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Gelesen.

Christa Wolf: Medea. Stimmen. München: dtv, 2004.

Nein, Christa Wolfs Bücher mochte ich nur selten: sie schienen mir zu gewollt bedeutsam, ihr Ton sprach mich nicht an. Es waren zu sehr Bücher einer Zeit, in der zwischen den Zeilen gelesen werden wollte, in der Autoren dieses Bedürfnis erfüllten, indem sie dunkel raunten. – Unfair? Klar, aber ein paar Vorurteile darf man pflegen.

Da ich nun heute noch eine Fortbildung zum künftigen Zentralabitur besuchen werden, in dem das Buch eine der Pflichtlektüren darstellt, bin ich gestern mit wenig Begeisterung ans Lesen gegangen. Was soll ich sagen?: es ist ein großes Buch, ein wirklich Gutes. Es geht um den Wert des Einzelnen in der Gesellschaft, die Zumutungen des Machtgeschäfts, die Macht der vermeintlich stillen Masse, Ehrlichkeit, Hellsichtigkeit, die hier wörtlich verstandene Leiche im Keller – und das alles vor dem Hintergrund des hier gründlich gewendeten Medea-Mythos. Es ist ein Schauerroman und Politkrimi, eine Darstellung der Funktion des Außenseiters gegenüber den Etablierten, ein schmerzlich deutliches Buch. – Lesen!

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WKK: Klavierunterricht.

Gebührenbescheid der Musikschule des Kreises Ostholstein: 315 € pro Quartal (zwei Kinder, je einmal wöchentlich eine halbe Stunde).

[Update 25.11.2006: Um's vielleicht noch einmal deutlich zu machen: mir geht es hier nicht darum, das Einkommen von Musiklehrerinnen zu kürzen. WKK bezieht sich auf das Vatertagebuch von Klaus Modick, in dem ebenfalls derlei Einträge getätigt werden, um zu verdeutlichen, welche Kosten entstehen, wenn man Kinder aufzieht (letzte Woche zum Beispiel: einmal rabaukentaugliche (i. e. wind-, wasser- und schneedichte) Winterstiefel - 75 EUR). Eher gedacht zur Information für Kinderlose, die sich immer mal wieder wundern, dass Eltern seltener aus Langeweile samstags shoppen gehen und mit noch einem unnötigen elektronischen Gimmick oder noch einer unnötigen Handtasche für ein paar hundert Euro nach Hause kommen, und als Beleg dafür, dass das Kindergeld nicht zur Polsterung umfangreicher Aktienportfolios genutzt wird.]

Beispielinterpretation im Deutschunterricht.

Für die S des 11. Jahrgangs habe ich eine Beispielinterpretation (zum Kapitel „Fahnen“ in Horváths Jugend ohne Gott) nach einem vorher besprochenen Muster aus einem Schulbuch geschrieben.

(Ausgangspunkt war eine HA, in der genau das von den S verlangt wurde. In einer Schreibkonferenz haben die S dann in Dreier- und Vierergruppen ihre Arbeiten verglichen, mithilfe eines sich genau am Muster orientierenden Korrekturbogens ihren MitS Rückmeldung gegeben sowie hervorragende S-Arbeiten verlesen. Ganz zum Schluss habe ich die Beispielinterpretation verteilt. – Ich stelle immer wieder fest, dass S erstaunt sind, wenn L genau dieselben HA wie sie selbst auch erledigen.)

Lesen 2.0?

Der Lehrerfreund verweist auf den ZAP Reader, ein online verfügbares Werkzeug, das per URI oder Kopieren aus der Zwischenablage angegebene Texte Wort für Wort einblendet und so – da Saccaden, die sprunghaften Blickbewegungen zwischen einzelnen Fixationen beim veralteten Lesen 1.0, wegfallen – eine erhöhte Leseleistung verspricht.

Der Selbstversuch zeigt, dass dies nicht möglich ist: der geübte Leser wird immer mehr als nur ein einzelnes Wort erfassen; so wie er nicht mehr analytisch jeden einzelnen Buchstaben wahrnimmt, um die zu einem Wort gehörigen zu synthetisieren, sondern stattdessen das ganze Wort erkennt, liest er auch nicht jedes einzelne Wort, sondern nimmt einen größeren Zusammenhang wahr, aus dem der Sinn erschlossen wird. Diese Beschleunigung ist durch das genannte Tool schlicht nicht aufzuholen.

Beim Überfliegen von Texten ist dies besonders deutlich, dass dies aber auch für andere – zum Beispiel einfache belletristische Texte – gilt, zeigt ein einfacher Versuch mit widerständigen, zum Beispiel wissenschaftlichen oder schwierigeren literarischen Texten, in denen in der Tat zuweilen Wort für Wort, zuweilen auch gegen die Leserichtung zurückgesprungen und wiederholt gelesen werden muss.

Lesen ist nicht maschinelle Wortverarbeitung, sondern ein komplexer Vorgang, der nur durch tägliche Übung beschleunigt werden kann: wird sind eben nicht Lt. Cmdr. Data, der auf dem Bildschirm dargestellte Texte scannt und in immer gleichbleibender Geschwindigkeit verarbeitet, sondern analog Zusammenhänge erfassende und potentiell chaotisch lesende sinnverstehende und -gebende Menschen.

Gelesen.

Sue Townsend: Adrian Mole and the Weapons of Mass Destruction. London: Penguin, 2005.

Vor etwa zwanzig Jahren las ich in Cambridge das erste Buch der Adrian-Mole-Serie. Auch das neueste, das – neben vielen neuen privaten Verstrickungen des Protagonisten – den Krieg Bushs und Blairs gegen den Irak begeitet, ist ein getreuliches Spiegelbild britischen Lebens dieser Tage. Voller Witz und gleichwohl von großer Ernsthaftigkeit: Sue Townsend gelingt auch mit diesem Buch etwas Besonderes.

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Mehr über das Buch zum Beispiel hier.

Urheberrecht und Gemeininteresse.

Michael Menard, Geschäftsführer des Börsenvereins Region Nord, hat sich im Börsenblatt zur Urheberrechtsdebatte geäußert und dabei festgestellt, dass die Argumente der Büchhändler heute die selben (und auch genauso gültig) seien wir vor fast zweihundert Jahren.

Grundsätzlich hat er Recht – gleichwohl gibt es Bereiche, in denen der Nutzen der Allgemeinheit zumindest mitbedacht werden muss: niemand wird fordern, dass ein Buchhandelskunde vom just gekauften Bestseller gewerblich Kopien verkaufen darf. Wohl aber muss gewährleistet sein, dass Lehrer ihren Schülerinnen und Schülern beispielsweise im Unterricht Teile aus Werken in Kopie zur Verfügung stellen können. Ob diese Kopien dabei Papierform haben oder digital verteilt werden, muss unerheblich sein. Hier geht Gemeinnutz vor Eigennutz. Inwiefern die Verlage (und damit auch die Autoren) hierfür pauschalisierte Vergütungen erhalten, muss zwischen Staat und Buchbranche ausgehandelt werden, es darf die Unterrichtspraxis (in der die künftigen Kunden ausgebildet werden) nicht tangieren – auch wenn diese medial unterstützt wird.

Dass nebenbei auch die Forderung nach ganz freiem Zugang zu Quellen beispielsweise der Forschung auftaucht, hat indes seinen Grund nicht in erster Linie in einer "Geiz ist geil"-Mentalität, sondern in exorbitanten, nicht zu rechtfertigenden Preisen bestimmter Fachliteratur, die mit der Knappheit der Ressource bzw. der Abhängigkeit der Forschung von derlei Publikationen wuchert. (Hierzu weiteres im Open Access-Artikel.)

Die besten Buchhändler der Welt …

… sollen sie natürlich werden, die Auszubildenden im Buchhandel, denen ich einen Teil ihrer speziellen Betriebslehre nahezubringen suche.

Was zählt dazu?: zum Beispiel (Ergänzungen gern in die Kommentare)
  • Offenheit, Aufgeschlossenheit und Interesse,

  • Fähigkeit zur Differenzierung,

  • Bewusstheit der ökonomischen Funktion des Handelns,

  • Freude am Umgang mit dem Kunden, aber eben auch

  • Wissen – über Fachkundliches und über möglichst viele Gebiete, die in einer Buchhandlung eventuell gefragt sein könnten.

Wenn sie dann in der Berufsschule, wie der Lehrplan sagt, »weitere Warengruppen erschließen« sollen, müssen diejenigen unter ihnen, die in kleinen Sortimenten arbeiten, viel lernen. Am Beispiel der Warengruppe EDV ist dies zu erkennen: der Merkzettel ist umfangreich – wer aber in einer Fachbuchhandlung arbeitet, weiß, dass die genannten Themen nur die allerwichtigsten sind.

Hausaufgaben per E-Mail.

Von Zeit zu Zeit gebe ich Hausaufgaben, die per E-Mail abgegeben werden sollen. Im Fach Philosophie geht es im 12. Jahrgang zum Beispiel um die Unzuverlässigkeit unserer Erfahrung und die Selbstverständlichkeit, mit der wir unser Bild von Welt als absolut hinnehmen.

Die S lesen also beispielsweise einen Text von Bertrand Russell (Auszug über das Sehen eines Tisches in Probleme der Philosophie), die anschließende Frage (»Beschreiben Sie in mindestens einem, höchstens zwei Sätzen das Prinzip der Wahrnehmung von Dingen, wie Sie es erfahren haben und wie Russell es beschreibt.«) knüpft einerseits an die vorhergehende Unterrichtsphase (Optische Illusionen) an, erschließt andererseits bereits den Text Russells. Sie sollte diese Unterrichtsstunde beenden (Hausaufgaben sind besonders dann langweilig, wenn sie immer der Übung dienen; auch das Weiterdenken sollte erlaubt sein).

Die Antworten werden per E-Mail an mich geschickt, ich stelle sie dann zu einem Arbeitsblatt zusammen. Die S bekommen den Auftrag, in Gruppen in Einzelarbeit bestimmte Texte zu lesen, Markierungen vorzunehmen und Randnotizen anzufertigen und die Texte im Gruppengespräch im Hinblick auf die Erfassung des Problems und der Güte der Antwort zu beurteilen.

Ein (anonymisierter) Beispielbogen liegt hier. (Im Unterricht habe ich die Texte mit den Namen der Verfasser versehen; diese Praxis kann natürlich je nach Klasse und Einsatzzweck überdacht werden.) Er zeigt deutlich die Bereitschaft der S, sich auf das Thema einzulassen. Die quantitative Einschränkung auf zwei Sätze wird nicht immer ernst genommen, meist stellt sie aber die größte Herausforderung dar.

Gemeinsam verdeutlich werden kann für jeden einzelnen Text, wo Stärken und Schwächen liegen - einzelne Formulierungen, Erfassung des Problems etc. Anders als in Besprechungen nach einer Klausur steht hier nicht die Notengebung im Vordergrund, sondern die am Detail herauszuarbeitende Verbesserungsmöglichkeit. Idealerweise sollten die Verbesserungsvorschläge zumindest in der Mehrheit von den S kommen, die damit gleichzeitig unter Beweis stellen, dass sie den Kern des Problems erfasst haben.