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Schmuddelig: Herr Dobrindt.

An sich mag ich hier keine Schmuddelthemen besprechen, aber wenn Herr Dobrindt, der wesentlich mit dafür gesorgt hat, dass wir noch keine funktionierende Regierungskoalition haben (gegen die man dann gern opponieren darf), laut lesenswertem Zeit-Kommentar Christian Bangels von einer vermeintlich notwendigen »bürgerlich-konservativen Wende« spricht, dann ist das schon beachtlich.

Nur so viel: ich bin so alt, dass ich mich noch an die von Herrn Kohl ausgerufene »geistig-moralische Wende« erinnere. Sie brachte uns unter anderem das Privatfernsehen als Verdummungsmaschine durch Inhalte auf unterstem Niveau. Man darf also Schlimmes befürchten. Und der Begründungszusammenhang, den Herr Dobrindt konstruiert, bestätigt das dann auch gleich.

Dass er dies zudem einbetten will in eine »konservative Revolution« (womit er sich unter anderem in eine mehr als fragwürdige und alles andere als staatstragende Tradition stellt), diskreditiert ihn ihn als ehemaliges Regierungsmitglied über jedes Maß. Der Mann ist als Politiker in einer Bundesrepublik Deutschland untragbar.

Schmuddelig.

Chaos macht Schule – und die Schule.

Der CCC ist eine sehr verdienstvolle Einrichtung, viele der Talks auf seinem jährlichen Congress sind anregend, und wenn wir keinen CCC hätten, müssten wir ihn erfinden. Chaos macht Schule ist eine ehrenamtlich getragene Initiative von CCC-(nahen) Menschen, die in Schulen gehen und dort wichtige Arbeit leisten.

Hier nun beklagt sich der CCC über zweierlei: dass die Leute in der Schule und den Ministerien sehr beschränkt seien und auch im Jahr 2017 noch Hilfe des CCC brauchten.

Dazu ein paar Gedanken: als Lehrer halte ich es immer für wertvoll, echte Fachleute in der Schule zu haben. Das geht so ein bisschen in die Richtung, die Anne Roth (CCC!) hier anspricht und offenbar für richtig hält. Ein echter Informatikmensch (ein echter Imker, eine echte Mechatronikerin, ein echter Landschaftsgärtner, eine echte Astronomin) in der Schule hat eben noch einmal eine andere Bedeutung für Schüler_innen als wir Lehrkräfte, die als zur Einrichtung gehörend wahrgenommen werden.

(Lehrkräfte hätten bezüglich IT generell gern mehr Fachkompetenz in der Schule, beispielsweise bei der Installation und Wartung von IT-Einrichtungen. In der Regel wollen aber Schulträger das nicht zahlen. Hat mit Schule im Grunde gar nichts zu tun, ist aber Bedingung der Möglichkeit von Bildung für die digitale Welt.)

Dass inklusive Medienbildung seit Jahren in den Lehrplänen vieler (aller?) Bundesländer verankert ist, wird von den Vortragenden leider ebensowenig erwähnt wie dass es einen Beschluss der Kultusministerkonferenz gibt, der die Handlungsbedarfe und -strategien in Bezug auf Bildung in der digitalen Welt festschreibt. Wenn all das, was dort geschrieben steht, umgesetzt würde, wäre das im Sinne der Lehrkräfte, der Schulen und vermutlich auch des CCC. Statt allerdings auf diesen Grundlagen aufzubauen, wird als »Realität!« behauptet, an Schulen werde Internet vor Schülern verheimlicht. Ich bitte Euch.

Ich halte es weiterhin für wertvoll, voneinander lernen zu können. Hierfür ist es wenig zielführend, das Gegenüber pauschal als vertrottelt darzustellen.

An keiner Stelle wird erwähnt, dass es viele Lehrpersonen gibt, die zum Teil unter fragwürdigen Bedingungen ihren jeweiligen Teil zur digitalen Bildung beitragen. Dass Schulen und selbst Ministerien sich auf den Weg machen. Dass Schülerinnen und Schüler auch deshalb vieles haben lernen können, was ansonsten unterhalb ihres Horizontes geblieben wäre.

An keiner Stelle allerdings passiert etwas von allein. »Tuwat« halte ich deshalb für einen hervorragenden Leitspruch, love für einen besseren als hate.

Update: Chaos macht Schule weist auf diesen Talk hin – danke!

Mettenhof und der Weiße Riese.

Über die Geschichte des Weißen Riesen, des größten, zudem solitär plazierten Hochhauses im Kieler Trabantenstadtteil Mettenhof, berichtet eine bebilderte Reportage in den Kieler Nachrichten.

Gerade letztens erst tauschten wir uns unter Kolleg_innen über das Bild Mettenhofs aus, das im Regelfall nach wie vor negativ ist.

Was einem in Mettenhof passieren kann? Zunächst, dass man zur Kenntnis nehmen muss, dass es nicht allen Menschen so gut geht wie einem selbst. Oh, und dass die Zahl dieser Menschen vielleicht sogar recht groß ist. Geprägt wird der Stadtteil nun einmal nicht durch seine vergleichsweise angenehmen ins grüne Umland auslaufenden schmalen Ränder, sondern durch die hochgeschossige Wohnbebauung im Zentrum. In diesen wohnen viele, die anderenorts keine Möglichkeit dazu bekommen. Sie werden von denen verurteilt, die sie nicht unter sich haben wollen. Segregation über Finanz- und Sozialstatus, heute vermutlich auch über den Klang des Nachnamens.

Was ich früher in Mettenhof gelernt habe? Lesen, Schreiben und Rechnen. Dass man auf der Straße nicht unbedingt sicher ist.11: Allerdings vermute ich, dass kleine Jungs überall auf der Welt genau wissen, welchen Bullies sie auf dem Schulweg aus dem Weg gehen sollten, um nicht bedroht, drangsaliert, beraubt, geschubst oder verprügelt zu werden. Dass man sich später daher soweit wie möglich gegenseitig nach Hause bringen und ansonsten für schnelle Fahrräder sorgen sollte. Dass ein alter Bauernhof (in den Achtzigern noch deutlich ungeordneter und für uns zugänglicher) ein Refugium zwischen den hohen Häusern sein kann. Dass man sich kümmern muss, wenn was passieren soll. Dass die alte Eiche ein guter Treffpunkt für die loser ist. Den Geruch von Aufzügen und das Wort »Otis«. Wohin man abhauen kann. Dass Zivilisation nicht selbstverständlich ist. Dass man vom Weißen Riesen bis zur Landstraße zwischen Feldern keine zehn Minuten braucht. Dass es einen sehr guten Lehrer gibt. Viele bemühte Lehrpersonen. Einige schlechte. Wie viele Kinder es gibt. Nicht aufzufallen. Welchen stillen Bildungserfolg eine zunächst provisorische, dann fest eingerichtete, aber immer fortschrittliche Stadtteilbücherei im Schulgebäude befördern kann. Dass man Viertel wie diese nicht sich selbst überlassen darf. Dass die richtigen Menschen zu treffen Glück ist. Dass Architektur schaden kann. Dass in den feineren Häusern auch seltsame, in den einfachen auch großartige Menschen wohnen. Die Zeit zu lesen. Welche Straßen besser nicht zu betreten sind, welche Straßenseite die bedrohlichere ist. Stoizismus. Pragmatismus.

Was wählen? – Bundestagswahl 2017.

Tl; dr: geh wählen! –

Wie Johnny Haeusler möchte auch ich meine Wahlentscheidung offen legen. Es gilt der übliche Disclaimer: wer kann schon alles gutheißen, was von einer Partei getan und gewollt wird? Da dies vermutlich nicht einmal bei den jeweiligen Spitzenkandidat_innen der Fall ist, geht es um die Größe der Schnittmengen.

Seit vielen Jahren bin ich leidendes Mitglied der SPD und daher habe ich natürlich auch ein SPD-Wählen-Abo. Ich habe allerdings schon abweichend gewählt (beispielsweise Die Piraten ins Europaparlament) und werde es diesen Sonntag mit meiner Zweitstimme wieder tun (Bündnis90/Die Grünen).

Ich nehme an, dass Martin Schulz eine gute Kanzlerin wäre. Allein seine Chancen dafür streben freudig gegen Null, obwohl er ein überzeugender Europapolitiker ist und sich als Kandidat so gut schlägt wie es unter den gegebenen Bedingungen nur möglich scheint.

Daraus ergeben sich meine in erster Linie wahltaktischen Gründe für die Wahl der Grünen: eine linke Mehrheit (SPD/Grüne/Linke), in der ich die SPD hätte stark sehen wollen, ist nicht absehbar. Würde sie wider Erwarten eintreten, würde die Chance möglicherweise wieder nicht genutzt. (Und selbst dann würde eine Stimme für die Grünen nicht schaden.) Eine weitere große Koalition jedoch mag vielleicht der Staatsräson dienen (und wenn sie denn kommt, dann isses halt so), scheint aber der SPD die Substanz zu rauben und bedarf meiner Stimme nicht.

Bündnis 90/Die Grünen haben ein mir unsympathisches Führungsduo und dafür Doc Habeck verworfen. Wie kann man nur? Sie sind aber beispielsweise die einzige Partei, die einigermaßen überzeugend für Tempolimits, eine Reduzierung des Autoverkehrs und andere ökologisch und gesellschaftlich bedeutsame Fragen eintritt. Und in einer möglicherweise dräuenden Koalition mit der CDU (bzw. zusätzlich mit der FDP) möchte ich die Grünen stark sehen.

Die Linke ist mir in einigen Forderungen durchaus nah (und zwar näher als die SPD). Es sind diejenigen Forderungen, die den Neofeudalismus einer vermögenden Schicht im gesamtgesellschaftlichen Interesse einzugrenzen suchen. Die Linke hat aber sowohl unter den Funktionär_innen als auch unter den Wählern zu bedeutende bzw. zu viele, die in ihren Einstellungen der AfD nahe stehen. Auch von ihrer EU-Orientierung bin ich nicht überzeugt.

Der Vollständigkeit halber: natürlich wähle ich nicht die CDU. Angela Merkel braucht meine Stimme nicht und Heiner Geißler ist gerade gestorben.

Die FDP habe ich in der letzten Legislaturperiode nicht vermisst; dass es so viele Apotheker, Zahnärzte und Hoteliers gibt, wie die Wahlumfragen nahelegen, erstaunt mich dann doch. Die Reduzierung der liberalen Idee auf Wirtschaftsliberalität gefährdet sich selbst und die Erweiterung um erratische konservative Elemente macht die Sache nicht besser. Smart zu sein und sich gut zu verkaufen ist zu wenig für meine Stimme.

Die PARTEI ist mir in ihrer ironischen Haltung sehr sympathisch. Ich wähle aber nicht ironisch, sondern in echt, auch wenn du das vielleicht langweilig findest.

Die AfD schließlich halte ich natürlich für unwählbar, übrigens auch und gerade für konservative Wähler_innen. Sie ist nicht eine Partei legitimer Interessenvertretung, sondern des Hasses und der Missgunst. Sie hat in der kurzen Zeit ihres Wirkens das Schlechteste in den Menschen zum Vorschein gebracht. Kandidat_innen und Sympathisant_innen heißen offen rechtsextreme Positionen gut oder billigen sie zumindest als der Partei Nutzen bringend. Ich hoffe, dass die Demoskopen den Wähleranteil der AfD deutlich zu groß eingeschätzt haben; befürchte jedoch das Gegenteil. Mein einziger Trost: wann immer Rechtsextreme in den letzten Jahrzehnten in deutsche Parlamente gewählt wurden, haben sie sich aufgrund ihrer Unfähigkeit und Ichbezogenheit rasch selbst demontiert. Möge es auch diesmal so sein.

Brexit, Nexit: politische Egozentrik.

Zwei Schlagzeilen an einem Tag: Nigel Farage tritt nach Brexit-Votum als Ukip-Chef zurück und Interview mit Geert Wilders: »Ich will die Grenzen schließen«.

Beide Demagogen stehen für eine egozentrische, destruktive Politik, die die eigenen Interessen jederzeit über die anderer stellt. Das »Ich will die Grenzen schließen« ist dabei ein kleinkindhaftes, unbedingtes Wollen, das den der Demokratie inhärenten Hang zum eben nie absoluten Kompromiss zur Unmöglichkeit erklärt. Ebenso kleinkindhaft, dem Wegwerfen des langweilig gewordenen Spielzeugs entsprechend, das Hinschmeißen der Ämter – wie vorher bei Boris Johnson, so jetzt bei Farage. Beide haben – egal, wie es jetzt im UK weitergeht – die Feder überdreht, das Spielzeug zerstört, es liegt nun am Boden; die Jungs, moralisch auf dem Stand des Kleinkindes, verdrücken sich aus Angst vor Strafe, in der Erkenntnis, dass sie zwar Lebendiges begeistert zertrampeln, nicht aber Zertrampeltes wiederbeleben können.

Populistische rechte Positionen beruhen nicht auf rationalen Entscheidungen in der Sache. Boris Johnson wollte Premier werden, dafür musste er sich gegen seine eigentliche Überzeugung (er war Londons Bürgermeister!) für den Brexit (und damit gegen die vermeintliche Überfremdung der britischen Gesellschaft) aussprechen. Hinter diesem Standpunkt stand aber das »Ich! Ich! Ich!«, das dem Clubkumpel Cameron sein Amt neidete, so wie der eine Junge dem anderen die Bonbons nicht gönnt.

All das ist so klein, so dürftig; es wird eklig, wenn es politisch wirken will und dann die nächstbeste, im Grunde völlig zufällige Minderheit sucht, gegen die zu hetzen ist, und es wird fatal, wenn diesen Leuten Macht verliehen wird. Sie können nur niederreißen, was andere geschaffen haben, lassen sich von ihren Anhängern kurz feiern, um sich dann aus jeder Verantwortung zu verabschieden oder zum nächsten Umsturz zu blasen.

So wandelt sich auch die AfD von der als Anti-Euro-Partei (es geht um die Zerstörung einer vielen Staaten gemeinsamen Währung in sentimentaler Verklärung einer vor 15 Jahren im Euro aufgegangenen Währung) zur aggressiv-reaktionären, allgemein fremden- und speziell islamfeindlichen Partei. Dass dabei der Parteigründer politisch zerstört wird (wie es der derzeitigen Vorsitzenden über kurz oder lang auch droht), muss in Kauf genommen werden, denn es sind andere da, deren Denken allein um das »Ich! Ich! Ich!« kreist. Die neue Parteiführung braucht ein Vehikel, in dem dumm geredete Wähler sie zur Macht schieben – wären gegen neue Autobahnen so leicht Ressentiments zu schüren wie gegen das Fremde, sprächen sich die AfD-Granden gegen Schnellstraßen aus und würden das Wegreißen der Autobahnbrücken fordern –; was auf die Wahl folgte, wäre die Zerstörung eines politischen Systems, das – ebenso wie die EU und ihre Vorgängerorganisationen – jahrzehntelangen Frieden garantierte. Auch diese Destruktion hätte für die Täter wieder ihren Zweck in sich.

[Update paar Stunden später:] Erst jetzt gesehen: Jürgen Kaubes Am Tiefpunkt – Über planloses Dagegensein.

Über ein gesellschaftlich negativ wirkendes psychologisches Problem …

… schreibt Jens Scholz (@jensscholz) in: Warum wir Überwachung nicht verhindern werden, wenn wir nicht etwas anderes grundlegend ändern ....

Es geht dabei – anders als der Titel nahelegt – gar nicht nur um Überwachung, sondern um einen fundamentalen sozialen Mechanismus, dessen »Erfolg« allerdings durch interessierte Spieler gefördert wird. Ein wichtiger Satz darin:

So lange Menschen glauben, dass sie zu kurz kommen, weil Menschen, die ebenfalls zu kurz kommen, Schuld daran sind, wird sich da wenig ändern und schlecht gelaunte Menschen neidisch auf andere schlecht gelaunte Menschen schimpfen.

Auch ich vermute inzwischen, dass es psychologisch beschreibbare Grundeinstellungen und -mechanismen (à la Watzlawick) sind, die den rationalen Diskurs und das Finden sinnvoller Lösungen im Interesse der gesellschaftlich Schwächeren (in allen möglichen Zusammenhängen) in vielen Fällen von vornherein ausschließen. Die notwendige Offenheit für eine wirksame Debatte wird allenfalls im Dialog gelebt; im gesellschaftlichen Zusammenhang siegen die beschriebenen Dysfunktionsweisen.

Flüchtlinge – #bloggerfuerfluechtlinge

Früher


In der vierten Klasse saß ich neben meinem besten Freund R*. Seine Eltern hatten ihn nach einer wichtigen Stadt des nahöstlichen Landes benannt, aus dem sein Vater geflohen war. Schräg gegenüber saß N*. Sie zwar zweifelsohne eines der schönsten Mädchen der Klasse, und natürlich habe ich mich aus der Ferne gleich in sie verliebt. Ihre Eltern kamen aus der Türkei und waren der Arbeit wegen nach Deutschland gekommen. Selten spielte ich auch mit D*. Während das Deutsch R*s und N*s akzentfrei war, klang D* anders, und so fragte ich ihn einmal, wie lange er schon hier in Deutschland sei. Seine irritierte Reaktion auf diese Frage bedeutete mir, dass ein süddeutscher Dialekt kein sicherer Hinweis auf ausländische Herkunft ist.

Während ich in einem älteren Viertel des Stadtteils lebte, wohnten die meisten anderen Kinder in einem nach inzwischen polnischen Gebieten benannten Straßenzügen. Sie hießen Masurenring, Pillauer Straße oder ähnlich und hielten damit die Erinnerung an eine Flucht aufrecht, die die Kinder allenfalls aus Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern kannten.

Schon vor der ersten Klasse übrigens hatte ich gelernt, dass Angst vor bestimmten großen Kindern durchaus berechtigt ist und man ihnen besser aus dem Weg geht. Welcher Nationalität sie oder ihre Eltern oder ihre Elterneltern waren, war dabei vollkommen schnuppe – es waren die aggressiven Kinder, häufig nicht besonders helle, aber bullig auftretend, die mich zuweilen lieber Umwege machen ließen.

Heute


Jeden Tag wird in den Nachrichten über ein weiteres Verbrechen des braunen Terrorismus berichtet: Brandanschläge auf geplante Flüchtlingsheime, Angriffe gegen schon bewohnte Unterkünfte und die sie schützenden Polizist_innen und andere Übergriffe. Der Terror, den die rechten Banden dabei ausüben, ist eine Gefahr für Leib und Leben der Bedrohten, aber auch eine Gefahr für unser Gemeinwesen. Wer hier auch nur an Rechtfertigung denkt, hat ein ernsthaftes Problem.

Wir leben in einem reichen und friedlichen Land. Die Menschen flüchten zu uns, weil sie hier sicher sind vor Leid aller Art, das sie in ihrem Heimatland erdulden mussten. Das Gebot der Nächstenliebe, des Einstehens für die Schwächeren, dürfte allen Menschen vertraut sein, die nicht vollends verroht nur ans eigene Raffen denken – welche Erlebnisse führen stattdessen zur Entstehung einer egozentrischen, narzisstischen, selbstmitleidigen, rassistischen Persönlichkeitsschwundstufe, die in der Lage ist, einen Brandsatz in ein Flüchtlingsheim zu werfen (oder dies gut zu heißen)?

Trotz dieser Geschehnisse in Heidenau und anderswo,11: Vergleiche zum Beispiel die Übersichtskarte hier, unten. die sich – inklusive der Zurückhaltung der Polizeiplaner gegenüber rechter Gewalt – in ein lange bekanntes Muster einordnen lassen, habe ich ein eher gutes Gefühl, was die Reaktion des größeren Teils der Bürger_innen und Bürger angeht. Die Schlagzeilen über die Gewalttaten sind das eine – das andere ist eine große Hilfsbereitschaft bei vielen, vielen ehrenamtlichen Helfer_innen, die zum Teil zum ersten Mal überhaupt oder wieder einmal Unterstützung für Flüchtlinge vor Ort leisten – sei es durch Bereitstellung von Lebensmitteln, Spielzeug, Fahrrädern, Kinderwagen, durch das Erteilen von Sprachunterricht, durch das Vermitteln zwischen Behörden und Flüchtlingen oder was auch immer. Manchmal ist es einfach Offenheit und eine hier ganz positiv verstandene Neugierde, die Menschen dazu bringt, aufeinander zuzugehen. Auch die Verwaltungen in Gemeinden und Kommunen arbeiten zum Teil mit großer Kreativität und Tatkraft daran, Flüchtlingen möglichst schnell Unterkünfte und Wohnungen zuweisen zu können.

Wir haben gemeinsam viele Schwierigkeiten zu meistern, aber – hey: wir sind nicht diejenigen, die flüchten müssen. Unser Zuhause ist nicht bedroht. Vielmehr dürfen wir denen helfen, die alles verloren haben.

– Joko und Klaas kenne ich nicht wirklich, weil wir kein Privatfernsehen empfangen und ich wohl auch nicht zur Zielgruppe gehöre. Aber ihr Video [via] ist ein sehenswertes, das ein paar Dinge ganz gut auf den Punkt bringt.


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(Man könnte zu diesem großen Thema noch lange weiterschreiben. Aber ich muss noch rasch eine Überweisung tätigen und dann wieder Elixiere des Teufels lesen: in der Schule ist Romantik angesagt …)

Vds mit der SPD.

Tscha, nun hat also die SPD auf ihrem Parteikonvent beschlossen, die Vorratsdatenspeicherung doch noch einzuführenwider besseren Wissens des Innenministers Heiko Maas, der in den letzten Tagen in öffentlichen Verlautbarungen zu einem der glühendsten Verfechter seiner persönlich verantworteten Version der Überwachung aller Bürger_innen geworden ist.

Menschlich ist das natürlich alles sehr bedauerlich, hat eine Menge mit Verbiegen können, möglicherweise gar Rückgratlosigkeit zu tun, und dürfte üble Folgen für die Selbstachtung haben.

Politisch heißt es nur, dass wir erneut auf das Bundesverfassungsgericht vertrauen müssen, das die Grundrechte eben nicht so hinwegwischt wie es mancher Innenminister so tut und manche Generalsekretärin im Interesse der Koalitionsräson es für richtig hält (statt sich um die Schärfung des SPD-Profils in Abgrenzung von der Union zu bemühen wie es ihre Aufgabe wäre).

Richard Gutjahr zum Thema.

Flüchtlinge in Eutin.

Hartmut Buhmann berichtet im Ostholsteiner Anzeiger über das Willkommen von ehrenamtlichen und professionellen in der Flüchtlingsarbeit Engagierten für nach langer Flucht in Eutin Ankommende: parteiübergreifend und gesellschaftlich gegründet ist es in Eutin Konsens, dass »unsere« Flüchtlinge einen herzlichen Empfang ebenso brauchen wie eine gute Betreuung hinterher – bis zum Abschluss ihrer jeweiligen Verwaltungsverfahren.

Dass all dies in einem finanziell und juristisch wenig befriedigenden Rahmen geschieht, ist auf anderer Ebene – Bund bzw. EU – verantwortet; aber ich bin sehr erfreut über die auch in Aktionen wie der oben beschriebenen zum Ausdruck kommenden sehr positiven Stimmung in unserer kleinen Stadt, die das Unzureichende ertragen hilft.

Na gut. Ein Mal Pegida.

Nach dem, was ich von Pegida wahrgenommen habe, halte ich diese Gruppierung im besten Fall für eine Ansammlung politischer Wirrköpfe, die sich hoffentlich bald wieder verläuft. Insbesondere nehme ich Pegida übel, dass sie mir positive Erinnerungen an Dresden (ich denke an die Neustadt, an die Planwirtschaft, an einen Schauspielbesuch etc.) stören.

Einem Besucher dieser Demonstration habe ich auf seinen Reisebericht in etwa so geantwortet:

Für die Reise kann es unterschiedliche Gründe geben. Ich gehe jetzt davon aus, dass das Ziel Deiner Reise nicht die Teilnahme an der Demonstration, sondern die Beobachtung derselben war.

Du schreibst: »Ich habe mich ausgiebig mit dem neuen Phänomen der Partei AfD (Alternative für Deutschland) auseinandergesetzt. Aufgefallen ist mir diesbezüglich, dass die Diskussion mit Gesprächspartnern der AfD fast ausschließlich als unfair und nicht wahrheitsorientiert zu beurteilen ist.«

Hm. Gibt es eine politische Wahrheit? Wenn Du Herrn Lucke als sympathisch wahrnimmst und als ein Versprechen für die AfD, ich ihn aber als schmierig, seinen Standpunkt als fragwürdig, seine Partei als überflüssig, dann sind das unterschiedliche Wahrnehmungen – die aber beide natürlich nicht den Anspruch erheben können, die Wahrheit zu erfassen.

»Kein unvoreingenommener Mensch kann die deutsche Auseinandersetzung mit diesem Phänomen als sachlich bezeichnen. Es kam mir vor, als würden die Mitglieder der AfD zu unrecht, mindestens aber vorschnell in eine rechte Ecke gestellt.«

Nein. Ich vermute, dass kein AfD-Mitglied seinen Standpunkt als »links« versteht. Gegen die Mitte geht die AfD schon in ihrem Namen ganz programmatisch vor: sie will Alternative sein. Die AfD schreibt in ihrer Programmatik »Eine ungeordnete Zuwanderung in unsere Sozialsysteme muss unbedingt unterbunden werden.« Bei der NPD finden wir den ganz ähnlichen Satz »Die völlig verfehlte Zuwanderungspolitik der etablierten Parteien bewirkt in erster Linie eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme und eine weitere unverantwortliche Belastung der deutschen Steuerzahler.« – Zugegeben, die NPD formuliert es ein bisschen schmissiger. Ich könnte sicher Vieles über Äußerungen verschiedenster Verantwortlicher in der AfD, die eindeutig zeigen, dass diese Partei auf jeden Fall eine rechts stehende ist, finden, wenn ich nur suchte - aber das ist es mir nicht wert.

»Dies erfordert nun meines Erachtens eine Definition von “rechts” und “rechtsradikal” sowie “rechtsextrem”.«

Nö. Solche Definitionen gibt es ja, und wir können sie verwenden und Äußerungen von AfD-Funktionären entsprechend prüfen.

»Reflexartig wurden alle Demonstranten in die rechte Ecke gestellt, scheinbar einzig und allein aus dem Grund, sich nicht mit deren Positionen sachlich auseinandersetzen zu müssen.«

Nein. Wer sich unter der Überschrift »Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes« mit Gleichgesinnten zusammenfindet, steht nicht für die Sozialistische Internationale. Mit Verlaub, dumm stellen ist nicht erlaubt.

»Den Ausschlag allerdings gab ein Panorama-Beitrag (NDR) über Pegida, in welchem aus dem […] Rohmaterial […] alles annäherungsweise Differenzierende komplett herausgeschnitten oder massiv zerstört wurde, damit es so aussehen musste, als seien die in Dresden demonstrierenden Personen alle von rechter Gesinnung und voller Ignoranz.«

Ich habe mir das Rohmaterial stichprobenartig auch angesehen (mehr habe ich nicht ausgehalten). Die Stichproben zeigten mir (um es vorsichtig auszudrücken) eher nicht differenziert dargestellte Standpunkte, sondern Ressentiments, Halbwahrheiten, Vorurteile, politisches Unwissen, Pauschalisierungen und so fort. Und Du wirst auf einer Pegida-Demonstration nun mal keine linken Positionen vertreten sehen – warum erstaunt Dich also das (insofern ja schlüssige) Ergebnis der NDR-Umfrage?

»Ist dort ein rechter Mob auf der Straße, oder sind es doch Familien und die normalen Leute aus der Mitte der Gesellschaft?«

Der Fehler liegt in der Fragestellung, namentlich im »oder«: man kann rechts und sogar rechtsextrem sein und trotzdem Familie haben, und ja, rechtsextremes Gedankengut kann auch von »normalen Leuten« gepflegt werden.

»Rechtsradikale habe ich auf den mir bekannten Videos (bis zum 22.12.2014 zumindest) kaum oder gar nicht gesehen.«

Rechtsradikalität kann man nicht sehen. Ebenso wie nicht jeder Skin rechtsextrem ist, geht nicht jeder, der rechtsextreme Gedanken denkt, zum Friseur.

»Politiker sagen, diese seien “rechts”, hätten Angst, seien verunsichert, suchten nach Halt, kämen mit Veränderungen nicht klar, seien eine Schande für Deutschland sowie eine Mischpoke etc. Dieses Politikerurteil konnte ich nicht nachvollziehen.«

Einige der hier genannten Standpunkte drücken durchaus auf ein gewisses Verständnis aus und versuchen für eine irrationale Bewegung Gründe zu finden. Wenn Du die unterschiedlichen Standpunkte über einen Kamm scherst und alle zusammen als »die Politiker« fasst, begibst Du Dich gleich in die Denkfigur »Wir gegen die Politiker«.

»Irrational« nenne ich die Demonstranten deshalb, weil ich vermute, dass es gar nicht so sehr um konkrete Forderungen geht, für die die meisten Pegida-Spazierer auf die Straße gehen, sondern eher so ein allgemeines politisches Unwohlsein eine Rolle spielt, in dem man sich als zu kurz gekommen, irgendwie betrogen, irgendwie bedroht, nicht ernst genommen etc. *fühlt*.

»Das gesichtete Panorama-Rohmaterial gab einige Spinner der Lächerlichkeit preis, insgesamt jedoch waren ebenfalls eine gute Zahl von Menschen mit sehr vernünftig klingenden Ansichten dabei.«

Ich nehme Dir ab, dass Du das so empfunden hast – es ist allerdings ein rein subjektiver Eindruck, den ich vermutlich nicht gehabt hätte …

»Die Menschen um mich herum sind normal.«

Was hast Du erwartet? Den wenigsten Menschen sieht man ihre fragwürdigen Ansichten von außen an.

»Einige haben sehr skurrile Anliegen, bspw. die Stärkung von Väterrechten.[…] Ich finde das ok, aber es zeigt mir, dass vieles unter der Flagge Pegida zu gehen scheint. Es sind einfach komische Dinge dabei. Ich schätze, ich habe ca. 20-30 Leute mit komischen Plakaten oder merkwürdigen Forderungen gesehen. Mir scheint, das sind Trittbrettfahrer.«

Das zeigt eben auch, dass Pegida als Phänomen wahrzunehmen ist, eine rationale Auseinandersetzung mit den Positionen (gibt es festgeschriebene?) aber gar nicht möglich ist, weil es sich nicht um eine demokratisch verfasste Gruppierung handelt: mit welcher Legitimation sprechen die Redner auf der Bühne im Namen der vor ihnen Versammelten (und verschweigen dabei beispielsweise die Väterrechte)?

»Dieser “Drive” entlud sich allerdings doch in den Rufen “Lügenpresse”, “Wir sind das Volk!” und “Wir kommen wieder!”. Da konnte man etwas spüren.«

Dann spüre dem nach. Ich deute diese Rufe als 1. undifferenziertes Misstrauen, 2. wahrgenommen werden Wollen (über ein vernünftiges Maß hinaus) bzw. Angst, nicht wahrgenommen zu werden, und 3. Drohung – unsicheres Herumfuchteln mit der Waffe, die da unversehens in der eigenen Hand liegt.

»Insgesamt scheint mir Pegida eine eher männliche Bewegung zu sein. […]«

Die folgenden Beobachtungen zeigen, dass Du – mit den von Dir selbst geäußerten Bedenken – schon sehr genau hinsiehst. Aber auch hier:

»Ich habe 2 Typen mit Thor Steinar-Bekleidung gesehen. Und ich habe schon sehr drauf geachtet. Mehr habe ich nicht gesehen. Es kamen keine Springer-Stiefel, keine Bomberjacken oder zu enge Jeans vor. Jedenfalls nicht so stereotyp, wie das in meinem Gehirn verankert ist. Dort hat sich keine rechte Szene breit gemacht.«

Rechte und rechtsextreme Gedanken zeigen sich nicht zwangsläufig in einem bestimmten Styling. Und es kann sein, dass die rechtsextreme Gesinnung bei einem jungen Skin viel weniger gefestigt (und auch noch beeinflussbar) ist als bei einem äußerlich braven Familienvater.

»Nach dem Besuch der Demonstration hatte ich das Gefühl, dass der Vorwurf der Lügenpresse tatsächlich der nachhaltigste ist. Mir erscheinen die Presseberichte über das Phänomen Pegida nun sehr tendenziös. Ich bin nicht der Meinung, dass derart Berichterstattung gut ist.«

Das halte ich für Unfug. Ein Artikel wie Lenz Jacobsens »Das Pegida-Puzzle« in der Zeit referiert allein in den Zwischenüberschriften acht verschiedene Ansätze, im Text werden einige dieser Ansätze noch weiter differenziert. Das ist ein Artikel in einer Zeitung, die durchaus auch kontroverse Stimmen zulässt. Wer »die Presse« insofern als eins behandelt und als »Lügenpresse« bezeichnet, muss die Komplexität der Wirklichkeit offenbar einem sehr einfachen Denken anpassen. Gleiche Denkfigur wie oben in puncto Politiker.

Zu den »Inhalten« der Pegida-Bewegung sage ich hier nichts …

Charlie Hebdo.

Titelbild der LibérationIn einer Stundenreihe über Sachtexte, begleitet von der Zeit für die Schule, erarbeiten sich die S gerade Fertigkeiten der Textanalyse. Das nebenstehende Titelblatt der Libération war heute morgen der Ausgangspunkt unseres Unterrichtsgespräches über die Bedeutung der Pressefreiheit und -vielfalt.

Auf den Anlass hätte ich gern verzichtet. Aber den Anschlag aussparen kann man heute nicht.

Gelesen. Sinclair.

Upton Sinclair: Der Dschungel. Übertragen von Ingeborg Gronke. Zürich: Union, 2014.

In den Jahren seit Erscheinen dieses Buches im Jahr 1906 scheint sich in der Fleischindustrie und insbesondere in den Bedingungen für die Arbeiter nichts Wesentliches geändert zu haben: zur ergänzenden Lektüre empfohlen die thematisch passende Serie in der Zeit, zum Beispiel der Artikel Die Schlachtordnung über rechtlose Sklavenarbeiter aus Osteuropa, die auch dir dein Schnitzel bereiten.

Lumma vs. Lanier. 0:1 (durch Eigentor).

Nico Lumma tweetet:


– hat eigentlich auch nur einer derjenigen, die Lanier kritisieren, mal den Versuch unternommen, seine Bücher zu lesen? Oder, wenn die Aufmerksamkeitsspanne nicht mehr reicht, zumindest den Klappentext?

Kleiner Hinweis für das letzte Buch: es geht nicht um die Orientierung an einem Ideal der Vergangenheit, sondern um einen sich aus der Analyse heutiger Verhältnisse ergebenden Entwurf zukünftiger Handlungsmöglichkeiten unter der Voraussetzung fortschreitender Digitalisierung.

Es will Euch also keiner Eure Spielzeuge wegnehmen.