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Gelesen (und lesend): Proust. IV.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 4: Sodom und Gomorrha. Übertragen von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2015.

(Schon vor einigen Wochen beendet, aber noch keine Zeit zum Verbloggen gefunden.)

Technische Daten des vierten Bandes: 890 Seiten, davon 733 Text, der Rest Anhang (Anmerkungen, Inhaltsübersicht etc.). Wie seit dem zweiten Band stets mit zwei Lesebändchen; fadengeheftet, latürnich. Wie die letzten Bände auch vorbildlich lektoriert.

Viele Motive und Themen werden erneut angesprochen und variiert: ob’s die Liebe zur inzwischen verstorbenen Großmutter ist, die Dreyfus-Affäre und ihre Beurteilung in der höheren Gesellschaft (und die damit verbundenen antisemitischen Vorbehalte), die Literatur oder die Kunst: wir sind inzwischen vertraut mit plauderndem Geplänkel wie mit erregt geführten politischen Diskussionen, mit langen Reflexionen über Haltungen und Entscheidungen, die wortreich erarbeitet und getroffen, ebenso gern aber nur wenige später wieder überzeugt revidiert werden. Also alles wie immer?

Nein. Mit einem (bereits angedeuteten) Paukenschlag beginnt dieser neue Band: Marcel beobachtet Baron de Charlus und Jupien bei gemeinsamem unerlaubten Treiben – was Anlass für vielfältiges Räsonieren über »Weibmänner«, »Invertierte« und die Herkunft der »Sodomiter« ist. Nichts davon ist natürlich als Prousts Auffassung ernst zu nehmen, sondern stellt nur die homophobe Sicht der Gesellschaft dar. Proust selbst habe, so Fischer im Nachwort, »gegenüber André Gide […] bedauert, dass er in SG nur noch die düsteren Seiten der gleichgeschlechtlichen Liebe habe zeigen können, da er die lichteren Aspekte bereits in Heterosexuelle transponiert in SJM dargestellt habe« (737). Dieses doppelte Spiel wird noch verfeinert, wenn Marcel schreibt

Wenn Monsieur de Charlus nicht von seiner Bewunderung für Morels Schönheit sprach, als stehe sie in keinerlei Beziehung zu einer Neigung, die als Laster bezeichnet wird, dann verbreitete er sich über dieses Laster, doch so, als sei es nicht entfernt das seinige. (624)

Eben dies ist das Vorgehen Prousts.

Ansonsten scheint es in der feineren Gesellschaft – wenn wir hier davon ausgehen, dass Proust ein zutreffendes Bild zeichnet – Usus gewesen zu sein, die Besonderheiten der Menschen hinzunehmen, wenn nur der Grund dafür nie öffentlich sichtbar oder zur Sprache gebracht wird: dass Monsieur de Charlus etwa auch in der Öffentlichkeit seine Lippen schminkt, um sich als alternder Liebhaber noch attraktiv zu zeigen, wird dies als Extravaganz akzeptiert, solange nie expliziert wird oder werden muss, warum dies geschieht, solange der Beobachtende nicht zugeben muss, dass er weiß, aber nicht anklagt; erst wenn gewisse Grenzen überschritten werden, Beziehungen oder Begehren öffentlich wird, wird das nun Offensichtliche zum Skandal (331 f.).

Marcel jedenfalls beobachtet und lernt, nimmt Verschrobenheiten, Schrulligkeiten wahr und spottet, ironisiert, wird zuweilen maliziös (beispielsweise wenn es um sprachliche Eigenheiten und tics geht, die er ausführlich beschreibt und auf die er gern immer wieder zurückkommt), sieht Annäherungen und Abneigungen, liebt natürlich wieder und ist eifersüchtig, beobachtet diese Regungen auch bei anderen und seziert sie aufs Genaueste (etwa im Spiel zwischen Cottard und Charlus (vgl. 440)) ist von Albertine so abgestoßen wie zu ihr hingezogen, dies umso mehr, als sie »eine Freundin von Mademoiselle Vinteuil und deren Freundin, einer professionellen Praktikantin der sapphischen Liebe« (713) ist, und die Marcel sich auch deshalb nolens volens in derartigen Beziehungen vorstellt.

Letztlich erkennt er vielleicht auch deshalb: »es ist absolut notwendig, dass ich Albertine heirate« (733).

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Werkzeuge im Netz.

KärtchenAuf der schon erwähnten Tagung »Lesen, Schreiben, Wischen – Digitale Medien im Deutschunterricht auf dem Prüfstand« des Fachverbandes Deutsch habe ich auch einen Workshop zum oben genannten Thema geleitet. Es gab einen Arbeitsauftrag, dessen Ergebnisse in einer Google-Docs-Tabelle gesichert wurden. Hier ist das Ergebnis (das natürlich noch mündlich ergänzt und diskutiert wurde). Weil der Workshop zweimal mit unterschiedlichen Teilnehmer_innen stattfand und ich die Ergebnisse aus zwei Tabellen ohne die Texte zu redigieren zusammengefügt habe, können einzelne Einträge redundante Informationen enthalten.

Bloggende Lehrer_innen.

Anlässlich der Tagung Tagung »Lesen, Schreiben, Wischen – Digitale Medien im Deutschunterricht auf dem Prüfstand«, die am 13. und 14. November 2015 in der Akademie Sankelmark stattfand, habe ich einen kleinen Vortrag zum oben genannten Thema gehalten. Hier ist das virtuelle Typoskript.

(Das Übertragen der Links in die TeX-Datei war zwar arbeitsaufwendiger als notwendig, wenn Ihr allerdings den Quellcode dessen sehen würdet, was Evernote »HTML-Export« nennt, bedecktet Ihr weinend Euer Gesicht und wendetet Euch grausend ab. Dann lieber Arbeit und ein hübsches Dokument.)

Helmut Schmidt (1918–2015).

Seines Starrsinns wegen musste ich unter einem Oggersheimer Kanzler erwachsen werden, beider gemeinsame Politik ließ mich Ökopax sein. Seltenst mit ihm einer Meinung. Und diese elende Raucherei immer! Hobbyökonom. Häufig unerträglich arrogant. Klug, schon. Analytischer Geist, ja. Schreiben konnte er, okay.

Das Beste an ihm war ja Loki.

Gelesen. Kurzeck.

Peter Kurzeck: Übers Eis. Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern: 1997.

Wenn man erst einmal ins Lesen autobiographischer Erzählungen hineingerät, wird es schwierig, je wieder herauszukommen: Gustafssons »Risse in der Mauer« war schon eine Andeutung, mit Proust und Knausgård befinde ich mich mittendrin, und nur weil die Buchmesse in Frankfurt stattfindet und ich deshalb etwas Passendes zum Lesen mitnehmen wollte, der oben erwähnte (hauptsächlich in Frankfurt situierte) Band noch zuhause herumlag, weil ich ihn zwar begonnen hatte, wegen Nichtzurrechtenzeitzurhandgenommen und Sovieleanderebücherzulesen aber über die ersten drei, vier Seiten nicht hinausgekommen war, eröffnet sich mir nun ein weiteres Leseprojekt.

Dabei gilt nach dem, was ein guter Freund mir über andere Bücher Kurzecks (zumindest dieser ursprünglich auf zwölf Bände angelegten, aber leider bei fünfen abgebrochenen Reihe »Das alte Jahrhundert«) berichtete, vieles, was ich hier für diesen Roman sage, auch für andere:

Aus seinem Leben erzählt Peter (der Nachname wird zwar einige Male für Dritte buchstabiert, allerdings – wenn ich nichts übersehen habe – anders als der Vorname nie genannt), der sich im Jahre 1984 unversehens von seiner Freundin Sibylle getrennt erkennen und daher aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen muss. Er findet eine behelfsmäßige Bleibe, sorgt etwa hälftig für seine Tochter Carina, versucht seinen Lebensunterhalt durch Schreiben zu verdienen, muss aber auf staatliche Unterstützung zurückgreifen. Verwoben mit der Darstellung des aktuellen Lebens werden Fragmente von Erinnerungen an frühere Geschehnisse und geradezu dokumentarische Aufnahmen alltäglichster Sachverhalte, Orte, Konstellationen. So weit, so banal – wie letztlich bei jedem autobiographischen Erzählen.

Das Besondere geschieht beim Einlassen auf den Strom.

Dann hat man sich zu ergeben dem Rhythmus eines Stakkatos von Eindrücken, zu schnell, als dass alle Sätze beendet werden könnten, sodass die letzten Wörter zuweilen. Gleichwohl evoziert Kurzeck durch die Anhäufung simpler Benennungen allein schon mit diesen Zeichen verbundene Assoziationen –

Ein Sommertag ist lang wie ein Jahr. Die Ampeln von rot auf grün. Musik. Zigaretten. Die Straße fängt an zu fahren. Alle Straßen fangen zu fahren an. Zubringer. Kreuzungen. Ausfallstraßen. Die Autobahn. Autobahnauffahrten, Autobahnabfahrten. Das Rollfeld, die Startbahn, der Luftraum, die Einflugschneisen. Ein Flugzeug schräg in die Höhe. Alle paar Minuten ein Flugzeug schräg in die Höhe. Ein anderes Flugzeug und setzt zur Landung an. Signale, Signaltürme, Lichtzeichen. Immer wieder ein Flugzeug, immer noch eins und alle setzen zur Landung an. RheinMain-Flughafen. Frankfurt Airport. Beton, der Stadtwald und Himmel, ein stiller Himmel, der allen und keinem gehört. Das Südkreuz, das Westkreuz, das Frankfurter Kreuz. Eisenbahnlinien, S-Bahnen, Bahnhöfe, Vororte, Dörfer, Vororte und die Vororte von den Vororten. Schrebergärten, Kasernen, Pferde, die Rennbahn, Sportplätze, Werkstätten, Tankstellen, Einkaufszentren, Friedhöfe, Lagerhallen, Fabriken, Industriegelände, ein Kornfeld, Gewerbegebiete, Rechtecke, Würfel, Bauklötze, Grundrisse, Häuser, Neubausiedlungen, Bauland, Bauerwartungsland, Bauerschließungsgebiete, Bauplätze, Baustellen, Baustellen. Sommer, der Sommer, Sommerzeit. Gegenwart. Im Sommer ein Nachmittag. Erst Juli und dann August. Kornfelder, Wiesen, der Taunus. Von Bad Nauheim, von Ockstadt, von Friedberg bis nach Bad Homburg, Oberursel, Bad Vilbel. Von Bergen nach Kriftel, nach Hofheim, nach Kelkheim, nach Hochheim. Am Südrand, den Taunus entlang. Bis nach Wiesbaden. Den Taunus, den Main entlang. Überall Obstbäume. Die Kirschen schon abgeerntet? Die Pflaumen, die Mirabellen, die Äpfel und Birnen. Jede Einzelheit. Alles ganz deutlich. Die Früchte an jedem Baum. Und werden jetzt reif. Bei Hochheim der Wein auf den Hängen. Heiß ist es. Feldwege. Die Rheinebene. In der Hitze flimmert das Licht. An Höchst, an den Farbwerken auch vorbei (finster die Farbwerke: brüten Albträume aus), und in weiten Bogen der Main. Schiffe. Die Strömung. [Ebd., 149]

– die für die Sicherung und Reaktivierung vergangener Eindrücke stehen können, ohne (wie so viele Erinnerungsbücher) in der Nennung von Markennamen sich zu erschöpfen und zu vermeinen, man habe damit eine Generation beschrieben.

Mit wenigen Worten skizziert er simultan Szenerien, Dialoge, Typen und ganze Lebensläufe:

Die Elbe aufs Meer zu. Tag und Nacht Schiffe vorbei. Ozeandampfer, Frachter, Öltanker, Schlepper, Gespensterschiffe, Segeljachten und Fischkutter. Ein Feuerwehrschiff. Der Zoll. Die Wasserschutzpolizei. Jedes Schiff grüßt. Blau und weiß die Villa. Mit blanken Fenstern. Vierzig Zimmer. Vierundvierzig. Beim nächstenmal Nachzählen achtundvierzig. Die Fenster jeden Tag frischgeputzt. Nur unser Hausmeister kennt diese feine ältere Dame, die sich in allem und jedem ganz und gar auf sein Wort verläßt. Ehrenwort! Sie lieber nicht stören! Aber im Zweifelsfall ist sie für ihn jederzeit telefonisch erreichbar. Aber ja! Jederzeit! So eine feine ältere Dame. Geld spielt bei der keine Rolle (solang die Miete pünktlich bezahlt wird). Ihr Verlobter im ersten Weltkrieg vor Skagerrak. Kapitänleutnant. Heldentod. Sie hat als Frau, als Dame schriftlich ihren Doktor in Filesofie. Und mit Familienwappen. Muß man sich vorstellen! Eine Trauerweide, einen Kiesweg, ein hohes Tor. Die Möwen auch. Die Schiffe. Die Elbe. [Ebd., 127]

Auch wenn die Melancholie als schwerer Mut über den Erinnerungen und Gegenwärtigkeiten liegt, gibt es auch immer wieder Momente, in denen der Protagonist sich selbst in seiner Tragikomik sieht, und man mag ihn sich gickernd an seiner elektrischen Schreibmaschine vorstellen – etwa, wenn er ab Seite 71 über sechs Seiten schildert, wie er mehrfach und vielfältig an der Zubereitung eines Espressos scheitert, weil er einfach zu sehr in Gedanken ist, oder wie die Auswahl eines Stücks Seife für nicht mal eine Mark ihn für zwei Stunden (und wiederum über einige Seiten) fesselt und so fort.

Was mich aus Gründen allerdings am stärksten berührt, ist die unendliche Zärtlichkeit, mit der der Protagonist wieder und wieder in kleinen Episoden, blitzlichtartigen Einsprengseln oder auch längeren Passagen den Umgang mit seiner kleinen Tochter beschreibt, die für ihn bei aller familienunfreundlichen Unfähigkeit, ein anderes Leben als das des Künstlers zu führen, das Liebste zu sein scheint.

Hierfür keine Beispiele. Jetzt müsst Ihr schon selbst lesen.

Buch bei Amazon angucken – in der lokalen Buchhandlung bestellen.

Frankfurter Buchmesse 2015 – #fbm15.

Morgen geht’s mit einer Kollegin und vor allem einer Klasse Buchhändlerinnen per Zug nach Frankfurt zur Buchmesse. Die App ist geladen und so finde ich vielleicht auch den Weg zu den Verlagen.

Von besonderem Interesse: Halle 6.* mit den englischsprachigen internationalen Verlagen, Halle 4.0 mit Verlag und Herstellung, dann generell Literatur. Zu besuchen auch die »Leseinsel der unabhängigen Verlage« in Halle 4.1. In 4.2 gibt’s ein »Klassenzimmer der Zukunft« (und ich bin gespannt, welche Rolle dort die fragwürdigen elektronischen Schulbücher einnehmen) und in 3.0 Comics. Außerdem gibt’s immer Unvorhergesehenes, so die ganzen Veranstaltungen mit den Stars der Branche.

Die Azubis haben ihren eigenen Kompass, und nach einer Weile des Umherirrens und -stöberns die Eindrücke zu vergleichen ist ohnehin das Beste.

Sehen wir uns dort?

Gelesen. Milligan / Hewlett.

Peter Milligan und Jamie Hewlett: Tank Girl – The Odyssey. London: Titan, 2002.

Nicht Buck Mulligan intoniert hier »Introibo ad altara [sic] dei«, sondern der Penelope-Platzhalter Booga, der auf Tank Girl wartet, das sich die Zeit auf seiner Odyssee vertreibt und erst die Rückfahrt antritt, als es vom gemeinsamen Sohn Telemach (einem Fernseherkopf, wie wir ihn auch in – war es Saga? – sahen) von den gar zu aufdringlichen Filmproduzenten erfährt, die Booga umschwirren.

Wirr, nicht ohne Humor, aber nicht großartig.