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Gelesen. Hettche.

Thomas Hettche: Die Liebe der Väter. München: btb, 2012.

Von der Mutter getrennt lebender Vater verbringt mit normalerweise bei der Mutter aufwachsender Tochter einen Silvesterurlaub mit Freunden auf Sylt. Hölzern und unangenehm väterbewegt die Auseinandersetzungen über die juristische Lage von Vätern in Konfliktfällen, besser in einigen Passagen die Unsicherheit zwischen Vater und Tochter, aber auch Naturbeschreibungen etc.

Irritiert ob der Intention dieses Buchs: ernst gemeinter Klagegesang (dann vollkommen unpassend die alles ändernde Ohrfeige, vor allem die Rechtfertigung derselben) oder distanzierende Zurschaustellung eines lamentierenden Gewalttätigen im unzuverlässigen Erzähler? – So wie so kein angenehmes Buch. Hettche ist nicht mein Autor.

Neuer Bürgermeister in Eutin: Sven Radestock

Nachdem Sven Radestock alle Wahlkreise Eutins gegen den Kandidaten der CDU gewonnen hat, wird er zum 1. Januar 2023 neuer Bürgermeister in Eutin.

Das freut mich, weil es vor allem als Signal gegen die CDU wichtig ist – und nebenbei die wiederholt geäußerte Einschätzung, Eutins Wähler*innen seien konservativ (was lange Jahre bedeutete: CDU-Wähler*innen), zumindest überdenken lässt: vor dem Hintergrund des Klimawandels heißt kann »weiter so« eben keine Strategie sein, auch und gerade nicht für diejenigen, die sich das Bewahren auf die Fahnen geschrieben haben. Und so hat eine deutliche Mehrheit der Wähler*innen signalisiert, dass sie mit der CDU und ihrer Politik der vergangenen Jahre, die in Sascha Clasen ihre Personifizierung gefunden hat, nicht einverstanden ist.

Für Sven Radestock ist nun einiges zu tun: zwar ist er, obwohl mit einem deutlichen Votum gewählt, nur Verwaltungschef (ohne Richtlinienkompetenz à la Schlumpf), doch können Impulse in die und aus der Verwaltung politische Meinungsfindung beeinflussen.

So könnten dann die politisch Verantwortlichen begreifen,

  • dass der Standort der Wisserschule nicht beibehalten werden sollte, damit ein heutigen und künftigen Erfordernissen entsprechendes Schulkonzept verwirklicht werden kann, und

  • dass der Autoverkehr zugunsten anderer Verkehrsträger beschränkt werden muss, um eine inklusive Stadt zu schaffen, in der zu Fuß Gehende und Rad oder Rolli Fahrende das Tempo vorgeben,
um nur zwei wichtige Handlungsfelder herauszugreifen.

Ich wünsche dem grünen Bürgermeister, dass er nicht vergisst, dass er nicht nur gegen die CDU und ihren Kandidaten, sondern auch für seine Farbe gewählt wurde.

Gelesen. Kracht.

Christian Kracht: Imperium. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2012.

Literarische Adaption des Lebens August Engelhardts: ein lebensreformerisch Tätiger, der die Kokosnuss in ihrer universalen Nutzbarkeit ins Zentrum seines kolonialen Insellebens stellte. Man lernt daher unter anderem das nützliche Wort »kokovor«.

Gelesen. Uhlman.

Fred Uhlman: Mit neuem Namen. Übertragen von Felix Berner. Stuttgart, DVA, 1985.

Geschichte einer Freundschaft zwischen Hans Schwarz, einem jüdischen, und Konradin Graf von Hohenfels, einem christlichen Jugendlichen, die trotz vermeintlich starker Bindung zwischen den beiden mit dem Beginn der Naziherrschaft scheitert: steht der eine als plötzlich verfemt den neuen Machthabern kritisch gegenüber, heißt der andere sie als Erneuerung deutschen Wesens willkommen. – Dreißig Jahre später – Hans konnte, anders als seine Eltern, noch rechtzeitig in die USA flüchten – erfährt er, dass Konradin als Gegner des Naziregimes hingerichtet wurde.

Dieser Band enthält zwei Erzählungen aus je einer Perspektive: die erste, bei Diogenes auch unter dem Titel Der wiedergefundene Freund, im englischen Original 1971 erschienen, erzählt das Geschehen aus Hans’ Sicht, die zweite, im Original 1983 veröffentlicht, offenbart Konradins Gedanken, die dieser vor seinem Tod im Tagebuch festhielt.

Insgesamt sehr romantisch jünglingsfreundschaftsselig und hölderlinsatt mit Hang zur Feier vermeintlicher adliger Überlegenheit. Teil I mag noch angehen, Teil II ist vollkommen unnötig und beseitigt im literarischen Sinne jede Offenheit des ersten Textes.

Der Diogenes-Band ist Schullektüre.

Gelesen. Van de Wetering.

Janwillem van de Wetering: Outsider in Amsterdam / Eine Tote gibt Auskunft / Der Tote am Deich. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch, 1995.

Tod eines Straßenhändlers. Übertragen von Hubert Deymann. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch, 1978.

Ticket nach Tokio. Übertragen von Hubert Deymann. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch, 1979.

(Wenn man schonmal in Amsterdam ist, muss man auch van de Wetering (teilweise wieder-) lesen.)

Gelesen. Tung.

Debbie Tung: Everything Is OK. Kansas City: Andrews McMeel, 2022.

Neueste Lieferung des Debbie-Tung-Abonnements – diesmal geht’s um Depression und Ängste.

Bücher lesen in der Schule.

In Schleswig-Holstein werden die Schüler*innen in der Oberstufe der Beruflichen Gymnasien (ähnlich, meine ich, in den allgemeinbildenden) im Fach Deutsch auf das Abitur vorbereitet, indem sie in der Qualifikationsphase (12. und 13. Jahrgang) in Korridorthemen unterrichtet werden, die jeweils einem Halbjahr zugeordnet sind, wenn sie dieses auch nicht allein bestimmen sollen; im letzten Durchgang waren diese Themen beispielsweise bestimmt durch Schillers Die Jungfrau von Orleans, Kästners Fabian und Lyrik aus den Jahren von 1945 bis 1989. Darf man den Erfahrungen und Berichten trauen, hat dies im Allgemeinen zur Reduzierung gelesener Bücher geführt, weil die Kolleginnen und Kollegen ihre Schüler*innen möglichst gut vorbereiten wollen – und da wird im Zweifelsfalle mehr vom Gleichen (also auf das Korridorthema Bezogenem) als besser angesehen als früher zuweilen geübte Variation.

Für den 11. Jahrgang gilt dies noch nicht, und daher werden wir – nach einer Einheit zu Kurzprosa samt Klausur (deren Korrektur die letzten Wochenenden gehörten) einige unterschiedliche Bücher lesen: aus einer Liste von Vorschlägen deutschsprachiger Literatur, die zumindest über Umwege (ähem) einen Bezug zu den Lehrplanthemen »Literatur des 20. Jahrhunderts am Beispiel epischer und lyrischer Texte« und »Texte zu Identität und jugendlicher Lebenswelt« haben und aus welchen Gründen auch immer literarisch interessant sind, bitte ich die Schüler*innen, sich im optimalen Falle zu dritt ein Buch auszusuchen, das sie dann gemeinsam lesen, bearbeiten und den anderen Schüler*innen präsentieren.

Aufgabe wird sein, das Buch in einem halbstündigen Event vorzustellen (dann schaffen wir in der Vorstellungsrunde zwei pro 90-Minuten-Stunde, da ja auch ein bisschen über die Bücher und die Präsentation parliert werden soll). Es soll eine lebendige Präsentation, kein Bla-Referat sein.

Für die Inhalte wird es gelenkt gemeinsam entwickelte Kriterien geben, die die Schüler*innen beachten sollen.

Die Arbeit wird mindestens teilweise in den Unterrichtsstunden stattfinden, sodass auch Unterstützung und kritische Begleitung durch die Lehrperson möglich sind.

Die Präsentation plus Begleitpapier stellen eine Klausurersatzleistung dar; sie werden in dem letzten Stunden des Kurses vor den Weihnachtsferien stattfinden.

Ich würde das Ganze nicht mehr »Buchvorstellung« nennen wollen, sondern irgendeine Bezeichnung suchen, die auf den Kern des Ganzen eingeht, so à la »Gruppendynamische Lektüreexegese«, nur in hübsch.

Im eA-Kurs werde ich, weil wir mehr Unterricht und damit mehr Zeit haben, vorher noch die gemeinsame kursorische Lektüre von Wedekinds Frühlings Erwachen einschieben.

Die Auswahlliste ist hier; ich freue mich über Vorschläge weiterer Titel, gerade auch für die Jahrzehnte, in denen noch nicht so viele Bücher verzeichnet sind.

Gelesen. Wiechert.

Ernst Wiechert: Der Totenwald. Berlin: Suhrkamp, 2007.

Genaue Schilderung des Geschehens im Konzentrationslager Buchenwald, in dem Wiechert inhaftiert war. Bittere Anklage.

Gelesen. Köhler.

 Karen Köhler: Miroloi. München: Hanser, 2019.

Überzeugender Ton, bedrückendes Setting, starke Typen. Das gefällt (auch wenn ich Köhlers Erzählungsband damals bald weggelegt habe).

Gelesen. Ohde.

Deniz Ohde: Streulicht. Berlin: Suhrkamp, 2020.

Nur wenige Marker genügen, um im Gymnasium nicht zu den Auserwählten zu gehören. Die Protagonistin findet andere Wege. – Nicht schlecht.

Gelesen. Ziegler.

Ulf Erdmann Ziegler: Nichts Weißes. Berlin: Suhrkamp, 2012.

Marleen ist Legasthenikerin. So entgeht ihr möglicherweise der Sinn des Geschriebenen, doch die Gestalt der Buchstaben und die Form der Wörter auf dem Weiß des Papiers werden ihre Profession. Strotzt vor Anspielungen auf Verlags- und Buchherstellungsbranche und zeichnet nebenbei ein Bild der Gesellschaft der letzten Jahrzehnte. Wenn auch nicht groß, gefällt es doch.