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Gelesen. Bakewell.

Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails. Übertragen von Rita Seuß. München: C. H. Beck, 2016.

Bakewells Montaigne-Monografie hatte ich seinerzeit in London nur halb lesen können, weil die Abreise dazwischen kam, und danach ganz aus den Augen verloren, obwohl das Gelesene gefiel; so war klar, dass ihre neue Publikation willkommene Lektürepflicht war: ein Sachbuch, aber so behaglich zu lesen wie so mancher Roman, dessen äußerliche Ausrichtung am Publikum (Titel, Untertitel) aufgrund der guten Synopsis inklusive differenzierten Darstellung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede derjenigen Philosoph_innen, die gemeinhin zum Existenzialismus gezählt werden (die Wichtigsten verzeichne ich in den tags), verziehen werden kann.

Macht Freude und ist auch Schüler_innen zu empfehlen, denen die Unterrichtseinheit zum Existenzialismus zu kurz erschien.

Gelesen. Rowling / Tiffany / Thorne.

J. K. Rowling, John Tiffany & Jack Thorne: Harry Potter and the Cursed Child. London: Little, Brown, 2016.

(Vorher Lektüre von Kind 2, das es mir freundlicherweise hinterher zum Lesen überließ.)

Schade, dass es bei der Dramenfassung geblieben ist und J. K. Rowling sich offenbar nicht aufraffen konnte, einen 700-Seiten-Roman daraus zu machen. Als Fünfakter nur gelesen wirken die Ereignisse gar zu gedrängt (wird vermutlich bei der Aufführung ganz anders erscheinen).

Gelesen. Leine.

2016-08-01_120857Kim Leine: Ewigkeitsfjord. Übertragen von Ursel Allenstein. München: btb, 2015.

Die letzten drei Einträge bilden die Begleitlektüre eines mehrtägigen Kopenhagen-Aufenthalts ab. Nach drei Dänen nun aber mit Sarah Bakewell zu den Existenzialisten abgebogen. Auf dem Weg dahin Kierkegaard nur als Statue und Grabstein wahrgenommen.

Gelesen (und lesend): Proust. VI.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 6: Die Entflohene. Übertragen von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2016.

Technische Daten des sechsten Bandes: 476 Seiten, davon 395 Text, der Rest Anhang (Anmerkungen, Inhaltsübersicht, Namensverzeichnis etc.). Wie seit dem zweiten Band stets mit zwei Lesebändchen; fadengeheftet. Wie die letzten Bände auch vorbildlich lektoriert.

Die Entflohene liest sich vergleichsweise wie eine Erzählung – allzu schmal ist der Band insgesamt, und auch Marcel fasst sich über weite Strecken vergleichsweise kurz.

Thema des ersten Kapitels »Kummer und Vergessen« ist Marcels Reaktion auf Albertines Weggang, wozu die Reflexion des Zustands, Nachforschungen über ihr Vor- und Nebenleben (wozu vor allem Albertines Erlebnisse mit Freundinnen und Zufallsbekanntschaften gehören), aber auch Versuche zählen, sie wiederzugewinnen. Diese allerdings sind – wie man sich nach den Beispielen für die Beziehungsunfähigkeit Marcels vorstellen kann – grundsätzlich dysfunktional und verlaufen stets nach dem Schema »Wenn ich ihr nur überzeugend vermittle, dass ich sie nicht brauche und mir nichts an ihr liegt, wird sie schon erkennen, dass sie zu mir zurückkehren muss.« Das gelingt natürlich nicht allzu schnell, und letztlich vereitelt ein tödlicher Reitunfall Albertines ihre Rückkehr.

In »Mademoiselle de Forcheville« begegnen wir Gilberte wieder – eine weitere verflossene Liebe, wie man sich erinnern kann – und Marcel bekommt weitere ihn beunruhigende Details über das Liebesleben Albertines berichtet.

Im »Urlaub in Venedig« erfährt Marcel von der Ehe Gilbertes mit Saint-Loup, später – in »Eine neue Seite an Robert de Saint-Loup« – ihrer Schwangerschaft, ebenso aber von dessen Homosexualität.

Verglichen mit vorigen Bänden überstürzen sich die Ereignisse geradezu, und die neuen Erkenntnisse Marcels über seine Freundinnen und Freunde werfen (erneut) ein fragwürdiges Licht auf seine Wahrnehmungsfähigkeit: so übertrieben er jede eigene Regung reflektiert, hin- & herwendet, aus allen Richtungen betrachtet, um schließlich doch zu einem anderen (oder doch noch einmal zu einem zu revidierenden, nun aber endgültigen (obwohl: da ist noch …)) Ergebnis zu kommen, so sehr entgeht ihm doch stets Entscheidendes, weil sein Fokus geradezu gezwungen immer auf Anderes gerichtet ist. Die flirrende Vielfalt der Sinneseindrücke und Empfindungen sowie die Konzentration auf gesellschaftliche Konventionen überdeckt das Wesentliche, das gleichwohl an allen Ecken & Enden hervorlugt und einfach nicht verborgen bleiben will. Marcel erscheint damit als programmatisch unzuverlässiger Erzähler: wir folgen ihm, und wie zufällig deutet er auf das, was ihm die ganze Zeit entgangen.

Band VII – der letzte! – läge schon neben dem Lesesessel, ist aber leider in der Neuübersetzung erst für Oktober 2016 angekündigt.

Zurück zu Band IBand IIBand IIIBand IVBand V – weiter zu Band VII.

Gelesen. Berg.

Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben. München: Deutscher Taschenbuch, 2015.

Aus dem Stapel zu lesender Bücher vorgezogen aufgrund der starken Rezension (mit faszinierenden Bildern und Videos aus mir fremdem Kulturgebiet) von Dorothea Studthoff, Suhrkamp.

[Update ein paar Stunden später:] Das Buch ist mitfühlend böse und bitter wahr; es zeichnet den Alltagshorror der nicht Alltäglichen. Ich befürchtete eine Freakshow – und las Liebe.

Brexit, Nexit: politische Egozentrik.

Zwei Schlagzeilen an einem Tag: Nigel Farage tritt nach Brexit-Votum als Ukip-Chef zurück und Interview mit Geert Wilders: »Ich will die Grenzen schließen«.

Beide Demagogen stehen für eine egozentrische, destruktive Politik, die die eigenen Interessen jederzeit über die anderer stellt. Das »Ich will die Grenzen schließen« ist dabei ein kleinkindhaftes, unbedingtes Wollen, das den der Demokratie inhärenten Hang zum eben nie absoluten Kompromiss zur Unmöglichkeit erklärt. Ebenso kleinkindhaft, dem Wegwerfen des langweilig gewordenen Spielzeugs entsprechend, das Hinschmeißen der Ämter – wie vorher bei Boris Johnson, so jetzt bei Farage. Beide haben – egal, wie es jetzt im UK weitergeht – die Feder überdreht, das Spielzeug zerstört, es liegt nun am Boden; die Jungs, moralisch auf dem Stand des Kleinkindes, verdrücken sich aus Angst vor Strafe, in der Erkenntnis, dass sie zwar Lebendiges begeistert zertrampeln, nicht aber Zertrampeltes wiederbeleben können.

Populistische rechte Positionen beruhen nicht auf rationalen Entscheidungen in der Sache. Boris Johnson wollte Premier werden, dafür musste er sich gegen seine eigentliche Überzeugung (er war Londons Bürgermeister!) für den Brexit (und damit gegen die vermeintliche Überfremdung der britischen Gesellschaft) aussprechen. Hinter diesem Standpunkt stand aber das »Ich! Ich! Ich!«, das dem Clubkumpel Cameron sein Amt neidete, so wie der eine Junge dem anderen die Bonbons nicht gönnt.

All das ist so klein, so dürftig; es wird eklig, wenn es politisch wirken will und dann die nächstbeste, im Grunde völlig zufällige Minderheit sucht, gegen die zu hetzen ist, und es wird fatal, wenn diesen Leuten Macht verliehen wird. Sie können nur niederreißen, was andere geschaffen haben, lassen sich von ihren Anhängern kurz feiern, um sich dann aus jeder Verantwortung zu verabschieden oder zum nächsten Umsturz zu blasen.

So wandelt sich auch die AfD von der als Anti-Euro-Partei (es geht um die Zerstörung einer vielen Staaten gemeinsamen Währung in sentimentaler Verklärung einer vor 15 Jahren im Euro aufgegangenen Währung) zur aggressiv-reaktionären, allgemein fremden- und speziell islamfeindlichen Partei. Dass dabei der Parteigründer politisch zerstört wird (wie es der derzeitigen Vorsitzenden über kurz oder lang auch droht), muss in Kauf genommen werden, denn es sind andere da, deren Denken allein um das »Ich! Ich! Ich!« kreist. Die neue Parteiführung braucht ein Vehikel, in dem dumm geredete Wähler sie zur Macht schieben – wären gegen neue Autobahnen so leicht Ressentiments zu schüren wie gegen das Fremde, sprächen sich die AfD-Granden gegen Schnellstraßen aus und würden das Wegreißen der Autobahnbrücken fordern –; was auf die Wahl folgte, wäre die Zerstörung eines politischen Systems, das – ebenso wie die EU und ihre Vorgängerorganisationen – jahrzehntelangen Frieden garantierte. Auch diese Destruktion hätte für die Täter wieder ihren Zweck in sich.

[Update paar Stunden später:] Erst jetzt gesehen: Jürgen Kaubes Am Tiefpunkt – Über planloses Dagegensein.

Arbeiten mit Quellen.

Zu Nina Tollers Artikel Quellen angeben? Das machen wir doch sonst auch nie! schrieb ich in etwa:

Nicht unterschlagen sollte man allerdings ehrlicherweise auch, dass Schüler_innen nach Vorbildern lernen: kaum eine Lehrkraft nennt ihre Quellen für das selbstgefertigte (oder irgendwo heruntergeladene) Arbeitsblatt, für den Textauszug, für die Bilder; von Vollständigkeit ganz zu schweigen. Es geht dabei gar nicht zuerst um Medienkompetenz (gemeint hier: Google bedienen können), sondern zunächst um Transparenz, Nachprüfbarkeit und (im Falle gymnasialer Bildung) wissenschaftspropädeutisches Arbeiten.

Zumindest die Textquellen belege ich, seit ich meine Arbeitsblätter mit TeX setze – weil’s mit BibDesk, dem Literaturverwaltungsprogramm, schön einfach und standardkonform geht und inzwischen eine leicht nutzbare Datenbank entstanden ist, aus der häufiger gebrauchte Quellen leicht zu zitieren sind. (Ähnlich auch in Word zu finden.) Bezüglich der Bilder ist es in vielen Fällen gar nicht so einfach, die Urheber zu finden, denn im Netz kursierende Bilder sind häufig nicht oder nicht korrekt mit entsprechenden Angaben versehen. Das ist natürlich auch nur (m)eine Ausrede (Besserung gelobend).

MacTeX 2016 / TeXLive 2016.

MacTeX 2016 – die um Mac-spezifische Programme ergänzte, ansonsten aber unmodifizierte Distribution von TeXLive – steht in einer neuen Version zum Herunterladen zur Verfügung. [Via] Weitere Informationen sind auf der Informationsseite zu MacTeX 2016 und der Seite zu den neuen Features, insbesondere zum TeX Live Utility, tlmgr und dem nun obsoleten TeX Dist Pref Pane nachzulesen.

Wie gewohnt funktioniert hinterher wieder alles tadellos – am längsten hat (hier in der Provinz) das Herunterladen gedauert.

Insgesamt bewundere ich wieder, wie problemlos diese Updates über die Bühne gehen, bedenkt man die Größe (5,4 GB) und Komplexität des ganzen Systems. Es gilt nach wie vor, was ich früher einmal schrieb. – Was die TeX-Leute zum großen Teil ehrenamtlich arbeitend hinbekommen, schafft so manche kommerziell arbeitende Firma nicht. Stattdessen gibt’s dann einen ggf. zu erhöhenden Marketing-Etat, der Qualität immerhin behauptet.