Skip to content

Schulinterne Fortbildung zum Burn-out-Syndrom.

Schulinterne Fortbildungen sind eine feine Gelegenheit, in der Schule mit Kolleginnen und Kollegen etwas Sinnvolles zu tun, ohne dass einem die Schüler zwischen den Füßen rumwuseln. (Schriebe ich hier nur Wahres, müsste ich mich nun verbessern und darauf verweisen, dass die meisten meiner Schüler volljährig sind und mich – zumindest was die männlichen Vertreter betrifft – körperlich eher überragen.)

Gestern haben wir (vor einem gemeinsamen Mittagessen und einem in Gruppen mit unterschiedlichen Aufgaben verbrachten Nachmittag) an einer Veranstaltung zum Burn-out-Syndrom teilgenommen, die durch Information natürlich auch zur Prävention beitragen sollte. Das ist für Lehrkräfte sinnvoll (und eine Schulleitung zu loben, die derley veranstaltet), weil sie einer potentiell stark gefährdeten Berufsgruppe angehören.

Gründe hierfür sind auf zwei Seiten zu sehen: auf der einen erscheinen die hohen Anforderungen des Berufs, zu denen lange Arbeitszeiten, stressverursachende Umgebungen, fachliche und pädagogische Herausforderungen etc. gehören. Auf der anderen Seite steht das Lehrerindividuum, das mehr oder minder bedeutsame Anlagen zum Burn-out besitzt und / oder (weiter-) entwickelt. Viele dieser Anlagen sind im Lehrerberuf unerlässlich: ganz generell beispielsweise ein hohes Engagement für die sich stellenden Aufgaben. Hier allerdings das auch langfristig richtige Maß zu finden ist die Schwierigkeit.

Ein Exempel: Eine gute Unterrichtsstunde (oder gar eine -einheit!) vorzubereiten ist eine komplexe und potentiell unendliche Aufgabe. Immer kann die Stunde noch weiter und besser vorbereitet werden, sie ist nie fertig in dem Sinne, in dem ein materielles Produkt fertig ist. Die Lehrkraft muss also lernen, von einem bestimmten Zeitpunkt an die Unterrichtsstunde als fertig zu bestimmen. Genau das kann aber mit einem Gefühl der Unzufriedenheit verbunden sein, weil die Lehrkraft ja die oben benannte Forderung hohen Engagements an sich stellt und daher mit einer in ihrem Sinne noch nicht guten Stunde nicht zufrieden ist. Natürlich gewöhnt sich die Lehrkraft nach dem Referendariat, in dem an einer einzigen Vorführstunde schon mal tagelang gearbeitet wird, rasch an die Erfordernisse des Alltags, in dem 25 Stunden und mehr gehalten werden müssen. Zu bedenken allerdings ist, dass dies nicht die einzige Stelle ist, an der der Perfektionsdrang der Lehrkraft scheitern muss. Gerade die engagierte Lehrkraft, die einen hohen Anspruch an sich selbst stellt, weil sie ein positives Bild vom Lehrerberuf hat, ihn möglicherweise gar als Berufung begreift, wird immer wieder subjektiv beurteilt zu große Abstriche machen müssen. Hinzu kommt, dass ein definierter Feierabend nicht möglich ist: fest liegt die Zahl der Unterrichtsstunden. Wie viel Arbeit die Lehrkraft sich damit (und mit allem damit verbundenem) macht, ist in ihr Ermessen gestellt. Der große Vorteil des Lehrerberufs – ein hohes Maß selbstbestimmten Arbeitens – verkehrt sich dergestalt ins Gegenteil.

Nach Freudenberger, so habe ich gestern gelernt, seien beim Burnout-Syndrom 12 Stadien zu beobachten – vom »Zwang sich zu beweisen« über die »Vernachlässigung eigener Bedürfnisse«, den »Rückzug«, die »Depersonalisation« bis hin zur »völligen Erschöpfung«. Die Prophylaxe kann allenfalls davor bewahren, in diese Entwicklung einzutreten; spätestens nach Durchlaufen der Hälfte der Stadien bzw. bei Vorliegen einer Reihe signifikanter Symptome wird angeraten, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Prophylaxe rät weiter, statt stets die Höchstleistung von sich abzufordern und alles nicht arbeitsspezifische als (allenfalls) sekundär zu behandeln eine neue Balance zwischen Arbeit und Ich, Beruf und anderen Bereichen zu finden, das Ich dabei als zentrales Element neu zu entdecken. Regenerationspausen seien zwischen Phasen der Anstrengung vonnöten, um langfristig den Anforderungen begegnen zu können. Dazu zählen nicht beruflich motivierte soziale Kontakte ebenso wie schlichte Ruhepausen, Sport, Lesen, Musizieren oder anderes. Ziel sei die Ich-bewusstere Lehrkraft, die auch mal fünfe gerade sein lassen könne und einen ohnehin nie erfüllbaren Perfektionsanspruch zugunsten einer leistbaren guten Qualität aufgebe. –

Die Veranstaltung selbst dauerte mit Pausen vier Stunden, die rasch vergingen, auch weil die Referentin, Frau Weinhold von Holzrichter Beratungen, ihre Inputphasen immer wieder durch Tests, Selbsteinschätzungen und ähnliche Ich-bezügliche Übungen auflockerte. Das Echo war einhellig positiv, weshalb ich eine solche Themensetzung für schulinterne Fortbildungen unbedingt weiterempfehlen kann.

Der Skeptiker in mir sieht allerdings nicht nur die Hilfe, die diese Burn-out-Veranstaltung bietet. Eingangs hatte ich darauf hingewiesen, dass es zwei Seiten seien, auf denen sich Burn-out-Risiken verbergen: die der Umgebung und die der Lehrkraft. Bearbeitet werden in der Burn-out-Prophylaxe allerdings nur letztere. Die Lehrkraft also, die ohnehin an ihrem eigenen Anspruch an die Erfüllung von Aufgaben scheitert, bekommt signalisiert, dass auch dieses Scheitern auf eigenen Defiziten beruht: problematisch seien also nicht die Bedingungen schulischen Lehrens, sondern dass die Lehrkraft diesen Bedingungen nicht entspricht. Zu bearbeiten sei daher auch nicht die Frage, inwiefern diese Bedingungen zu ändern sind, sondern die Haltung der Lehrkraft. Ganz pragmatisch gesehen mag dieser Ansatz richtig und auch hilfreich sein. Tatsächlich aber stellt schon das Referendariat den Eingang in die Burn-out-Spirale dar, denn es ist der Inbegriff des oben genannten Zwangs sich zu beweisen. –

Ausführliche Informationen zum Thema Burn-out bei Lehrkräften gibt's bei Paul Tresselt.

Und vielleicht sollte der eine oder die andere auch mal bei Gerhard Sennlaub nachlesen.

Gelesen. Thiemeyer.

Thomas Thiemeyer: Die Stadt der Regenfresser (Die Chroniken der Weltensucher 1). Bindlach: Loewe, 2009.

Gediegene Abenteurerkost für Kind 2 (das am Wochenende Band 2 las): ein Entdecker, der sich als illegitimer Sohn Alexander von Humboldts begreift, seine Nichte, der die gesellschaftlich vorgesehene Rolle zu eng wird, ein haitianisches Medium und ein jugendlicher Taschendieb unternehmen zusammen eine Rettungsmission für einen im fernen Peru verschollenen Fotografen und entdecken fremde Kulturen, die Hochebene von Nazca und und fiese Monsterinsekten. (Fast) alles wird gut, denn der zweite Band kündigt sich schon an …

Zu hoch gegriffene Altersangabe bei Amazon angucken.

Gelesen. Hessel.

Stéphane Hessel: Empört Euch! Berlin: Ullstein, 2011.

Und … wie fandest Du es? – Knifflige Frage. Wie alle professionellen Leser habe ich natürlich meist etwas zu mäkeln …

Ich hatte hier und dort im Netz schon enthusiastisches Lob gehört und auch feine Stellen zitiert gelesen. Jetzt, da ich die Schrift komplett gelesen habe, sehe ich, dass die feinen Stellen schon das Wesentliche waren und ich nichts Wichtiges verpasst hätte, wäre der Mitnahmeartikel beim Buchhändler meines Vertrauens nicht zufällig auf dem Stapel der zu erwerbenden Bücher gelandet …

Auf den 15 Seiten seiner Streitschrift führt Hessel seinen Hang zur konstruktiven Empörung über (zunächst einmal: vermeintliche) Missstände auf seine Lebensgeschichte zurück und begründet die Empörung über gesellschaftspolitische Veränderungen der letzten Jahre mit der Verletzung der alten Ideale der Résistance. (7)

Das ist alles ganz gut & schön, und in Frankreich sicher auch überzeugender als hierzulande, doch darf man schon fragen, ob das, was vor über 60 Jahren richtig gewesen ist, heute zwangsläufig auch richtig sein muss. Es kann (aus ganz unterschiedlichen Gründen) wohl so sein – ein gültiges Argument ist das jedoch keinesfalls. Beispielsweise ist es natürlich in vielen (keineswegs in allen!) Fällen richtig, das Gemeinwohl über das Eigenwohl zu stellen (8) – aber doch nicht, weil die Résistance dies gefordert hat. Eine schlüssige Argumentation fehlt mir nicht nur hier.

Natürlich hat Hessel Recht, wenn er sich über Sozialkürzungen (im Angesicht von Milliardengewinnen anderswo) echauffiert. Natürlich ist die Ausrichtung unseres Lebens am Geldwert falsch. (9) Natürlich ist die Macht globalen Finanzbranche eine Gefahr für die Demokratie einerseits (10) und damit für jeden einzelnen von uns andererseits – aber sagt er da etwas Neues?

Das nächste Kapitel »Zwei Auffassungen von Geschichte« befasst sich gar nicht mit dem eigentlichen Thema des Aufsatzes, sondern ist (wie schon viele einzelne Absätze vorher) wieder nur eine Darstellung seines Lebenswegs und seiner Denkgeschichte, in der insbesondere Hegel als sinngebend für die Menschheitsgeschichte und Wegbereiter der Demokratie begriffen wird. Hier darf man nicht nur darauf hinweisen, dass beispielsweise Karl Popper Hegel begründet ganz anders verstanden hat, sondern auch darauf, dass die intellektuellen Erfahrungen des Autors im Aufsatzkontext nichts zur Sache tun. Ein mutiger Lektor hätte Hessel darauf hingewiesen.

Die Seiten 13–15 enthalten den zentralen Appell zum Engagement, zur Einmischung, zum Mittun, zum sich gerade nicht elegant Enthalten und so fort. Kaum ein Satz, den ich nicht unterschreiben könnte.

Ob nun gerade die Palästina-Frage das wichtigste nichteuropäische Problem ist, mit dem man sich in einem so kurzen Aufsatz beschäftigen muss (16f.), oder ob es nicht auch wichtigere anderenorts gibt, kann ich kaum beurteilen. Ich weiß nur, dass ich anlässlich jeder guten Zeitungsreportage über soziale und politische Ungerechtigkeiten in beliebigen Staaten der Welt Scham fühle über unsere Unwissenheit und unser Nichtwissenwollen, über unsere Untätigkeit und unser Nichtsändernwollen.

Den gewaltlosen Aufstand gegen das Unrecht im Land und in der Welt zu wagen ruft Hessel abschließend auf. Nun, auch das ist nicht neu. Und ganz besonders alt ist sein Blick auf die »Massenkommunikationsmittel, die unserer Jugend keine andere Perspektive bieten als den Massenkonsum, die Verachtung der Schwächsten und der Kultur [und] den allgemeinen Gedächtnisschwund […]« – das modernste Massenkommunikationsmittel, das Internet, birgt mehr Chancen als jedes andere zuvor, Empörung und Aufstand in Hessels Sinne zu befördern, zur Aufklärung im Kantschen Sinne beizutragen. Dies nicht zu erkennen lässt an der analytischen Kompetenz des Autors mehr als nur zweifeln.

Mithin: ein argumentativ sehr schwacher Text, der in Frankreich vermutlich aus historischen Gründen (Résistanceveteran, hoher Diplomat) sein Echo fand, dessen Inhalt allenfalls erstaunlich ist, weil sein Verfasser kein jugendlicher Heißsporn, sondern ein durchaus verdienter alter Mann mit achtenswerter Lebensgeschichte ist.

Mir reicht das – bei allen inhaltlichen Überschneidungen mit der eigenen Auffassung – nicht.

Zum digitalen Schulbuch, ...

einem Vorschlag von gleich8, schrieb ich

Die sozialen Probleme, die Du schilderst, sind Realität. Andererseits habe ich auch schon viel von Ideen und Anregungen aus (Lehrer- und anderen) Blogs profitiert und selbst auch das eine oder andere öffentlich gemacht. Es gibt also – wenn auch bei einer Minderheit – durchaus die Bereitschaft, gemeinsam an einer Sache zu arbeiten.

Dass ich selbst nicht häufiger Unterrichtsdinge, die ich ja sowieso produziere, verfügbar mache, hat einen einfachen Grund: kaum eine meiner Stunden funktioniert ohne urheberrechtliches geschütztes und insofern nicht einfach weitergebbares Material – ob’s nun für einen stummen Impuls durch ein projiziertes Photo oder einen zu bearbeitenden Text oder was auch immer ist (Schulbücher in meinen Fächern Deutsch und Philosophie funktionieren genauso). Und während ich durchaus Motivation verspüre, Unterrichtspraxis in Teilen öffentlich zu machen, verspüre ich so gar keine Motivation, mich mit diesen rechtlichen Regelungen auseinandersetzen zu müssen und / oder gar wegen Nichtbeachtung mit finanziellen Forderungen konfrontiert zu sehen.

Dummerweise sind Skripte wie meines zur Metaphysik nur wenig hilfreich, wenn die darin angeführten Texte erst wieder aus allen möglichen Quellen zusammengesucht werden müssen …


(Leicht redigiert.)

Internetgolfclub »Digitale Gesellschaft«.

Der Verein in Gründung »Digitale Gesellschaft« ist in den letzten Tagen vieldiskutiert vorgestellt worden.

Wichtiges, dem ich großenteils zustimmen kann, steht bei Herrn Larbig, Nico Lumma, Jürgen Fenn, dem Schockwellenreiter und vielen anderen, denen die Art und Weise dieser Vereinsgründung im Zusammenhang mit dem Anspruch, für ein fiktives »wir« zu sprechen (dem ich auch angehöre, allein weil ich das Übermedium Internet aktiv nutze), nicht ganz koscher erscheint, da keiner der gleich mir Betroffenen befragt wurde, ob er sich (und wenn ja, auf welche Weise und durch wen) vertreten sehen möchte.

(Dieses Prinzip kenne ich sonst nur vom ADAC, der sich mit seiner Pannenhilfe 17 Millionen Mitglieder sichert und vorgeblich in deren Interesse (allerdings ohne jegliche vorherige Befragung, Abstimmung oder dergleichen) Autolobbyismus betreibt.)

Mich erstaunt die Chuzpe, mit der sich die »Digitale Gesellschaft« weitgehend anonym agierend und vom Rest der Netzgemeinde abgehoben die elendigen Diskussionen um Ziele und Inhalte fernhalten möchte, um zunächst mal für sich überlegen zu können. Um Dienstleistungen bittet, von denen nicht klar ist, welche Inhalte durch sie befördert werden.

Ich bewundere die Kostenlos-Kultur, die durch das Internet wesentlich befördert wird – und damit meine ich nicht den kostenlosen Konsum, sondern die kostenlose Produktion (beispielsweise anlässlich des Erscheinens von MacTeX 2010 habe ich darauf schon hingewiesen). Ich würde mir aber sehr genau überlegen, ob ich meine Schaffenskraft einer mit wichtigen Prinzipien einer guten Welt – z. B. Transparenz – inkompatiblen Unternehmung widme.

Seit neun Jahren betreibe ich nun Kommunalpolitik in einer Kleinstadt. Politik, die (aus Gründen) ganz typisch all die Klischees erfüllt, die von feinen, politisch meist passiven Kritikern auch im Netz immer wieder bemüht werden: Hinterzimmertagungen, lange Sitzungen, viel zu wenig junge Beteiligte und so fort. Auch sind innerhalb einer Partei, vor allem aber innerhalb der Gremien der Kommunalpolitik der Meinungen und vermeintlichen und echten Experten und Expertisen viele. Die Entscheidung für eine neue Straßenleuchte dauert so schon mal ein Vierteljahr. Die Entscheidung für einen Schulanbau Jahre! Und ja, natürlich wäre das alles einfacher, wenn nicht immer alle mitreden wollten. Wenn da ein paar Bescheidwisser wären, die wissen, wie's geht. Aber gerade diese aufreibende, Kräfte bindende und zuweilen auch nicht sehr produktive Arbeit: das ist Demokratie. Anstrengend, aber das Beste, was man sich vorstellen kann: ganz einfache Bürger, diesmal in der Tat aus allen Gesellschaftsbereichen, die gemeinsam etwas zu entscheiden versuchen.

Und genau das sollte doch im Netz viel besser klappen, oder?

(Gleichwohl bleibt der Wunsch und die Hoffnung, dass trotz des sehr schlechten Starts noch alles gut wird.)