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Gelesen. Köhlmeier.

Michael Köhlmeier: Die Musterschüler. München: dtv, 2009.

Ein Schüler eines von Mönchen geleiteten Internats wird von seinen Klassenkameraden »gezüchtigt«. Wie es dazu kam, welche Motive, Befindlichkeiten und Interessen dahinterstecken und letztlich auch welche Personen in welchem Maße Verantwortung und Schuld tragen am Geschehenen, das wird Jahrzehnte später zu bestimmen versucht: einer der Mittäter, der durch Befragungen anderer Mittäter und Zeugen die Tat aufzudecken sucht, erzählt im Dialog mit einem Unbeteiligten von seinen Ermittlungen und ihren Ergebnissen.

Die enervierend genaue und langsamen Vorgehensweise des fiktionalen Gesprächs braucht den geübten Leser, dessen Interesse an der Schilderung gruppenpsychologischer Prozesse größer sein sollte als das an schriller Action; wer sich aber auf das Tempo Köhlmeiers einlässt, begreift, welche Verhältnisse, welches geistige Klima fast zwangsläufig zu alltäglicher und als selbstverständlich und unausweichlich empfundener Gewalt führen muss.

In den derzeit geführten Debatten um die Missbrauchsvorfälle an kirchlichen und nichtkirchlichen Schulen wird viel Wichtiges und Kluges geschrieben – dieses Buch ist eine wertvolle Ergänzung.

Buch bei Amazon angucken.

Grober Unfug.

Der Besuch im Comicladen Grober Unfug (Blog) endete aufgrund von information overload meinerseits in akuter Kaufunfähigkeit – aber immerhin haben Kind2 QRN ruft Bretzelburg und Kind1 Mattéo entdeckt und bezahlen lassen – und Mattéo (Erster Teil: 1914–1915) ist nun wirklich ein lesenswerter Comic: eine gute Geschichte um die freiwillig-unfreiwillige Meldung des Titelhelden für die Teilnahme am ersten Weltkrieg und die daraus erwachsenden Erkenntnisse, glaubhaft gestaltete Figuren, das ganze in aquarellierten Bildern ... ein feines Album.

Und der Besuch in der Comichandlung sei hier natürlich auch noch einmal ausdrücklich jedem comicaffinen Berlinreisenden anempfohlen.

»Sind Leer-Kassetten der Tod der Schallplatte?«

Ein Blick in die Vergangenheit lehrt: die Kreativitätsverwertungsindustrie ist schon viele Tode gestorben (und kein Scheinargument ist so alt, dass es nicht nochmals und nochmals genutzt werden könnte). [Via buecherlei.net, das sich glücklicherweise immer wieder des Autors bemächtigt und ihn zum Schreiben zwingt]

Gelesen. Miéville.

China Miéville: Der Weber. Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 2002.

(Dies ist der zweite Teil des Buches Perdido Street Station, das im Deutschen in zwei Bänden – Die Falter und Der Weber – erschienen ist.)

Eine enthusiastische Reaktion findet sich bei Molo. – Ich war nicht ganz so begeistert. Was mir gar nicht gefiel, war die Story an sich, die simpel und weitgehend vorhersehbar ist. Allerdings sprachen mich die Darstellung von Gesellschaft und Welt – der Hintergrund der Story – sowie die Gestaltung einzelner Figuren (und steampunkiger Konglomerate) durchaus an.

Laufen: 800.

Das Thermometer zeigte 14°C, zudem war ich gerade mit einem Leihfahrrad vom Mechaniker zurückgekehrt, der mir zugesagt hatte, bis morgen die Ursache für das Klacken des Tretlagers herauszufinden (nein, ich habe den Ständer weit genug hochgeklappt gehabt), sodass ich schon vor dem Start erhitzt genug war, um zum ersten Mal in diesem Jahr in kurzer Laufkleidung zu laufen. Da es auf dem schon erwähnten Rückweg vereinzelt getröpfelt hatte und der Himmel eher grau verhangen war, wollte ich mich nicht zu weit von schützenden Dächern entfernen und lief einen verschlungenen Parcours, der die 800 km komplettierte.

Frühling gesucht.

Nach eineinhalbmonatiger schnee- und erkältungsbedingter Pause wieder gelaufen. Die Wege im Wald sind nach wie vor weiß, die von Holz transportierenden Forstfahrzeugen gezogenen Spuren wie Bobbahnen so glatt; zwischen den Spuren haben frühere Passanten verharschte Eindrücke hinterlassen, sodass jeder Schritt ein konzentrierter sein muss, um nicht auszurutschen oder wegzuknicken. Mindestens eine Woche wird es selbst bei Tauwetter brauchen, bis die Wege wieder Erde zeigen.

Weiche dann doch lieber auf geräumte Teerbahnen und Trottoirs neben der Straße aus, statt die Standardrunde zu drehen.

Das Laufen ist befreiend, wenn auch die Pause sich in mangelnder Kondition bemerkbar macht.

Inzwischen schneit es wieder.