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Gelesen. Tolstoi.

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden. (2 Bände.) Übertragen von Barbara Conrad. München: Hanser, 2010.

»Roman«, das ist die Restmenge, nachdem man die strenger bestimmten Prosaformen per Definition ausgeschlossen hat, und so ist auch diese Sammlung Tolstoischer Schriften ein solcher, obwohl das Konstrukt neben (gesellschafts-, familien- und entwicklungs-) romanhaften Zügen auch solche der allgemeinen Geschichtsbetrachtung, ideengeschichtlicher Reflexionen, militärischer Überlegungen und politischen Diskussion aufweist, und sich der_dem Lesenden daher zuweilen auch etwas sperrig zeigt.

Seit Jahresbeginn habe nichts anderes Belletristisches gelesen (und ich lege Wert auf die Tatsache, dass ich gestern, einen Tag vor der Bekanntgabe des ab dem 16.3. folgenden zweiwöchigen Unterrichtsausfalls im Interesse der verlangsamten CoViD-19-Verbreitung, die Lektüre abgeschlossen habe), und wie andere langen Bücher hat auch dieses mich schließlich sehr im Bann gehalten. (Inhalt gibt’s in der Wikipedia.)

Es sind nicht so sehr die Geschichten, die erzählt werden, die, verkürzt wiedergegeben, banal sind, wie wir Menschen es nun einmal sind: boy meets girl, zuweilen hemmende Einflüsse durch Konventionen und/oder Zeitläufte, doch schlussendlich finden sich die Liebenden doch … – schon eher die Veränderungen, die sie durchleben über die Zeit von 1805 bis 1812, die aufgrund der historischen Lage – Napoleon unterwirft sich ein Land nach dem anderen und marschiert schließlich bis nach Moskau – existenzielle Fragen aufwerfen und die Figuren stellvertretend leiden, aber auch reifer werden lassen.

Wer den Titel allein liest, könnte vermuten, der Krieg würde eine positive Rolle einnehmen, doch Tolstoi ist nichts ferner: die Lehrjahre der Figuren bedeuten auch eine deutliche Abkehr von allen Illusionen, die sie sich über den Krieg als vermeintlich heroische Einrichtung je gemacht haben; dies wird deutlich in Figuren wie dem jungen Petja, der begeistert in den Krieg zieht und beim ersten ernsthaften Gefecht durch einen Kopfschuss getötet wird, aber auch in der naiv-wunderlichen Art, in der Pierre die Schlacht bei Borodino als Unbeteiligter miterlebt, was ihn fürderhin stoisch alle kleineren Dummheiten der Menschen ertragen lässt, weil an die eine große keine andere herankommt.

Erstaunlich klar und bitterhumorig entlarvt Tolstoi die Vorstellungen der Menschen über angeblich großartige Heerführer und ihre Leistungen. So wie er als erstaunlich zeigt, dass Hunderttausende dem Befehl eines einzelnen Aggressors über tausende Kilometer in völlig fremde Länder folgen, statt lieber zuhause zu bleiben, wird auf der anderen Seite die militärische Verteidigung Russlands als nutzlos demaskiert und ihre anschließende Dekoration mit höchsten Orden spöttisch begleitet. Die Kontrastierung dieser großen Linien, die auf der Fähigkeit zum Bluff, fragwürdigen Ehrbegriffen und anderen Geistesverirrungen gründen, mit der empathischen Schilderung der Schicksale Einzelner beeindruckt zutiefst, was jede Kriegsführung in späteren Jahren nur umso unverständlicher werden lässt.

Das klingt dann – in einem fingierten historischen Bericht (mithin nicht in Tolstois typischem Duktus, von der Haltung her allerdings stimmig) im Epilog – beispielsweise so:

»Ludwig XIV. war ein sehr stolzer und anmaßender Mensch; er hatte die und die Geliebten, die und die Minister und regierte Frankreich schlecht. Ludwigs Nachfolger waren ebenfalls schwache Menschen und regierten Frankreich ebenfalls schlecht. Auch sie hatten die und die Favoriten und die und die Geliebten. Außerdem schrieben zu jener Zeit auch einige Menschen Bücher. Ende des 18. Jahrhunderts versammelten sich in Paris etwa zwei Dutzend Leute, die davon zu reden anfingen, dass alle Menschen gleich und frei seien. Daraufhin begannen in ganz Frankreich die Menschen einander abzuschlachten und zu ersäufen. Sie töteten den König und noch viele andere. Zur selben Zeit aber gab es in Frankreich einen genialen Menschen – Napoleon. Überall besiegte er alle, das heißt, er tötete viele Menschen, weil er sehr genial war. Er zog aus, um zu irgendeinem Zweck Afrikaner zu töten, und so gut brachte er sie um und war so listig und schlau, dass er, als er wieder nach Frankreich kam, allen befahl, ihm zu gehorchen. Und alle gehorchten ihm. Nachdem er sich zum Kaiser gemacht hatte, zog er wieder los, Menschen in Italien, in Österreich und in Preußen umzubringen. Auch dort tötete er viel. In Russland aber gab es den Kaiser Alexander, der sich entschlossen hatte, die Ordnung in Europa wiederherzustellen und der deshalb gegen Napoleon Krieg führte. Aber im Jahre sieben schloss er plötzlich Freundschaft mit ihm, zerstritt sich aber im Jahre elf wieder mit ihm, und wieder begannen sie, viel Volks zu töten. Napoleon führte sechshunderttausend Mann nach Russland und eroberte Moskau; aber dann lief er plötzlich aus Moskau weg, und damals einte Kaiser Alexander Europa mit Hilfe der Ratschläge Steins und anderer, um sich gegen den Störenfried zu rüsten. Die Verbündeten Napoleons wurden plötzlich alle zu seinen Feinden; und diese Streitmacht zog gegen Napoleon, der neue Streitkräfte zusammengezogen hatte. Die Verbündeten besiegten Napoleon, rückten in Paris ein, zwangen Napoleon, auf den Thron zu verzichten, und schickten ihn auf die Insel Elba, ließen ihm aber die Kaiserwürde und erwiesen ihm alle Ehren, obgleich ihn alle in den fünf Jahren davor und dem Jahr danach für einen Räuber und Gesetzlosen gehalten hatten. […]« [Ebd., II, 1018]

Zweieinhalb Monate lang habe ich an diesen von Barbara Conrad vorbildlich übertragenen und mit Anmerkungen versehenen über 2100 Seiten gelesen. Es war keine vertane Zeit.

Gelesen. Sente, Berserik, van Dongen.

Yves Sente, Teun Berserik und Peter van Dongen: Das Tal der Unsterblichen 1: Gefahr für Hongkong. Übertragen von Harald Sachse. Hamburg: Carlsen, 2019.

Auch diese Neubelebung der Blake-und-Mortimer-Abenteuer hat zwar den Charme der ligne claire, kommt aber an Hergés Werk nicht heran. Trotzdem werde ich natürlich den zweiten Teil lesen müssen, sobald er erscheint.

Gelesen. Zhou.

[Zhou Xingsi:] Der 1000[-]Zeichen[-]Klassiker. Übertragen von Eva Lüdi Kong. Ditzingen: Reclam, 2018.

Reclam hat sich in den letzten Jahren ja schon durch verschiedene (Neu-) Übersetzungen chinesischer Klassiker hervorgetan, und dieses ist ein von der Konzeption her besonderes Projekt:

Kaiser Wu beauftragte um 500 v. u. Z. Zhou Xingsi, die in Stein gemeißelte Vorlage von genau 1000 grundlegenden Schriftzeichen, die gemeinhin zur Übung der Pinselschrift verwendet wurden, in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Dies gelang Zhou sogar in Reimen, und in dieser Form – 250 Strophen à 4 Verse (wobei jeder Vers aus einem Schriftzeichen besteht) – ist der Text über Jahrtausende überliefert worden, diente fast ebenso lang als Grundschulfibel, sodass unzählige Generationen von Schüler*innen sich beim Üben der Schriftzeichen den Inhalt einschrieben und aufgrund der gereimten Form vermutlich auch lebenslang behielten.

Das für uns Nichtchinesen Faszinierende ist dabei, dass tatsächlich jedes einzelne Zeichen einen weiten Sinnhorizont evoziert, aber im Kontext vergleichsweise eindeutig verstanden werden kann, sodass insgesamt historisches und naturwissenschaftliches Wissen wie auch gesellschaftliche Vorstellungen und Normen tradiert wurden – wer beispielsweise Konfuzius’ Gespräche gelesen hat, wird viele Gedanken wiedererkennen.

Foto einer Doppelseite des besprochenen Buches.In der vorliegenden Übertragung wird ein sinniges Layout verwendet, um einerseits das Original zu präsentieren, andererseits den des Chinesischen Unkundigen eine annotierte Übersetzung zeigen zu können: auf der jeweils rechten Buchseite finden sich (neben der Versnummerierung als Marginalie ganz rechts) vier Spalten. Die erste enthält die im Kontext sinnvollste Ein-Wort-Übersetzung des in der nächsten Spalte folgenden chinesischen Schriftzeichens, in der dritten folgt eine phonetische Umschrift, die den Reim des Originals erahnen lässt, in der vierten schließlich die Übertragung in deutsche Verse. Ergänzt wird diese Textpräsentation durch Anmerkungen auf der linken Buchseite; diese wiederum sind illustriert mit Bildern aus Ausgaben des Klassikers, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden sind. (Ein erklärender Abschnitt zur Textgestalt findet sich fast wörtlich wiederholt auf den Seiten 8 und 116; an Absicht mag ich nicht so ganz glauben.)

Insgesamt eine sehr schöne Ausgabe in rotem Seideneinband, natürlich fadengeftet mit Lesebändchen (dessen Abdruck auf dem Foto erkennbar ist).

Gelesen. Carr.

J. L. Carr: Die Lehren des Schuldirektors George Harpole. Übertragen von Monika Köpfer. Köln: DuMont, 2019.

Carr wusste offenbar aus eigener Erfahrung, von was er schrieb, als er in einem in den 1950er Jahren spielenden Schulroman die Auseinandersetzung mit Schuladministration und Umfeld thematisierte. Die erwähnten Eigentümlichkeiten, die fragwürdigen Hierarchien und behäbigen Entscheidungswege, die in Funktionen erstarrten Theoretiker, all das, was Außenstehende unbegreiflich fänden – all das ist heute selbstverständlich ganz anders.

Gelesen. Chabon.

Michael Chabon: Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay. Übertragen von Andrea Fischer. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2002.

Ein Roman über die US-amerikanische Comic-Industrie und die in ihr Schaffenden vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg und als solcher durchaus lehrreich. Kavalier, vor den Nazis aus Prag geflohener Jude, der sich dazu natürlich des Golems bedienen musste, und Clay, sein Cousin, erdenken Geschichten um den Superhelden Eskapist, die ein zunehmend größeres Publikum des aufstrebenden Mediums liest. Man könnte es als Absicht verstehen, dass der Roman ebenso wie die entstehenden Hefte von einer mindestens zeitweise übertrieben erscheinenden Breitwandüppigkeit zeugt – Farben nicht von Technicolor, sondern noch greller, dabei ebenso grob gerastert wie der Druck der frühen Superman-Hefte –, und damit einer Überwältigungstrategie durch immer mehr vom Besten folgt, die wie beim Hollywood-Film in technischer Perfektion Qualität bedeuten soll und doch mehr oder minder willkürlich kombinierte Inhalte – behauptete Freude, Liebe, gezeigtes Leid – stets nur als Mittel zum Zweck verstehen kann. So reicht es nur zum Melodram.

»Was könnte den Figuren denn noch so passieren?« scheint häufiger die Frage gewesen zu sein, die sich Chabon beim Schreiben stellte. Darin ist er seinen Figuren ähnlich, deren Schaffensprozess genau und schlüssig gezeigt wird: die Variationen von Superheld*innen, die jeweils gewisse Ähnlichkeiten haben dürfen, aber auch nicht zu viele, damit nicht die Copyright-Klage des Konkurrenten folgt. Die immer neue, noch unwahrscheinlichere Abenteuer bestehen, Kräfte entwickeln, Feinde besiegen müssen, um die Leser*innen jede Woche neu von der Notwendigkeit des Kaufes zu überzeugen. Nun, manchmal funktioniert’s halbwegs. Übrigens gerade dann, wenn es nicht um neue Abenteuer der Figuren geht.

Wie viele einsame Kinder war sein Problem nicht die Einsamkeit an sich, sondern dass er nie allein gelassen wurde, um sie zu genießen. Es gab immer wohlmeinende Erwachsene, die versuchten, ihn zu bequatschen, zu bessern und zu beraten, zu bestechen, zu beschwatzen und zu bedrohen, damit er sich Freunde suchte, laut und deutlich sprach, an die frische Luft ging; und am schlimmsten waren die anderen Kinder, die offenbar nicht spielen konnten, ohne ihn bei gemeinen Spielen auzuziehen, oder ihn nachdrücklich auszuschließen, wenn die Spiele nett waren. [Ebd., 658]

Abgesehen von der fragwürdigen Struktur des ersten Satzes, die auch der Übersetzung geschuldet sein kann, eine treffende Beschreibung – die jedoch auch das Problem des Autors im Überborden der Einfälle zeigt: es reicht eben nicht das »bequatschen«, nein, es müssen noch fünf weitere Möglichkeiten gefunden werden, die zudem teilweise gleichbedeutend sind.

Am gelungensten erscheint mir die Episode, in der die Protagonisten Welles’ Citizen Kane sehen und Kavalier aufgrund der ihn zutiefst beeindruckenden innovativen Machart des Films eine ganz neue Art der Bildsprache im Comic entwickelt.

Über die lange Strecke der Erzählung aber (über achthundert Seiten!) bleibt ein schales Gefühl.

Gelesen. Sterne.

Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Übertragen von Michael Walter. Berlin: Galiani, 2018.

Zum ersten Mal las ich das Buch in meiner Buchhandelszeit um 1990 herum, damals in der Ausgabe bei Artemis & Winkler, die mir aber zwischenzeitlich unerklärlicherweise abhanden kam, sodass ich nicht einmal nachsehen kann, ob es die Übersetzung von Bode war (was ich vermute). Definitiv enthielt sie die Sonderseiten nicht, die in der Neuausgabe bei Galiani (zuerst erschienen vor Urzeiten bei Haffmans) zumindest näherungsweise nachgebildet werden. Die Übersetzungs- und Editionsgeschichte übrigens wird im Nachwort ausführlich dargestellt.

Insgesamt (wie allerorten nachzulesen) eine sehr verdrehte Geschichte, deren Erzähler erst sehr spät als (auch dann nur selten) handelnde Figur eingeführt wird, vielmehr mittels der Kombination von verschrobenen Charakteren und grotesken Handlungselementen jede Ernsthaftigkeit ad absurdum führt – sei es zum Teil auch mit heutzutage sehr derb anmutenden humorigen Galanterien und mehr als offensichtlichen Anspielungen auf sexuelle Eigenheiten und Handlungen. Heute noch lesenswert aufgrund des Feuerwerks an Konstruktionseinfällen Sternes, die das erzähltheoretische Herzirn erfreuen, aber auch des freigeistigen Entlarvens vorgeblich wissenschaftlicher und zeitgemäßer geistlicher Übungen wegen.

Wertvoller Anmerkungsapparat, gute Fadenheftung, Lesebändchen. Was will man mehr?

Comics bei Ben.

Und dann lest mal rasch die Graphic-Novel-Empfehlungen bei Ben – nicht alles unbedingt mein Geschmack (allein von Gung Ho weiß ich, dass es mir gefiel), aber andere mögen das anders sehen, nachdem sie die Titel so enthusiastisch ans Herz gelegt bekommen haben.