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Japanisch mit LuaTeX.

Morgen werden wir in unserer Lyrik-Einheit Haiku behandeln (und schreiben). Im dazu überarbeiteten Arbeitsblatt musste ich noch einmal den Unterschied zwischen Silben und Moren verdeutlichen (nicht weil es die meisten Schüler*innen besonders interessierte (deshalb auch nur eine Fußnote), sondern weil ich bis dahin noch nicht begriffen hatte (und ich gehe ja zur Schule, um etwas zu lernen), warum das Japanische, von dem man als Nichtsprecher annimmt, dass es kurze, knackige Silben hat, siebzehn Silben für einen Eindruck braucht, den beispielsweise deutschsprachige Haijin in weniger fassen können, was zu der Erkenntnis führt, dass die vermeintliche Silbenzahl 5 / 7 / 5 tatsächlich die Anzahl der Moren bezeichnet) und habe dazu das Nippon-Beispiel aus der Wikipedia verwendet. Um die Wiedergabe in Hiragana unter LuaLaTeX zu ermöglichen, bedarf es nur der Einbindung eines Pakets – \usepackage{luatexja-fontspec} (Teil von luatexja) – und schon zeigen sich die Schriftzeichen aufs Schönste.

Obacht: einige Sonderzeichen reagieren allergisch: Auslassungsmarkierungen mit drei Punkten müssen im Quelltext tatsächlich drei Punkte enthalten und nicht das einzelne Zeichen »Horizontal Ellipsis«; dieses wird sonst fehlerhaft dargestellt.

Bewunderung in der Schule.

Ich bewundere meine Schüler*innen, die trotz ihrer Ängste jeden Tag zur Schule kommen und schon seit Wochen ohne zu murren mit ihren Masken am Unterricht teilnehmen, dabei akzeptieren, dass vieles, was ihren Schulalltag sonst versüßte (Theater- und Musik-Kurse, Kinobesuche, Besuche außerschulischer Lernorte …) nicht oder nur um einiges reduziert stattfinden kann, dicht an dicht nebeneinander sitzen, obwohl sie überall lesen, dass Abstand der wichtigste Schutz ist, immer wieder auch die Fenster aufreißen, obwohl sie frieren, weil sie wissen, es muss sein, denn Schulen versammeln zwar jeden Tag zum Teil Tausende Schüler*innen, haben aber traditionell keine Lüftungsanlagen.

Ich bewundere meine Kolleg*innen, die trotz ihrer Ängste jeden Tag die Schüler*innen bei Laune halten, unterrichten, was das Zeug hält, lachen & scherzen, aufbauen und unterstützen. Das alles mit Maske, bis zu zehn Unterrichtsstunden am Stück.

Da bleibt für das Ministerium, das sich nicht traut öffentlich zuzugeben, dass Schulen unter den Bedingungen einer Pandemie nicht dasselbe leisten können wie in normalen Zeiten, stattdessen aber jede Woche Durchhalteparolen immer dünneren Gehalts verbreitet, leider keine Bewunderung mehr übrig.

Gelesen. Bui.

Thi Bui: The Best We Could Do. New York: Abrams, 2018.

Familien-, Kriegs- und Migrationsgeschichte. Lesenswert.

Gelesen. Weber.

Anne Weber: Annette, ein Heldinnenepos. Berlin: Matthes & Seitz, 2020.

Ohne die anderen für den Buchpreis nominierten Titel zu kennen (so viel zu lesen, so wenig Zeit!): dies – die Lebensgeschichte einer Résistance-Kämpferin und FLN-Sympathisantin, erzählt in freien Versen – scheint mir eine gute Wahl zu sein.

Gelesen. de Bruyn.

Günter de Bruyn: Buridans Esel. Halle: Mitteldeutscher Verlag, 1968.

Gedächtnislektüre.

Bibliotheksleiter in Lebensmittekrise bricht aus seiner als langweilig empfundenen Ehe mit Kindern aus, um mit der jungen Mitarbeiterin ein neues Leben anzufangen. So klein, so banal – und so erstaunlich frisch, wie de Bruyn mit feinem Humor des Bibliotheksleiters Versagen in beiden Beziehungen zeigt (und dem fragwürdigen Staat, der ihn dafür befördert, auch noch rasch einen mitgibt).

Gelesen. Döblin.

Alfred Döblin: Die drei Sprünge des Wang-lun. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2008.

Rückenprägung mit Setzfehler
Rückenprägung mit Setzfehler
Die Gattungsbezeichnung als »Chinesischer Roman« verdeutlicht schon: dieses Buch stammt aus einer Zeit, in der Interesse an anderen Lebensweisen noch nicht als kulturelle Aneignung negativ missverstanden wurde – allerdings im Falle Döblins auch mit einer Genauigkeit der Vorbereitung einherging, die heute wohl auch kaum mehr möglich wäre –, sondern in ihren Produkten eine Möglichkeit der Erweiterung eigener (Lese-) Erfahrungen bedeutete.

Bei Döblin, Klabund, Brecht, Bethge (durch Mahlers Lied von der Erde bekannt), Mühlenweg und anderen war das Nachdichten fremder Dichtung einerseits das gleiche, was Goethe mit seinen Hafis-Nachdichtungen in weltliterarischer Absicht schon gezeigt hatte, andererseits eine Vorwegnahme dessen, was wir heute als Mash-Up kennen: das Begegnen menschlichen Schaffens unterschiedlicher Provenienz mit in der Kombination immer neuen, zuweilen irritierenden neuen Wirkungen.

Döblin verarbeitet in seinem Buch eine historische Begebenheit, den Aufstand Wang-luns (王倫) und seiner Anhänger aus der Masse der Ärmsten gegen den Machthaber Khien-lung im ausgehenden achtzehnten Jahrhundert. Wang-luns Handlungen changieren in der Darstellung Döblins zwischen harmlosen Eulenspiegeleien und monströsen Massenvergiftungen, zwischen treuer Zuneigung zu einem früh von der Staatsmacht getöteten Freund und unvermittelten Abgrenzungen, sobald er sich weiter entwickelt. An sich ungebildet, verschreibt er sich der taoistischen Lehre des Wu-wei (無為) (während die Machthaber sich auf Kung Fu-tse (孔夫子) berufen), erkennt aber auch die Grenzen der Erträglichkeit der Zumutungen: kann Gewaltlosigkeit dauerhaft ein hinreichendes Mittel gegen die Gewalt der Machthabenden sein?

Wang wippte auf, setzte sich erst, während er sprach; er redete in dem harten, überrennenden Tone: »Daß der Kaiser ein Edikt erlassen hat, uns auszurotten, weißt du. Wer ist der Kaiser? Ja, wer ist das, ›Kaiser‹? Ich kenne Blitze, die Menschen an Flüssen, auf dem Wasser, unter Buchen erschlagen; man kann von einem Bergsturz zerquetscht werden; Überschwemmungen gibt es, Feuer und wilde Tiere, Schlangen. Auch Dämonen. Die können uns alle umbringen. Es gibt kaum eine Rettung dagegen. Wer ist ›Kaiser‹? Die unerhört schamlose Anmaßung des Kaisers, uns umzubringen, worin liegt die begründet? Er ist ein Mensch wie du, ich, die Soldaten. Weil sein Ahne, der tote Mann aus der Mandschurei, hier anmarschierte und das Mingreich eroberte, hat der Kaiser Khien-lung das Recht, die Wahrhaft Schwachen und mich umzubringen. Diese Tat seines Ahnherrn setzt ihn den Überschwemmungen, Bergstürzen, Schlägen gleich? Das sollst du mir beweisen, Ngoh. Solange du mir nicht den toten Chu widerlegst, der in den Kaisern Einbrecher und Massenmörder sah, bestreite ich, daß sie das Schicksal der Gebrochenen Melone und der Wahrhaft Schwachen sind. Ich vergifte mich nicht freiwillig. Ich weise sie zurück, wohin sie gehören. Unser Bund lebt auf der Erde, die ihm gehört.« [Ebd., 413 f.]

Dass Döblins Roman, wie die von der Wikipedia benannten sieben Auflagen in den Jahren vom Erscheinen 1916 bis 1921 zeigen, so erfolgreich war, ist durchaus erstaunlich, denn schnell und leicht zu lesen ist er nicht unbedingt, wenn man die Besonderheiten von Döblins Schreiben goutieren will.

Dies bestätigt im Übrigen auch der Verlag, dessen Klappentexter*in die Frage »Stille sein, nicht widerstreben, kann ich es denn?« fälschlicherweise Wang-lun zuordnet, obwohl sie von Hai-tang ausgesprochen wurde, der Frau des Generals, der über Wang-luns Bewegung siegte, die aber in den Machtspielen der Männer ihre Tochter verlor. Im letzten Absatz bekommt der Roman damit eine Ahnung feministischen Denkens.

Gelesen. Braune.

Rudolf Braune: Das Mädchen an der Orga Privat. Kleine Arbeiterbibliothek, Band 11. München: Damnitz, 1975.

Deutlicher als Kästners Fabian. (Und nur wenige Jahre nach dem Erscheinen 1930 ebenso verbrannt.)

Gelesen. Tevis.

Walter Tevis: The Queen’s Gambit. London: Weidenfeld & Nicolson, 2016.

Auch für Nicht-Schachspieler*innen empfehlenswert.

Gelesen. Fleißer.

Marieluise Fleißer: Eine Zierde für den Verein. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1972.

So wie der Titel auch das Buch eine Sammlung unterschiedlicher Ansätze.