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Gelesen. Tokarczuk.

Olga Tocarczuk: Ur und andere Zeiten. Übertragen von Esther Kinsky. Zürich: Kampa, 2019.

Schlichte universelle Existenzialität, dargestellt an besonderen und doch alltäglichen Figuren in einem Dorf, das überall ist.

Großartiges Buch. Lesen!

Gelesen. Seiler.

Lutz Seiler: Stern 111. Berlin: Suhrkamp, 2020.

Einem Kollegen mailte ich dazu:

Bin erst knapp halb durch. Ist bislang nicht schlecht, aber auch nicht ganz groß, wenn stellenweise auch von feinem Sprach- und Handlungswitz, finde ich (bislang). Dokumentarischer Wert in Bezug auf die Bewahrung einer Szene (Hausbesetzer, Oppositionelle, Drop-Outs [,Künstler]) und der Stimmungen in der Wendezeit. Das mag ich. Lässt die Figur Kruso aus »Kruso« wieder auftauchen. Mal sehen, wie es sich entwickelt.

Tatsächlich war es erst etwa ein Drittel, das ich gelesen hatte, und die stärkeren zwei Drittel folgten dann noch, aber insgesamt kann dieses ambivalente Urteil bestehen bleiben. Es gibt gelungene Stellen, auch in ihrer drastischen Poetizität (etwa eine fliegende Ziege als Ostberliner Variante des magischen Realismus), aber auch Redundanzen, es gibt schöne und großartige Stellen, aber auch Längen. Insgesamt wohl lesenswert, aber nicht so kraftvoll wie im letzten Jahr etwa zur gleichen Zeit Sibylle Bergs GRM. Brainfuck.

Gedanken.

Das Aussetzen des Alltags lässt diesen als Spiel erkennen. Das Wesentliche ist anderswo.



Distanzmarkierungen in Supermärkten. Kontaktlose Übergabe. Stille, wie Schnee.



Unfreiwillige Isolation unterscheidet sich von freiwilliger.



Wie viel Platz in den Städten, wenn wenig Autos fahren!



Im Ausweichen der Entgegenkommenden erkennt man sich selbst als personifizierte Pestilenz.

Schule ohne Unterricht.

Nach einer guten Woche unterrichtsloser Schule schlug unsere Ministerin gestern vor, das Abitur auf der Grundlage der bisher erbrachten Leistungen ohne gesonderte Prüfungen zu erteilen. Die Argumentation scheint mir nach wie vor schlüssig, aber heute stellte sich offenbar heraus, dass die Länderkolleg*innen not amused waren über die Art der Bekanntgabe, sodass nun doch von der Durchführung des Abiturs unmittelbar nach den Osterferien ausgegangen wird.

Wenn die Prüfungen dann stattfinden werden, dann wird dies unter ungünstigeren Bedingungen sein als jetzt, denn die Wahrscheinlichkeit von Corona-Infektionen wird bis dahin eher zunehmen. Im Nachhinein weiß man nun auch, dass unser Wunsch, die Abschlussprüfungen letzte und diese Woche mit den Prüflingen plangemäß, aber in ansonsten leeren Schulen durchzuführen, die deutlich bessere Alternative gewesen wäre, weil die Schüler*innen dann nicht die fünfwöchige Pause vor den Prüfungen gehabt hätten. Auch werden die Korrekturen nun möglicherweise im wieder laufenden Schulbetrieb abgearbeitet werden müssen, was für die Kolleg*innen ungünstig ist.

Was also zu tun ist: Überarbeitung der Prüfungs-, Raum- und Vertretungspläne, weitere kleine Modifikationen. Ansonsten schon jetzt und ab morgen verstärkt: Stundenplanung für das nächste Schuljahr.

Unterrichtsfrei wegen CoViD-19-Gefahr.

Das hatten wir bisher auch noch nicht, aber heute war es gegen Mittag so weit: der Unterricht ab Montag für die zwei noch verbleibenden Wochen bis zu den in diesem Jahr dreiwöchigen Osterferien wurde abgesagt. Die gegenwärtige Stimmung hat ein bisschen was von Tove Janssons Komet im Mumintal.

In der Tat finde ich es auch interessant, was diese Ausnahmesituation mit den Menschen macht, und die Erfahrungen beim Wochenendeinkauf waren diesbezüglich nicht die besten, aber das sich nach Hause Zurückziehen hat ja auch seine Vorteile, da bin ich ganz bei Herrn Rau. Der Stapel ungelesener Bücher wächst immer nach …

Leider sind wir nicht ganz so gut wie die Bayern aufgestellt, was die Fernunterrichtstechnik anbelangt, was mit Ländereigenheiten zu tun hat, aber auch mit den spezifischen Bedingungen unserer Schule, die zwischen dem alten, im Grunde in Abwicklung befindlichen Moodle und einer in Bälde kommenden neue Software-Lösung steht. Aber besondere Situationen fordern ja heraus …

Gern hätte ich gesehen, dass die Abschlussprüfungen, in meiner Abteilung das schriftliche Abitur, noch durchgeführt werden können, während nur der normale Unterricht abgesagt worden wäre – doch eine solche Kompromisslösung ist für die Entscheidenden offenbar nicht vorstellbar gewesen. Den Schüler*innen hätte ich die Verschiebung gern erspart, denn sie sind jetzt optimal vorbereitet – in fünf unterrichtsfreien Wochen möglicherweise eher weniger. Und auch für die korrigierenden Kolleg*innen bedeutet diese Verschiebung der Prüfungen auf nach den Osterferien eine Mehrbelastung, denn dann sind die Korrekturen, die für die Osterferien geplant waren, neben dem Unterricht zu leisten …

Und das heißt auch: meine nächsten Tage gehören der Neuplanung des Abiturprüfungsbetriebs (ohne zu wissen, ob die Ausweich-, nämlich die ursprünglichen Nachschreibtermine, überhaupt wahrgenommen werden können). Nebenbei natürlich ein Treffen der erweiterten Schulleitung am Montagmorgen, um weitere Maßnahmen zu diskutieren und abzusprechen. Auch bereits geplante kleine Konferenzen (mit weniger als 50 Kolleg*innen und Kollegen, was bei uns im Kreis die derzeitige Genehmigungsgrenze ist) und andere Dienstgeschäfte finden statt.

Gelesen. Tolstoi.

Lew Tolstoi: Krieg und Frieden. (2 Bände.) Übertragen von Barbara Conrad. München: Hanser, 2010.

»Roman«, das ist die Restmenge, nachdem man die strenger bestimmten Prosaformen per Definition ausgeschlossen hat, und so ist auch diese Sammlung Tolstoischer Schriften ein solcher, obwohl das Konstrukt neben (gesellschafts-, familien- und entwicklungs-) romanhaften Zügen auch solche der allgemeinen Geschichtsbetrachtung, ideengeschichtlicher Reflexionen, militärischer Überlegungen und politischen Diskussion aufweist, und sich der_dem Lesenden daher zuweilen auch etwas sperrig zeigt.

Seit Jahresbeginn habe nichts anderes Belletristisches gelesen (und ich lege Wert auf die Tatsache, dass ich gestern, einen Tag vor der Bekanntgabe des ab dem 16.3. folgenden zweiwöchigen Unterrichtsausfalls im Interesse der verlangsamten CoViD-19-Verbreitung, die Lektüre abgeschlossen habe), und wie andere langen Bücher hat auch dieses mich schließlich sehr im Bann gehalten. (Inhalt gibt’s in der Wikipedia.)

Es sind nicht so sehr die Geschichten, die erzählt werden, die, verkürzt wiedergegeben, banal sind, wie wir Menschen es nun einmal sind: boy meets girl, zuweilen hemmende Einflüsse durch Konventionen und/oder Zeitläufte, doch schlussendlich finden sich die Liebenden doch … – schon eher die Veränderungen, die sie durchleben über die Zeit von 1805 bis 1812, die aufgrund der historischen Lage – Napoleon unterwirft sich ein Land nach dem anderen und marschiert schließlich bis nach Moskau – existenzielle Fragen aufwerfen und die Figuren stellvertretend leiden, aber auch reifer werden lassen.

Wer den Titel allein liest, könnte vermuten, der Krieg würde eine positive Rolle einnehmen, doch Tolstoi ist nichts ferner: die Lehrjahre der Figuren bedeuten auch eine deutliche Abkehr von allen Illusionen, die sie sich über den Krieg als vermeintlich heroische Einrichtung je gemacht haben; dies wird deutlich in Figuren wie dem jungen Petja, der begeistert in den Krieg zieht und beim ersten ernsthaften Gefecht durch einen Kopfschuss getötet wird, aber auch in der naiv-wunderlichen Art, in der Pierre die Schlacht bei Borodino als Unbeteiligter miterlebt, was ihn fürderhin stoisch alle kleineren Dummheiten der Menschen ertragen lässt, weil an die eine große keine andere herankommt.

Erstaunlich klar und bitterhumorig entlarvt Tolstoi die Vorstellungen der Menschen über angeblich großartige Heerführer und ihre Leistungen. So wie er als erstaunlich zeigt, dass Hunderttausende dem Befehl eines einzelnen Aggressors über tausende Kilometer in völlig fremde Länder folgen, statt lieber zuhause zu bleiben, wird auf der anderen Seite die militärische Verteidigung Russlands als nutzlos demaskiert und ihre anschließende Dekoration mit höchsten Orden spöttisch begleitet. Die Kontrastierung dieser großen Linien, die auf der Fähigkeit zum Bluff, fragwürdigen Ehrbegriffen und anderen Geistesverirrungen gründen, mit der empathischen Schilderung der Schicksale Einzelner beeindruckt zutiefst, was jede Kriegsführung in späteren Jahren nur umso unverständlicher werden lässt.

Das klingt dann – in einem fingierten historischen Bericht (mithin nicht in Tolstois typischem Duktus, von der Haltung her allerdings stimmig) im Epilog – beispielsweise so:

»Ludwig XIV. war ein sehr stolzer und anmaßender Mensch; er hatte die und die Geliebten, die und die Minister und regierte Frankreich schlecht. Ludwigs Nachfolger waren ebenfalls schwache Menschen und regierten Frankreich ebenfalls schlecht. Auch sie hatten die und die Favoriten und die und die Geliebten. Außerdem schrieben zu jener Zeit auch einige Menschen Bücher. Ende des 18. Jahrhunderts versammelten sich in Paris etwa zwei Dutzend Leute, die davon zu reden anfingen, dass alle Menschen gleich und frei seien. Daraufhin begannen in ganz Frankreich die Menschen einander abzuschlachten und zu ersäufen. Sie töteten den König und noch viele andere. Zur selben Zeit aber gab es in Frankreich einen genialen Menschen – Napoleon. Überall besiegte er alle, das heißt, er tötete viele Menschen, weil er sehr genial war. Er zog aus, um zu irgendeinem Zweck Afrikaner zu töten, und so gut brachte er sie um und war so listig und schlau, dass er, als er wieder nach Frankreich kam, allen befahl, ihm zu gehorchen. Und alle gehorchten ihm. Nachdem er sich zum Kaiser gemacht hatte, zog er wieder los, Menschen in Italien, in Österreich und in Preußen umzubringen. Auch dort tötete er viel. In Russland aber gab es den Kaiser Alexander, der sich entschlossen hatte, die Ordnung in Europa wiederherzustellen und der deshalb gegen Napoleon Krieg führte. Aber im Jahre sieben schloss er plötzlich Freundschaft mit ihm, zerstritt sich aber im Jahre elf wieder mit ihm, und wieder begannen sie, viel Volks zu töten. Napoleon führte sechshunderttausend Mann nach Russland und eroberte Moskau; aber dann lief er plötzlich aus Moskau weg, und damals einte Kaiser Alexander Europa mit Hilfe der Ratschläge Steins und anderer, um sich gegen den Störenfried zu rüsten. Die Verbündeten Napoleons wurden plötzlich alle zu seinen Feinden; und diese Streitmacht zog gegen Napoleon, der neue Streitkräfte zusammengezogen hatte. Die Verbündeten besiegten Napoleon, rückten in Paris ein, zwangen Napoleon, auf den Thron zu verzichten, und schickten ihn auf die Insel Elba, ließen ihm aber die Kaiserwürde und erwiesen ihm alle Ehren, obgleich ihn alle in den fünf Jahren davor und dem Jahr danach für einen Räuber und Gesetzlosen gehalten hatten. […]« [Ebd., II, 1018]

Zweieinhalb Monate lang habe ich an diesen von Barbara Conrad vorbildlich übertragenen und mit Anmerkungen versehenen über 2100 Seiten gelesen. Es war keine vertane Zeit.

Veränderungen II.

Seit dem 1.2.2016 leite ich nun die Außenstelle Malente unserer Schule, zum 1.2.2020 habe ich stattdessen die Koordination des Beruflichen Gymnasiums in Eutin übertragen bekommen.

Der Wechsel ist für mich ein echter Einschnitt, weil es schon noch einmal eine andere Verwurzelung in einer Abteilung bedeutet, wenn man sie leitet: fast alles Geschehende vollzieht sich auf die eine oder andere Art und Weise unter eigener Beteiligung, Verantwortung zu tragen heißt eben auch, über alles mindestens Bescheid zu wissen (sei es auch, indem man weiß, dass sich andere gute Leute darum kümmern).

Dass ich trotzdem noch einmal wechseln wollte, hat vor allem mit dem dann möglichen Unterrichtseinsatz mit dem Schwerpunkt auf meinen Fächern Deutsch und Philosophie zu tun, die in den letzten vier Jahren eine zu geringe Bedeutung bekamen, aber auch mit der Lust auf etwas Neues (ohne dabei das Alte zu missachten).

Die letzten Wochen und Monate bedeuteten daher – neben dem normalen Unterricht – Einlesen in neue Vorschriften, Einarbeitung in die neuen Aufgaben durch meine Vorgängerin im Amte, die in Pension geht, sowie Einarbeitung meiner Nachfolgerin. In beiden Fällen werden die alten Abteilungsleitenden nach dem Wechsel noch erreichbar sein, sodass es ein möglichst sanfter Übergang wird. Auch Kolleg*innen fühlen schon einmal vorsichtig vor, ob ihre Interessen denn unter der neuen Leitung weiterhin Berücksichtigung finden können.

Die Buchhändler*innen unterrichte im Umfang von 5 Stunden zunächst weiter, anderer Unterricht (EDV, Politik) entfällt aber. In Eutin treten zu meinen bisherigen Deutsch- und Philosophiekursen am BG weitere hinzu.

Es wird einmal wieder eine interessante Zeit – wie ohnehin Beteiligung an Schulleitung etwas ziemlich Großartiges ist.

Gelesen. Sente, Berserik, van Dongen.

Yves Sente, Teun Berserik und Peter van Dongen: Das Tal der Unsterblichen 1: Gefahr für Hongkong. Übertragen von Harald Sachse. Hamburg: Carlsen, 2019.

Auch diese Neubelebung der Blake-und-Mortimer-Abenteuer hat zwar den Charme der ligne claire, kommt aber an Hergés Werk nicht heran. Trotzdem werde ich natürlich den zweiten Teil lesen müssen, sobald er erscheint.

Küste · Marzipantorte · Spiel · Gedichte.

2020-01-11_120110Während der heutige Tag wieder mit Standardnieselwetter beginnt, schien am Samstag zeitweise die Sonne, daher sind wir rausgefahren nach Niendorf und von dort auf dem Höhenweg des Brodtener Ufers nach Travemünde spaziert. Dort waren wir tatsächlich vorher noch nie, weil wir, wenn uns nach Steilküste war, immer zwischen Rettin und Brodau wanderten.

2020-01-11_133822Wider Erwarten war die Küste gut besucht (hoffte, dass die Leute samstags noch mit Konsum beschäftigt sind), und im Café Marleen bekam man nur mit Glück noch einen Platz, was vor allem einer Geburtstagsgesellschaft im Saal zu verdanken war, die von der Wirtin und der Bedienung mit entschlossenem Frohsinn besungen wurde. Wir schufen indes auf unserem Tisch Platz für Flammkuchen und Tee, indem wir einen Teil der fragwürdigen Dekoration (siehe Bild) auf der Abtrennung aufreihten, was uns wiederum der Gefährlichkeit wegen einen Rüffel vom Kellner einbrachte, bevor er die wertvolle Deko anderswohin in Sicherheit brachte. Die Marzipantorte und der Espresso zum Nachtisch waren mächtig und stark.

2020-01-11_152558Zurück sind wir am Strand gewandert und haben die Wirkung der Ostsee auf die Küste bewundert.

Abends Alhambra (plus Wechselstuben und Diamanten) mit Freunden bei Tee und Weinen, Wurzeln und Haribo-Erzeugnissen.

Am Sonntag Laufen im Regen auf moddrigen Wegen, dann aus Gründen erneute Lektüre der BGVO und Entwurf eines Klausurenplans.

Das nächste Korridorthema für meinen Deutschkurs im 12. Jahrgang wird die Lyrik des 19. Jahrhunderts sein, was eine Fülle an Möglichkeiten eröffnet. Beginnen werde ich mit Goethes »Künstlerlied« und Holzens »Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne« (AB), die – entstanden am Anfang bzw. Ende des Zeitraums – über die inhaltliche Gegensätzlichkeit bei gleicher Thematik Anlass zur Problematisierung bieten sollten.