Skip to content

Gelesen. Saunders.

George Saunders: Lincoln im Bardo. Übertragen von Frank Heibert. München: Luchterhand, 2018.

1862, ein Jahr nach Beginn der Sezessionskrieges, haben Abraham und Mary Lincoln einen wichtigen Empfang in ihrem Hause zu geben, der nicht abgesagt werden sollte, weil er dem politischen Interesse des Präsidenten dient. Ihr Sohn Willie fiebert und stirbt schließlich, vermutlich an Typhus. Diese tragische Opposition – gesellschaftliches Ansehen und persönliches Unglück (schon zuvor war ein Sohn jung gestorben) – kennzeichnet Abraham Lincoln, der in der Folge – auch das historisch verbürgt – den Leichnam seines geliebten Kindes mehrfach allein in der Gruft besucht und in die Arme nimmt.

George Saunders lässt allerdings viel mehr passieren als diese Außenschau aus dem Diesseits, denn Willie geht ein in den Bardo. Die Annahme der Existenz eines solchen stammt aus dem Buddhismus und wird im Buch verstanden als ein Bereich zwischen Leben und Tod, in dem diejenigen sich versammeln, die aus verschiedenen Gründen nicht endgültig sterben wollen oder können, weil sie sich ihrem früheren Leben noch verpflichtet fühlen oder den Tod schlicht nicht wahr haben wollen. Entsprechend bezeichnen sich die noch mit ihrem Tod Hadernden als »krank«, den Sarg als »Kranken-Kiste« und so fort. Ein Stimmengewirr von im Bardo Verharrenden kommentiert mithin das stille Geschehen, versucht selbst zu handeln, erinnert sich angesichts dieses Neuankömmlings an die eigene Lebensgeschichte, streitet, liebt und schmiedet Ränke, verändert sich – viel intensiver und dichter als die oben geschilderte diesseitige Szene vermuten ließe.

Der Erzähler ist im ganzen Buch abwesend: das Geschehen wird aus unterschiedlichen Stimmen konstruiert, wahren und erfundenen historischen Quellen, die eher die Brüchigkeit und Unzuverlässigkeit unserer Erfahrung und Erinnerung belegen denn eine verlässliche Wahrheit anbieten – dies exemplarisch im fünften Kapitel, das elf verschiedene, sich in Teilen oder grundsätzlich widersprechende Quellen darbietet, in denen das Wetter und die Mondphase bestimmt werden –, und vor allem im Bardo zunehmend deutlicher werdenden Geisterfiguren, die jeweils bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse in ihren fragwürdigen und zum Teil grausamen Auswirkungen zeigen, sei es die puritanisch bigotte und misogyne Sexualmoral, seien es Armut, Rassismus und Gewalt. (Hier vermute ich, dass das mit der eigenen Geschichte vertrautere Publikum auch deutlich mehr wahrnimmt und versteht als ich.) Ein wenig erinnert der Bardo in der Tat an die Szenerie in Neil Gaimans Graveyard Book, das als Kinderbuch aber eher Typen abbildet als historische Realität kritisieren zu wollen; Saunders setzt seinen Fokus viel deutlicher auf die Darstellung problematischer Lebensumstände.

Als zentral lese ich natürlich vor allem die Beziehung zwischen Vater und Kind – was kitschig anmutend vorgestellt werden könnte, ist es bei Saunders gerade nicht, wozu auch das jede aufzukommen drohende Sentimentalität im Keim erstickenden tragikomische Stimmengewirr beiträgt, das, mal in Stichomythie, mal, gerade wenn auf Lebensgeschichten rekurriert wird, in längeren Monologen, den persönlichen Schmerz relativiert. Auf diese Weise werden Liebe und Trauer ernst genommen, aber nicht süßlich überhöht. –

Die Übersetzung scheint mir gelungen, wenn ich auch bei einigen der Erzählstimmen neugierig war, wie sie im Original klingen mögen, gerade wenn durch Dia- oder Soziolekt gefärbte Sprecher*innen auftraten oder durch unvollkommene Orthografie gekennzeichnete schriftliche Zeugnisse wiedergegeben wurden. – Die Lektüre ist trotz des multiperspektivischen und vielstimmigen Erzählens erstaunlich leicht und wird empfohlen. –

Den Versuch einer Adaption zeigt ein kurzer VR-Film der New York Times.

(Saunders’ Kurzgeschichtensammlung liegt hier schon seit einiger Zeit auf dem Stapel zu lesender Bücher.)

Gelesen. Hein.

Jakob Hein: Mein erstes T-Shirt. München: Piper, 2001.

Aus dem Tauschregal. Wird auch wieder zurück gelegt …

Gelesen. Lanchester.

John Lanchester: Die Mauer. Übertragen von Dorothee Merkel. Stuttgart: Klett-Cotta, 2019.

Wie ungewöhnlich (gut) Sibylle Berg schreibt, wird deutlich durch den Kontrast zu Die Mauer: letzteres ebenfalls eine Dystopie, die heutige Entwicklungen fortschreibt (die Mauer ist das Küstenbollwerk gegen den gestiegenen Meeresspiegel und »die Anderen«: anlandende Klimaflüchtlinge), aber ganz konventionell und sprachlich einfach erzählt: solides Handwerk (und als solches zum Beispiel in der Schilderung der psychischen Verfasstheit der auf der Mauer ihren Pflichtdienst ableistenden jungen Leute nicht zu unterschätzen), aber auch nicht mehr.

Gelesen. Berg.

Sibylle Berg: GRM. Brainfuck. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2019.

Heftig und zeitweise schwer erträglich; gewiss keine Wohlfühl-Literatur. Und natürlich trotzdem – wahlweise deshalb – empfehlens- und lesenswerte … Dystopie, wäre hier das nächste zu erwartende Wort. Aber tatsächlich ist der Brainfuck eine solche nur teilweise, weil viele der geschilderten Begebenheiten weder fiktional noch zukünftig sind, sondern fast schon wieder vergessener junger faktischer Vergangenheit entstammen. Insofern eher ein Rant aus vielen Stimmen einer Zeit voller gedachtem und ausgelebtem Hass – wenn bei aller hellsichtigen Verzweiflung über den destruktiven Irrsinn des Menschen auch der Wille zur humanistischen Hoffnung erkennbar wird (erklärt man sich in naiver Harmoniesucht).

Alles Weitere viel klüger in der Rezension Ursula März’ in der Zeit – »Ein Buch wie ein Sprengsatz« (€), auf die mich Tanja hinwies.

Gelesen. Moss.

Sarah Moss: The Tidal Zone. London: Granta, 2016.

Geschenk von E-Kind 1. – Leseempfehlung.

Wesentlich aus der Sicht Adams, des vorwiegend als Hausmann tätigen Vaters, erzählte Geschichte, in der der Alltag von Emma (der Mutter, einer im NHS tätigen Ärztin) und ihren Töchtern Rose (8) und Miriam (15) aus dem Trott gerissen wird, als letztere nach einem unvermittelten Atem- und Herzstillstand aufgrund eines anaphylaktischen Schocks wiederbelebt werden muss. Auch nach langen Tagen und Wochen im Krankenhaus wird nicht wirklich klar, ob ein nicht erkanntes Allergen oder aber bloße körperliche Betätigung zur Extremreaktion geführt hat, sodass das Leben der Tochter dauerhaft gefährdet bleibt.

Moss schildert überzeugend die Gefühle und unterschiedlichen Reaktionen auf die neue Situation und verschränkt das allmähliche Arrangieren der Betroffenen mit Szenen aus dem Leben des Vaters Adams: gerade das Familienleben, das aufgrund des Vorfalls plötzlich gefährdet ist, wird erst begreifbar, indem es als in einen Generationenlauf eingebettet vorgestellt wird. Bei Uwe Johnson liest man: »Man sollte kein Leben beschreiben, ohne mit der Großmutter anzufangen.«1 1: »Ich überlege mir die Geschichte …« Uwe Johnson im Gespräch. Hg. von Eberhard Fahlke. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch, 1988 (es NF 1440). 242. In diesem Fall wird die Forderung umso deutlicher, denn bereits die Mutter Adams verschwand, obwohl hervorragende Schwimmerin, in seinem Kinderalter in der See, was er vor dem Hintergrund des jetzigen Geschehen als eine Vorwegnahme des Beinahe-Todes Miriams begreift.

Eine weitere Parallelgeschichte ist die Coventrys und insbesondere seiner 1940 zerstörten Kathedrale sowie dessen Überlegungen zum Wiederaufbau und Neuausstattung, was durch den historischen Nebenjob Adams begründet ist.

Moss’ Roman – von der Anlage her novellenhaft – hat mich beeindruckt durch das Erfassen der Beziehungen zwischen den Eltern und insbesondere zwischen dem Vater und seinen Töchtern.

The child was a girl, but the most important thing about her was that she was herself. She was someone new, someone who had not not been before and so, like all babies, she was a revelation. (4)

Der Roman endet nicht hollywoodesk auf die eine oder andere extreme Weise. Er beschreibt den Schmerz über die Sterblichkeit der Kinder und anderen nahen Personen, aber auch das stoische Akzeptieren des jede menschliche Beziehung bedrohenden Memento mori, schließlich auch die Einhegung elterlicher Angst im Interesse der Kinder.