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Gelesen. Schlingensief.

Christoph Schlingensief: So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein! – Tagebuch einer Krebserkrankung. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2009.

Schlingensief liest Beuys:

Und jetzt kommen die Sätze, die mich [Schlingensief] so beeindruckt haben: »Immer positiv reden, nicht urteilen. Manchmal muss man natürlich auch ein paar harte Worte sagen, aber nach Möglichkeit soll man sich davor hüten.«

Wenn man das alleine schon mal ernsthaft angehen würde, wenn man diese Urteils- und Bewertungsmaschine abschalten könnte, wäre doch schon viel gewonnen. (Ebd., 136 f.)

Hat natürlich mit Schule nichts zu tun.

Windows 10 und Nvidia GeForce 7300 SE / 7200 GS.

(Nein, versprochen: Windows-Inhalte gibt’s hier auch künftig nur allerseltenst, wenn ich mir mal etwas merken muss, weil Schulen aus mir völlig unerfindlichen Gründen immer noch mit diesem crap arbeiten, weil’s ja vermeintlich billiger ist. Mein ausführlich geübtes inneres Zetern hier bitte selbsttätig imaginieren und einfügen. Danke.)

Windows 10 läuft in der virtualisierten Umgebung in Parallels Desktop auf meinem Mac völlig problemlos (alle Bitte-beobachte-mich-Optionen auf nein stellen hilft), und so habe ich es auch auf meinem Arbeits-PC auf dem schulischen Schreibtisch installiert.

Soweit läuft alles (bis auf dass Installationsschlüssel von Microsoft-Programmen neu eingegeben werden müssen – aber wer bei Microsoft kann schon ahnen, dass auf PCs ordnungsgemäß lizensierte Office-Programme zu finden sind?) – nur der Grafikkartentreiber wird durch einen generischen Treiber von Microsoft ersetzt, der keinerlei aktuelle Auflösungen bereithält und daher für das Arbeiten unbrauchbar ist (aber wer bei Microsoft kann schon ahnen, dass wir keine Röhrenmonitore mehr nutzen?).

Die im System vorgesehenen Methoden des Treiberupdates helfen nicht, Nvidias Onlinetool findet keine zu aktualisierenden Treiber (verrät mir aber immerhin, dass mein Rechner eine GeForce 7300 SE oder 7200 GS verbaut hat), und für die Grafikkarte werden absatzorientierter Geschäftspolitik wegen ihres Alters wegen offenbar auch keine Windows-10-Treiber programmiert.

Nach Herumlesen in diversen Foren auf der Schattenseite des Internets habe ich die Lösung hier gefunden: es hilft die Neuinstallation des alten Treibers, der auf dieser Informationsseite zu finden ist, und seinen Dienst klaglos auch unter Windows 10 tut.

Und nun wieder zu den angenehmen Dingen des Lebens.

Neue Essay-Themen: Immanuel Kant, John Gray, Marc Aurel, Laurie Penny, Guoan Shiyuan, Albert Einstein, Roger Willemsen.

Damit ich in den Osterferien etwas zu lesen (und leider auch zu benoten) habe, bekamen meine Philosophiekurse im 12. Jahrgang wieder die obligatorische Essayaufgabe, für die sie gut drei Wochen Bearbeitungszeit hatten. Gestern habe ich die Texte der Schüler_innen eingesammelt, nun darf ich die Lektüre beginnen.

Hier sind die Themen dieses Halbjahres zum Nachlesen.

Gelesen. Kurzeck.

Peter Kurzeck: Vorabend. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 2014.

Motto des Titels: »Die ganze Gegend erzählen, die Zeit!«

Weil Peter Kurzeck über dem Schreiben des folgenden Bandes verstarb, ist dies mit über 1000 Seiten das umfangreichste Buch der Reihe »Das alte Jahrhundert« geblieben; aufgrund seiner Länge habe ich auch seit den Weihnachtsferien daran (und an einigen hier ja auch dokumentierten kurzen Unterbrechungslektüren sowie an Fach- und Sachliteratur und Zeitungen) gelesen: es braucht so seine Zeit, Kurzeck auf seinem Weg zu folgen.

Dabei ist der Inhalt wieder recht kurz anzudeuten: weil Jürgen und Pascale nach Frankreich gehen wollen, um dort ein Restaurant zu eröffnen, besuchen Sybille und Peter mit Carina die beiden. Anlässlich dieses Abschiedstreffens erzählt Peter Bewahrenswertes.

Hierzu zählt für ihn die Geschichte der hessischen Kleinstadt Lollar, anhand derer er exemplarisch den Weg aus dem Nachkriegsdeutschland über ländlich-dörflich geprägtes Leben, Flüchtlingszuzug, Aufbau bescheidenen Wohlstands etc. in das in den achtziger Jahren vollentwickelte Städtchen zeigt. Zentrale Figur dabei ist der Schwager, der zeitlebens als »Buderussklave« im ortsansässigen Eisenwerk malocht, wobei seine Fähigkeiten weit über die bezahlte Tätigkeit hinausgehen. In der Schilderung seines Verhaltens – gerade auch im Gegensatz zu dem der seine Gutmütigkeit ausnutzenden Antagonisten – entdeckt uns Kurzeck das Bild eines bescheidenen, einfachen Mannes in seiner diesem selbst nicht bewussten Würde. Dabei ist das Bild des Schwagers keineswegs eindimensional: seine Teilhabe an der Verantwortung für das von Peter kritisch beobachtete Geschehen wird nicht ausgespart.

Dieses besteht in der Urbanisierung der Ländlichkeit, der Zerstörung der Natur im Interesse einer immer stärker durch die Nutzung des Autos geprägten zersiedelten, ungenießbaren Welt. In etlichen kleinen Beobachtungen wird der Verlust offenbar, mit dem die fröhlich alle neuen Möglichkeiten des Konsums ausnutzenden Bürger ihre schöne neue Welt bezahlen. Als Hauptinteressen werden dabei das Kaufen als billig angepriesener Waren als Selbstzweck, die Verortung in beruflichen Hierarchien sowie die Darstellung des Erreichten über Statussymbole jedweder Art offenbar; der Strukturwandel des Städtchens und der umliegenden Orte, insbesondere der anziehenden Gewerbegebiete mit bislang unerreicht großen Einkaufs- und Baumärkten markiert.

Das Ganze ist aber keineswegs konsumkritische Kampfschrift, sondern wir über weite Strecken in fast neutral anmutenden Gestus dargestellt; in der Fülle, der Häufung, der Massivität der Veränderungen allerdings gerät das Erzählte zu einer mahnenden Litanei des Verlorenen, und die Freundlichkeit des Chronisten kann seine beharrliche Wirtschaftswunderskepsis nicht verbergen.

Was hier schlicht klingt, ist bei aller Einfachheit des Erzählten komplex angelegt; dass alles mit allem zusammenhängt, zeigt sich zum Beispiel in der Schilderung, was die Umgestaltung der Welt für Schulkinder bedeutet:

Lollar oder Mainzlar oder ein Straßendorf in der Wetterau. Dorfstraße mit Überweg und Fußgängerampeln. Und die Schulkinder können nach der Schule nichtmal mehr zusammen heimgehen. Auch wenn sie den gleichen Weg haben. Muß jedes Kind von der anderen Straßenseite gleich vor dem Schulhof über die Straße. Gleich bei der Ampel. Gehen dann in die gleiche Richtung, aber jedes Kind schon auf seiner Seite. Und können sich über die Straße noch manchmal was zurufen. Hin und her. Wörter. Mit Kinderstimmen. Das ist scheints erlaubt. Zumindest nicht direkt verboten. Aber immer erst noch ein paar haushohe Lastwagen vorbeilassen. Die Lastwagen und den Fahrtwind.

Und dann muß jedes Kind dreimal rufen, bevor ein anderes Kind (das Gegenkind) mit Glück vielleicht noch die Hälfte versteht. Und meistens die falsche Hälfte. Heimwege. Heim zum Fernsehen. Verkehrserziehung. Zwecks Fortschritt die Dorfschulen abschaffen. Wenigstens nach der Grundschule. Gesamtschulen. Mittelpunktschulen. Modern. Zeitgemäß. Sehen aus wie Firmenzentralen, Fabriken, Verwaltungszentren. Wie ein Einkaufszentrum in einem Gewerbegebiet. Bloß ohne Firmenlogo und weniger Parkplätze. Manchmal auch wie eine Klinik oder sonstige Anstalten öffentlichen Rechts. Regelvollzug. Die Kinder mit Schulbussen morgens und nachmittags. Pendler. Noch klein und schon Pendler. Bunte Ranzen und bunte Mützen und Jacken und kleine graue Gesichter. Immer in Eile und nie bei sich selbst. Damit sie das dann schon können, wenn sie ins Erwerbsleben müssen. Und weil den Erwachsenen ja auch nix geschenkt wird. Gesamtmittelpunktzentrum. Schulen für mehrere tausend Schüler. Fünf oder zehn oder noch mehr solche Schulen in jeder Kreisstadt und in jedem Landkreis. Neu gebaut. In der zweiten Hälfte der Sechziger Jahre. Mit Asbest. Mit Asbest? Mit Behördengenehmigung mit Behördenasbest. Christ- und sozialdemokratisch. Je nach Bundesland und Legislaturperiode. Obwohl man damals schon seit mindestens dreißig oder vierzig Jahren weiß, obwohl schon die Nazis wußten, daß Asbest Krebs erregt. Aber ist so praktisch. Und kann man schnell bauen und gut Geschäfte damit. Acht oder zehn oder zwölf Jahre geht ein Kind von Amts wegen in so eine Schule. Und trotzdem, sagte ich, kommt deshalb niemand vor Gericht. Sie sind Architekten, Baudezernenten, Oberbürgermeister, Abgeordnete, Landräte und Minister. Sitzen in Aufsichtsräten und werden Ehrenbürger mit Bundesverdienstkreuz. Und keiner stellt ihnen Fragen. Keiner fragt sie, wie so etwas sein kann, obwohl es nicht sein darf. Und wenn man sie fragt, sie antworten nicht. Höchstens lassen sie antworten. Also fragt man erst gar nicht, sagte ich. (Ebd., 508 f.)

Eine solche Schule mit »Behördengenehmigung mit Behördenasbest« war auch meine Grundschule, wenn auch wieder in ganz anderem Stadtplanungskontext. Sie wurde dann noch vor meinem Abitur abgerissen.

Lest Kurzeck.

(Gibt’s wohlfeil als Fischer Taschenbuch oder gediegen beim verdienstvollen Verlag Stroemfeld/Roter Stern. Von einem Tag auf den anderen in der nächstgelegenen Buchhandlung.)

Gelesen. Ben Jelloun.

Tahar Ben Jelloun: Sohn ihres Vaters. Übertragen von Christiane Kayser. Berlin: Rotbuch, 1986.

Nach sieben Töchtern entscheidet das Paar, dass die achte Tochter ein Sohn sein wird. Dieses Thema wird entwickelt in einem wild variierenden Gemenge äußerlich orientalisch anmutender Schmuckformen und formal moderner Dekonstruktion der erzählten Geschichte, vielstimmig, mit unterschiedlichen Enden, herausfordernd auch für geübte Leser_innen. –

Gelesen, weil der Autor schon lange auf der Liste zu lesender Autoren steht; aktueller Anlass irgendein Nachruf auf Eco, in dem dessen Verlagsgründung mit Ben Jelloun erwähnt wurde. –

Wie viel wir kulturell ignorieren, weil es nicht eingängig und vertraut aus den richtigen Ländern stammt.

Umberto Eco (1932–2016).

Natürlich, ein erfolgreiches Buch: als ich Der Name der Rose in meiner Schulzeit zum ersten Mal las, verstand ich nur einen Bruchteil – der allerdings gefiel mir außerordentlich; mit der Nachschrift zum Namen der Rose lernte ich einiges über die Machart sich als postmodern verstehender Kunst, aber auch Literatur schlechthin; das Konzept der Intertextualität erfuhr am eigenen Leibe, wer sich nach dem Namen der Rose Texte von Jorge Luis Borges besorgen musste.

Später kamen Essaysammlungen und auch theoretische Schriften hinzu, etwa in der Sammlung Apokalyptiker und Integrierte, die mir nach wie vor einen Schlüssel zum Verständnis so mancher gesellschaftlichen Phänomene darstellt, später, das Studium vorbereitend, auch seine semiotischen Klassiker, Sprachwissenschaftliches.

Mit seiner Offenheit für die Untersuchung unterschiedlichster Niveaustufen kulturellen Schaffens – egal ob E oder U – nahm Eco schon früh die Bedeutung dessen vorweg, was heute als Popkultur gilt, ohne sich dieser allerdings anzubiedern oder den Unterschied zu highbrow-Kultur zu verwischen. Comics gehörten ebenso selbstverständlich zum Rezipierten, und sie wurden ebenso klug analysiert und gedeutet wie Manzonis Die Verlobten.

Das Foucaultsche Pendel kaufte ich natürlich auch sofort; die Beschreibung der Funktionsweise der vanity press gehört zur Pflichtlektüre zum Verständnis eines Teils des Verlagswesens; und was wir dort über die Funktionsweise von Verschwörungen und die Gefährlichkeit der an sie Glaubenden und zu allem Bereiten lesen, ist nach wie vor gültig und wichtig, um klaren Kopf behalten zu können im Geschrei.

Nach dem Pendel allerdings schwand so gemächlich der Genuss beim Lesen von Ecos Romanen; einen verpasste ich ganz & gar und entdeckte ihn erst zufällig. Dass einer hier gar noch ungelesen liegt, ist allerdings auf jeweils andere aktuelle Lektüren zurückzuführen und wird bei Gelegenheit korrigiert.

In verschiedenen Texten – mehr oder weniger literarisiert – Erinnerungen an die Kindheit, aus der Sicht des Kindes miterlebte Kämpfe gegen die Faschisten (ohne das kindliche Mitlaufen zu verharmlosen), Partisanentradition.

Ein Guter ist tot.

Veränderungen.

Seit einiger Zeit habe ich mich deutlich zurückhaltend zu Projekten und Vorhaben in der Schule geäußert, was seinen Grund in einer Verlagerung des Schwerpunkts meiner Arbeit hat, die vorbereitend einigen Mehraufwand erfordert. Außerdem sollten von dieser Veränderung meine Schüler_innen, deren Unterricht ich leider nicht mehr fortführen kann, zuerst direkt erfahren, bevor sie es hier lesen könnten. Seit heute vormittag wissen sie Bescheid.

Zuletzt habe ich bis einschließlich des zu Ende gehenden Schulhalbjahres etwa gleich viele Stunden am Beruflichen Gymnasium (BG) und an der Berufsschule erteilt; mit Wirkung vom 1.2.2016 aber wird mir die »Wahrnehmung der Aufgaben der Funktionsstelle ›Leitung der Abteilung – Außenstelle Bad Malente mit Landesberufsschulen –‹ an der Beruflichen Schule des Kreises Ostholstein in Eutin« übertragen, wie es im freundlichen Verwaltungsdeutsch des offiziellen Schreibens heißt und was bedeutet, dass ich die Leitung der Abteilung, an der ich bislang schon mit etwa der Hälfte meines Stundendeputats tätig war, übernehmen werde.

Konkret werde ich künftig nur noch sechs Stunden Philosophie am BG (und kein Deutsch mehr) unterrichten, an der Berufsschule jedoch werde ich meine Stunden spezieller Betriebslehre bei den Buchhändlern sowie EDV in allen vier kaufmännischen Berufen (neben den Buchhändler_innen Immobilienkaufleute, Tourismuskaufleute (Privat- und Geschäftsreisen) sowie Kaufleute für Tourismus und Freizeit) behalten. Eventuell kommt die eine oder andere Stunde Politik (wieder) hinzu, sehr verlässlich aber viel planerische Arbeit, denn an der Landesberufsschule haben wir aus Gründen einen wöchentlich wechselnden Stundenplan. Zudem handeln wir als Außenstelle unserer Schule in Bezug auf viele ganz unterschiedliche Aspekte für schulische Verhältnisse schon immer vergleichsweise selbständig – die Leitung hat damit eine zentrale Funktion als Ansprechpartner aller am Schulleben beteiligten Akteure. Hier den unterschiedlichen (und sicher auch mal gegensätzlichen) Erwartungen gerecht zu werden, wird eine besondere Herausforderung sein.

Auf diese Leitungsaufgabe freue ich mich (sonst hätte ich mich ja nicht dafür beworben). Ich bin gespannt auf die Erfahrungen – auch im Hinblick auf die Problematik, die Thomas als wesentlich für den anstehenden Wechsel beschrieben hat, auch im Hinblick auf die Komplexität und Vielfältigkeit der Aufgabe, wie sie immer mal wieder bei Tanja deutlich wird, und so fort.

Gelesen. Kurzeck.

Peter Kurzeck: Oktober und wer wir selbst sind. Frankfurt am Main: Stroemfeld/Roter Stern, 2007.

Wieder im »alten Jahrhundert«: Alltag mit Sibylle und Carina. Wege zum und vom Kinderladen. Anrufe von Jürgen aus Barjac. Pascale.