drukot und Sabine Stöhr. Berlin: Suhrkamp, 2018.

Pascha, ein Lehrer für Ukrainisch im Donbass, soll wegen der militärischen Aktivitäten seinen dreizehnjährigen Neffen aus dem Internat am anderen Ende der Stadt holen. Unter normalen Umständen kein Problem – wenn aber Krieg herrscht, gerät alles und jeder zur potentiellen Bedrohung, nichts bleibt sicher, und die vertraute Umgebung wird zur Fremde. So braucht Pascha denn einen ganzen Tag, um seinen Neffen zu erreichen, und ihre gemeinsame Rückkehr nach Hause lässt sie zwischen die Fronten geraten.

Eindrucksvoll und – nicht nur in diesen Tagen – wichtig.