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Klausuren und Sibylle Berg.

So, letzte Klausuren dieser Ferien unterrichtsfreien Zeit korrigiert, Zensuren druntergeschrieben und gut is'. Nun noch rasch eine Das-sind-die-Fehler-und-so-könnte-man's-besser-machen-Präsentation basteln und die Dienstagsstunde ist fertig.

Die Klausur behandelte übrigens einen Kurztext von Sibylle Berg. Wenn man an Twitteraccounts etwas gut finden will, dann vielleicht den der Autorin. (Ich hab' ihn allerdings ganz old-school-mäßig per RSS abonniert. Erspart einem, zum »Follower« zu werden.) Dann wird auch gleich klar, dass viele der moralinsauren Lehren aus der Geschichte, die die S extra für den Deutschlehrer konstruierten und »rausinterpretierten«, vermutlich nicht ganz den Kern treffen.

Merksatz für die nächste Deutscharbeit also: Autoren sind immer mindestens drei Größenordnungen cooler als der Deutschlehrer, der ihre Geschichten mitbringt.

Echt sein im Netz.

Ehemalige und gegenwärtige Schüler von mir machen sich Gedanken darüber, ob sie unter ihrem echten Namen in sozialen Netzwerken auftreten wollen oder ob sie nicht lieber ein Pseudonym wählen. (Ich unterstütze sie in der Problematisierung von Netzidentitäten schon im EDV-Unterricht in der Schule.)

Mich berührt es dann aber auf seltsame Weise, wenn die S sich entscheiden, lieber ihren Namen aufzugeben als sich zu beschränken, die ganz peinlichen Details des Lebens vielleicht lieber nicht zu veröffentlichen. (Wäre ich gestern spätabends volltrunken aus der Kneipe nach Hause gewankt, wüsste ich nicht, warum die Publikation dieser und ähnlich gelagerter Sachverhalte wichtiger sein sollte als meine sich im Namen manifestierende Identität.)

Dies hat einmal mit der TZI zu tun, die den Begriff der »selektiven Authentizität« kennt: nicht alles zu sagen, was man denkt (vielleicht ist das eine oder andere wirklich nur für Unterhaltungen unter vier Augen geeignet), aber zu dem, was man sagt, auch stehen zu können.

Es geht aber auch auf meine Netzsozialisation zurück, die im MausNet und deutschsprachigen UseNet stattfand, in denen die Nutzung des Realnamens obligatorisch war. Dies evozierte eine meist zumindest insofern angenehme, weil verlässliche Umgebung, weil jeder Nutzer wusste, dass das Gegenüber eine reale Person und nicht nur eine angenommene Netzidentität mit Wegwerfcharakter ist.

Ich schätze es zu wissen, dass ich wirklich das Blog von Lisa Rosa oder Volker Weber oder Jörg Kantel oder wem auch immer lese – und nicht das von rächer666.

(Es ist – das sei denjenigen versichert, die es probieren – übrigens auch gar nicht so einfach, konsequent anonym an Geschehnissen im Netz teilzunehmen. Soziale Netzwerke, deren Wesen ja nun gerade in der Selbstvergewisserung des Netz-Ichs besteht, erschweren dieses Vorhaben zusätzlich. Gelegentliches Entleeren der Kumpel- oder Freundeslisten mag da hilfreich sein. Dann kann man sich – ganz von Ballaststoffen gereinigt – auch wieder ganz neu erfinden!)

Ich weiß, diese Diskussion um Realnamen ist alt. Ich bin's ja inzwischen auch.

Atomausstieg war gestern. Heute ist Schwarz-Gelb.

Warnung vor RadioaktivitätWer von den geehrten Netzbürgern in den letzten Monaten ach so kritisch mit der SPD war (oder sie gar immer noch weiter runterschreibt, statt sich lohnendere Ziele zu suchen) und sie natürlich auch nicht gewählt hat, weil andere Parteien vermeintlich hipper waren, darf nun die erste Folge zur Kenntnis nehmen: Schwarz-gelb sagt Atomausstieg ab.

Laufen: 500.

Mit einem Lauf zwischen Dieksee und Kellersee wurden nun die 500 Kilometer komplettiert.

Draußen war es angenehm kühl, das Laufen fiel (bis auf die letzten beiden Kilometer) leicht; besonders das Stück zwischen Dodauer Forst und Rachut – eine herbstlich beschienene Allee zwischen abgeernteten und schon geeggten Feldern – ist wunderschön und wie die meisten Wege abseits der Straßen menschenleer.

Flash lahmlegen.

»Ressourcenhungrig« ist noch gar kein Ausdruck für Adobes Flash-Player auf dem Mac. Wer das Hochfahren des MacBook-Lüfters beim Lesen von mit Flash-Werbebannern zugepflasterten Seiten (z. B. Spiegel Online) verhindern möchte, nutzt ClickToFlash (und wundert sich, wie unbunt viele Seiten plötzlich sind).

Elternabend.

Heute war Elternabend. In einem Beruflichen Gymnasium (BG) ist das immer ein wenig seltsam, denn die Eltern wissen nicht so recht, ob sie sich noch interessieren dürfen für die Gesichter der Lehrer ihrer fast erwachsenen Kinder, die in den meisten Fällen eben schon 16, 17 Jahre alt sind.

Dieses Jahr bin ich kein Klassenlehrer am BG, und so müssen wir Fachkollegen uns nur kurz den Eltern der Klasse vorstellen; dazu haben wir uns in einer Schulkonferenz verpflichtet. Die Kollegen finden es trotzdem lästig, abends noch einmal zur Schule zu fahren oder nach einem langen Nachmittagsunterricht einfach dort zu bleiben. Ich auch. Aber wenn ich schon mal da bin, freue ich mich auch, den Eltern andeuten zu können, was ich mit ihren Kindern vorhabe.

Was ich den mir zur Verfügung stehenden drei Minuten erzähle, ist nur ein kurzer inhaltlicher Abriss des Halbjahresplans – andere Kollegen warten und möchten sich auch vorstellen.

Es freut mich, dass hinter dem kleinen, sachlichen Überblick für die Eltern die lebendige Unterrichtsrealität mit den Kindern steht: die S kommen sehr offen, vertrauensvoll zu uns. Viele arbeiten gern mit. Viele geben sich Mühe, weil sie etwas erreichen wollen, andere, weil der Unterrichtsgegenstand sie interessiert. Bei vielen S wird ein Gedanke, ein Bild, ein Problem aus meinem Unterricht in Erinnerung bleiben. Nicht bei jedem viel, aber immerhin ein wenig. Es wird sie weiter bringen auf ihrem Weg.

Wir heißen Realschülerinnen und Realschüler willkommen, wir wecken sie, wir zeigen ihnen, was sie alles können müssen; sie müssen Rückschläge hinnehmen und haben Erfolge - letztlich wird ein großer Teil von ihnen das Abitur machen und stolz auf sich sein. Einige werden unterwegs andere Wege einschlagen. Vorher werden sie in einer Vielfalt Wissen und Methoden präsentiert bekommen und sich (manchmal nur kurzzeitig) aneignen wie in ihrem Leben nie wieder.

Viele Kolleginnen und Kollegen sind sehr bemüht um unsere S, engagieren sich für guten Unterricht. Wir arbeiten gut zusammen, tauschen uns über Erfolge und Misserfolge der S aus. Wir stützen sie, wenn sie nicht mehr können. Wir helfen ihnen weiter.

So erlebe ich Schule nicht immer – aber sehr, sehr häufig. So häufig, dass ich es den Eltern eigentlich verraten müsste. Aber ich behalte das Geheimnis für mich und sage in den drei Minuten, die mir zur Verfügung stehen, nur das Halbjahresthema an und benenne einzelne Schwerpunkte im Unterrichtsgang.

Man muss auch dicht halten können.

Zur Bundestagswahl.

»Jedes Land bekommt die Regierung, die es verdient. Der Wahlsonntag hat gezeigt, dass Deutschland kein besonders denkfreudiges Land ist – die Ideologie, die für den Abriss des Sozialstaates und die Weltwirtschaftskrise verantwortlich ist, wurde mit satter Mehrheit gewählt, um das Land in stürmischer See sicher in den wohlig warmen Hafen der sozialen Sicherheit zu navigieren.« [Der Spiegelfechter]

Opposition ist gut.

(Es ist für mich unerklärlich, wieso Wahlberechtigte an einer Wahl, bei der es zum Beispiel um den Erhalt des Atomkonsenses und damit den Ausstieg aus der oder die Fortsetzung der Atomkraft geht, nicht teilnehmen. Und an den Stimmen für nicht aussichtsreiche Direktkandidaten erkennt man, dass viele Wähler das Wahlsystem nicht verstanden haben. Und das Ergebnis ist unsäglich. Und die Deutschen haben die Propagandisten der Bankenpleiten zur Regierung gewählt. Und Herr Westerwelle spricht ausdauernd vom »Volk«. Und Frau Merkel hat noch einmal Glück gehabt. Aber.)

Für die SPD ist dies ein wichtiger Zeitpunkt, an dem überlegt werden muss, wie es weitergeht. Künftig möchte ich auf jeden Fall nicht mehr für politisches Spitzenpersonal auf der Straße stehen, das sich aufgrund fortwährend tapsig-unkluger Politik ins Aus manövriert: wie kann man als Politikprofi (!) zur Wahl antreten und gleichzeitig betonen, dass man eigentlich gar nicht Kanzler werden kann (weil man mit der Linke nicht können will)? Und wie kann man sich nach der bitter verlorenen Wahl hinstellen und sagen, dass man, wenn schon nicht Kanzler, dann doch wenigstens Fraktionsvorsitzender werden will?

Im Fünf-Punkte-Plan für eine neue SPD skizziert Franz Walter einige Gründe für die Probleme der SPD. Zu diesen gehört: »Die Anführer der SPD haben grundsätzlich ihren fatalen, ja entwertenden Umgang mit den eigenen Mitgliedern, Multiplikatoren, Anhängern zu überdenken. [...] Entscheidungen werden oben in putschistischer Manier getroffen oder in feudaler Machart dekretiert.« Dies muss jetzt anders werden, wenn die Partei überleben soll. Der Parteivorstand hat seine Chance gehabt, die Politik der SPD zu bestimmen – er ist gescheitert. Nun muss überlegt werden, wo wir die Mitglieder des Vorstands noch sehen wollen.

Das Ergebnis dieser Überlegungen kann zum Beispiel durchaus sein, dass Steinmeier Fraktionsvorsitzender wird (eine Aufgabe, für die ein Mann mit seinen Fähigkeiten und Kenntnissen optimal geeignet ist) – aber ich möchte sehen, dass er sich im Bewusstsein seines Ergebnisses in angemessener Demut um das Amt bewirbt – und nicht, dass er einen Anspruch darauf erhebt. Zum Parteichef ist er nach dieser Niederlage nicht geeignet – da sollen andere den Ton der Partei aufnehmen, dem er zu folgen hat.

Für die Basis ist die Opposition eine Zeit, in der sie deutlich die Richtung der Partei diskutieren und verändern wollen muss. Basta war gestern – nun sind wir dran.

(Siehe zu diesem Thema auch Nico Lummas Blick nach vorn im Zorn und Cem Basmans Nach der Wahl: SPD 2.0.)