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Gelesen. Tschinag.

Galsan Tschinag: Die graue Erde. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch, 2001.

Die Lektüre dieses Buches verdanke ich einer irgendwo aufgeschnappten Anregung, an die ich mich nicht mehr erinnere. Das Alter, eben. –

Tschinag hat in der DDR studiert, anhand der Klassiker auch Deutsch gelernt, sodass wir in den Genuss fremdländischer Literatur kommen, ohne eine Übersetzung lesen zu müssen. Seine Diplomarbeit schrieb er über Erwin Strittmatter. Tschinag beschreibt im genannten Titel die vermutlich weitgehend autobiografische Geschichte eines Jungen aus dem Nomadenvolk der Tuwa, der zum Zwecke des Schulbesuchs in die nächste Kreisstadt zieht, wo er sich parteilichen Erziehungsmethoden im Sinne des Stalinismus unterworfen sieht. Dem urspünglichen Leben in der und mit der Natur werden die Dogmen und Praktiken des sozialistischen Materialismus entgegengesetzt; Konflikte zeichnen sich ab …

(Warum Verlage es nicht schaffen, zusammengehörige Bücher als solche zu kennzeichnen, wodurch dem Leser erspart bliebe, das zweite Buch vor dem ersten – Der blaue Himmel – zu lesen, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. Der weiße Berg ist wohl das dritte zu dieser Folge. Auch das hält der Verlag aber geheim.)

Eine der ersten Handlungen des oben erwähnten Jungen ist das Schamanen, womit der die Tätigkeit eines Schamanen beschreibt, indem er »schamanen« als Verb nutzt. Dass Tschinag in seiner Kultur die Funktion des Schamanen wahrnimmt, führt zu amüsanten kulturellen Missverständnissen, beispielsweise, wenn – wie dankenswerterweise auf YouTube dokumentiert – westliche Möchtegernschamanen ihn vermutlich in der Hoffnung auf hermetische Zauberkunde auf einen erzesoterischen Heilerkongress einladen, wo er munter selbstironisch über seine Stellung referiert und als seine wichtigsten Geister (denn mit solchen arbeite er als Schamane eben Hand in Hand) neben Siddharta Gautama und Jesus auch Aristoteles, Sokrates, Jeanne d’Arc, Mozart, vor allem aber Goethe und Beethoven nennt.

Notate.

Es wird so viel geredet. Und so hastig. Manch einer kommt mit dem Denken nicht hinterher.

                         *   

Sinn und Form.

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Unterhaltungen sind schwierig, wenn es schnell gehen soll. Wenn auf den geschilderten Eindruck des einen nur zu rasch der des anderen folgt, dem der eigene Gedanke wichtiger als der des einen ist, bevor der Gedanke des einen so recht zu Ende gebracht, von allen Seiten betrachtet, geprüft und nachgedacht wird.

                         *   

Wie schnell es versehentlich passiert, dass eine verklärte Vergangenheit besser scheint als die Gegenwart.

                         *   

Eine still großartige Schulklasse: sehr unterschiedliche Menschen, die sich in ihrer Variation nicht nur respektieren, sondern diese freundlich einander zugewandt schätzen und unterstützen, gemeinsam fordern und anstrengen, dabei wach und kritisch sind. Und albern. Lehrpersonen kommen lächelnd aus dem Unterricht.

                         *   

Die Spürbarkeit des Sommerendes in der Sonnenwärme: die erste Kirschmarmelade gekocht, die von den Amseln verschmähten Johannisbeeren reif, die Fruchtdolden der mährischen Eberesche zwar noch grün, aber schon groß. Der Geruch des vertrockneten Grases.

Gelesen. Gaiman et al.

Neil Gaiman, Toby Litt, Peter Gross, Chris Bachalo, Peter Snejbjerg, Jamie Delano, Alisa Kwitney, Rachel Pollack, Mike Barreiro, Daniel Vozzo und Jeanne McGee: Free Country. A Tale of the Children’s Crusade. Burbank: DC, 2015.

Ein weiteres – und deutlich besseres, eher den Ansprüchen der Sandman-Serie genügendes – Spin-off mit Charles Rowland und Edwin Paine, den toten Detektiv spielenden Internatsjungs.

Gelesen. Wilson / Alphona.

G. Willow Wilson und Adrian Alphona: Ms. Marvel. Vol. 1: No Normal. New York: Marvel, 2014.

Junge Muslima im heutigen Amerika entdeckt ihre Superkräfte. Coming of Age in physischer (Superkraft beinhaltet übermenschlich lange, ungelenke Arme und Beine – Pubertierende wissen, von was ich rede) und psychischer Hinsicht (welche Rollenmodelle wähle ich mir?) sowie familiäre und kulturelle Konflikte, angenehm und mit Humor dargestellt. Jugendbuch in Comic-Form.

Gelesen. Von Ranke-Graves.

Titelbild: Antike in 50er-Jahre-ÄsthetikRobert von Ranke-Graves: Nausikaa und ihre Freier. Übertragen von F. G. Pincus. Berlin: Blanvalet, 1956.

Nausikaa wird vorgestellt als selbstbewusste und kluge Königstochter, die anlässlich der Abwesenheit ihres Vaters und der Ansammlung vieler diese Absenz nutzenden halbstarken Freier sowie der zufälligen Ankunft eines kretischen Schiffbrüchigen ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Später verarbeitet sie ihre Erlebnisse in einem viele tausend Verse langen Epos, als dessen Autor Homer bekannt werden sollte …

Gelesen. Homer.

Homer: The Odyssey. Translated by Emily Wilson. London: Norton, 2018.

Den ersten Hinweis auf die neue Übersetzung der Odyssee durch Emily Wilson bekam ich von unserem E-Kind. Zunächst hielt ich die Übersetzung für nur bedingt interessant, weil es ja auch Übertragungen der Odyssee ins Deutsche gibt und eine von einem Nicht-Muttersprachler gelesene Übersetzung ins Englische immer eine gelinde Lektüreerschwernis mit sich bringt, doch dann häuften sich die Anzeichen (die ich ohne den ersten Hinweis vermutlich übersehen hätte), dass es anders sein könnte, beispielsweise Artikel in der NYT, im Guardian und anderswo.

Ich las dann eine Weile auf Wilsons Twitteraccount mit, und was sie dort an Details zur Übersetzung erzählte, zeigte, dass ich hier eine Menge lernen könnte. Beispielsweise belegt Wilson im Thread zur Sirenenepisode den Einfluss des männlichen Blicks der Übersetzer auch auf inhaltliche Aspekte der Übersetzung, sodass die Sirenen, die durch ihr Wissen verführen wollen, stattdessen als körperlich verführerisch sexualisiert werden. Dass die Übersetzung (»Lippen« statt »Münder« für στομάτων) nicht nur vom Wort her falsch ist, sondern auch den Sinn im Kontext verfälscht (Münder sind für Odysseus bei Homer immer bedrohlich, Lippen nicht; dieser Gegensatz wird in vielen bisherigen Übersetzungen nivelliert), zeigt, dass es tatsächlich um Details geht, wenn Übersetzer*innen ans Werk gehen, und dass (bewusste oder unbewusste) Vorstellungen und Intentionen dabei eine gewichtige Rolle spielen.

In meiner Zivildienstzeit las ich begleitend zum Ulysses die Schadewaldtsche Prosaübertragung; Voß’ Verse waren mir immer zu sperrig, um mehr als nur einzelne Stellen goutieren zu können. Wilsons Versübertragung hingegen ist (auch allein und heimlich laut gelesen) rhythmisch ein Genuss, auch wenn sie – wiederum wohlbegründet – die originalen Hexameter nicht etwa abzubilden versucht, sondern stattdessen jambische Pentameter nutzt, um mittels einer dem aktuellen Alltagsenglisch nahen Sprache einerseits die Inhalte genau zu übersetzen, andererseits aber gerade durch den Verfremdungseffekt des nicht künstlich archaisierenden Ausdrucks zu verdeutlichen, dass Homers Original wie die Zeit, von der er erzählt, fern bleiben müssen.

Neben ausführlichen Anmerkungen zur Übersetzungsarbeit finden sich dem Text vorangestellt auch eine Einführung in den historischen und kulturellen Hintergrund, zum Autor (inklusive der homerischen Frage) und Text, zu einzelnen Figuren und -gruppen etc.

Ihre Anmerkungen beendet Wilson mit den – sowohl auf die Figur Odysseus als auch auf den Text anwendbaren – Worten:

There is a stranger outside your house. He is old, ragged, and dirty.

He is tired. He has been wandering, homeless, for a long time, perhaps many years. Invite him inside. You do not know his name. He may be a thief. He may be a murderer. He may be a god. He may remind you of your husband, your father, or yourself. Do not ask questions. Wait. Let him sit on a comfortable chair and warm himself beside your fire. Bring him some food, the best you have, and a cup of wine. Let him eat and drink until he is satisfied. Be patient. When he is finished, he will tell his story. Listen carefully. lt may not be as you expect. [Ebd., 91]

Ein empfehlenswertes Bildungserlebnis!