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Internetgolfclub »Digitale Gesellschaft«.

Der Verein in Gründung »Digitale Gesellschaft« ist in den letzten Tagen vieldiskutiert vorgestellt worden.

Wichtiges, dem ich großenteils zustimmen kann, steht bei Herrn Larbig, Nico Lumma, Jürgen Fenn, dem Schockwellenreiter und vielen anderen, denen die Art und Weise dieser Vereinsgründung im Zusammenhang mit dem Anspruch, für ein fiktives »wir« zu sprechen (dem ich auch angehöre, allein weil ich das Übermedium Internet aktiv nutze), nicht ganz koscher erscheint, da keiner der gleich mir Betroffenen befragt wurde, ob er sich (und wenn ja, auf welche Weise und durch wen) vertreten sehen möchte.

(Dieses Prinzip kenne ich sonst nur vom ADAC, der sich mit seiner Pannenhilfe 17 Millionen Mitglieder sichert und vorgeblich in deren Interesse (allerdings ohne jegliche vorherige Befragung, Abstimmung oder dergleichen) Autolobbyismus betreibt.)

Mich erstaunt die Chuzpe, mit der sich die »Digitale Gesellschaft« weitgehend anonym agierend und vom Rest der Netzgemeinde abgehoben die elendigen Diskussionen um Ziele und Inhalte fernhalten möchte, um zunächst mal für sich überlegen zu können. Um Dienstleistungen bittet, von denen nicht klar ist, welche Inhalte durch sie befördert werden.

Ich bewundere die Kostenlos-Kultur, die durch das Internet wesentlich befördert wird – und damit meine ich nicht den kostenlosen Konsum, sondern die kostenlose Produktion (beispielsweise anlässlich des Erscheinens von MacTeX 2010 habe ich darauf schon hingewiesen). Ich würde mir aber sehr genau überlegen, ob ich meine Schaffenskraft einer mit wichtigen Prinzipien einer guten Welt – z. B. Transparenz – inkompatiblen Unternehmung widme.

Seit neun Jahren betreibe ich nun Kommunalpolitik in einer Kleinstadt. Politik, die (aus Gründen) ganz typisch all die Klischees erfüllt, die von feinen, politisch meist passiven Kritikern auch im Netz immer wieder bemüht werden: Hinterzimmertagungen, lange Sitzungen, viel zu wenig junge Beteiligte und so fort. Auch sind innerhalb einer Partei, vor allem aber innerhalb der Gremien der Kommunalpolitik der Meinungen und vermeintlichen und echten Experten und Expertisen viele. Die Entscheidung für eine neue Straßenleuchte dauert so schon mal ein Vierteljahr. Die Entscheidung für einen Schulanbau Jahre! Und ja, natürlich wäre das alles einfacher, wenn nicht immer alle mitreden wollten. Wenn da ein paar Bescheidwisser wären, die wissen, wie's geht. Aber gerade diese aufreibende, Kräfte bindende und zuweilen auch nicht sehr produktive Arbeit: das ist Demokratie. Anstrengend, aber das Beste, was man sich vorstellen kann: ganz einfache Bürger, diesmal in der Tat aus allen Gesellschaftsbereichen, die gemeinsam etwas zu entscheiden versuchen.

Und genau das sollte doch im Netz viel besser klappen, oder?

(Gleichwohl bleibt der Wunsch und die Hoffnung, dass trotz des sehr schlechten Starts noch alles gut wird.)

Gelesen. Sikoryak.

R. Sikoryak: Masterpiece Comics – Where Classics and Cartoons Collide! Montreal: Drawn and Quarterly, 2009.

Dantes Inferno in Bazooka-Joe-Bildfolgen, der Fauststoff in Garfield-Manier, Kafkas Verwandlung mittels Peanuts-Figuren erzählt – so etwas findet man im furiosen Band Sikoryaks, der – begleitet von fiktiven Anzeigen und Werbebildern im Stil des amerikanischen Comichefts der schundigsten Jahrzehnte – bekannte Geschichten der Weltliteratur in der Welt von Comicstrips nachbildet. Dabei entsteht ein doppelter Verfremdungseffekt: einerseits die vermeintliche Verniedlichung der schaurigen literarischen Sujets, andererseits das Erstaunen über die gelungene Anverwandlung comicinterner Topoi an die zu erzählende Geschichte.

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Gelesen. Roth.

Philip Roth: Nemesis. München: Hanser, 2010.

Routiniert, aber nicht so überzeugend wie andere Titel Roth', diese Geschichte des Sportlehrers Bucky Cantor, der in den letzten Kriegsjahren auf eine Polioepidemie reagieren muss – und scheitert.

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Datenkrake

Aaarrrrgh! Also, zur Abwechslung schreibt mal Kind 1, denn Kind 1 ist, wie es im Zeitmagazin mal so schön hieß, in seiner kommunistischen Phase. Deswegen liest Kind 1 seit einiger Zeit die taz und findet das meiste gut und berechtigt. Heute morgen las das Kind 1 in der sonntaz, dass die Mehrheit der EU-Staaten jetzt zur Sicherheit und Terrorismusbekämpfung die Daten aller Menschen, die in Flugzeugen europaweit herumfliegen wollen, bis zu FÜNF JAHRE "zu Sicherheitszwecken speichern und analysieren" möchten. Noch spricht sich Deutschland angeblich dagegen aus. Aber auf diese Art soll es also noch in fünf Jahren möglich sein, festzustellen, Wer-Wann-mit Wem-Wohin geflogen ist.

Um in Hanjos Art weiterzusprechen: Gelesen: Ilija Trojanow, Juli Zeh: Angriff auf die Freiheit. Gut, die Autoren dieses Buches hauen kräftig und energisch in immer die gleiche Sparte, aber wenn man so etwas ausfiltert, bleiben genug erschreckene Details zurück.
Woher kommt das? Kann man mit Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen etwa Autounfälle verhindern? Und wieso meinen dann manche Menschen (Politiker), trotzdem so Anschläge verhindern zu können?

Als ich neulich meinen ersten Ausweis bekommen habe, habe ich all seine Internetfunktionen abschalten lassen. Auch den (noch) freiwilligen Fingerabdruck habe ich nicht abgegeben.

Mir ist das hier alles zuviel Datenspeicherung.

Gelesen. Mankell.

Henning Mankell: Der Chronist der Winde. München: Deutscher Taschenbuch, 2002.

»Warum hat die Barbarei immer so ein menschliches Gesicht, das die Barbarei so unmenschlich macht?« (Ebd., 72)

Gelesen. Vargas Llosa.

Mario Vargas Llosa: Das böse Mädchen. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch, 2007.

Das »böse Mädchen« (aus ärmsten Verhältnissen stammende lebenslange Liebe des »guten Jungen«, des Ich-Erzählers) kehrt nach Höhenflügen in Reichtum und Glanz schließlich gedemütigt, vom Leben geschlagen zu jenem zurück: fragwürdige Moral eines in seinen vermeintlich zufälligen, schicksalhaft verstandenen Begegnungen arg konstruiert wirkenden Romans. Gelungen dabei die psychologisch genaue Schilderung des in Lügen blühenden Wesens, der Ambivalenz des mal Nähe suchenden, mal Ferne erzwingenden Charakters des »bösen Mädchens«.