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Gelesen. Muschg.

Adolf Muschg: Heimkehr nach Fukushima. München: Beck, 2018.

Der rote Ritter war damals (1993) so gut wie Pflicht nach zwei universitären Parzival-Lektürekursen und gefiel mir auch ganz gut, daher habe ich mir den Muschg aus der Liste der Buchpreis-Nominierten ausgewählt.

Und ja, es ist natürlich kein schlechtes Buch, aber es atmet mir zu sehr den Geist des emeritierten Literaturprofessors. Der alternde, seiner langjährigen Partnerin just entledigte Architekt, der in Fukushima eine Künstlerkolonie gründen soll, um die Überwindung des Atomunfalls zu signalisieren, und die junge Japanerin, beide vereint in ihrer tiefen Kenntnis von Stifters Schriften, über die sie zur gemeinsamen (auch explizit geschilderten) Liebe finden … das ist mir doch ein bisschen dick aufgetragen, wenngleich natürlich sorgfältig ausgeführt.

Gelesen. Joyce.

James Joyce: Ulysses. Übertragen von Hans Wollschläger. Frankfurt: Suhrkamp, 2004.
James Joyce: Ulysses. New York: Vintage, 1986.

Das war das Leseprojekt für die Sommerferien: im Anschluss an Homers Odyssee Relektüre Joyce’ Version derselben (zum ersten Mal gelesen habe ich sie in Nachtschichten des Zivildienstes).

Paralleles, abwechselndes und Durcheinander-Lesen der kommentierten deutschen Variante und der englischen Gabler Edition – die rein englische Lektüre habe ich mir – anders als Anke – nicht zugetraut, weil ich, wenn ich eine Zeit lang nur die englische Variante gelesen habe, immer wieder das Gefühl hatte, mir entgeht Wesentliches (beim Kontrolllesen in der deutschen Version wiederum bemerkt, dass das streckenweise auch nicht viel besser ist).

Beispielseite aus der kommentierten Suhrkamp-AusgabeDie Anzahl und der Umfang der Anmerkungen in der deutschen Ausgabe (im Bild rechts: allein der Textblock oben rechts auf der linken Seite ist Text, der Rest Anmerkungen) zeigt, dass einem eine ganze Menge entgehen kann, wenn man nicht zufällig selbst mit Joyce durch die Kneipen Dublins gezogen ist und nebenbei dieselbe hoch-/pop-/subkulturelle Bildung wie er erworben hat. Dass die Fülle Wissens, die eifrige Literaturwissenschaftler*innen in den Marginalien zusammengetragen haben, in jedem Fall so sehr wichtig ist, kann sicher bestritten werden; in vielen Fällen aber bekommt man so zumindest eine Ahnung, von was die durch keinerlei Erzählerinstanz vermittelten Figuren überhaupt reden.

Wenn man beide Ausgaben nebeneinanderliegen hat, fällt auch auf, welch enorme Leistung die Übertragung überhaupt war – beispielsweise, wenn das 14. Kapitel in Form historischer Sprachentwicklungsstufen erzählt wird und Wollschläger zu den entsprechenden englischen Passagen deutsche Entsprechungen finden musste.

In der kommentierten Ausgabe gibt’s auch jeweils eine Einführung zu jedem Kapitel, die einerseits die Referenzstellen aus der Odyssee vorstellt, andererseits kurz eine inhaltliche Einordnung des Geschehens im Ulysses vornimmt. Im Anhang der Ausgabe findet sich unter anderem ein Kartenteil, in dem die Wege der Figuren durch Dublin gezeigt werden.

(So, und nun nehme ich mir noch einmal Senns Nichts gegen Joyce vor, das ich damals – ebenso wie den Ulysses – in der Buchhandlung zum Wetzstein kaufte.)

Gelesen. Doctorow.

Cory Doctorow: Walkaway. Übertragen von Jürgen Langowsky. München: Heyne, 2018.

Doctorow zeichnet eine in einer nicht allzu fernen Zukunft liegende Welt, die in dystopischen »Default« und utopischen »Walkaway« unterteilt ist, in denen gegensätzliche Lebensentwürfe gelebt werden, und strickt eine hölzern-funktionale Romanhandlung drumrum. Wesentliche Probleme wie Kleidungs- und Nahrungsherstellung, Begrenztheit des Lebens aufgrund Verletzlichkeit des Körpers etc. werden technisch gelöst – die Welt: ein Hackerspace. Eine der interessantesten Figuren ist in der Folge das in vielen Instanzen auf diversen Rechnern laufende Backup einer bei einem Angriff des Defaults zu Tode gekommenen Informatikerin. – Dem Buch hätte ein*e beherzte*r Lektor*in gut getan, um Redundanzen zu beseitigen und damit den Umfang auf die Hälfte zu verringern.

Gelesen. Flix.

Flix: Spirou in Berlin. Hamburg: Carlsen, 2018.

Wirklich passend erscheint mir das ganze Setting – wesentlicher Schauplatz ist die DDR kurz vor dem Mauerfall – nicht. Die Notwendigkeit der Darstellung der Lebensbedrohlichkeit und Menschenfeindlichkeit einer jeden Diktatur führt zu Problemen: wie ist der Tod an der Mauer darstellbar? Wie Überwachung, wie Folter? Flix hat allerdings überzeugende zeichnerische und erzählerische Lösungen gefunden, ohne die kinderfreundlichen Vorgaben des vielfältigen Spirou-Kanons zu gefährden.

Eine Menge versteckter Anspielungen auf Mawils Kinderland, Harry-Potter-Verfilmungen, Kubricks Shining, Lucky Luke, den kleinen Maulwurf, Sandmännchen, Lolek und Bolek, Pittiplatsch und Schnatterinchen, aber auch auf den Stern-Skandal um die vermeintlichen Hitler-Tagebücher, historische Aussprüche rund um die Grenzöffnung etc.

[Update:] Kind 2 hat auch die Abrafaxe gefunden, die ich übersehen hatte.

Gelesen. Tschinag.

Galsan Tschinag: Die graue Erde. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch, 2001.

Die Lektüre dieses Buches verdanke ich einer irgendwo aufgeschnappten Anregung, an die ich mich nicht mehr erinnere. Das Alter, eben. –

Tschinag hat in der DDR studiert, anhand der Klassiker auch Deutsch gelernt, sodass wir in den Genuss fremdländischer Literatur kommen, ohne eine Übersetzung lesen zu müssen. Seine Diplomarbeit schrieb er über Erwin Strittmatter. Tschinag beschreibt im genannten Titel die vermutlich weitgehend autobiografische Geschichte eines Jungen aus dem Nomadenvolk der Tuwa, der zum Zwecke des Schulbesuchs in die nächste Kreisstadt zieht, wo er sich parteilichen Erziehungsmethoden im Sinne des Stalinismus unterworfen sieht. Dem urspünglichen Leben in der und mit der Natur werden die Dogmen und Praktiken des sozialistischen Materialismus entgegengesetzt; Konflikte zeichnen sich ab …

(Warum Verlage es nicht schaffen, zusammengehörige Bücher als solche zu kennzeichnen, wodurch dem Leser erspart bliebe, das zweite Buch vor dem ersten – Der blaue Himmel – zu lesen, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Der weiße Berg ist wohl das dritte zu dieser Folge. Auch das hält der Verlag aber geheim.)

Eine der ersten Handlungen des oben erwähnten Jungen ist das Schamanen, womit der die Tätigkeit eines Schamanen beschreibt, indem er »schamanen« als Verb nutzt. Dass Tschinag in seiner Kultur die Funktion des Schamanen wahrnimmt, führt zu amüsanten kulturellen Missverständnissen, beispielsweise, wenn – wie dankenswerterweise auf YouTube dokumentiert – westliche Möchtegernschamanen ihn vermutlich in der Hoffnung auf hermetische Zauberkunde auf einen erzesoterischen Heilerkongress einladen, wo er munter selbstironisch über seine Stellung referiert und als seine wichtigsten Geister (denn mit solchen arbeite er als Schamane eben Hand in Hand) neben Siddharta Gautama und Jesus auch Aristoteles, Sokrates, Jeanne d’Arc, Mozart, vor allem aber Goethe und Beethoven nennt.