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Gelesen. Orwell.

George Orwell: Nineteen Eighty-Four. Harmondsworth: Penguin, 1984.

Für £1.95 gekauft und zum ersten Mal gelesen im Juli 1985. Erneute Lektüre aus Gründen.

Gelesen. Jünger.

Ernst Jünger: Gläserne Bienen. Stuttgart: Klett-Cotta, 1990.

Durch fingierte Herausgeberschaft relativierte krude Mischung aus rückwärtsgewandter Heldenverehrung, sentimentaler Rückschau auf Geist und Praxis vermeintlich guter Zeiten der Kriegsführung (zu Pferde) und Science-fiction-Elementen, die für das Erscheinungsjahr (1957 bzw. in der vorliegenden Fassung 1960) erstaunlich genau gesellschaftliche und technische Phänomene beschreiben.

Wenn der Erzähler beispielsweise die Beschäftigten eines Industriewerks sieht –

Daß Zapparonis Arbeiter Herren waren, bezeugte kein Umstand besser als der, daß ihnen keine Arbeitszeit gesetzt wurde. Sie kamen und gingen, wie es ihnen lag, vorausgesetzt, daß sie nicht gerade im Team schafften. Das war im Modellwerk die Ausnahme. Freilich muß ich hinzufügen, daß diese Regelung oder vielmehr Nichtregelung für Zapparoni günstig war. Das Arbeitsethos in seinen Werken ließ nichts zu wünschen übrig; man schaffte und schuf dort nach Art der Künstler, die von ihrem Opus besessen sind. Es gab keine Arbeitszeit – das hieß eher, es wurde fast immer gearbeitet. Die Arbeiter träumten von ihren Kunstwerken. Daß sie Herren waren, ließ sich auch daraus ersehen, daß sie Zeit hatten. Das hieß aber nicht, daß sie Zeit verschwendeten. Sie hatten diese Zeit vielmehr, wie reiche Leute ihr Geld im Sack haben. Ihr Reichtum ruht im Sack, nicht in der Ausgabe. Man spürt ihn aber in ihrem Auftreten. [Ebd., 32]

–, dann ist die Nähe zu dem, was wir von der Arbeitsweise der großen Netzfirmen à la Google wissen, offensichtlich. Ebenso, dass die »gläsernen Bienen« eine Vorstufe zu Kleinstdrohnen sind, deren mögliche zivile wie militärische Einsatzgebiete auch schon abgesteckt werden …

Marianne Regensburgers Fazit bei der Veröffentlichung: »Ich kann mich des Eindruckes nicht erwehren, daß Ernst Jünger uns heute nicht mehr sehr viel zu sagen hat.« [Die Zeit]

Gelesen. Hilbig.

Wolfgang Hilbig: Die Arbeit an den Öfen. Erzählungen. Berlin: Friedenauer Presse, 1994.

»Wir galten samt und sonders als negativ-feindliche, zumindest aber unnütze und parasitäre Mitglieder der Gesellschaft, denn wir hatten uns allesamt den nebelhaften Gestirnen von Kunst und Literatur verschrieben.« [»Versuch über Katzen«. Ebd., 62]

Gelesen. Auster.

Paul Auster: 4 3 2 1. Übertragen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Reinbek: Rowohlt, 2017.

Ein Buch der Erinnerung, in dem Auster vier Protagonisten vorstellt: offenkundig Variationen seiner selbst. Gleichzeitig ein Aufbewahren der Zeit und möglichen Erfahrungen, ebenfalls eng geführt. Trotz des schematischen Aufbaus der vier parallel geführten Lebensläufe, in denen nicht nur der Protagonist, sondern auch die anderen Figuren immer die gleichen Namen tragen, bleibt das Buch leicht lesbar; die vielen Anregungen aus der Kulturgeschichte (vor allem) Amerikas tragen zum Gefallen bei. Dass ein literarisches Projekt wie dieses, das programmatisch wesentlich auf engen persönlichen Erfahrungen beruht, seine Schwächen mit sich bringt, weil es andere Perspektiven außer acht lässt, ist klar. – Gleichwohl: Leseempfehlung.

Gelesen. Enard.

Mathias Enard: Kompass. Übertragen von Holger Fock und Sabine Müller. München: Hanser Berlin, 2016.

Erzähler überdenkt aufgrund einer schlechten Nachricht über seinen Gesundheitszustand sein bisheriges Leben. Die Handlung ist dabei unerheblich (und das, was beispielsweise über die Beziehung des Protagonisten zu seiner Angebeteten erzählt wird, in besonderem Maße, weil sich darin nur Klischees und Banales finden); jedoch zeigen seine Gedanken ein assoziativ vorgehendes Sinnieren (vor allem) über den Zusammenhang zwischen den vermeintlich antagonistischen Polen Orient und Okzident in der Geistesgeschichte und verschiedenen Künsten. Insgesamt ist der Kompass damit nicht unbedingt ein herausragender Roman, gleichwohl aber sehr anregende Lektüre, die einiges selbstverständlich Angenommene reflektiert und in bislang unbekannte Zusammenhänge stellt.

Gelesen. Ferrari.

Jérôme Ferrari: Predigt auf den Untergang Roms. Übertragen von Christian Ruzicska. Zürich: Secession, 2013.

Gut, Matthieu und Libero haben in Paris Leibniz und Augustin studiert – dann haben sie aber doch lieber eine Kneipe in der korsischen Provinz eröffnet; und ob das Scheitern dieses Versuchs (der doch über weite Strecken ganz gelungen schien) mehr aussagt über den notwendigen Verfall menschlicher Werke als es eine den Studenten vorgezeichnete bürgerliche Karriere (die ja auch irgendwann als beendet erkannt werden muss) getan hätte, und ob es tatsächlich literarisch notwendig oder zielführend ist, die philosophische Ebene einzuziehen (sie drängt sich nämlich keienswegs auf, sondern wird recht auffällig konstruiert), fragt sich der Leser dann schon. Nebenbei nämlich wird Wichtigeres verhandelt, so der Zusammenhang der Generationen einer Familie, die je eigenen Historie spiegelnden Erfahrungen der Großeltern, Eltern, Kinder, all dies aus der ungewohnten Perspektive Korsikas.

Die Zweifel Liberos am Studium übrigens entzünden sich an einem Beispiel fragwürdiger Berufsauffassung:

Sein Ethikprofessor war ein junger, außergewöhnlich weitschweifiger und sympathischer Absolvent der École normale supérieure, der die Texte mit schon fast ekelhaft brillanter Ungezwungenheit behandelte, indem er seinen Studenten definitive Betrachtungen über das absolut Böse an den Kopf schmiss, die ein Landpfarrer nicht in Abrede gestellt hätte, selbst wenn er sie mit einer beachtenswerten Anzahl an Referenzen und Zitaten schmückte, die weder dazu geeignet waren, deren konzeptuelle Leere zu füllen noch deren absolute Trivialität zu kaschieren. Und dieses ganze moralische Ausschweifen stand obendrein noch im Dienste eines bravourös zynischen Ehrgeizes, es war vollkommen offensichtlich, dass die Universität für ihn nur eine notwendige, aber unbedeutsame Stufe darstellte auf seinem Weg hin zur Weihe der Fernsehauftritte, wo er öffentlich mit seinesgleichen den Namen der Philosophie entwürdigen würde unter den Blicken der weich gestimmten Augen ungebildeter und beglückter Journalisten, denn Journalismus und Kommerz dienten inzwischen als Ersatz für Denken, Libero konnte daran gar nicht mehr zweifeln, und er war wie ein Mensch, der nach unerhörten Anstrengungen soeben ein Vermögen gemacht hatte in einer Währung, die keine Gültigkeit mehr besaß. Gewiss war die Haltung des Professors nicht repräsentativ für die anderen Lehrenden, welche ihre Arbeit mit strenger Rechtschaffenheit ausübten, was ihnen Liberos Respekt einbrachte. [Ebd., 56f.]

Derlei Fernsehphilosophentum ist ja auch hierzulande verbreitet, die Abneigung verständlich, wenn vielleicht auch nicht ausreichend als Grund für die Abkehr von der Philosophie – später zeigt sich, dass Libero die Alternative auf Dauer ebensowenig behagt.

Das Buch selbst ein fast durchgängig gelungenes Objekt: fadengeheftet und in Leinen gebunden, Lesebädchen, schöne Typografie, Vorsatzklappen. Leider unpassende Ästhetik der Titelprägung.

Gelesen. Platonow.

Andrej Platonow: Die Baugrube. Übertragen von Gabriele Leupold. Berlin: Suhrkamp, 2017.

Über das von den Arbeitern gerettete Kind, Symbol der Hoffnung auf die Segnungen des stalinistischen Sozialismus, heißt es:

[…] das Mädchen [ging] stumm beiseite, ohne sich um jemand zu scheren, und setzte sich zum Spielen in den Sand. Aber es spielte nicht, es berührte nur etwas mit teilnahmsloser Hand und dachte nach.

Die Erdarbeiter kamen heran, beugten sich zu ihm und fragten:

»Was ist?«

»Nichts«, sagte das Mädchen, ohne achtzugeben. »Mir ist öde gewordenbei euch, ihr habt mich nicht lieb, – wenn ihr einschlaft in der Nacht, dann verprügle ich euch.« [Ebd., 79]

Von dieser angemessen kristallklaren Freudigkeit zeugt auch der Rest des Buchs.

Gelesen. Obioma.

Chigozie Obioma: Der dunkle Fluss. Übertragen von Nicolai von Schweder-Schreiner. Berlin: Aufbau, 2016.

Der Verfall einer Familie – zurückzuführen auf die Prophezeiung eines Außenseiters, die sich erfüllt, weil sie ausgesprochen und geglaubt wird.