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Nicht noch mehr Geld für die Festspiele.

Seit fast sechzig Jahren gehören die Festspiele zu Eutins kulturellem Leben. Seit einigen Tagen beherrscht die Lokalpresse die Frage nach der Zukunft der Festspiele, weil diese einen hohen Finanzbedarf zeigen, dem die Stadtvertreter Eutins nicht so ohne weiteres nachgeben können. Auch ich werde meine Hand nicht für die Gewährung weiterer Gelder heben. Warum nicht, wenn doch die Festspiele so wichtig sind für Eutin?

355.000 € hat die Stadt im Jahr 2008 den Festspielen schon als Darlehen gewährt - unter hohem zeitlichen Druck, mit der Begründung von Seiten der Festspiele, anderenfalls müsse die Spielzeit 2008 abgesagt werden, was mit einem hohen Imageschaden verbunden wäre, auf Seiten der Stadtvertreter schon mit Unwohlsein, denn wann sollte ein Musiktheater je einen solchen Gewinn einspielen können, dass die Rückzahlung dieses Kredites möglich wäre?

105.000 € hatte die Stadt Eutin den Festspielen nur kurzfristig zur Verfügung gestellt, ihre Rückzahlung ist jetzt fällig. Die Festspiele können nicht zahlen und bitten um eine Verlängerung. Diese Verlängerung müsse vor dem 31.10.2008 gewährt werden, um noch Optionen auf Künstlerverträge wahrnehmen zu können. Wieder also werden die Stadtvertreter unter zeitlichem Druck und dem vermeintlichen Zwang der Verhältnisse gedrängt, eine Entscheidung zu fällen, die die Eutiner Bürgerinnen und Bürger viel Geld kosten wird.

Außerdem brauchen die Festspiele weitere 140.000 € (laut Herrn Brandes, dem Aufsichtsratsvorsitzenden der Festspiele, gern auch 200.000 €, damit die Festspiele auch wieder ein bisschen Wasser unterm Kiel hätten) für die Finanzierung der Vorverkaufskampagne. Allein die bis jetzt genannten Beträge würden im Haushalt 2009 zu von der Stadt Eutin zu tragenden Zinsen in Höhe von 27.000 € führen.

Weiter wird gebeten um die Gewährung einer Ausfallbürgschaft für 2009 in Höhe von 200.000 €. Diese wird mit großer Wahrscheinlichkeit in Anspruch genommen werden, weil Rücklagen für schlechtes Wetter etc. (die Aufführungen auf der Freilichtbühne müssten abgesagt, die Eintrittsgelder etc. zurückgezahlt werden) nicht mehr bestehen und das ostholsteiner Wetter recht zuverlässig durchwachsen ist.

Ich halte es für falsch, weitere Gelder zu gewähren: wir können nicht einfach so eine halbe Million € (plus x im sechsstelligen Bereich) ausgeben, die vorher überhaupt nicht berücksichtigt waren – die Stadt Eutin ist selbst verschuldet, hat also eigene Kredite zu bedienen. Ich sehe zudem die Möglichkeit der Rückzahlung durch die Festspiele als eher unwahrscheinlich an – wir haben bereits erfahren, wie die Festspiele mit kurzfristigen Krediten umgehen.

Allenthalben wird die Möglichkeit der Insolvenz diskutiert. Darüber beschließen wir Stadtvertreter nicht. Wir beschließen darüber, ob den Festspielen weiterhin Gelder in kaum absehbarem Umfang zur Verfügung gestellt werden sollen. Ich spreche dagegen. Ob eine Insolvenz die Folge sein muss oder ob es andere Möglichkeiten gibt – dies sind Überlegungen, vor denen die Festspiele stehen, nicht die Eutiner Bürgerinnen und Bürger, die wir vertreten. Aber auch diese sehen längst, dass ein Jahr Pause den Festspielen die nötige Zeit verschaffen würde für einen Neuanfang, der, solide und bodenständig geplant, sicher auch die budgetierte finanzielle Unterstützung durch die Stadt finden würde.

Wenn wir über Ausstattungen von Kindergärten, Schulen, Sportstätten, Altenbegegungsstätten oder über die Unterstützung von Vereinen und Verbänden sprechen, streiten wir uns in Haushaltsberatungen übrigens manche Male über wenige hundert Euro, die der eine gewährt sehen möchte, die andere für überflüssig hält. Die Festspiele haben das Maß verloren. Die Stadt sollte nicht dafür einstehen.

Handlungsreisen: Literatur unterwegs.

Vor einiger Zeit hatte ich hier ja schon einmal das Problem beschrieben, sich für Länder mit weniger bekannter Literatur literarisch einzustimmen. Nun habe ich das richtige Werkzeug dafür gefunden (es ist alles da, man muss nur wissen, wo's liegt): handlungsreisen.de versammelt in seinem Atlas Zugangsmöglichkeiten zu literarischen Schauplätzen in mehr oder weniger fernen Ländern.

Sankelmark 2008.

Einmal jährlich bietet der schleswig-holsteinische Ableger des Fachverbandes Deutsch des Deutschen Germanistenverbandes eine eineinhalbtägige Fortbildung in Sankelmark an, die ihresgleichen sucht: Lehrerinnen und Lehrer organisieren eine Veranstaltung für Lehrerinnen und Lehrer, bei der ein bis mehrere Referenten (diesmal: Sigrid Nieberle) aus der Wissenschaft einen oder mehrere Vorträge zu einem Thema (diesmal »Literaturhistorische Filmbiographien«) halten, danach gibt es meistens mehrere Arbeitsgruppen zum Sujet (diesmal zu Lenz-, Schiller-, Hölderlin-, Kafka-Inszenierungen etc.) sowie einen Markt der Möglichkeiten und ein Beiprogramm.

Über die schulpolitische Bedeutung des Unternehmens berichtet ein in seiner Bedeutung noch immer aktueller Artikel von 2006 von Andreas Borrmann. Nach wie vor gilt: einer Vereinbarung des Bildungsministeriums wegen (»Jede Stunde zählt!«) darf die Fortbildung, obwohl sie offiziell anerkannt ist, erst am Freitagnachmittag nach dem Unterricht beginnen. Nur die hoch motivierten Lehrerinnen und Lehrer werden so erreicht – diese allerdings waren noch nie ein Problem für die Weiterentwicklung von Schule ...

Die gemachte »Wirklichkeit«.

Sehr lesenswert ist der Artikel Jens Bergers im Spiegelfechter, der ein Interview Thomas Roths mit Wladimir Putin dokumentiert: die offizielle, gesendete Version entspricht dem westlichen Standpunkt zur Georgienfrage, das Transkript des gesamten Gesprächs allerdings verdeutlicht, dass der Standpunkt Russlands zumindest von Thomas Roth durchaus nicht nur verstanden worden ist, sondern in Teilen auch bestätigt wird.

Wenn die Transkription korrekt ist, diskreditiert die Art und Weise der Kürzungen – Auswahl und Umfang – die verantwortliche Tagesschau-Redaktion; es handelt sich um eine verfälschende Manipulation des Gesagten.

Gut, dass es die Blogger gibt.

Gelesen. Schmidt.

Arno Schmidt: Schwarze Spiegel. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006.

Überlegung, ob dies etwas für meinen Deutschkurs im 13. Jahrgang sei: nicht nur Anti-Utopie, sondern zudem Gegenwelt zur Lebenswelt der S: diese übervoll, die Erlebenden aber (noch) orientierungslos, jene entleert von Mensch und Ereignis, der Protagonist aber zuhause im Geist. Vielleicht zu abschreckend der schmidtschen Eigentümlichkeiten wegen?

[Auch hier wieder Freuden der Intertextualität, zum Beispiel die Thematisierung Herodots.]

Gelesen. Krall.

CoverHanna Krall: Unschuldig für den Rest des Lebens. Frankfurt am Main: Neue Kritik, 2001

Was für die Reportagen Kapuścińskis gilt, gilt natürlich auch für die Hanna Kralls: es sind Reportagen aus einer Zeit mit mehr Zeit (und weniger Alternativvergnügungen) und für Menschen, die Muße haben, sich in ein anderes (Er-) Leben hineinzudenken, mithilfe des Autors den eigenen zeitlichen oder lokalen Horizont zu erweitern.

Während Kapuściński sich als gefälliger Erzähler präsentiert, dem leicht zu folgen ist, sind die Reportagen Kralls rauh, wider den Strich gekratzbürstet: man muss schon sehr genau lesen, um die Leben, die Hanna Krall schildert, in ihren Facetten mitzubekommen und nicht zu rasch an der Flut der Namen und Verhältnisse zu scheitern. Wenn dies jedoch gelingt, eröffnet sich dem westlichen Leser ein Blick auf die polnische Gesellschaft der siebziger und achtziger Jahre, der genau und aufschlussreich ist: wundert sich zum Beispiel der westliche Reisende über die vielen begonnenen, aber noch nicht fertiggestellten Rohbauten im Land, bekommt er dieses Phänomen anhand des Schicksals des Lokführers Cudny erklärt:

»Bis zum 26. Juni um 21.06 führte der Lokführer Cudny ein glückliches Leben.

Nachts war er auf den Schienen, tagsüber baute er an seinem Haus, dann war es mal wieder umgekehrt, er schlief seine vier Stunden und hatte an allem seine Freude.

[...]

An seinem Haus baute er seit fünfzehn Jahren. Ganz allein, nur Frau und Tochter halfen ihm.

[...]

Sie schachteten die Baugrube aus, gossen die Fundamente und karrten die Steine heran – alles allein. Er stülpte sich einen nassen Sack über den Kopf und holte Ziegel aus dem Brennofen, die Tochter ging auf den Bau, kaum daß die Schule aus war. Im Theater waren sie einmal – das ist zwanzig Jahre her, einmal auch im Kino, das war vor zehn Jahren, dafür aber sah er – wenn er die Strecke von Warschau nach Tłuszcz fuhr – in Zielonka sein Haus. Er sah den grauen Putz, die Veranda, die Terrasse, er dachte daran, was an dem Haus noch zu tun blieb – und war glücklich. [25 f.]

Auf diese Weise bleibt uns noch viel zu lernen.

Gelesen. Kapuściński.

Ryszard Kapuściński: Meine Reisen mit Herodot. Reportagen aus aller Welt. München: Piper, 2007.

Wieder eines der seltsamen Zusammentreffen, die einem immer mal wieder beim Lesen berühren: gerade habe ich die Lektüre der Kindheitserinnerungen Isaac B. Singers, der in der Krochmalna 10 in Warschau lebte, beendet, da lese ich auch bei Kapuściński:

»Wir wohnten damals in Warschau, in der Krochmalna, bei der Familie Skupiewski.« [48]

Wie in einer uns gut bekannten Stadt treffe ich so auf bereits Vertrautes – das Fehlen solcher Querverbindungen ist es sonst zuweilen, was mir den Einstieg in eine neue Literatur (eines Autors, einer Schriftstellergruppe, einer National- oder Kulturraumliteratur) zunächst schwierig macht.

Schon lange hatte ich Kapuściński auf meiner Leseliste – unsere Polenreise war nun Anlass für die Lektüre, die Sie nicht so lange hinausschieben sollten, denn die Reisen mit Herodot sind eine feine Lektüre:

Kapuściński zeigt, wie er seit Beginn seiner journalistischen Reisetätigkeit, in die er gänzlich unvorbereitet geriet, Herodots Historien als leitende Lektüre mit sich führte. Ob in Indien oder im Kongo, in Teheran oder Peking, immer ist seine Haltung die Herodots: von Skepsis ob des vermeintlich Bekannten einerseits und Offenheit und Neugierde andererseits bestimmt, nimmt Kapuściński wahr und berichtet uns das Erfahrene. Seine Frage ist dabei nicht, ob das Fremde vor den eigenen Ansprüchen bestehen könne, sondern vielmehr, wie der Reisende vor dem Fremden besteht: das Reisen, das Grenzen Überschreiten wird zum Motor der Selbstreflexion.

Sich selbst hinterfragen in der Begegnung mit dem Anderen steht dabei im Zusammenhang mit der Interpretation ausgewählter Episoden Herodots: Kriegs- und Machtfragen vergangener und (für Herodot) zeitgenössischer Herrscher werden erörtert, die Historien mit heutigem Blick neu gelesen und interpretiert.

Unbedingte Empfehlung!