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Ein Zitat von Maja Göpel …

…, nämlich »Alle Menschen, die ich kenne, wünschen sich Liebe, Frieden, die Überwindung von Armut und eine schöne und sichere Umwelt. Warum also machen wir das dann nicht einfach?« (S. 19 in ihrem Buch Unsere Welt neu denken), war für einige meiner Schüler*innen einer der Ausgangspunkte für einen philosophischen Essay.

Herr Rau hat von der re:publica einige Videotips mitgebracht, und Maja Göpels Vortrag ist ein guter.

Krieg · Grenzen · Lesen · Migration · Atomkraft · Klima.

Nach wie vor halte ich es für einen entscheidenden Beweis für die Nichtexistenz Gottes, wenn ein Mensch wie Putin nicht (spätestens) im Moment des Marschbefehls für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine vom Blitz getroffen wird. Kein normaler Mensch braucht einen Krieg. Wir kommen alle gut ohne aus. Allein ein vereinsamter KGB-Pensionär mit verklärten Erinnerungen an goldene Zeiten der Sowjetunion meint seine Senilität mit einem Krieg unter Beweis stellen zu müssen. Wie viel Leid bei wie vielen Menschen entsteht, weil ein einziger Mensch eine falsche Entscheidung trifft (und die Leute in seiner Nähe nicht die Kraft haben, ihm in den Arm zu fallen)! –

Kenyas Botschafter spricht über Grenzen. [Via fefe] –

Wenn ich etwas begreifen will, lese ich. –

Heute in der Deutsch-Stunde aus Gründen über Migration gesprochen. Einige Schüler*innen stammen aus Gebieten, die früher mal der Sowjetunion angehörten, und sprechen daher Russisch. Ich empfinde die Vielsprachigkeit (auch wenn im Unterricht die hiesige lingua franca gesprochen werden sollte) und die dahinterstehenden Familiengeschichten als einen Gewinn und hoffe, sie merken sich Vieles, um es ihren Kindern weiter erzählen zu können. –

Dass man in Zeiten, in denen man glaubt, 100 Milliarden Euro (!) für die Bundeswehr ausgeben zu müssen, weil militärische Auseinandersetzungen wieder für wahrscheinlicher gehalten werden, über das Weiterbetreiben von Atomkraftwerken über den vereinbarten Zeitpunkt hinaus auch nur nachdenkt, ist ja auch einigermaßen abenteuerlich. –

Die Vorstellung des IPCC-Reports versickert. Von anderen Entwicklungen wie dem Rückgang der Biodiversität etc. ganz abgesehen.

Kriegsdienstverweigerung.

Als ich so um 1986 ’rum den Kriegsdienst verweigerte, um nicht zum regulären Wehrdienst eingezogen zu werden, war ich übrigens sehr froh über die Informationsschriften des VVN-BdA zum Thema.

Schulbau und Verkehr in Eutin.

Noch immer ringt die Eutiner Politik um die notwendige Erweiterung der Wisser-Schule.

Nachdem eine Mehrheit von CDU und Grünen eine Wahlperiode lang für eine Sporthalle fernab der Schule stritt, dann kommentarlos von dem Vorhaben abrückte (das den Schulbau damit unnötig um fünf Jahre verzögerte), soll nun auf dem zu kleinen Bestandsgelände im Wesentlichen neu gebaut werden.

Auch dies ist verkehrt, und ich wünsche dem Bürgerbegehren der Eltern der Wisser-Schule, das einen Neubau auf genau dafür vorgehaltenem Bauland neben der Gustav-Peters-Schule vorsieht, viel Erfolg: nur dort kann eine zukunftsgerichtete Schule entstehen.

Dass es auf dem bestehenden Gelände nicht geht, zeigt an einem Beispiel die Stellplatzplanung, wie Constanze Emde hier berichtet.

Dabei ist es ganz richtig, dass mit zu wenig Stellplätzen für Autos geplant wird: es muss unbequem sein, mit dem Auto zu kommen, damit weniger Lehrkräfte das Auto als Verkehrsmittel wählen. Dass aber vor dem Hintergrund des von der Stadtvertretung festgestellten Klimanotstands für Fahrräder gegenüber den in der Stellplatzsatzung, die ja nur ein notwendiges Minimum (!) darstellt, geforderten 290 Plätzen 100 Plätze zu wenig ausgewiesen werden sollen, sollte jedem Stadtvertreter verdeutlichen, dass diese Planung falsch ist. Das Ziel müsste sein, die 290 Plätze zu übertreffen, um den zunehmenden Radverkehr aufzunehmen!

Für Fahrräder wird in den nächsten Jahren bei jeder Baumaßnahme Angebotsplanung das Mittel der Wahl sein müssen, um dem Klimanotstand entgegenzuwirken: es muss bequem und sicher sein, mit dem Fahrrad zu kommen. Schüler*innen wie Lehrer*innen müssen sich auf einen sauberen und trockenen Fahrradabstellplatz verlassen können – dann steigen sie aufs Fahrrad um bzw. bleiben dabei. Und wenn die Politik unbedingt am ungeeigneten Standort festhalten will, ist als Minimallösung ein Fahrradparkhaus, wie es die Initiative des Schulleiters Sven Ulmer vorsieht, vollkommen richtig, damit kein Kind, das mit dem Fahrrad kommen will, stattdessen mit dem Auto chauffiert werden muss.

Grüne Kommunalpolitiker*innen, die ein Unterlaufen der Stellplatzsatzung für Fahrräder mittragen, statt im oben genannten Sinne ein Übererfüllen anzumahnen, haben diese Farbe zu tragen nicht verdient. Sie sind in Eutin – so leid es mir tut – unwählbar.

Corona in Schleswig-Holstein – Schulbeginn am Montag.

Die Zahlen zu neuen Corona-Infektionen in Schleswig-Holstein sehen nicht gut aus, aber am Montag geht die Schule los. In Präsenz, denn die stets nur per Videokonferenz tagende Kultusministerkonferenz und vor allem unsere Ministerin will es so, und im Lüften sind wir Meister! Latürnich!

An dieser Stelle sei noch einmal resigniert erwähnt: unsere Schule könnte problemlos von jetzt auf gleich (also auch von heute auf Montag) auf Distanzunterricht umschalten. Der Stundenplan könnte 1:1 eingehalten werden. Es würde kein Unterricht nicht erteilt werden können.

Es wäre sicherer für Schüler*innen und Kolleg*innen. Auch milde Verläufe sind gefährlich. Von nicht milden ganz zu schweigen.

Unter den gegebenen Umständen mit dem Präsenzunterricht zu beginnen, halte ich für falsch.

Regierungswechsel.

Bin, das muss ich schon sagen, sehr angetan davon, wie zivilisiert der Regierungswechsel heute vor sich ging. Ob Olaf Scholz tatsächlich eine gute Kanzlerin sein kann, wird sich zeigen; für meinen Geschmack hat sich die Koalition (wie zu erwarten, wenn man die FDP einbinden muss) gerade im Klimabereich viel zu wenig vorgenommen (sodass die Regierung das Ziel aus dem Pariser Abkommen verfehlen wird), zudem ist natürlich jedes Ministeramt für die FDP an die falsche Partei gegangen, aber rational kann ich – so sehr es schmerzt – schon nachvollziehen, dass ein Ego wie das Lindners sich nicht mit einem Hausmeisterposten zufrieden geben kann.

Apropos Ego: nahezu jeder Amtsantritt heute ging einher mit der Bekundung von Demut. Das halte ich für mindestens selbstbetrügerisch geflunkert, wenn nicht gar dreist gelogen: demütig zu sein lernt man beispielsweise im Buchhandel, als Krankenpfleger oder als Paketbotin – aber ganz gewiss nicht, wenn man per Mercedes-Limousine zum Schloss Bellevue gefahren wird, ein Tross Bediensteter um einen herumscharwenzelt und man einen der Top-Jobs der deutschen Politik einnimmt.

Masken · Lyrik · Geschlechtergerechte Sprache · Salat.

Keine drei Wochen dauerte es, bevor das Ministerium das Tragen einer MNB im Klassenraum wieder empfahl, drei Wochen, bis es am kommenden Montag wieder zur Pflicht wird. Es war angenehm, die Gesichter der Schüler*innen für diese Zeit mal wieder oder gar zum ersten Mal in diesem Schuljahr ganz zu sehen, aber vor dem Hintergrund wahrlich außergewöhnlicher politischer Verantwortungslosigkeit in Berlin, wo die geschäftsführende Regierung zwar noch ihr Salär bezieht, aber sich schon eine ganze Weile nicht mehr zuständig fühlt, und ein künftiger Kanzler, weil noch ungewählt, seine Richtlinienkompetenz noch nicht erworben hat, sodass das Juristenseminar der FDP allein entscheiden kann, war schon vor Monaten absehbar, dass eine unnötige vierte Welle kommen würde, wie beispielsweise Samira El Ouassil hier in Erinnerung ruft, was dann wieder nach unangenehmen Maßnahmen verlangt …

Ein Stapel LyrikbändeErfreulich immerhin das neue Korridorthema für das Zentralabitur am BG: die in den letzten drei Jahren geübten »realistischen Tendenzen in der Lyrik des 19. Jahrhunderts« sind mit Beginn des Schuljahres für den 13. Jahrgang der »modernen Lyrik im deutschsprachigen Raum von 1945 bis 1989« gewichen, was so einige großartige Lyriker*innen (rechts: Ausschnitt aus der Vorbereitungs- und Begleitlektüre, aus der die Auswahl für die Schüler*innen entsteht) entdecken lässt. Dabei machen wir auch nicht Halt vor gesungener Lyrik von Singer-/Songwritern, die man damals noch Liedermacher*innen nannte, und die mit mit heutiger Coolness inkompatibler und daher Erstaunen evozierender Überzeugung ihre Verse schmetterten. (Mir neu in der Auswahl: dass Udo Jürgens nicht nur Schlager gemacht hat.) Auch wenn ich die Lyrikinterpretation eigentlich immer für ein recht gut beherrschbares Thema halte, weil mit dem nötigen Analysehandwerkszeug Formales recht sicher bestimmbar ist, ist sie für viele Schüler*innen eher suspekt, weil das Verstehen des Spiels mit Metaphern, die Frage nach der Deutung, das Einbeziehen des historischen Hintergrunds etc. in vielen Fällen schwer fallen muss: als Lehrkräfte vergessen wir häufig, wie viel wir erst im Laufe der Jahre erlebt, gelernt und begriffen haben, und selbst der zeitlich nahe Korridor liegt mit seinem Enddatum über ein Jahrzehnt vor der Geburt unserer Schüler*innen …

Sicher nur zufällig zeitlich mit dem Wahlkampf im Zukunftsteam Armin Laschets zusammenfallend hat unsere Ministerin im September in einem Erlass verdeutlicht, dass das sogenannte »Gendern« in schulischen Zusammenhängen nicht erlaubt sei. Dass schulische Unterlagen mit Benennungen wie »Schüler (w/m/d)« nun besser lesbar oder ästhetisch ansprechender würden als bisherige Varianten mit Genderstern, halte ich für eine falsche Annahme; zudem gebietet mindestens die Höflichkeit, sich als nichtbinär begreifende Personen und all die anderen erfreulich vielfältigen Erscheinungsarten des Menschen mitzudenken, zu -schreiben und zu -sprechen, aber möglicherweise bedarf es für diese Erkenntnis in bestimmten Kreisen noch ein paar Jahrzehnte. In einigen Schulen, hört man, soll es ja auch noch Overhead-Projektoren geben: sie hätten sich bewährt, hört man. (Interessanterweise hält selbst die Direktorinnen- und Direktorenvereinigung im Philologenverband Schleswig-Holstein – eher nicht die Speerspitze progressiver Revolution – das ministerielle Handeln in dieser Sache für nicht richtig.)

Nun Freitagabend-Salat und ein Büchlein von Lisa Kränzler.

Ach, und der Wanderer ist mal wieder unterwegs.

Bundestagswahl 2021.

Nun sieht ja alles danach aus, als würde Frau Baerbock nicht Kanzlerin – für diejenigen, die sie als nicht geeignet für die Aufgabe gesehen haben, entfällt damit der letzte Grund, nicht grün zu wählen. Eine kommende Regierung sollte aus Gründen einen möglichst großen grünen Anteil haben.

Wer die Entwicklungen der letzten Jahre verfolgt hat, muss erkennen, dass die möglichst weit gehende Abschwächung der Klimakatastrophe das primäre Ziel ist. Ohne diese Abschwächung wird keine Wirtschaftsmacht der Welt das Geld haben, die sich schon jetzt häufenden und sich in der Zukunft in ihrer Frequenz erhöhenden katastrophalen Folgen des menschengemachten Klimawandels zu kompensieren.

Ich bin dabei überrascht, dass selbst die Grünen noch immer von Wachstum sprechen, die anderen Parteien natürlich sowieso, obwohl allerorten deutlich wird, dass wir als Gesellschaft deutlich zu viel haben, konsumieren und verbrauchen. An allen Ecken & Enden diesem Zustand entgegenzuwirken, sollte das Ziel sein.

Das bedeutet umdenken und Kreativität entwickeln, neu entdecken, was an Möglichkeiten schon besteht, und weitere entwickeln. Wer beispielsweise das erste Mal mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, wird möglicherweise Schwierigkeiten mit der Puste haben. Aber: das gibt sich bei regelmäßiger Wiederholung. Das Auto an möglichst vielen Stellen zu ersetzen und die Nutzung (sowie in der Stadt auch die Aufbewahrung im öffentlichen Raum) zu verteuern, schafft eine deutlich höhere Lebensqualität für die Mehrheit der Bevölkerung. Weniger Autoverkehr bedeutet übrigens für die übrigen Autofahrer*innen weniger Staus, weshalb aufs Auto angewiesene Personen höchstes Interesse an hervorragenden Fuß- und Radverkehrsanlagen haben sollten.

Wie auch immer: bei allen Vorbehalten haben Bündnis90/Die Grünen die größte Kompetenz für die Entwicklung und Umsetzung ökologischer Ideen, von denen wir jede einzelne und noch ein paar mehr gebrauchen können.

Die Mitbewerber Frau Baerbocks für das Amt der Kanzlerin haben unterschiedliche Qualitäten. Für Scholzens Schlumpfigkeit habe ich durchaus Sympathie, und ich sehe bei ihm – ganz unabhängig von Inhalten wie dem Mindestlohn von 12 € – das Standing, das jemand in einer so herausgehobenen Position braucht. Ich erkenne auch Probleme, empfinde ihn aber als das deutlich kleinere Übel, vergleicht man ihn mit dem unberechenbaren, daher gefährlichen Karnevalsjecken Laschet, der sich in jedem Interview, in jeder Situation, in der ich ihn gesehen habe, maximal unsensibel, unvorbereitet und damit unfähig zeigt.

Die Linke zu wählen kommt für mich in erster Linie deshalb nicht in Frage, weil ich ihre Haltung zu Putin und Konsorten im besten Fall als zu unentschieden sehe; FDP und AfD sind natürlich aus unterschiedlichen Gründen indiskutabel.

Politisch klug zu wählen heißt bei uns im Wahlkreis also: Bettina Hagedorn, der SPD-Direktkandidatin, die Erststimme geben. Sie hat – anders als der durchaus sympathische grüne Mitbewerber Jakob Brunken – eine Chance, gegen den mit jedem Jahr farbloser werdenden CDU-Kandidaten das Direktmandat zu gewinnen.

Die Zweitstimme sollte bei Bündnis90/Die Grünen landen, denn sie sind die einzigen, die das Klimathema einigermaßen ernst nehmen. Sie sollten in der kommenden Regierung alles dafür tun, das (berechtigte, wenn auch im Sinne der Kräftebündelung kontraproduktive) Erstarken einer Klimaliste wie in Berlin unnötig werden zu lassen.

Kommentar bei »Kreide fressen«.

Dortselbst schrieb ich in etwa:

Schulausflüge zu Demos sind eine Verletzung des Überwältigungsverbots und insofern nicht in Ordnung.

Verweise für FFF-demonstrierende Schüler*innen finde ich konsequent (und auch gar nicht problematisch für Schüler*innen): letztendlich geht es beim Schulstreik doch gerade darum, etwas zu tun, das rechtlich fragwürdig, aber aus Sicht der Demonstrierenden aufgrund der Faktenlage moralisch geboten ist.

Fridays for Future und die große Koalition.

Während Fridays for Future, eine Bewegung junger Menschen ohne Organisationsapparat, bundesweit Hunderttausende und weltweit Millionen Demonstrant*innen auf der Straße versammelt, verabschiedet das Klimakabinett ein fragwürdiges Maßnahmenpaket, das nicht nur nicht genügend steuert – so beispielsweise mit dem lachhaften Preis von 10 Euro pro Tonne CO2 –, sondern im Zweifelsfall eher negative Anreize setzt – beispielsweise bei der Erhöhung der Pendlerpauschale. In der Tat: es ist, als gäbe es kein Morgensie haben sich wieder nicht getraut.

Europawahl 2019.

Das Ergebnis für die Grünen bei der gestrigen Europawahl ist so großartig wie für die »großen« Parteien, insbesondere die SPD, desaströs. Selbst im nicht übermäßig progressiven Eutin stehen Bündnis90/Die Grünen mit 30,6% (gegenüber CDU 26,6%, SPD 18,4%) sogar noch deutlich besser da als im Bundesdurchschnitt (Bündnis90/Die Grünen 20,5%, CDU/CSU 22,6%, SPD 15,6%), wenn auch im Kreis Ostholstein (wie bundesweit) die CDU ihre stärkste Position unter den Parteien behaupten kann. [Via]

Dieses hervorragende Ergebnis kann durchaus bis zur nächsten Bundestagswahl tragen und sich dort wiederholen oder im Effekt verstärkt werden, denn die Hoffnung, die die Klimaschutz als wichtigstes Thema sehenden Wähler*innen in die Grünen setzen (und ihnen damit eine alles andere als einfache Aufgabe stellen), kann im europäischen Rahmen kaum enttäuscht werden: die Grünen werden dort (hoffentlich) konsequent ihre Politik vertreten, aber nicht die Linie des Parlaments bestimmen können.

Nur bei den über 60-Jährigen ist die CDU noch klar vorn, schon in meiner Alterskohorte (45–59 Jahre) liegen die Grünen mit 24% fast gleichauf.[Via] Insofern kein deutlicher Generationenkonflikt, aber doch eine deutliche Unterscheidung in Präferenzen. Da müssen die jungen Menschen noch mehr tun, um ihre Großeltern zu beeinflussen.

Dass in großen Teilen Brandenburgs und Sachsens die vom rechtsextremen »Flügel« bestimmte AfD die stärkste Partei ist, aber auch einzelnen Kreisen Thüringens und Sachsen-Anhalts,[via] ist mehr als traurig und muss deutlicher als bisher als hochproblematisch benannt und politisch bekämpft werden: Rechtsradikalität und Rechtsextremismus sind Gefahren für den Staat, die AfD zu wählen bringt Politiker mit mindestens rechtsradikalen Positionen in entscheidende Funktionen. Wer unsere Demokratie erhalten will, darf nicht AfD wählen.

Und die SPD? Einer der wenigen Gründe für die relative Sicherheit Andrea Nahles’ an der Spitze der SPD, unter deren Führung selbst die Position der stärksten Partei in Bremen verloren ging, dürfte sein, dass es keine Alternativen gibt: der Austausch gegen andere – etwa Olaf Scholz – würde keine Besserung bringen, die Jungen in der SPD hingegen werden als noch zu jung und zu unerfahren angesehen. Da aber die jungen Menschen in dieser Wahl die Stimmung beherrscht und das Thema bestimmt haben, könnte der Wechsel zu Kühnert, Klingbeil und Konsorten die letzte Möglichkeit für einen Versuch der SPD sein, mittel- und langfristig überhaupt noch Land zu sehen.

Der Blick nach Österreich zeigt bei einem großen Teil der Wähler*innen sture Uneinsichtigkeit. In Italien, Polen und Frankreich sind die rechtspopulistischen Europafeinde knapp vorn.

Auch im UK sieht es nicht besser viel aus: Nigel Farage hat im Wahlkampf zum Brexit-Referendum die Brexiteers belogen, was die vermeintlich positiven Folgen des Brexits angeht (und das sollten sie inzwischen auch mitbekommen haben), und bekommt mit seinem Ego-Projekt Brexit-Partei trotzdem 31% der Stimmen. Die LibDems bekommen immerhin 21%! [Via] – Wenn Labour jemals wieder einen Fuß auf den Boden bekommen will, sollten sie spätestens an dieser Stelle Corbyn pensionieren und gegen die Tories (noch nach den Grünen auf dem fünften Platz!) auf klaren EU-Kurs umschwenken, wie es die Mehrheit der Basis schon lange wünscht.

Bei der Wahl des Kommissionspräsidenten werden wir eine erste Probe der neuen Stärke der deutschen Grünen-Abgeordneten sehen – werden sie den eine CO2-Steuer ablehnenden Manfred Weber mitwählen, wie Ska Keller als Möglichkeit schon andeutete, oder werden sie Opposition deutlich machen und Frans Timmermans unterstützen? –

Update: Eine nicht zu schlechte Einschätzung von Bernd Ulrich zum Thema. Und auch Markus Beckedahl kommentiert.

YouTuber vs. große Koalition etc.

Erst macht Rezo ein Aufsehen erregendes Video (zur Zeit über 7 Millionen Aufrufe), das sich gegen die Politik der regierenden Parteien und erst recht gegen die Weltsicht der Ewiggestrigen richtet, jetzt tun sich die YouTuber nochmal zusammen:

Dies ist ein offener Brief. Ein Statement. Von einem großen Teil der Youtuber-Szene.
Am Wochenende sind die EU-Wahlen und es ist wichtig wählen zu gehen. Aber es ist genauso wichtig, eine rationale Entscheidung bei der Wahl zu treffen, die im Einklang mit Logik und Wissenschaft steht.

Es gibt viele wichtige politische Themen, aber nach der Risiko-Hierarchie hat die potentielle Zerstörung unseres Planeten offensichtlich die höchste Priorität. Jedes andere Thema muss sich hinten anstellen.

Die irreversible Zerstörung unseres Planeten ist leider kein abstraktes Szenario sondern das berechenbare Ergebnis der aktuellen Politik. Das behaupten nicht wir, sondern das ist der unfassbar große Konsens in der Wissenschaft. Die Experten sagen deutlich, dass der Kurs von CDU/CSU und SPD drastisch falsch ist und uns in ein Szenario führt, in dem die Erde unaufhaltsam immer wärmer wird, egal was wir tun. In dieser Welt sterben nicht nur viele Tierarten aus, sondern auch viele Menschen. Für die Überlebenden nehmen Krankheiten zu, Billionen wirtschaftliche Schäden entstehen und es werden hunderte Millionen Flüchtlinge kommen, die nicht für ein paar Jahre sondern für immer in anderen Ländern untergebracht werden müssen.
Darin ist sich die Wissenschaft sicher. Hier geht es nicht um einzelne Expertenmeinungen, denn die kann man immer finden. Nein, es ist ein überwältigender Konsens unter Wissenschaftlern, der sich auf unzählige unabhängige Studien und Untersuchungen stützt.

Wer diesen Konsens leugnet, so wie die AfD, oder nicht danach handelt, wie die aktuelle Regierung, hat nichts in der Führung eines aufgeklärten Landes zu suchen.
Vielleicht ist Unwissenheit der Grund für dieses Fehlverhalten, vielleicht haben sie nicht die Stärke oder den Anstand, Wissenschaft und Realität über das Geld und den Einfluss der Großkonzerne und Lobbys zu stellen. In jedem Fall müssen wir dafür sorgen, dass Parteien einen Anreiz haben, im Sinne der Wissenschaft zu handeln. Und der offensichtliche Anreiz, den wir schaffen können, ist, dass sie bei den Wahlen Stimmen verlieren. Denn nur dann hätten sie einen Grund, ihr Verhalten zu verändern.

Daher bitten wir alle: Wählt nicht die CDU/CSU, wählt nicht die SPD. Wählt auch keine andere Partei, die so wenig im Sinne von Logik und der Wissenschaft handelt und nach dem wissenschaftlichen Konsens mit ihrem Kurs unsere Zukunft zerstört. Und wählt schon gar nicht die AfD, die diesen Konsens sogar leugnet.

Hier geht es nicht um verschiedene legitime politische Meinungen. Es geht um die unwiderlegbare Notwendigkeit, alles dafür zu tun, den Kurs so schnell wie möglich drastisch zu verändern. Das fordern über 26.000 deutschsprachige Wissenschaftler. Das fordert der Weltklimarat, der die tausenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen sichtet und zusammenfasst. Und wir stellen uns auf die Seite der Experten. Denn wenn wir die nächsten Jahre auf diesem Kurs bleiben, haben wir vielleicht keine Chance mehr, die Zerstörung aufzuhalten.

Zuletzt, liebe Politiker: Natürlich habt ihr jetzt die Möglichkeit, uns wieder zu diskreditieren. Ihr könnt uns vorwerfen, dass wir ja sowieso keinen Plan haben, wovon wir reden. Dass wir lügen. Dass wir an Fake-Kampagnen teilnehmen. Instrumentalisiert sind. Dass wir gekauft und bezahlt sind und so weiter. All diese respektlosen Techniken habt ihr bereits dieses Jahr gegen uns, gegen eure eigene Bevölkerung eingesetzt.
Und wir sprechen für sehr viele Bürgerinnen und Bürger, wenn wir sagen:
Ihr habt euch damit keine Freunde gemacht.

– Möge ihr Appell wirksam sein, auf dass junge Menschen zuhauf zur Wahl gehen und entsprechend wählen. Nicht nur bei der Europawahl, sondern weiterhin. –

[Update:] Ben von anmut und demut zum Thema.

Gelesen. Wallace-Wells. Klimawandel.

David Wallace-Wells: The Uninhabitable Earth – Life After Warming. New York: Tim Duggan Books, 2019.

Selten verzeichne ich hier die gelesenen Sach- und Fachbücher, aber dieses hier soll schon einmal erwähnt werden.

Wallace-Wells1 1: Nicht zu verwechseln mit Wallace Wells. Das ist Scott Pilgrims Mitbewohner. ist Journalist, kein Wissenschaftler, beschäftigt sich jedoch schon seit mehreren Jahren mit dem Thema Klimawandel. Sein Buch geht auf einen Artikel zurück, den er 2017 in New York veröffentlichte (im Freitag auf Deutsch zu lesen).

Wallace-Wells’ Beschreibung des möglicherweise Kommenden ist mehr als bedrohlich. Es ist selbst dann noch bedrohlich, wenn man davon ausgeht, dass aufgrund sich als zukünftig falsch erweisender Annahmen vielleicht nur die Hälfte des Prognostizierten tatsächlich eintrifft (und ignoriert, dass aufgrund sich als zukünftig falsch erweisender Annahmen ja auch mehr als das Prognostizierte eintreffen könnte).

Er beschreibt sich selbst als typischen Städter, fern vom Bild des zauseligen Ökopredigers, nicht mal Umweltschützer oder naturnah, der jedoch – ausgehend von einzelnen Nachrichten2 2: Beispielsweise die vom russischen Jungen, der an einer Milzbrandinfektion starb, die er sich an einem vom tauenden Permafrostboden freigelegten Rentierkadaver einfing, oder die von den Wissenschaftlern, die sich auf einer von Eisbären besiedelten Insel gefangen sahen, nachdem ihnen mit dem Eis auch die Brücke zum Festland wegtaute etc. und aufgrund der in der Folge recherchierten Fakten und Prognosen über den Klimawandel ein apokalyptisches Bild unserer Zukunft hat entwerfen müssen, in der eben nicht nur beliebig ferne Natur, sondern in der Folge eben auch der Starbucks nebenan sowie alle anderen Hervorbringungen der Zivilisation zerstört werden können, wenn nicht schnell drastische Maßnahmen dagegen unternommen werden.

Wie problematisch das Ganze ist, verdeutlicht er in der Einleitung unter dem Titel »Cascade«: weil alle Einzelwirkungen zusammenhängen und an bestimmten Punkten nicht mehr umkehrbar sind und/oder sich selbst (und andere Wirkungen) verstärken, ist inzwischen Dringlichkeit geboten.

Er erinnert an die Flüchtlingsbewegung aus Syrien, die auf einen Bürgerkrieg zurückgeht, der wiederum von Unruhen aufgrund von klimawandelbedingten Dürren entfacht wurde. Es ging damals um etwa eine Million Flüchtlinge, die Europas Politik ziemlich durcheinander gebracht haben. Allein aus Bangladesh, das zu großen Teilen der Überflutung durch den steigenden Meeresspiegel anheimfallen wird, werden 10 Millionen Menschen auf der Flucht sein. Die Weltbank – nicht bereits benannte Ökozausel – prognostiziert bis zu 140 Millionen Flüchtlinge bis 2050 in unterschiedlichen Teilen der Erde, die UN sprechen von 200 Millionen im guten Fall, es könnten bis zu einer Milliarde sein.3 3: Alle Zahlen und Prognosen werden übrigens im Anhang auf über 60 Seiten sauber belegt. Quellen sind Weltbank und UN samt Unterorganisationen, aber auch die NASA und andere US-Behörden, die WHO, das IPCC, wissenschaftliche Zeitschriften, Fachpublikationen etc.

Gleichzeitig werden Extremwetterereignisse (Hitzewellen, Wirbelstürme etc.) und deren Folgen (z. B. Waldbrände) von der Ausnahme zur Regel werden, aufgrund der zunehmenden Wärme werden große Städte um den Äquator unbewohnbar, Wassermangel und Dürre in großen Gebieten der Erde (inklusive des südlichen Teils Europas) zur Regel, der Anteil fruchtbaren Landes geht bei gleichzeitiger Zunahme der Weltbevölkerung zurück. Je nachdem, um wieviel Grad wir die Durchschnittstemperatur ansteigen lassen, werden die Folgen deutlicher und weitere treten hinzu. Dass dies alles auch wirtschaftliche Folgen hat (nach Schätzungen kostet 1°C Temperaturanstieg einen Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts), ist dabei noch außer Acht gelassen.

Nach dieser allgemeinen Einleitung werden einzelne Aspekte, die »Elements of Chaos« als Folgen des Klimawandels beschrieben: Hitzetode, Hunger, Überflutungen, Brände, Extremwetter, Trinkwasserknappheit, sterbende Ozeane, Luftverschmutzung, Verbreitung von Krankheiten, wirtschaftlicher Zusammenbruch, klimainduzierte Auseinandersetzungen sowie übergreifend die gegenseitige Verstärkung von Effekten.

Wer diese erste Hälfte liest, weiß, dass jede Anstrengung, den Klimawandel zu verlangsamen, sinnvoll, und jede andere Unternehmung kontraproduktiv ist. Auf diese Erkenntnis hin ist Alltagshandeln, aber auch Politik zu überprüfen.

Die zweite Hälfte des Buches ist weniger brauchbar, weil sie eher unseren gedanklichen Umgang mit diesen Krisen und Herangehensweisen beschreibt, beispielsweise in »The Church of Technology« die Annahme, dass der Klimawandel nicht so relevant sei, weil man, bis es wirklich ganz schlimm kommt, sein Bewusstsein wahlweise irgendwo hochladen oder aber die Erde in Richtung des nächsten zu kolonisierenden Planeten verlassen könne.

Was mir ganz fehlt, sind Ansätze zur Lösung des Problems. Hier ist nun Politik am Zuge, die sinnvollerweise vielleicht mal nicht Berater*innen von McKinsey, sondern aus den Wissenschaften einladen sollte, um schnell nachhaltig wirksame Methoden zur Verlangsamung des Temperaturanstiegs zu finden.

Selbst hier in der Provinz werden Schüler*innen dies anmahnen.

Wir Älteren dürften schon in der Schule (auch wenn das über 30 Jahre her ist) von vielen Einzelbeobachtungen, die Wallace-Wells schildert, erfahren haben (Erosion mit langfristigem Bodenverlust, Wüstenbildung, Wasserknappheit, Problematik fossiler Brennstoffe etc). Ob es der Bericht des Club of Rome ist, die von Jimmy Carter in Auftrag gegebene Studie Global 2000 oder auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse an anderen Stellen, die in die Schulbücher eingeflossen sind – wir alle (und die an den entscheidenden Stellen erst recht) wissen schon lange, dass es an der Zeit ist zu handeln, weil endloses Wachstum unter den Bedingungen von Ressourcenbegrenztheit in einem fragilen Ökosystem nicht funktionieren kann. Die Lektüre des Buches (oder ähnlicher) kann aber die Dringlichkeit des Ganzen noch einmal verdeutlichen.

Zum Weiterlesen: Rezension des Buches in der New York Times.

Zum Umgang mit dem Thema auch in psychologischer Hinsicht schreibt Rachel Riederer in The Other Kind of Climate Denialism.

Update 14.3.2019: Ausführliche deutschsprachige Rezension hier.

Update 18.6.2020: Die deutschsprachige Ausgabe bespricht Laura Henkel hier.