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Ein Zitat von Maja Göpel …

…, nämlich »Alle Menschen, die ich kenne, wünschen sich Liebe, Frieden, die Überwindung von Armut und eine schöne und sichere Umwelt. Warum also machen wir das dann nicht einfach?« (S. 19 in ihrem Buch Unsere Welt neu denken), war für einige meiner Schüler*innen einer der Ausgangspunkte für einen philosophischen Essay.

Herr Rau hat von der re:publica einige Videotips mitgebracht, und Maja Göpels Vortrag ist ein guter.

Krieg · Grenzen · Lesen · Migration · Atomkraft · Klima.

Nach wie vor halte ich es für einen entscheidenden Beweis für die Nichtexistenz Gottes, wenn ein Mensch wie Putin nicht (spätestens) im Moment des Marschbefehls für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine vom Blitz getroffen wird. Kein normaler Mensch braucht einen Krieg. Wir kommen alle gut ohne aus. Allein ein vereinsamter KGB-Pensionär mit verklärten Erinnerungen an goldene Zeiten der Sowjetunion meint seine Senilität mit einem Krieg unter Beweis stellen zu müssen. Wie viel Leid bei wie vielen Menschen entsteht, weil ein einziger Mensch eine falsche Entscheidung trifft (und die Leute in seiner Nähe nicht die Kraft haben, ihm in den Arm zu fallen)! –

Kenyas Botschafter spricht über Grenzen. [Via fefe] –

Wenn ich etwas begreifen will, lese ich. –

Heute in der Deutsch-Stunde aus Gründen über Migration gesprochen. Einige Schüler*innen stammen aus Gebieten, die früher mal der Sowjetunion angehörten, und sprechen daher Russisch. Ich empfinde die Vielsprachigkeit (auch wenn im Unterricht die hiesige lingua franca gesprochen werden sollte) und die dahinterstehenden Familiengeschichten als einen Gewinn und hoffe, sie merken sich Vieles, um es ihren Kindern weiter erzählen zu können. –

Dass man in Zeiten, in denen man glaubt, 100 Milliarden Euro (!) für die Bundeswehr ausgeben zu müssen, weil militärische Auseinandersetzungen wieder für wahrscheinlicher gehalten werden, über das Weiterbetreiben von Atomkraftwerken über den vereinbarten Zeitpunkt hinaus auch nur nachdenkt, ist ja auch einigermaßen abenteuerlich. –

Die Vorstellung des IPCC-Reports versickert. Von anderen Entwicklungen wie dem Rückgang der Biodiversität etc. ganz abgesehen.

Masken · Lyrik · Geschlechtergerechte Sprache · Salat.

Keine drei Wochen dauerte es, bevor das Ministerium das Tragen einer MNB im Klassenraum wieder empfahl, drei Wochen, bis es am kommenden Montag wieder zur Pflicht wird. Es war angenehm, die Gesichter der Schüler*innen für diese Zeit mal wieder oder gar zum ersten Mal in diesem Schuljahr ganz zu sehen, aber vor dem Hintergrund wahrlich außergewöhnlicher politischer Verantwortungslosigkeit in Berlin, wo die geschäftsführende Regierung zwar noch ihr Salär bezieht, aber sich schon eine ganze Weile nicht mehr zuständig fühlt, und ein künftiger Kanzler, weil noch ungewählt, seine Richtlinienkompetenz noch nicht erworben hat, sodass das Juristenseminar der FDP allein entscheiden kann, war schon vor Monaten absehbar, dass eine unnötige vierte Welle kommen würde, wie beispielsweise Samira El Ouassil hier in Erinnerung ruft, was dann wieder nach unangenehmen Maßnahmen verlangt …

Ein Stapel LyrikbändeErfreulich immerhin das neue Korridorthema für das Zentralabitur am BG: die in den letzten drei Jahren geübten »realistischen Tendenzen in der Lyrik des 19. Jahrhunderts« sind mit Beginn des Schuljahres für den 13. Jahrgang der »modernen Lyrik im deutschsprachigen Raum von 1945 bis 1989« gewichen, was so einige großartige Lyriker*innen (rechts: Ausschnitt aus der Vorbereitungs- und Begleitlektüre, aus der die Auswahl für die Schüler*innen entsteht) entdecken lässt. Dabei machen wir auch nicht Halt vor gesungener Lyrik von Singer-/Songwritern, die man damals noch Liedermacher*innen nannte, und die mit mit heutiger Coolness inkompatibler und daher Erstaunen evozierender Überzeugung ihre Verse schmetterten. (Mir neu in der Auswahl: dass Udo Jürgens nicht nur Schlager gemacht hat.) Auch wenn ich die Lyrikinterpretation eigentlich immer für ein recht gut beherrschbares Thema halte, weil mit dem nötigen Analysehandwerkszeug Formales recht sicher bestimmbar ist, ist sie für viele Schüler*innen eher suspekt, weil das Verstehen des Spiels mit Metaphern, die Frage nach der Deutung, das Einbeziehen des historischen Hintergrunds etc. in vielen Fällen schwer fallen muss: als Lehrkräfte vergessen wir häufig, wie viel wir erst im Laufe der Jahre erlebt, gelernt und begriffen haben, und selbst der zeitlich nahe Korridor liegt mit seinem Enddatum über ein Jahrzehnt vor der Geburt unserer Schüler*innen …

Sicher nur zufällig zeitlich mit dem Wahlkampf im Zukunftsteam Armin Laschets zusammenfallend hat unsere Ministerin im September in einem Erlass verdeutlicht, dass das sogenannte »Gendern« in schulischen Zusammenhängen nicht erlaubt sei. Dass schulische Unterlagen mit Benennungen wie »Schüler (w/m/d)« nun besser lesbar oder ästhetisch ansprechender würden als bisherige Varianten mit Genderstern, halte ich für eine falsche Annahme; zudem gebietet mindestens die Höflichkeit, sich als nichtbinär begreifende Personen und all die anderen erfreulich vielfältigen Erscheinungsarten des Menschen mitzudenken, zu -schreiben und zu -sprechen, aber möglicherweise bedarf es für diese Erkenntnis in bestimmten Kreisen noch ein paar Jahrzehnte. In einigen Schulen, hört man, soll es ja auch noch Overhead-Projektoren geben: sie hätten sich bewährt, hört man. (Interessanterweise hält selbst die Direktorinnen- und Direktorenvereinigung im Philologenverband Schleswig-Holstein – eher nicht die Speerspitze progressiver Revolution – das ministerielle Handeln in dieser Sache für nicht richtig.)

Nun Freitagabend-Salat und ein Büchlein von Lisa Kränzler.

Ach, und der Wanderer ist mal wieder unterwegs.

Europawahl 2019.

Das Ergebnis für die Grünen bei der gestrigen Europawahl ist so großartig wie für die »großen« Parteien, insbesondere die SPD, desaströs. Selbst im nicht übermäßig progressiven Eutin stehen Bündnis90/Die Grünen mit 30,6% (gegenüber CDU 26,6%, SPD 18,4%) sogar noch deutlich besser da als im Bundesdurchschnitt (Bündnis90/Die Grünen 20,5%, CDU/CSU 22,6%, SPD 15,6%), wenn auch im Kreis Ostholstein (wie bundesweit) die CDU ihre stärkste Position unter den Parteien behaupten kann. [Via]

Dieses hervorragende Ergebnis kann durchaus bis zur nächsten Bundestagswahl tragen und sich dort wiederholen oder im Effekt verstärkt werden, denn die Hoffnung, die die Klimaschutz als wichtigstes Thema sehenden Wähler*innen in die Grünen setzen (und ihnen damit eine alles andere als einfache Aufgabe stellen), kann im europäischen Rahmen kaum enttäuscht werden: die Grünen werden dort (hoffentlich) konsequent ihre Politik vertreten, aber nicht die Linie des Parlaments bestimmen können.

Nur bei den über 60-Jährigen ist die CDU noch klar vorn, schon in meiner Alterskohorte (45–59 Jahre) liegen die Grünen mit 24% fast gleichauf.[Via] Insofern kein deutlicher Generationenkonflikt, aber doch eine deutliche Unterscheidung in Präferenzen. Da müssen die jungen Menschen noch mehr tun, um ihre Großeltern zu beeinflussen.

Dass in großen Teilen Brandenburgs und Sachsens die vom rechtsextremen »Flügel« bestimmte AfD die stärkste Partei ist, aber auch einzelnen Kreisen Thüringens und Sachsen-Anhalts,[via] ist mehr als traurig und muss deutlicher als bisher als hochproblematisch benannt und politisch bekämpft werden: Rechtsradikalität und Rechtsextremismus sind Gefahren für den Staat, die AfD zu wählen bringt Politiker mit mindestens rechtsradikalen Positionen in entscheidende Funktionen. Wer unsere Demokratie erhalten will, darf nicht AfD wählen.

Und die SPD? Einer der wenigen Gründe für die relative Sicherheit Andrea Nahles’ an der Spitze der SPD, unter deren Führung selbst die Position der stärksten Partei in Bremen verloren ging, dürfte sein, dass es keine Alternativen gibt: der Austausch gegen andere – etwa Olaf Scholz – würde keine Besserung bringen, die Jungen in der SPD hingegen werden als noch zu jung und zu unerfahren angesehen. Da aber die jungen Menschen in dieser Wahl die Stimmung beherrscht und das Thema bestimmt haben, könnte der Wechsel zu Kühnert, Klingbeil und Konsorten die letzte Möglichkeit für einen Versuch der SPD sein, mittel- und langfristig überhaupt noch Land zu sehen.

Der Blick nach Österreich zeigt bei einem großen Teil der Wähler*innen sture Uneinsichtigkeit. In Italien, Polen und Frankreich sind die rechtspopulistischen Europafeinde knapp vorn.

Auch im UK sieht es nicht besser viel aus: Nigel Farage hat im Wahlkampf zum Brexit-Referendum die Brexiteers belogen, was die vermeintlich positiven Folgen des Brexits angeht (und das sollten sie inzwischen auch mitbekommen haben), und bekommt mit seinem Ego-Projekt Brexit-Partei trotzdem 31% der Stimmen. Die LibDems bekommen immerhin 21%! [Via] – Wenn Labour jemals wieder einen Fuß auf den Boden bekommen will, sollten sie spätestens an dieser Stelle Corbyn pensionieren und gegen die Tories (noch nach den Grünen auf dem fünften Platz!) auf klaren EU-Kurs umschwenken, wie es die Mehrheit der Basis schon lange wünscht.

Bei der Wahl des Kommissionspräsidenten werden wir eine erste Probe der neuen Stärke der deutschen Grünen-Abgeordneten sehen – werden sie den eine CO2-Steuer ablehnenden Manfred Weber mitwählen, wie Ska Keller als Möglichkeit schon andeutete, oder werden sie Opposition deutlich machen und Frans Timmermans unterstützen? –

Update: Eine nicht zu schlechte Einschätzung von Bernd Ulrich zum Thema. Und auch Markus Beckedahl kommentiert.

Gelesen. Wallace-Wells. Klimawandel.

David Wallace-Wells: The Uninhabitable Earth – Life After Warming. New York: Tim Duggan Books, 2019.

Selten verzeichne ich hier die gelesenen Sach- und Fachbücher, aber dieses hier soll schon einmal erwähnt werden.

Wallace-Wells1 1: Nicht zu verwechseln mit Wallace Wells. Das ist Scott Pilgrims Mitbewohner. ist Journalist, kein Wissenschaftler, beschäftigt sich jedoch schon seit mehreren Jahren mit dem Thema Klimawandel. Sein Buch geht auf einen Artikel zurück, den er 2017 in New York veröffentlichte (im Freitag auf Deutsch zu lesen).

Wallace-Wells’ Beschreibung des möglicherweise Kommenden ist mehr als bedrohlich. Es ist selbst dann noch bedrohlich, wenn man davon ausgeht, dass aufgrund sich als zukünftig falsch erweisender Annahmen vielleicht nur die Hälfte des Prognostizierten tatsächlich eintrifft (und ignoriert, dass aufgrund sich als zukünftig falsch erweisender Annahmen ja auch mehr als das Prognostizierte eintreffen könnte).

Er beschreibt sich selbst als typischen Städter, fern vom Bild des zauseligen Ökopredigers, nicht mal Umweltschützer oder naturnah, der jedoch – ausgehend von einzelnen Nachrichten2 2: Beispielsweise die vom russischen Jungen, der an einer Milzbrandinfektion starb, die er sich an einem vom tauenden Permafrostboden freigelegten Rentierkadaver einfing, oder die von den Wissenschaftlern, die sich auf einer von Eisbären besiedelten Insel gefangen sahen, nachdem ihnen mit dem Eis auch die Brücke zum Festland wegtaute etc. und aufgrund der in der Folge recherchierten Fakten und Prognosen über den Klimawandel ein apokalyptisches Bild unserer Zukunft hat entwerfen müssen, in der eben nicht nur beliebig ferne Natur, sondern in der Folge eben auch der Starbucks nebenan sowie alle anderen Hervorbringungen der Zivilisation zerstört werden können, wenn nicht schnell drastische Maßnahmen dagegen unternommen werden.

Wie problematisch das Ganze ist, verdeutlicht er in der Einleitung unter dem Titel »Cascade«: weil alle Einzelwirkungen zusammenhängen und an bestimmten Punkten nicht mehr umkehrbar sind und/oder sich selbst (und andere Wirkungen) verstärken, ist inzwischen Dringlichkeit geboten.

Er erinnert an die Flüchtlingsbewegung aus Syrien, die auf einen Bürgerkrieg zurückgeht, der wiederum von Unruhen aufgrund von klimawandelbedingten Dürren entfacht wurde. Es ging damals um etwa eine Million Flüchtlinge, die Europas Politik ziemlich durcheinander gebracht haben. Allein aus Bangladesh, das zu großen Teilen der Überflutung durch den steigenden Meeresspiegel anheimfallen wird, werden 10 Millionen Menschen auf der Flucht sein. Die Weltbank – nicht bereits benannte Ökozausel – prognostiziert bis zu 140 Millionen Flüchtlinge bis 2050 in unterschiedlichen Teilen der Erde, die UN sprechen von 200 Millionen im guten Fall, es könnten bis zu einer Milliarde sein.3 3: Alle Zahlen und Prognosen werden übrigens im Anhang auf über 60 Seiten sauber belegt. Quellen sind Weltbank und UN samt Unterorganisationen, aber auch die NASA und andere US-Behörden, die WHO, das IPCC, wissenschaftliche Zeitschriften, Fachpublikationen etc.

Gleichzeitig werden Extremwetterereignisse (Hitzewellen, Wirbelstürme etc.) und deren Folgen (z. B. Waldbrände) von der Ausnahme zur Regel werden, aufgrund der zunehmenden Wärme werden große Städte um den Äquator unbewohnbar, Wassermangel und Dürre in großen Gebieten der Erde (inklusive des südlichen Teils Europas) zur Regel, der Anteil fruchtbaren Landes geht bei gleichzeitiger Zunahme der Weltbevölkerung zurück. Je nachdem, um wieviel Grad wir die Durchschnittstemperatur ansteigen lassen, werden die Folgen deutlicher und weitere treten hinzu. Dass dies alles auch wirtschaftliche Folgen hat (nach Schätzungen kostet 1°C Temperaturanstieg einen Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts), ist dabei noch außer Acht gelassen.

Nach dieser allgemeinen Einleitung werden einzelne Aspekte, die »Elements of Chaos« als Folgen des Klimawandels beschrieben: Hitzetode, Hunger, Überflutungen, Brände, Extremwetter, Trinkwasserknappheit, sterbende Ozeane, Luftverschmutzung, Verbreitung von Krankheiten, wirtschaftlicher Zusammenbruch, klimainduzierte Auseinandersetzungen sowie übergreifend die gegenseitige Verstärkung von Effekten.

Wer diese erste Hälfte liest, weiß, dass jede Anstrengung, den Klimawandel zu verlangsamen, sinnvoll, und jede andere Unternehmung kontraproduktiv ist. Auf diese Erkenntnis hin ist Alltagshandeln, aber auch Politik zu überprüfen.

Die zweite Hälfte des Buches ist weniger brauchbar, weil sie eher unseren gedanklichen Umgang mit diesen Krisen und Herangehensweisen beschreibt, beispielsweise in »The Church of Technology« die Annahme, dass der Klimawandel nicht so relevant sei, weil man, bis es wirklich ganz schlimm kommt, sein Bewusstsein wahlweise irgendwo hochladen oder aber die Erde in Richtung des nächsten zu kolonisierenden Planeten verlassen könne.

Was mir ganz fehlt, sind Ansätze zur Lösung des Problems. Hier ist nun Politik am Zuge, die sinnvollerweise vielleicht mal nicht Berater*innen von McKinsey, sondern aus den Wissenschaften einladen sollte, um schnell nachhaltig wirksame Methoden zur Verlangsamung des Temperaturanstiegs zu finden.

Selbst hier in der Provinz werden Schüler*innen dies anmahnen.

Wir Älteren dürften schon in der Schule (auch wenn das über 30 Jahre her ist) von vielen Einzelbeobachtungen, die Wallace-Wells schildert, erfahren haben (Erosion mit langfristigem Bodenverlust, Wüstenbildung, Wasserknappheit, Problematik fossiler Brennstoffe etc). Ob es der Bericht des Club of Rome ist, die von Jimmy Carter in Auftrag gegebene Studie Global 2000 oder auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse an anderen Stellen, die in die Schulbücher eingeflossen sind – wir alle (und die an den entscheidenden Stellen erst recht) wissen schon lange, dass es an der Zeit ist zu handeln, weil endloses Wachstum unter den Bedingungen von Ressourcenbegrenztheit in einem fragilen Ökosystem nicht funktionieren kann. Die Lektüre des Buches (oder ähnlicher) kann aber die Dringlichkeit des Ganzen noch einmal verdeutlichen.

Zum Weiterlesen: Rezension des Buches in der New York Times.

Zum Umgang mit dem Thema auch in psychologischer Hinsicht schreibt Rachel Riederer in The Other Kind of Climate Denialism.

Update 14.3.2019: Ausführliche deutschsprachige Rezension hier.

Update 18.6.2020: Die deutschsprachige Ausgabe bespricht Laura Henkel hier.

Fridays for Future · Korrekturen · Dinesen · Topinambur · SET.

In der Woche immer mal wieder über die Fridays for Future nachgedacht, die ja auch in den Lehrerblogs unterschiedlich aufgenommen wurden. Für uns in der Außenstelle ist das Thema nicht existent, denn unsere Schüler*innen sind Auszubildende – unerlaubtes Fernbleiben vom Unterricht kann sie ihren Ausbildungsplatz kosten.

In anderen Schulen wird das anders sein, weil den Schüler*innen mögliche Konsequenzen nicht so deutlich sind oder diese als nicht so wahrscheinlich, vielleicht auch nicht so bedrohlich wahrgenommen werden. Indem sich Schulleitungen und Lehrkräfte – hierzulande per Brief aus dem Ministerium noch einmal an ihre Pflicht erinnert – Verhältnismäßigkeit wahrend, aber trotzdem eben disziplinierend gegen die Schüler*innen stellen müssen, handeln sie genau so, wie es ihnen von Greta Thunberg und ihren Mitstreiter*innen vorgeworfen wird: die Verhältnisse durchaus erkennend, aber nicht folgerichtig handelnd.

Es wird kritisch, wenn Schüler*innen sich auf Dauer von Ermahnungen nicht vom Schulstreik abhalten lassen, nicht mehr selbstverständlich akzeptieren, dass wir Lehrkräfte ihnen sagen, was sie zu tun und zu lassen haben. Die Frage ist, ob Schulen, die ihre Schüler*innen ziehen lassen müssen, nicht eigentlich einen hervorragenden Job gemacht haben, weil die Schüler im Erkennen einer für sie fatalen Entwicklung Prioritäten anders setzen als zuvor.

What would Greta do? ist momentan eine nicht nur für das private Handeln entscheidende Frage, weil die an Gruppenbildung gar nicht interessierte Initiatorin einer größer werdenden Gruppe von meist Gleichaltrigen aus der Kenntnisnahme von Fakten eine moralisch sichere Haltung entwickelt hat, der schwer etwas entgegenzusetzen ist. –

Dieses Wochenende gehörte mal wieder den Korrekturen (Lernfelder 1 und 2 bei den Buchhändler*innen, Politik und EDV bei den Immobilienkaufleuten).

Nur kurz mal aufgetaucht, um bei Herrn Rau, der die Seven Gothic Tales von Isak Dinesen gelesen hat, zu kommentieren:

Habe mir das Buch vor einigen Jahren mal gekauft (und zwar anlässlich des Kopenhagen-Aufenthaltes), weil ich beim Stöbern im Angebot der Folio Society darauf stieß und derzeit keine Übersetzung lieferbar war. Die bislang gelesenen Geschichten (habe erst vier geschafft, wie mein Lesezeichen verrät) haben mich etwas ratlos zurückgelassen. Das Lesen war anstrengend, denn ich habe viele englische Wörter nachschlagen müssen, weil ich sie nicht nur nicht 1:1 übersetzen konnte, sondern sie definitiv noch nie gesehen habe. – Was mich ganz naiv am meisten beeindruckt hat: dass sich jemand in einer Fremdsprache so artikulieren kann, dass tatsächlich Stilähnlichkeiten zu bestimmten Epochen bzw. Erzählweisen erkennbar werden. – Bemerkst Du als Anglist flaws in Dinesens Ausdruck? –

Außerdem habe ich natürlich den obligatorischen Wochenendlauf absolviert.

Sabine hat einen Topinambur-Gratin (aus Ernteanteil) nach einem Rezept aus Hugh Fearnley-Whittingstalls Täglich vegetarisch zubereitet; statt Thymian hat sie Zatar verwendet, dass ich letztens aus dem syrischen Laden mitbrachte, nachdem ich auf irgendeinem der vielen Kochblogs davon gelesen hatte.

Heute nachmittag dann letzte Vorbereitungen für den Schulentwicklungstag morgen, der unter dem Titel »Digitalisierung« steht und bei dem ich einen kleinen Workshop zu Wikis und Blogs leite.

Ernteanteile in Solawi.

ErnteanteilSeit Anfang des Jahres sind wir nun – nach einer vierwöchigen Probezeit im November/Dezember – Mitglied einer Solawi und können uns einmal wöchentlich unseren Ernteanteil (im Bild: Ernteanteil und Schuhe) abholen.

Auf das Konzept der Solidarischen Landwirtschaft hat unser älteres E-Kind, dessen WG in Marburg Mitglied ist, unsere Aufmerksamkeit gelenkt, und wir haben einen Hof in der Nähe gefunden: Hof Hollergraben ist ein Demeter-Betrieb mit freundlichen Menschen, die hervorragendes Gemüse anbauen. Immer freitags holen wir uns unseren Ernteanteil im Eutiner Depot ab. (Wir könnten die Waren auch direkt auf dem Hof abholen, das allerdings wären lange unnötige Fahrten.)

Was bringt’s? Dem Hof über unseren festen Monatsbeitrag Planungssicherheit, einen festen finanziellen Grundstock. Und uns regional erzeugtes superfrisches Ökogemüse ohne Verpackung. Saisonal unterschiedliche Erzeugnisse, mit denen wir umzugehen lernen. Vorher lief’s so: wir machten einen Wochenplan und kauften danach ein, nun bekommen wir Gemüse und verwerten es (kaufen natürlich zusätzlich noch Ergänzendes). Was kann man alles mit Roter Bete anfangen? Tolle Salate! Wie fermentiert man Chinakohl? Oh! Topinambur! Viel Petersilie? – Wir lasen da doch unlängst von einem feinen Taboulé-Rezept …

Was konkret in der Gemüsekiste zu finden ist, erfahren wir ein bis zwei Tage vorab per Mail, sodass wir schon mal Rezepte zusammensuchen können; trotzdem bleibt ein gewisses Überraschungsmoment erhalten, das uns das Gefühl des Beschenktwordenseins gibt – vielleicht gar nicht so verkehrt in Anbetracht hiesiger verlässlicher Nahrungsmittelversorgung.

Ein Beispiel ist unsere heutige Gemüsekiste, in der sich Kartoffeln, sehr dicke Möhren, Kohlrabi, Porree, Walnüsse, Kürbis, Topinambur, Weißkohl und Asiasalat finden.

Klassenarbeiten, Kriechen, Hoffnung.

Am Wochenende 56 Klassenarbeiten korrigiert. Waren nur so wenige, weil ich 24 schon in der Woche geschafft habe. Einziger Eintrag auf dem Weihnachtswunschzettel: Korrekturautomat. (Aber sollte irgendwann einmal eine Künstliche Intelligenz klug genug werden, um diese Aufgabe ausführen zu können, wird sie sie an Menschen delegieren, weil die Korrekturtätigkeit die Fähigkeiten ihrer Superintelligenz beleidige.) –

Zwischendurch war ich auch einmal laufen:


Aber wer sonst immer nur am Schreibtisch sitzt, dem fällt Bewegung schwer. –

Auf dem Klimagipfel in Katowice wird wieder viel zu wenig Wirksames beschlossen. Wir werden es unter anderem daran feststellen können, dass sich an unserer Art zu leben nichts ändert.

Greta Thunberg hielt dort eine Rede:

Ja, man kann davon ausgehen, dass die Rede bei den Entscheidenden nichts bewirken wird. Ich bewundere Thunberg gleichwohl vorbehaltlos für ihre Souveränität und das, was sie schon jetzt erreicht hat: im Alter von 15 Jahren spricht sie als Umweltaktivistin auf einer internationalen Konferenz. Die meisten Anwesenden werden sie mitleidig und von oben herab beurteilen. Dagegen aber zeigt sie sich bereits immun. Es ist zu hoffen, dass sie viele Fünfzehnjährige (und Ältere! Und Jüngere!) überzeugt, in dieser Sache Sand im Getriebe zu sein, und so Veränderungen bewirkt. Gelbe Westen stehen eher für ein »Weiter so!« Greta Thunberg nicht.

Jaron Lanier und neuronale Netze.

In der FAZ ein Interview mit Jaron Lanier unter der so unsinnigen wie sensationsheischenden Überschrift »Könnte man das Internet in die Luft jagen?«.

Aus diesem Anlass ein bisschen rumgegoogelt und eine Einführung zu neuronalen Netzen gefunden.

(Eigentlich hatte ich nach dem Stichwort »faltendes neuronales Netzwerk« gesucht und es zu Beispiel hier gefunden. Leider noch nicht verstanden; muss ich morgen noch einmal wacher probieren.)

Schmuddelig: Herr Dobrindt.

An sich mag ich hier keine Schmuddelthemen besprechen, aber wenn Herr Dobrindt, der wesentlich mit dafür gesorgt hat, dass wir noch keine funktionierende Regierungskoalition haben (gegen die man dann gern opponieren darf), laut lesenswertem Zeit-Kommentar Christian Bangels von einer vermeintlich notwendigen »bürgerlich-konservativen Wende« spricht, dann ist das schon beachtlich.

Nur so viel: ich bin so alt, dass ich mich noch an die von Herrn Kohl ausgerufene »geistig-moralische Wende« erinnere. Sie brachte uns unter anderem das Privatfernsehen als Verdummungsmaschine durch Inhalte auf unterstem Niveau. Man darf also Schlimmes befürchten. Und der Begründungszusammenhang, den Herr Dobrindt konstruiert, bestätigt das dann auch gleich.

Dass er dies zudem einbetten will in eine »konservative Revolution« (womit er sich unter anderem in eine mehr als fragwürdige und alles andere als staatstragende Tradition stellt), diskreditiert ihn ihn als ehemaliges Regierungsmitglied über jedes Maß. Der Mann ist als Politiker in einer Bundesrepublik Deutschland untragbar.

Schmuddelig.

Chaos macht Schule – und die Schule.

Der CCC ist eine sehr verdienstvolle Einrichtung, viele der Talks auf seinem jährlichen Congress sind anregend, und wenn wir keinen CCC hätten, müssten wir ihn erfinden. Chaos macht Schule ist eine ehrenamtlich getragene Initiative von CCC-(nahen) Menschen, die in Schulen gehen und dort wichtige Arbeit leisten.

Hier nun beklagt sich der CCC über zweierlei: dass die Leute in der Schule und den Ministerien sehr beschränkt seien und auch im Jahr 2017 noch Hilfe des CCC brauchten.

Dazu ein paar Gedanken: als Lehrer halte ich es immer für wertvoll, echte Fachleute in der Schule zu haben. Das geht so ein bisschen in die Richtung, die Anne Roth (CCC!) hier anspricht und offenbar für richtig hält. Ein echter Informatikmensch (ein echter Imker, eine echte Mechatronikerin, ein echter Landschaftsgärtner, eine echte Astronomin) in der Schule hat eben noch einmal eine andere Bedeutung für Schüler_innen als wir Lehrkräfte, die als zur Einrichtung gehörend wahrgenommen werden.

(Lehrkräfte hätten bezüglich IT generell gern mehr Fachkompetenz in der Schule, beispielsweise bei der Installation und Wartung von IT-Einrichtungen. In der Regel wollen aber Schulträger das nicht zahlen. Hat mit Schule im Grunde gar nichts zu tun, ist aber Bedingung der Möglichkeit von Bildung für die digitale Welt.)

Dass inklusive Medienbildung seit Jahren in den Lehrplänen vieler (aller?) Bundesländer verankert ist, wird von den Vortragenden leider ebensowenig erwähnt wie dass es einen Beschluss der Kultusministerkonferenz gibt, der die Handlungsbedarfe und -strategien in Bezug auf Bildung in der digitalen Welt festschreibt. Wenn all das, was dort geschrieben steht, umgesetzt würde, wäre das im Sinne der Lehrkräfte, der Schulen und vermutlich auch des CCC. Statt allerdings auf diesen Grundlagen aufzubauen, wird als »Realität!« behauptet, an Schulen werde Internet vor Schülern verheimlicht. Ich bitte Euch.

Ich halte es weiterhin für wertvoll, voneinander lernen zu können. Hierfür ist es wenig zielführend, das Gegenüber pauschal als vertrottelt darzustellen.

An keiner Stelle wird erwähnt, dass es viele Lehrpersonen gibt, die zum Teil unter fragwürdigen Bedingungen ihren jeweiligen Teil zur digitalen Bildung beitragen. Dass Schulen und selbst Ministerien sich auf den Weg machen. Dass Schülerinnen und Schüler auch deshalb vieles haben lernen können, was ansonsten unterhalb ihres Horizontes geblieben wäre.

An keiner Stelle allerdings passiert etwas von allein. »Tuwat« halte ich deshalb für einen hervorragenden Leitspruch, love für einen besseren als hate.

Update: Chaos macht Schule weist auf diesen Talk hin – danke!

Mettenhof und der Weiße Riese.

Über die Geschichte des Weißen Riesen, des größten, zudem solitär plazierten Hochhauses im Kieler Trabantenstadtteil Mettenhof, berichtet eine bebilderte Reportage in den Kieler Nachrichten.

Gerade letztens erst tauschten wir uns unter Kolleg_innen über das Bild Mettenhofs aus, das im Regelfall nach wie vor negativ ist.

Was einem in Mettenhof passieren kann? Zunächst, dass man zur Kenntnis nehmen muss, dass es nicht allen Menschen so gut geht wie einem selbst. Oh, und dass die Zahl dieser Menschen vielleicht sogar recht groß ist. Geprägt wird der Stadtteil nun einmal nicht durch seine vergleichsweise angenehmen ins grüne Umland auslaufenden schmalen Ränder, sondern durch die hochgeschossige Wohnbebauung im Zentrum. In diesen wohnen viele, die anderenorts keine Möglichkeit dazu bekommen. Sie werden von denen verurteilt, die sie nicht unter sich haben wollen. Segregation über Finanz- und Sozialstatus, heute vermutlich auch über den Klang des Nachnamens.

Was ich früher in Mettenhof gelernt habe? Lesen, Schreiben und Rechnen. Dass man auf der Straße nicht unbedingt sicher ist.11: Allerdings vermute ich, dass kleine Jungs überall auf der Welt genau wissen, welchen Bullies sie auf dem Schulweg aus dem Weg gehen sollten, um nicht bedroht, drangsaliert, beraubt, geschubst oder verprügelt zu werden. Dass man sich später daher soweit wie möglich gegenseitig nach Hause bringen und ansonsten für schnelle Fahrräder sorgen sollte. Dass ein alter Bauernhof (in den Achtzigern noch deutlich ungeordneter und für uns zugänglicher) ein Refugium zwischen den hohen Häusern sein kann. Dass man sich kümmern muss, wenn was passieren soll. Dass die alte Eiche ein guter Treffpunkt für die loser ist. Den Geruch von Aufzügen und das Wort »Otis«. Wohin man abhauen kann. Dass Zivilisation nicht selbstverständlich ist. Dass man vom Weißen Riesen bis zur Landstraße zwischen Feldern keine zehn Minuten braucht. Dass es einen sehr guten Lehrer gibt. Viele bemühte Lehrpersonen. Einige schlechte. Wie viele Kinder es gibt. Nicht aufzufallen. Welchen stillen Bildungserfolg eine zunächst provisorische, dann fest eingerichtete, aber immer fortschrittliche Stadtteilbücherei im Schulgebäude befördern kann. Dass man Viertel wie diese nicht sich selbst überlassen darf. Dass die richtigen Menschen zu treffen Glück ist. Dass Architektur schaden kann. Dass in den feineren Häusern auch seltsame, in den einfachen auch großartige Menschen wohnen. Die Zeit zu lesen. Welche Straßen besser nicht zu betreten sind, welche Straßenseite die bedrohlichere ist. Stoizismus. Pragmatismus.

Was wählen? – Bundestagswahl 2017.

Tl; dr: geh wählen! –

Wie Johnny Haeusler möchte auch ich meine Wahlentscheidung offen legen. Es gilt der übliche Disclaimer: wer kann schon alles gutheißen, was von einer Partei getan und gewollt wird? Da dies vermutlich nicht einmal bei den jeweiligen Spitzenkandidat_innen der Fall ist, geht es um die Größe der Schnittmengen.

Seit vielen Jahren bin ich leidendes Mitglied der SPD und daher habe ich natürlich auch ein SPD-Wählen-Abo. Ich habe allerdings schon abweichend gewählt (beispielsweise Die Piraten ins Europaparlament) und werde es diesen Sonntag mit meiner Zweitstimme wieder tun (Bündnis90/Die Grünen).

Ich nehme an, dass Martin Schulz eine gute Kanzlerin wäre. Allein seine Chancen dafür streben freudig gegen Null, obwohl er ein überzeugender Europapolitiker ist und sich als Kandidat so gut schlägt wie es unter den gegebenen Bedingungen nur möglich scheint.

Daraus ergeben sich meine in erster Linie wahltaktischen Gründe für die Wahl der Grünen: eine linke Mehrheit (SPD/Grüne/Linke), in der ich die SPD hätte stark sehen wollen, ist nicht absehbar. Würde sie wider Erwarten eintreten, würde die Chance möglicherweise wieder nicht genutzt. (Und selbst dann würde eine Stimme für die Grünen nicht schaden.) Eine weitere große Koalition jedoch mag vielleicht der Staatsräson dienen (und wenn sie denn kommt, dann isses halt so), scheint aber der SPD die Substanz zu rauben und bedarf meiner Stimme nicht.

Bündnis 90/Die Grünen haben ein mir unsympathisches Führungsduo und dafür Doc Habeck verworfen. Wie kann man nur? Sie sind aber beispielsweise die einzige Partei, die einigermaßen überzeugend für Tempolimits, eine Reduzierung des Autoverkehrs und andere ökologisch und gesellschaftlich bedeutsame Fragen eintritt. Und in einer möglicherweise dräuenden Koalition mit der CDU (bzw. zusätzlich mit der FDP) möchte ich die Grünen stark sehen.

Die Linke ist mir in einigen Forderungen durchaus nah (und zwar näher als die SPD). Es sind diejenigen Forderungen, die den Neofeudalismus einer vermögenden Schicht im gesamtgesellschaftlichen Interesse einzugrenzen suchen. Die Linke hat aber sowohl unter den Funktionär_innen als auch unter den Wählern zu bedeutende bzw. zu viele, die in ihren Einstellungen der AfD nahe stehen. Auch von ihrer EU-Orientierung bin ich nicht überzeugt.

Der Vollständigkeit halber: natürlich wähle ich nicht die CDU. Angela Merkel braucht meine Stimme nicht und Heiner Geißler ist gerade gestorben.

Die FDP habe ich in der letzten Legislaturperiode nicht vermisst; dass es so viele Apotheker, Zahnärzte und Hoteliers gibt, wie die Wahlumfragen nahelegen, erstaunt mich dann doch. Die Reduzierung der liberalen Idee auf Wirtschaftsliberalität gefährdet sich selbst und die Erweiterung um erratische konservative Elemente macht die Sache nicht besser. Smart zu sein und sich gut zu verkaufen ist zu wenig für meine Stimme.

Die PARTEI ist mir in ihrer ironischen Haltung sehr sympathisch. Ich wähle aber nicht ironisch, sondern in echt, auch wenn du das vielleicht langweilig findest.

Die AfD schließlich halte ich natürlich für unwählbar, übrigens auch und gerade für konservative Wähler_innen. Sie ist nicht eine Partei legitimer Interessenvertretung, sondern des Hasses und der Missgunst. Sie hat in der kurzen Zeit ihres Wirkens das Schlechteste in den Menschen zum Vorschein gebracht. Kandidat_innen und Sympathisant_innen heißen offen rechtsextreme Positionen gut oder billigen sie zumindest als der Partei Nutzen bringend. Ich hoffe, dass die Demoskopen den Wähleranteil der AfD deutlich zu groß eingeschätzt haben; befürchte jedoch das Gegenteil. Mein einziger Trost: wann immer Rechtsextreme in den letzten Jahrzehnten in deutsche Parlamente gewählt wurden, haben sie sich aufgrund ihrer Unfähigkeit und Ichbezogenheit rasch selbst demontiert. Möge es auch diesmal so sein.

Brexit, Nexit: politische Egozentrik.

Zwei Schlagzeilen an einem Tag: Nigel Farage tritt nach Brexit-Votum als Ukip-Chef zurück und Interview mit Geert Wilders: »Ich will die Grenzen schließen«.

Beide Demagogen stehen für eine egozentrische, destruktive Politik, die die eigenen Interessen jederzeit über die anderer stellt. Das »Ich will die Grenzen schließen« ist dabei ein kleinkindhaftes, unbedingtes Wollen, das den der Demokratie inhärenten Hang zum eben nie absoluten Kompromiss zur Unmöglichkeit erklärt. Ebenso kleinkindhaft, dem Wegwerfen des langweilig gewordenen Spielzeugs entsprechend, das Hinschmeißen der Ämter – wie vorher bei Boris Johnson, so jetzt bei Farage. Beide haben – egal, wie es jetzt im UK weitergeht – die Feder überdreht, das Spielzeug zerstört, es liegt nun am Boden; die Jungs, moralisch auf dem Stand des Kleinkindes, verdrücken sich aus Angst vor Strafe, in der Erkenntnis, dass sie zwar Lebendiges begeistert zertrampeln, nicht aber Zertrampeltes wiederbeleben können.

Populistische rechte Positionen beruhen nicht auf rationalen Entscheidungen in der Sache. Boris Johnson wollte Premier werden, dafür musste er sich gegen seine eigentliche Überzeugung (er war Londons Bürgermeister!) für den Brexit (und damit gegen die vermeintliche Überfremdung der britischen Gesellschaft) aussprechen. Hinter diesem Standpunkt stand aber das »Ich! Ich! Ich!«, das dem Clubkumpel Cameron sein Amt neidete, so wie der eine Junge dem anderen die Bonbons nicht gönnt.

All das ist so klein, so dürftig; es wird eklig, wenn es politisch wirken will und dann die nächstbeste, im Grunde völlig zufällige Minderheit sucht, gegen die zu hetzen ist, und es wird fatal, wenn diesen Leuten Macht verliehen wird. Sie können nur niederreißen, was andere geschaffen haben, lassen sich von ihren Anhängern kurz feiern, um sich dann aus jeder Verantwortung zu verabschieden oder zum nächsten Umsturz zu blasen.

So wandelt sich auch die AfD von der als Anti-Euro-Partei (es geht um die Zerstörung einer vielen Staaten gemeinsamen Währung in sentimentaler Verklärung einer vor 15 Jahren im Euro aufgegangenen Währung) zur aggressiv-reaktionären, allgemein fremden- und speziell islamfeindlichen Partei. Dass dabei der Parteigründer politisch zerstört wird (wie es der derzeitigen Vorsitzenden über kurz oder lang auch droht), muss in Kauf genommen werden, denn es sind andere da, deren Denken allein um das »Ich! Ich! Ich!« kreist. Die neue Parteiführung braucht ein Vehikel, in dem dumm geredete Wähler sie zur Macht schieben – wären gegen neue Autobahnen so leicht Ressentiments zu schüren wie gegen das Fremde, sprächen sich die AfD-Granden gegen Schnellstraßen aus und würden das Wegreißen der Autobahnbrücken fordern –; was auf die Wahl folgte, wäre die Zerstörung eines politischen Systems, das – ebenso wie die EU und ihre Vorgängerorganisationen – jahrzehntelangen Frieden garantierte. Auch diese Destruktion hätte für die Täter wieder ihren Zweck in sich.

[Update paar Stunden später:] Erst jetzt gesehen: Jürgen Kaubes Am Tiefpunkt – Über planloses Dagegensein.