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Gelesen. Becher.

Ulrich Becher: Murmeljagd. München: btb, 2011.

Ein übrig gebliebenes Buch, keine Neuerscheinung, sondern zum ersten Mal 1969 veröffentlicht. Schildert in der Zeit des »Anschlusses« Österreichs die Flucht des Weltkriegspiloten und Journalisten Albert Trebla und seiner Frau vor den Nazis, ihre Begegnung mit skurrilen Figuren stets quer zum Mainstream, ihren Parforceritt durch die europäische Geschichte und ihre landesübergreifenden Familienbande. Fast schrill Protest einlegend gegen die Unmenschlichkeit der Zeit, die Dummheit der deutschen Machthaber im Kleinen wie im Großen, ein Fanal für die Freiheit setzend. – Und auch ein Problem: aus welchem Land darf der Wein kommen, wenn die wichtigen Länder schon faschistisch (besetzt) sind? Was geschieht, wenn Frankreich fallen sollte?

Gelesen (und lesend): Proust. V.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 5: Die Gefangene. Übertragen von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2015.

Technische Daten des fünften Bandes: 727 Seiten, davon 566 Text, der Rest Anhang (Anmerkungen, Inhaltsübersicht, Namensverzeichnis etc.). Wie seit dem zweiten Band stets mit zwei Lesebändchen; fadengeheftet. Wie die letzten Bände auch vorbildlich lektoriert (allein auf Seite 338 scheint mir ein Komma überflüssig).

Die Gefangene ist gleichzeitig der erste Teil von Sodom und Gomorrha III, was die Sache mit der Nummerierung nicht einfacher macht. Ohnehin könnte der eine oder die andere, bislang die Auffassung vertretend, »hohe Literatur« sei das Wohlgeplante und -strukturierte, spätetens die Bemerkungen im wieder hervorragenden Anhang des Übersetzers und Herausgebers Bernd-Jürgen Fischers lesend ins Nachdenken geraten, denn dort erfährt man Vieles über Zufälle, nachträgliche Zuordnungen im Zuge von Editionen, über Doppelstellen, Leerstellen etc., sodass der Eindruck des Durchkomponierten wohl durch den des unübersichtlichen Schaffenswustes überschrieben werden muss. Auch, so Fischer, seien Die Gefangene und der Folgeband, Die Entflohene, zunächst als zusammengehöriges, aber vom großen Romanprojekt getrenntes eigenständiges Werk geplant gewesen, bevor sie dann als Teile der Suche begriffen und eingearbeitet wurden.

Leitspruch des Bandes könnte dieses Zitat sein:

Im übrigen ist die Liebe eine unheilbare Krankheit wie jene Veranlagungen, bei denen der Rheumatismus nur eine Ruhepause vergönnt, um epilepsieartigen Anfällen von Migräne Platz zu machen. (111)

Wurde Marcel am Ende des vierten Bandes deutlich, es sei »absolut notwendig, dass ich Albertine heirate« (733), schildert er im fünften nicht die Ehe (sie ist aufgrund der verschobenen Wiederholung Proustschen Erlebens im Fiktiven wegen auch nicht möglich), sondern nur das Zusammenleben anhand weniger exemplarisch zu verstehender Tage. Wie der Bandtitel schon andeutet, ist die Wohngemeinschaft belastet, denn Marcel sieht allerorten die Verlockungen anderer Damen, die nur darauf warten, Albertine verführen zu können. Das grundsätzliche Misstrauen (das Marcel ebenso oft wie verspürt wie er es auch selbst wieder zurückweist, um es danach nur umso heftiger zu empfinden) begleitet jeden Schritt Albertines, insbesondere, wenn es um die Freundschaft zu Mademoiselle Vinteuil geht. Mit detektivischem Spürsinn beobachtet Marcel Albertine, verstrickt sich dabei selbst in ein Geflecht von Lügen und Halbwahrheiten, wendet in langen (tatsächlichen und imaginierten) Gesprächen jede der Aussagen Albertines – und da diese wiederum nicht so ehrlich ist wie sie es sein könnte (wobei für den Leser häufig offen bleibt, was denn nun bei mehreren geäußerten Varianten die Wahrheit ist), stößt er auf manchen Widerspruch. Das geht natürlich nicht ewig gut, und so endet der Band auch mit der im Interesse der Freundschaft beschlossenen Trennung: Marcel wirft Albertine unmissverständlich freundlich aus dem Haus, dann – im Interesse eines allerletzten Versuchs – doch wieder nicht, und letztlich nimmt sie ihm die Entscheidung aus der Hand, indem sie eines Morgens abgereist ist. –

Hinter der feinen Fassade wieder viel Abgründiges, etwa über viele Seiten die zotigen Gesänge der Ladeninhaber (153 ff.), Neues und Bewährtes über Monsieur Charlus und so fort. Man könnte nun fragen, warum sich die Lektüre – die sich diesmal über einen langen Zeitraum erstreckt hat – lohnt. Ich würde sagen: aufgrund der Dichte des Beschriebenen. Wenn ich drei Wochen lang Proust nicht in die Hand nahm, brauchte ich es nur aufzuschlagen und war sofort wieder im Ton des Ganzen. Dabei ist es sicher nicht wichtig, sich jedes gesellschaftliche Geschehen im Detail zu merken – es kann rasch unter den üblichen Schlagworten à la Dekadenz und Dandytum subsumiert werden. Proust gelingt es aber immer wieder, episodenhaft Sachverhalte darzustellen, die in nuce Leben und Erkenntnis zeigen.

So, wenn er mal wieder über den alternden und von seiner Zeit überholten Schriftsteller Bergotte spricht. Dieser liest in einer Rezension über eine Ausstellung, Vermeer habe »ein kleines gelbes Mauerstück […] so gut gemalt […], dass es, wenn man es für sich allein, wie ein kostbares chinesisches Kunstwerk betrachte, von einer Schönheit ist, die sich selbst genügt« (249). Bergotte eilt in die Ausstellung und sieht das bisher noch nie so wahrgenommene

kostbare Material des ganz kleinen gelben Mauerstücks. Sein Schwindelanfall wurde schlimmer; er fixierte seinen Blick so wie ein Kind, das einen gelben Schmetterling fangen möchte, auf das kostbare kleine Mauerstück. »So hätte ich schreiben sollen«, sagte er. »Meine letzten Bücher sind zu trocken, ich hätte mehrere Farbschichten auftragen, meine Sätze an sich schon so kostbar machen müssen wie dieses kleine gelbe Mauerstück.« Indessen entging ihm nicht die Schwere seines Schwindelanfalls. In einer himmlischen Waage erschien ihm auf der einen Schale sein eigenes Leben, während in der anderen das so trefflich in Gelb gemalte kleine Mauerstück lag. Er spürte, dass er unbedacht das erstere für das letztere hingegeben hatte. »Vor allem möchte ich nicht«, sagte er sich, »in den Abendzeitungen als Sonstige Meldung von dieser Ausstellung erscheinen.« Er wiederholte bei sich: »Kleines gelbes Mauerstück mit einem Wetterdach, kleines gelbes Mauerstück.« Dabei brach er auf einem Rundsofa zusammen; ebenso plötzlich verließ ihn der Gedanke, dass sein Leben auf dem Spiel stehe, er wurde wieder optimistisch und sagte sich: »Das ist nur eine kleine Verdauungsstörung, die von diesen nicht völlig gar gekochten Kartoffeln kommt, das ist weiter nichts.« Ein weiterer Schlag traf ihn, er rollte von dem Sofa auf den Boden, wo ihn die herbeigeeilten Besucher und Wächter umstanden. Er war tot. (250)

Insofern: man kann sich Zeit lassen mit Proust. Zuweilen erscheint einem der Stil unerträglich – dann wieder von einer seltenen Poetizität; an so manchem Tag sagt einem das Gelesene wenig, an anderen scheint es sehr besonders. Es eilt nicht, und ich habe nur noch zwei Bände zu lesen (wenn Reclam auch einen Kommentar bereits angekündigt hat).

Band VI liegt schon neben dem Lesesessel.

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Wie geht’s weiter mit der Schule? (4)

Bob Blume hat Zweifel. Und weil ich meine, das ist gut so, schrieb ich in etwa in sein Blog:

Die Begeisterung über das digitale Werkzeug verebbt, der Wert des analogen Tuns wird wieder entdeckt: was für ein wertvoller Moment!: Du hast die Fähigkeit zum Arbeiten mit dem Neuen und das Wissen, um es sinnvoll einsetzen zu können. Was willst Du mehr?: genau dahin möchtest Du die S doch auch bringen. Und dazu wirst Du Deinen Teil beitragen können, indem Du Dich für die Vorbereitung der Stunden auf den gesamten Fächer der Möglichkeiten besinnst.

Heilslehren zeitigten schon immer im besten Falle fragwürdige Resultate. Bedachtsamkeit rulez.

Ich habe so einige Kolleg_innen, die nach wie vor dicke Ordner voller ausschließlich analog vorhandener Materialien von hier nach dort schleppen, Collagen anfertigen lassen und Kärtchen an Pinnwände stecken. Ich habe keinerlei Veranlassung zu glauben, dass ihr Einfluss auf Wissen und Können der Schüler_innen geringer sein könnte als meiner, nur weil ich gern mit MacBook und Beamer arbeite und nie auf die Idee käme, eine Mindmap gemeinsam mit Schüler_innen anders als per XMind zu basteln. Unter anderem übrigens deshalb, weil dieselben Lehrkräfte in anderen Stunden Projektunterrichte leiten und Veranstaltungen organisieren lassen, während ich ganz popelig einfach nur einen Text auf Papier präsentiere.

Wir Lehrkräfte kennen pubertäre Selbstüberschätzung, die nichts gelten lässt als die eigene Weltsicht, doch ganz gut. Im Regelfall ist sie bei Lehrer_innen fehl am Platze.

Lars Gustafsson (1936–2016).

Gustafssons Bücher gehören zu meinen langjährig Vertrauten; seine Pentalogie »Risse in der Mauer« habe ich einzeln, nachdem ich vor vielen Jahren die Wollsachen geschenkt bekam, mehrfach gelesen, auch der beispielsweise in Herr Gustafsson persönlich dargestellten Verbindungen zur deutschen Literaturszene der sechziger und siebziger Jahre wegen. Das seltsame Tier aus dem Norden und andere Merkwürdigkeiten ist nach wie vor besonders und empfehlenswert.

Seinem Schreiben war stellenweise Eitles nicht fremd, gleichwohl war die Lektüre intellektuell anregend, weil philosophisch unterfüttert. – Seine späteren Romane waren mir weniger nahe; sie schienen mir bei aller eher zunehmenden souveränen Routiniertheit des Schreibens weniger wichtig.

Zur Zeit lese ich anderes, doch eine Erinnerungslektüre steht an.

Es ist ein Jammer. Aber »wir fangen noch mal an. Wir geben nicht auf«.

– Ein Nachruf von Wolf Lepenies.

Gelesen. Alameddine.

Rabih Alameddine: Eine überflüssige Frau. Übertragen von Marion Hertle. München: Louisoder, 2016.

Eine Beiruter ehemalige Buchhändlerin und heimliche Übersetzerin reflektiert ihr Leben und die sie prägende Literatur. (Gleich wieder einige Titel auf die Leseliste gesetzt.) – Einige Zitate:

»Literatur, die alles erklärt, macht Leser dumm.« (Ebd.,152)

»Jemand hatte in mein Zuhause geschissen. Ich besorgte mir eine Kalaschnikow.« (Ebd., 47)

»Ich habe viele Neurosen meiner Schriftsteller, aber nicht ihre Talente.« (Ebd., 180)

»Die Höflichkeit ihres Vaters, die schon fast an Extravaganz grenzte.« (Ebd., 190) –

Vorbildliches Lektorat des in meinem Regal bislang nicht vertretenen Louisoder Verlags. Ungewöhnlich strukturiertes Schutzumschlagpapier. Lesebändchen, fadengeheftet.

Buch bei Amazon angucken.

Gelesen. Schlingensief.

Christoph Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! – Tagebuch einer Krebserkrankung. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2009.

Schlingensief liest Beuys:

Und jetzt kommen die Sätze, die mich [Schlingensief] so beeindruckt haben: »Immer positiv reden, nicht urteilen. Manchmal muss man natürlich auch ein paar harte Worte sagen, aber nach Möglichkeit soll man sich davor hüten.«

Wenn man das alleine schon mal ernsthaft angehen würde, wenn man diese Urteils- und Bewertungsmaschine abschalten könnte, wäre doch schon viel gewonnen. (Ebd., 136 f.)

Hat natürlich mit Schule nichts zu tun.

Windows 10 und Nvidia GeForce 7300 SE / 7200 GS.

(Nein, versprochen: Windows-Inhalte gibt’s hier auch künftig nur allerseltenst, wenn ich mir mal etwas merken muss, weil Schulen aus mir völlig unerfindlichen Gründen immer noch mit diesem crap arbeiten, weil’s ja vermeintlich billiger ist. Mein ausführlich geübtes inneres Zetern hier bitte selbsttätig imaginieren und einfügen. Danke.)

Windows 10 läuft in der virtualisierten Umgebung in Parallels Desktop auf meinem Mac völlig problemlos (alle Bitte-beobachte-mich-Optionen auf nein stellen hilft), und so habe ich es auch auf meinem Arbeits-PC auf dem schulischen Schreibtisch installiert.

Soweit läuft alles (bis auf dass Installationsschlüssel von Microsoft-Programmen neu eingegeben werden müssen – aber wer bei Microsoft kann schon ahnen, dass auf PCs ordnungsgemäß lizensierte Office-Programme zu finden sind?) – nur der Grafikkartentreiber wird durch einen generischen Treiber von Microsoft ersetzt, der keinerlei aktuelle Auflösungen bereithält und daher für das Arbeiten unbrauchbar ist (aber wer bei Microsoft kann schon ahnen, dass wir keine Röhrenmonitore mehr nutzen?).

Die im System vorgesehenen Methoden des Treiberupdates helfen nicht, Nvidias Onlinetool findet keine zu aktualisierenden Treiber (verrät mir aber immerhin, dass mein Rechner eine GeForce 7300 SE oder 7200 GS verbaut hat), und für die Grafikkarte werden absatzorientierter Geschäftspolitik wegen ihres Alters wegen offenbar auch keine Windows-10-Treiber programmiert.

Nach Herumlesen in diversen Foren auf der Schattenseite des Internets habe ich die Lösung hier gefunden: es hilft die Neuinstallation des alten Treibers, der auf dieser Informationsseite zu finden ist, und seinen Dienst klaglos auch unter Windows 10 tut.

Und nun wieder zu den angenehmen Dingen des Lebens.