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Die gemachte »Wirklichkeit«.

Sehr lesenswert ist der Artikel Jens Bergers im Spiegelfechter, der ein Interview Thomas Roths mit Wladimir Putin dokumentiert: die offizielle, gesendete Version entspricht dem westlichen Standpunkt zur Georgienfrage, das Transkript des gesamten Gesprächs allerdings verdeutlicht, dass der Standpunkt Russlands zumindest von Thomas Roth durchaus nicht nur verstanden worden ist, sondern in Teilen auch bestätigt wird.

Wenn die Transkription korrekt ist, diskreditiert die Art und Weise der Kürzungen – Auswahl und Umfang – die verantwortliche Tagesschau-Redaktion; es handelt sich um eine verfälschende Manipulation des Gesagten.

Gut, dass es die Blogger gibt.

Gelesen. Schmidt.

Arno Schmidt: Schwarze Spiegel. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006.

Überlegung, ob dies etwas für meinen Deutschkurs im 13. Jahrgang sei: nicht nur Anti-Utopie, sondern zudem Gegenwelt zur Lebenswelt der S: diese übervoll, die Erlebenden aber (noch) orientierungslos, jene entleert von Mensch und Ereignis, der Protagonist aber zuhause im Geist. Vielleicht zu abschreckend der schmidtschen Eigentümlichkeiten wegen?

[Auch hier wieder Freuden der Intertextualität, zum Beispiel die Thematisierung Herodots.]

Gelesen. Krall.

CoverHanna Krall: Unschuldig für den Rest des Lebens. Frankfurt am Main: Neue Kritik, 2001

Was für die Reportagen Kapuścińskis gilt, gilt natürlich auch für die Hanna Kralls: es sind Reportagen aus einer Zeit mit mehr Zeit (und weniger Alternativvergnügungen) und für Menschen, die Muße haben, sich in ein anderes (Er-) Leben hineinzudenken, mithilfe des Autors den eigenen zeitlichen oder lokalen Horizont zu erweitern.

Während Kapuściński sich als gefälliger Erzähler präsentiert, dem leicht zu folgen ist, sind die Reportagen Kralls rauh, wider den Strich gekratzbürstet: man muss schon sehr genau lesen, um die Leben, die Hanna Krall schildert, in ihren Facetten mitzubekommen und nicht zu rasch an der Flut der Namen und Verhältnisse zu scheitern. Wenn dies jedoch gelingt, eröffnet sich dem westlichen Leser ein Blick auf die polnische Gesellschaft der siebziger und achtziger Jahre, der genau und aufschlussreich ist: wundert sich zum Beispiel der westliche Reisende über die vielen begonnenen, aber noch nicht fertiggestellten Rohbauten im Land, bekommt er dieses Phänomen anhand des Schicksals des Lokführers Cudny erklärt:

»Bis zum 26. Juni um 21.06 führte der Lokführer Cudny ein glückliches Leben.

Nachts war er auf den Schienen, tagsüber baute er an seinem Haus, dann war es mal wieder umgekehrt, er schlief seine vier Stunden und hatte an allem seine Freude.

[...]

An seinem Haus baute er seit fünfzehn Jahren. Ganz allein, nur Frau und Tochter halfen ihm.

[...]

Sie schachteten die Baugrube aus, gossen die Fundamente und karrten die Steine heran – alles allein. Er stülpte sich einen nassen Sack über den Kopf und holte Ziegel aus dem Brennofen, die Tochter ging auf den Bau, kaum daß die Schule aus war. Im Theater waren sie einmal – das ist zwanzig Jahre her, einmal auch im Kino, das war vor zehn Jahren, dafür aber sah er – wenn er die Strecke von Warschau nach Tłuszcz fuhr – in Zielonka sein Haus. Er sah den grauen Putz, die Veranda, die Terrasse, er dachte daran, was an dem Haus noch zu tun blieb – und war glücklich. [25 f.]

Auf diese Weise bleibt uns noch viel zu lernen.

Gelesen. Kapuściński.

Ryszard Kapuściński: Meine Reisen mit Herodot. Reportagen aus aller Welt. München: Piper, 2007.

Wieder eines der seltsamen Zusammentreffen, die einem immer mal wieder beim Lesen berühren: gerade habe ich die Lektüre der Kindheitserinnerungen Isaac B. Singers, der in der Krochmalna 10 in Warschau lebte, beendet, da lese ich auch bei Kapuściński:

»Wir wohnten damals in Warschau, in der Krochmalna, bei der Familie Skupiewski.« [48]

Wie in einer uns gut bekannten Stadt treffe ich so auf bereits Vertrautes – das Fehlen solcher Querverbindungen ist es sonst zuweilen, was mir den Einstieg in eine neue Literatur (eines Autors, einer Schriftstellergruppe, einer National- oder Kulturraumliteratur) zunächst schwierig macht.

Schon lange hatte ich Kapuściński auf meiner Leseliste – unsere Polenreise war nun Anlass für die Lektüre, die Sie nicht so lange hinausschieben sollten, denn die Reisen mit Herodot sind eine feine Lektüre:

Kapuściński zeigt, wie er seit Beginn seiner journalistischen Reisetätigkeit, in die er gänzlich unvorbereitet geriet, Herodots Historien als leitende Lektüre mit sich führte. Ob in Indien oder im Kongo, in Teheran oder Peking, immer ist seine Haltung die Herodots: von Skepsis ob des vermeintlich Bekannten einerseits und Offenheit und Neugierde andererseits bestimmt, nimmt Kapuściński wahr und berichtet uns das Erfahrene. Seine Frage ist dabei nicht, ob das Fremde vor den eigenen Ansprüchen bestehen könne, sondern vielmehr, wie der Reisende vor dem Fremden besteht: das Reisen, das Grenzen Überschreiten wird zum Motor der Selbstreflexion.

Sich selbst hinterfragen in der Begegnung mit dem Anderen steht dabei im Zusammenhang mit der Interpretation ausgewählter Episoden Herodots: Kriegs- und Machtfragen vergangener und (für Herodot) zeitgenössischer Herrscher werden erörtert, die Historien mit heutigem Blick neu gelesen und interpretiert.

Unbedingte Empfehlung!

ISBN to BibTeX.

Einen solchen Konverter findet man hier. Zur ISBN des zuletzt hier besprochenen Buchs (9783257227895) wird dann beispielsweise dieser (hier um einen Amazon-Eintrag gekürzte) Eintrag erstellt –

@book{9783257227895,
Author = {Andrzej Szczypiorski},
Title = {Den Schatten fangen.},
Publisher = {Diogenes Verlag},
Year = {2000},
ISBN = {3257227892}
}
–,

der in die entsprechende Datei eingefügt werden kann.

(Für BibDesk-Nutzer geht's natürlich schneller über die Importfunktion, die ich hier schon einmal beschrieben habe; so wird die ISBN in den GVK eingegeben und es zeigt sich der umfangreichere Eintrag

@book{cite-key,
Address = {Z{\"u}rich},
Annote = {LDR 00885nam 2200253 i 4500
001 187352011
003 GBV
008 950906s1995 sz 000 0 ger d
015 $aDDB945216882
020 $a3257227892 (kart.) :$cDM 12.80, S 100.00, sfr 12.80
040 $aGBV$bger
084 0 $a59$2DDB
084 $a18.58 ; Polnische Sprache und Literatur$2BCC
084 $a17.97 ; Texte eines einzelnen Autors$2BCC
100 1 $aSzczypiorski, Andrzej
245 14 $aDen Schatten fangen :$bRoman /$cAndrzej Szczypiorski. Aus dem Poln. von Anneliese Danka Spranger.
260 $aZ{\"u}rich :$bDiogenes,$c1995.
300 $a167 S ;$c18 cm.
440 0 $aDiogenes-Taschenbuch ;$v22789
651 $aPolen$xLandleben$xJunge$yGeschichte 1939$vBelletristische Darstellung
730 0 $aZ$\pm$owi´c cie´n .
801 0 $aDE$bGyFmDB$gRAK-WB
900 $aGBV$bSUB+Uni Hamburg <18>
990 $a16886925X$z01
},
Author = {Szczypiorski, Andrzej},
Date-Added = {2008-08-11 01:13:20 +0200},
Date-Modified = {2008-08-11 01:13:20 +0200},
Isbn = {3257227892 (kart.)},
Publisher = {Diogenes},
Title = {Den Schatten fangen: Roman},
Volume = {22789},
Year = {1995}}
,

der mit einem Mausklick in die Literaturdatenbank importiert wird. (Und ja: bequeme Menschen wie ich wünschen sich an dieser Stelle die zusätzliche Eingabemöglichkeit der ISBN über die Barcode-Erkennung, wie sie Delicious Library anbietet.))