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Helmut Schmidt (1918–2015).

Seines Starrsinns wegen musste ich unter einem Oggersheimer Kanzler erwachsen werden, beider gemeinsame Politik ließ mich Ökopax sein. Seltenst mit ihm einer Meinung. Und diese elende Raucherei immer! Hobbyökonom. Häufig unerträglich arrogant. Klug, schon. Analytischer Geist, ja. Schreiben konnte er, okay.

Das Beste an ihm war ja Loki.

Gelesen. Kurzeck.

Peter Kurzeck: Übers Eis. Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern: 1997.

Wenn man erst einmal ins Lesen autobiographischer Erzählungen hineingerät, wird es schwierig, je wieder herauszukommen: Gustafssons »Risse in der Mauer« war schon eine Andeutung, mit Proust und Knausgård befinde ich mich mittendrin, und nur weil die Buchmesse in Frankfurt stattfindet und ich deshalb etwas Passendes zum Lesen mitnehmen wollte, der oben erwähnte (hauptsächlich in Frankfurt situierte) Band noch zuhause herumlag, weil ich ihn zwar begonnen hatte, wegen Nichtzurrechtenzeitzurhandgenommen und Sovieleanderebücherzulesen aber über die ersten drei, vier Seiten nicht hinausgekommen war, eröffnet sich mir nun ein weiteres Leseprojekt.

Dabei gilt nach dem, was ein guter Freund mir über andere Bücher Kurzecks (zumindest dieser ursprünglich auf zwölf Bände angelegten, aber leider bei fünfen abgebrochenen Reihe »Das alte Jahrhundert«) berichtete, vieles, was ich hier für diesen Roman sage, auch für andere:

Aus seinem Leben erzählt Peter (der Nachname wird zwar einige Male für Dritte buchstabiert, allerdings – wenn ich nichts übersehen habe – anders als der Vorname nie genannt), der sich im Jahre 1984 unversehens von seiner Freundin Sibylle getrennt erkennen und daher aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen muss. Er findet eine behelfsmäßige Bleibe, sorgt etwa hälftig für seine Tochter Carina, versucht seinen Lebensunterhalt durch Schreiben zu verdienen, muss aber auf staatliche Unterstützung zurückgreifen. Verwoben mit der Darstellung des aktuellen Lebens werden Fragmente von Erinnerungen an frühere Geschehnisse und geradezu dokumentarische Aufnahmen alltäglichster Sachverhalte, Orte, Konstellationen. So weit, so banal – wie letztlich bei jedem autobiographischen Erzählen.

Das Besondere geschieht beim Einlassen auf den Strom.

Dann hat man sich zu ergeben dem Rhythmus eines Stakkatos von Eindrücken, zu schnell, als dass alle Sätze beendet werden könnten, sodass die letzten Wörter zuweilen. Gleichwohl evoziert Kurzeck durch die Anhäufung simpler Benennungen allein schon mit diesen Zeichen verbundene Assoziationen –

Ein Sommertag ist lang wie ein Jahr. Die Ampeln von rot auf grün. Musik. Zigaretten. Die Straße fängt an zu fahren. Alle Straßen fangen zu fahren an. Zubringer. Kreuzungen. Ausfallstraßen. Die Autobahn. Autobahnauffahrten, Autobahnabfahrten. Das Rollfeld, die Startbahn, der Luftraum, die Einflugschneisen. Ein Flugzeug schräg in die Höhe. Alle paar Minuten ein Flugzeug schräg in die Höhe. Ein anderes Flugzeug und setzt zur Landung an. Signale, Signaltürme, Lichtzeichen. Immer wieder ein Flugzeug, immer noch eins und alle setzen zur Landung an. RheinMain-Flughafen. Frankfurt Airport. Beton, der Stadtwald und Himmel, ein stiller Himmel, der allen und keinem gehört. Das Südkreuz, das Westkreuz, das Frankfurter Kreuz. Eisenbahnlinien, S-Bahnen, Bahnhöfe, Vororte, Dörfer, Vororte und die Vororte von den Vororten. Schrebergärten, Kasernen, Pferde, die Rennbahn, Sportplätze, Werkstätten, Tankstellen, Einkaufszentren, Friedhöfe, Lagerhallen, Fabriken, Industriegelände, ein Kornfeld, Gewerbegebiete, Rechtecke, Würfel, Bauklötze, Grundrisse, Häuser, Neubausiedlungen, Bauland, Bauerwartungsland, Bauerschließungsgebiete, Bauplätze, Baustellen, Baustellen. Sommer, der Sommer, Sommerzeit. Gegenwart. Im Sommer ein Nachmittag. Erst Juli und dann August. Kornfelder, Wiesen, der Taunus. Von Bad Nauheim, von Ockstadt, von Friedberg bis nach Bad Homburg, Oberursel, Bad Vilbel. Von Bergen nach Kriftel, nach Hofheim, nach Kelkheim, nach Hochheim. Am Südrand, den Taunus entlang. Bis nach Wiesbaden. Den Taunus, den Main entlang. Überall Obstbäume. Die Kirschen schon abgeerntet? Die Pflaumen, die Mirabellen, die Äpfel und Birnen. Jede Einzelheit. Alles ganz deutlich. Die Früchte an jedem Baum. Und werden jetzt reif. Bei Hochheim der Wein auf den Hängen. Heiß ist es. Feldwege. Die Rheinebene. In der Hitze flimmert das Licht. An Höchst, an den Farbwerken auch vorbei (finster die Farbwerke: brüten Albträume aus), und in weiten Bogen der Main. Schiffe. Die Strömung. [Ebd., 149]

– die für die Sicherung und Reaktivierung vergangener Eindrücke stehen können, ohne (wie so viele Erinnerungsbücher) in der Nennung von Markennamen sich zu erschöpfen und zu vermeinen, man habe damit eine Generation beschrieben.

Mit wenigen Worten skizziert er simultan Szenerien, Dialoge, Typen und ganze Lebensläufe:

Die Elbe aufs Meer zu. Tag und Nacht Schiffe vorbei. Ozeandampfer, Frachter, Öltanker, Schlepper, Gespensterschiffe, Segeljachten und Fischkutter. Ein Feuerwehrschiff. Der Zoll. Die Wasserschutzpolizei. Jedes Schiff grüßt. Blau und weiß die Villa. Mit blanken Fenstern. Vierzig Zimmer. Vierundvierzig. Beim nächstenmal Nachzählen achtundvierzig. Die Fenster jeden Tag frischgeputzt. Nur unser Hausmeister kennt diese feine ältere Dame, die sich in allem und jedem ganz und gar auf sein Wort verläßt. Ehrenwort! Sie lieber nicht stören! Aber im Zweifelsfall ist sie für ihn jederzeit telefonisch erreichbar. Aber ja! Jederzeit! So eine feine ältere Dame. Geld spielt bei der keine Rolle (solang die Miete pünktlich bezahlt wird). Ihr Verlobter im ersten Weltkrieg vor Skagerrak. Kapitänleutnant. Heldentod. Sie hat als Frau, als Dame schriftlich ihren Doktor in Filesofie. Und mit Familienwappen. Muß man sich vorstellen! Eine Trauerweide, einen Kiesweg, ein hohes Tor. Die Möwen auch. Die Schiffe. Die Elbe. [Ebd., 127]

Auch wenn die Melancholie als schwerer Mut über den Erinnerungen und Gegenwärtigkeiten liegt, gibt es auch immer wieder Momente, in denen der Protagonist sich selbst in seiner Tragikomik sieht, und man mag ihn sich gickernd an seiner elektrischen Schreibmaschine vorstellen – etwa, wenn er ab Seite 71 über sechs Seiten schildert, wie er mehrfach und vielfältig an der Zubereitung eines Espressos scheitert, weil er einfach zu sehr in Gedanken ist, oder wie die Auswahl eines Stücks Seife für nicht mal eine Mark ihn für zwei Stunden (und wiederum über einige Seiten) fesselt und so fort.

Was mich aus Gründen allerdings am stärksten berührt, ist die unendliche Zärtlichkeit, mit der der Protagonist wieder und wieder in kleinen Episoden, blitzlichtartigen Einsprengseln oder auch längeren Passagen den Umgang mit seiner kleinen Tochter beschreibt, die für ihn bei aller familienunfreundlichen Unfähigkeit, ein anderes Leben als das des Künstlers zu führen, das Liebste zu sein scheint.

Hierfür keine Beispiele. Jetzt müsst Ihr schon selbst lesen.

Buch bei Amazon angucken – in der lokalen Buchhandlung bestellen.

Frankfurter Buchmesse 2015 – #fbm15.

Morgen geht’s mit einer Kollegin und vor allem einer Klasse Buchhändlerinnen per Zug nach Frankfurt zur Buchmesse. Die App ist geladen und so finde ich vielleicht auch den Weg zu den Verlagen.

Von besonderem Interesse: Halle 6.* mit den englischsprachigen internationalen Verlagen, Halle 4.0 mit Verlag und Herstellung, dann generell Literatur. Zu besuchen auch die »Leseinsel der unabhängigen Verlage« in Halle 4.1. In 4.2 gibt’s ein »Klassenzimmer der Zukunft« (und ich bin gespannt, welche Rolle dort die fragwürdigen elektronischen Schulbücher einnehmen) und in 3.0 Comics. Außerdem gibt’s immer Unvorhergesehenes, so die ganzen Veranstaltungen mit den Stars der Branche.

Die Azubis haben ihren eigenen Kompass, und nach einer Weile des Umherirrens und -stöberns die Eindrücke zu vergleichen ist ohnehin das Beste.

Sehen wir uns dort?

Gelesen. Milligan / Hewlett.

Peter Milligan und Jamie Hewlett: Tank Girl – The Odyssey. London: Titan, 2002.

Nicht Buck Mulligan intoniert hier »Introibo ad altara [sic] dei«, sondern der Penelope-Platzhalter Booga, der auf Tank Girl wartet, das sich die Zeit auf seiner Odyssee vertreibt und erst die Rückfahrt antritt, als es vom gemeinsamen Sohn Telemach (einem Fernseherkopf, wie wir ihn auch in – war es Saga? – sahen) von den gar zu aufdringlichen Filmproduzenten erfährt, die Booga umschwirren.

Wirr, nicht ohne Humor, aber nicht großartig.

Gelesen. Ishiguro.

Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese. Übertragen von Barbara Schaden. München: Blessing, 2015.

In der New York Times eine Rezension von Neil Gaiman, im New Statesman ein Gespräch desselben mit Ishiguro; in der FAZ sagt Daniel Kehlmann ein paar Worte, Wesentliches plappert Hannes Stein in der Welt aus (letztere, möglicherweise aber einfach alle Rezensionen am besten also hinterher lesen).

Ishiguro habe ich über die Jahre wirklich vermisst, sein neues Buch freudig entdeckt; meine Erwartung hat es dabei nicht erfüllt. Die Geschichte von Axl und Beatrice, einem älteren Paar, das sich, in seiner Dorfgemeinschaft nicht mehr willkommen, auf die Suche nach seinem Sohn macht, ist als Geschichte der Liebenden zärtlich fast. Die zeitlich vermeintlich exakte Situierung im nachrömischen Britannien wird gestört durch die Existenz von Menschenfressern und anderen Monstern als Bedrohungen archetypischer Art, die die historische Verortung dekonstruieren. Auch wenn der Ton des Romans ein melancholisch feiner ist, ist die Geschichte insgesamt leider – je nach Verständnis – entweder nur Fantasy (und das können andere überzeugender) oder aber geradezu schmerzhaft auffällig bedeutungsschwanger. Selbst wenn sie Wahres mitteilen sollen, halte ich Allegorien doch eher für Literatur von gestern.

Buch bei Amazon angucken.

Deutscher Buchhandlungspreis – Gratulation!

Einen Deutschen Buchhandlungspreis auszuloben, mag auf nicht Buchhandelnde ungewöhnlich wirken, weil ja es ja auch keinen Deutschen Schlachtereienpreis gebe etc. Andererseits wird selbst die Mehrheit der Nichtleser_innen zugeben, dass Bücher auf eine andere und zwar eher genuine Weise kulturfördernd sind als beispielsweise das Abfüllen von gewürzten und zermahlenen Tierteilen in andere Tierteile. Da ich hier jedoch nicht vom Fach bin und auch wenig Interesse an dieser Thematik habe, möchte ich nur anmerken, dass die Vergabe eines Schlachtereienpreises ganz im Ermessen der dafür zuständigen Stellen liegt, aber nicht auch notwendigerweise von der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien erledigt werden muss.

Was sich jedoch in der Vergabe dieses Preises zeigt, ist, wenn schon die Handelsbedingungen für die großen weltweit agierenden Konzerne, die nebenbei auch noch Bücher verkaufen und damit wie nebenbei in bestimmten Ländern bestehende hervorragende Strukturen zerstören helfen, nicht angemessen angepasst werden (vulgo: auch Amazon ebenso wie seine kleinen Mitbewerber im Endkundengeschäft Steuern zahlen muss), eine gelinde Restwertschätzung der für das Schöne abgestellten Bundesregierungsmitarbeiterin.

Und blendet man das ganze Falsche aus, innerhalb dessen dieser Preis vergeben wird, bleibt diese wichtige Wertschätzung übrig, die sich manifestiert in der Prämierung der drei Hauptpreisträger, der Buchhandlungen artes liberales, Literatur Moths und Rote Zora. Sie leben – wie die nominierten allesamt, was Jo Lendle, den Laudator, dazu bewog, sinngemäß von lauter Gewinnerinnen zu sprechen – das mögliche Besondere einer inhaber_ingeführten Buchhandlung, wozu eine eigene Vorstellung vom Buchhandeln, aber eben vor allem auch ein hoher nicht immer in Heller & Pfennig sich auszahlender Einsatz gehört, weshalb sich nach wie vor diejenigen Menschen, die einfach nur reich werden wollen, eher auf andere Branchen verlegen. Mindestens Wertschätzung sollte dann also drin sein.

In Schleswig-Holstein übrigens wurde nur eine einzige Buchhandlung nominiert und als hervorragende Buchhandlung ausgezeichnet – und obwohl ich bezweifle, dass man nicht auch weitere hätte finden können (mir wären schon welche eingefallen), kann ich versichern, dass diese es verdient hat: Buchstabe in Neustadt in Holstein.

Jo Lendles Rede verlässt zuweilen zwar den Pfad sinniger Argumentation (z. B. »Buchhandlungen sind die Buchhandlungen der Nation!«) und meint, dies als »überraschende, reflexive Metapher« verkaufen zu können, obwohl es doch nur schampusbeseelter Unfug ist – dem Tenor wie den Schlussworten aber schließe ich mich – dabei an meine ferne Lieblingsbuchhandlung denkend – gern an:

Und ich wiederhole es noch mal, weil es im Trubel des Bücherherbstes oder des Weihnachtsgeschäfts oder während der Schrecken der Inventur nicht in Vergessenheit geraten soll: Wir brauchen Sie. Als Verlage, als Autoren, als Leser. Vielen Dank.