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Gelesen. Ben Jelloun.

Tahar Ben Jelloun: Sohn ihres Vaters. Übertragen von Christiane Kayser. Berlin: Rotbuch, 1986.

Nach sieben Töchtern entscheidet das Paar, dass die achte Tochter ein Sohn sein wird. Dieses Thema wird entwickelt in einem wild variierenden Gemenge äußerlich orientalisch anmutender Schmuckformen und formal moderner Dekonstruktion der erzählten Geschichte, vielstimmig, mit unterschiedlichen Enden, herausfordernd auch für geübte Leser_innen. –

Gelesen, weil der Autor schon lange auf der Liste zu lesender Autoren steht; aktueller Anlass irgendein Nachruf auf Eco, in dem dessen Verlagsgründung mit Ben Jelloun erwähnt wurde. –

Wie viel wir kulturell ignorieren, weil es nicht eingängig und vertraut aus den richtigen Ländern stammt.

Umberto Eco (1932–2016).

Natürlich, ein erfolgreiches Buch: als ich Der Name der Rose in meiner Schulzeit zum ersten Mal las, verstand ich nur einen Bruchteil – der allerdings gefiel mir außerordentlich; mit der Nachschrift zum Namen der Rose lernte ich einiges über die Machart sich als postmodern verstehender Kunst, aber auch Literatur schlechthin; das Konzept der Intertextualität erfuhr am eigenen Leibe, wer sich nach dem Namen der Rose Texte von Jorge Luis Borges besorgen musste.

Später kamen Essaysammlungen und auch theoretische Schriften hinzu, etwa in der Sammlung Apokalyptiker und Integrierte, die mir nach wie vor einen Schlüssel zum Verständnis so mancher gesellschaftlichen Phänomene darstellt, später, das Studium vorbereitend, auch seine semiotischen Klassiker, Sprachwissenschaftliches.

Mit seiner Offenheit für die Untersuchung unterschiedlichster Niveaustufen kulturellen Schaffens – egal ob E oder U – nahm Eco schon früh die Bedeutung dessen vorweg, was heute als Popkultur gilt, ohne sich dieser allerdings anzubiedern oder den Unterschied zu highbrow-Kultur zu verwischen. Comics gehörten ebenso selbstverständlich zum Rezipierten, und sie wurden ebenso klug analysiert und gedeutet wie Manzonis Die Verlobten.

Das Foucaultsche Pendel kaufte ich natürlich auch sofort; die Beschreibung der Funktionsweise der vanity press gehört zur Pflichtlektüre zum Verständnis eines Teils des Verlagswesens; und was wir dort über die Funktionsweise von Verschwörungen und die Gefährlichkeit der an sie Glaubenden und zu allem Bereiten lesen, ist nach wie vor gültig und wichtig, um klaren Kopf behalten zu können im Geschrei.

Nach dem Pendel allerdings schwand so gemächlich der Genuss beim Lesen von Ecos Romanen; einen verpasste ich ganz & gar und entdeckte ihn erst zufällig. Dass einer hier gar noch ungelesen liegt, ist allerdings auf jeweils andere aktuelle Lektüren zurückzuführen und wird bei Gelegenheit korrigiert.

In verschiedenen Texten – mehr oder weniger literarisiert – Erinnerungen an die Kindheit, aus der Sicht des Kindes miterlebte Kämpfe gegen die Faschisten (ohne das kindliche Mitlaufen zu verharmlosen), Partisanentradition.

Ein Guter ist tot.

Veränderungen.

Seit einiger Zeit habe ich mich deutlich zurückhaltend zu Projekten und Vorhaben in der Schule geäußert, was seinen Grund in einer Verlagerung des Schwerpunkts meiner Arbeit hat, die vorbereitend einigen Mehraufwand erfordert. Außerdem sollten von dieser Veränderung meine Schüler_innen, deren Unterricht ich leider nicht mehr fortführen kann, zuerst direkt erfahren, bevor sie es hier lesen könnten. Seit heute vormittag wissen sie Bescheid.

Zuletzt habe ich bis einschließlich des zu Ende gehenden Schulhalbjahres etwa gleich viele Stunden am Beruflichen Gymnasium (BG) und an der Berufsschule erteilt; mit Wirkung vom 1.2.2016 aber wird mir die »Wahrnehmung der Aufgaben der Funktionsstelle ›Leitung der Abteilung – Außenstelle Bad Malente mit Landesberufsschulen –‹ an der Beruflichen Schule des Kreises Ostholstein in Eutin« übertragen, wie es im freundlichen Verwaltungsdeutsch des offiziellen Schreibens heißt und was bedeutet, dass ich die Leitung der Abteilung, an der ich bislang schon mit etwa der Hälfte meines Stundendeputats tätig war, übernehmen werde.

Konkret werde ich künftig nur noch sechs Stunden Philosophie am BG (und kein Deutsch mehr) unterrichten, an der Berufsschule jedoch werde ich meine Stunden spezieller Betriebslehre bei den Buchhändlern sowie EDV in allen vier kaufmännischen Berufen (neben den Buchhändler_innen Immobilienkaufleute, Tourismuskaufleute (Privat- und Geschäftsreisen) sowie Kaufleute für Tourismus und Freizeit) behalten. Eventuell kommt die eine oder andere Stunde Politik (wieder) hinzu, sehr verlässlich aber viel planerische Arbeit, denn an der Landesberufsschule haben wir aus Gründen einen wöchentlich wechselnden Stundenplan. Zudem handeln wir als Außenstelle unserer Schule in Bezug auf viele ganz unterschiedliche Aspekte für schulische Verhältnisse schon immer vergleichsweise selbständig – die Leitung hat damit eine zentrale Funktion als Ansprechpartner aller am Schulleben beteiligten Akteure. Hier den unterschiedlichen (und sicher auch mal gegensätzlichen) Erwartungen gerecht zu werden, wird eine besondere Herausforderung sein.

Auf diese Leitungsaufgabe freue ich mich (sonst hätte ich mich ja nicht dafür beworben). Ich bin gespannt auf die Erfahrungen – auch im Hinblick auf die Problematik, die Thomas als wesentlich für den anstehenden Wechsel beschrieben hat, auch im Hinblick auf die Komplexität und Vielfältigkeit der Aufgabe, wie sie immer mal wieder bei Tanja deutlich wird, und so fort.

Gelesen. Kurzeck.

Peter Kurzeck: Oktober und wer wir selbst sind. Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern, 2007.

Wieder im »alten Jahrhundert«: Alltag mit Sibylle und Carina. Wege zum und vom Kinderladen. Anrufe von Jürgen aus Barjac. Pascale.

Von etwas erzählen: Quantenphysik und Kosmologie.

Schon erstaunlich, was wir uns in der Schule so für Gedanken machen: wie wir mit immer neuen Methoden, einem Wechsel vom wissens- zum kompetenzorientierten Lernbegriff [und hier bitte den Rest der pädagogischen Diskussionen und Neuerungen der letzten Jahre und Jahrzehnte ergänzen] sowie heutzutage auch immer mehr Technik unseren Schülerinnen und Schülern etwas »beibringen« könnten.

Beim 32c3 [Wiki] des CCC – wo man, wie an anderer Stelle sichtbar wird, immer alle notwendige Technik zur Verfügung hat – läuft das zum Beispiel so: jemand, der Bescheid weiß, setzt sich auf einen Tisch und erzählt eine Stunde lang über Quantenphysik und Kosmologie. Wie am Lagerfeuer: ganz ohne Material, ohne Folien, nur mit dem Maß an Veranschaulichung, das mit Mimik und Gestik eben möglich ist.

Laufen 2015.

Im Jahr 2015 gelaufen: 1858 km – meist in der Gegend, aber auch im Urlaub; 371 km dieser Strecke mit dem Mizuno Wave Inspire 10, 766 km dieser Strecke mit dem Mizuno Wave Inspire 11, 346 km mit dem Mizuno Wave Mujin (reklamiert und zurückgegeben wegen Auflösungserscheinungen vor der Zeit), 237 km mit dem Mizuno Wave Ascend 8 (letztere beide bei fragwürdigen Bodenverhältnissen auf Feld- und Waldwegen sowie bei Regen oder Schnee).

Gelesen. Kurzeck.

Peter Kurzeck: Der Nußbaum gegenüber vom Laden, in dem du dein Brot kaufst. Basel/Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern, 1979.

Einen kommerziellen Erfolg dürfte Stroemfeld/Roter Stern mit diesem Buch nicht erzielt haben: bestellt man es heute in der Buchhandlung seines Vertrauens, bekommt man die Erstausgabe von 1979 geliefert (englische Broschur, fadengeheftet). Es bereitet mir eine gewisse Freude, mir vorzustellen, was junge Absolvent_innen eines BWL-Studiums zu dieser Lagerhaltung sagen würden (und es sollte klar sein, auf wessen Seite meine Sympathien liegen). – Im Archiv der Zeit übrigens findet sich dankenswerterweise öffentlich verfügbar auch eine Rezension der damaligen Neuerscheinung.

Das erste Buch (und/oder frühe Fassungen desselben) geschätzter Autor_innen muss natürlich gelesen werden, und so manches Mal zeigt es in besonderer Weise und noch eher unverstellt positive Eigenheiten, die später im routinierteren, abgeklärten Schreiben nicht mehr sichtbar sind. Joyces Stephen Hero ist so ein Fall, Johnsons Ingrid Babendererde auch.

Im Falle Kurzecks scheint mir der Fall anders zu liegen. Ausgehend von den guten Leseeindrücken von zweieinhalb Bänden des Romanprojekts »Das alte Jahrhundert« ist der Nußbaum-Band ein fast krudes Gemisch unterschiedlicher Stile und Ebenen; eher unbeholfen aufsässig-aggressive Beschreibungen kleinbürgerlicher Existenzen in naiver Selbstgerechtigkeit und Großmannstum werden immer wieder durch Ergänzungen in Klammern und Assoziationen in Parenthesen unterbrochen, allerdings so, dass es sich weder zum stimmigen Bild fügt noch radikal genug wäre, um als nietzschesche »Umwertung aller Werte« poetisches Neuland betreten zu können.

Neben der eigentlich erzählten Geschichte (die vermutlich weitgehend die des Alkoholikers und Gefängnisinsassen Kurzeck ist) wird über weite Strecken ein Bild von Wirklichkeit gezeichnet, das unbarmherzig sein will, aber doch nur traurig wirkungslos aufbegehrt, bevor der nächste Wein mit Schnaps verstärkt wird. Ganz abgesehen davon habe ich den Eindruck, dass das destruktive Umsichschlagen in Form ätzender Kritik eigentlich nicht Kurzecks Naturell entspricht, sondern eher die gehorsame Erfüllung einer (vielleicht ihrerseits wieder nur vorgestellten) Erwartungshaltung an den gesellschaftlich engagierten Schriftsteller der späten 1970er Jahre darstellt.

Formal übrigens ähneln die Absätze häufig genug Arno Schmidts Vorstellungen von moderner Prosa, wie dieser sie wiederum 20 Jahre vorher (!) in den »Berechnungen« vorstellt (In: Rosen & Porree. S. Fischer: Frankfurt am Main, 1984. S. 283 ff.11: Dies ist ein Reprint der Erstausgabe bei Stahlberg, 1959. Die Reprints waren Fischer ebenso wie Taschenbücher vertraglich erlaubt, Neueditionen sollte es dann nur noch bei Haffmans geben, vornehmlich in der Bargfelder Ausgabe, die nach dem Dahinscheiden des Haffmans-Verlages bei Suhrkamp weitergepflegt wird und an sich Zitierreferenz ist. Steht hier aber leider nicht im Regal.) und in frühen Texten zumindest von der äußeren Struktur her übt: ein »Foto« der Erinnerung wird beim Leser evoziert durch die Benennung eines Sachverhalts zu Beginn eines Absatzes – bei Schmidt häufig durch Kursivierung und hängenden Einzug hervorgehoben –, der dann in den folgenden Sätzen assoziativ ausgearbeitet wird:

Noch grade liegen: Kaumlicht. (Also Hypolampuses Hemeras).

Der Hof: füllte sich mit Schallspuren: Tritte zogen knopfige Reihen. Am Fenster vorbei. Gäule rammten prallbündel aufs Pflaster. (Quieke hoppelten; Rufe pendelten drüber weg).

Rasch draußen umsehen: das Jammerbild des Mondes, Einer der verdrossen am Eierkopf hängt, mikrokephal, schlotterte durch Wolkenschlafröcke; genickschüssig.

[Arno Schmidt: »Kosmas oder Vom Berge des Nordens«. Rosen & Porree. 185 f.]

Viele solcher Einzelbeobachtungen bilden dann den Gesamteindruck. – Bei Kurzeck finden wir das ganz ähnlich; der erste Satz markiert jeweils die Situation, die im Folgenden ausgeführt wird:

Heimwege, »ich bin fremd hier!« Zwei Straßen weiter (wie vorbestimmt, doch ich hatte meinen Namen vergessen, wie mein Herz klopft) findest du unversehens eine rotweißgrüngestreifte italienische Eckkneipe (als ob du sie von je her gekannt hättest – nachher weiterfahren!), wo du bei offener Tür kannst sitzen in zeitlosem Frieden und guten Espresso trinken. Kaum Gäste, Zeit im Spiegel: Morgensonne zu Füßen. Der Wirt, ein Römer, berechnet langwierig seinen Gewinn pro Minute-Stunde-Jahr-Tag usw., lautlos, die Lippen gespitzt (wenn ich jetzt einen Cynar bestelle, lieber noch Grappa, dann muß er nochmal wieder ganz von vorn anfangen: sein Leben neu ordnen). Ein kleines frühreifes Tigerkätzchen streicht schattenhaft, ganz verwundert, tapsig-behend um viele verlassene Tischbeine. »Hier kennt mich keiner!«** Zwischendurch, im selbstvergessenen dösenden Spiegel sah ich wie ein besessener blauäugiger Araber aus, der sein Mekka sucht, Müdigkeitseuphorien! [Diese Randnote im Original als Fußnote.] Und Espresso trinkend stundenlang alte Platten spielen, ganz für dich: den ganzen leeren sonnigen Samstagmorgen, streck die Füße untern Tisch. »Blueberryhill«

»Zeit-zu-fahren!« Wie mit Kreide die südliche Ausfallstraße, meine damalige fixe Idee, flimmernde weiße Linie, täglich , endlos: kaum einen Steinwurf weit (Himmel wolkenlos, Zeitzufahren.) »Alle künftigen Katastrophen meilenweit weg und ganz und gar unwahrscheinlich, undenkbar!« (Die Abdrift der Kontinente)

[Kurzeck: Nußbaum. 28 f.]

Daneben sind Elemente seines späteren Schreibens wie das wiederholte motivhafte Aufnehmen von Situationen schon hier nachweisbar, wenn beispielsweise der Besuch bei den Schwiegereltern und ihre Eigenheiten variierend wiederholt beschrieben werden (186 und 294).

Bei alledem hat dieses frühe Werk die Vorfreude auf den Vorabend eher noch verstärkt. (Vorher sind aber noch ein paar andere Bücher dran.)

Buch bei Amazon angucken.

Gelesen. Schmied (mit viel Kurzeck).

Erika Schmied (Hrsg.): Peter Kurzeck. Der radikale Biograph. Frankfurt am Main: Stroemfeld, 2013.

Zu Kurzecks siebzigstem Geburtstag erarbeitetes hübsches Bilderbuch mit gut ausgewählten Texten Kurzecks zu Fotografien seiner Schauplätze und Figuren. Ergänzt wird diese Zusammenstellung durch Interviews sowie würdigende Texte.

Gerade in Ermangelung wenigstens einer rororo-Monografie (Hallo? Rowohlt? Hört mich wer?) hätte sich der Leser allerdings wenigstens eine biografische Übersicht und eine Werkbiografie gewünscht.