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Blogger-Lobby?

Auf Spreeblick stößt Johnny Hausler erneut die Debatte um eine Vertretung für Blogger an. Hierzu schrieb ich:

»Einen Verband zu gründen ist nicht so sinnvoll, da es nicht um Interessenvertretung im Lobbyistensinne geht – dem Bloggen ist ja eben wesentlich, dass jeder eine Stimme hat.

Was der Blogger aber benötigt, ist so eine Art Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit (à la Debeka): eine nicht auf Gewinn ausgerichtete Versicherungsgesellschaft, die ausschließlich Rechtsberatung und -vertretung in blogspezifischen Fällen (d. h. auch in der notwendigen Geschwindigkeit z. B. im Falle von Abmahnungen) anbietet. Das (und nur das) ist die Leistung, die Blogger brauchen.«

Auf Oliver Gassners (huch?!: zuletzt mal im Usenet getroffen ...) Replik hin ergänzte ich:

»Sobald es um Meinungen und Einstellungen ginge, würde sehr schnell offenbar werden, dass es so viele Gemeinsamkeiten gar nicht gibt. Die Spaltungen und Distanzierungen wären schon vor Gründung absehbar. (Vielleicht bin ich auch nur zu realistisch pessimistisch.)

Jeder Blogger aber hat Interesse daran, dass er weiter bloggen kann. Das garantieren im Zweifelsfall keine vollmundigen politischen Statements (so richtig und wichtig sie sein mögen), sondern allein die Ausschöpfung rechtlicher Mittel über das Maß hinaus, das Otto Normalblogger sich zu leisten in der Lage sieht.«

JMStV – Was tun?

Tscha, weiß ich auch nicht.

Dass der JMStV auf den Weg gebracht wurde, ist – neben der gesellschaftlichen Bedeutung, die auch zur deutlichen Gegenwehr führt – für jeden Privatblogger ein Problem: politisch und praktisch.

Politisch, weil der frustrierte SPD-Wähler, der sich auf dem Gebiet der Netzpolitik zwar immer mal wieder Rückgrat von der alten Tante erhofft hat, was diese aber noch jedes Mal verlässlich enttäuschte, auch bei den Grünen ganz gewiss keine Zukunft findet. Wem also der damalige Fischerschwenk gegen pazifistische Strömungen noch nicht genug Realosmus war, kann in dem Tweet der NRW-Grünen die endgültige und bedrückend ehrliche Kündigung an verlässliche Politik und das Einreihen in den Mainstream der regierenden Selbsterhaltungsveranstaltungen erkennen. Die Linke verhält sich (in Berlin) ebenso. Dass die Piratenpartei unwählbar ist, wissen wir inzwischen auch. Was bleibt? (Außer weitere Hoffnung?)

Was mich in der Wirkung bedrückt, ist die angekündigte, zum Teil schon durchgeführte Schließung von Blogs und anderen Netzinhalten wie beispielsweise dem Schockwellenreiter und Kristian Köhntopps Blog. Ich lese (auch), um zu lernen. Ich habe viel gelernt im Netz, auch, dass andere Medien in bestimmten Belangen deutlich dem Netz gegenüber deutlich zurückfallen. Diese Lerngelegenheiten werden mir genommen. Darauf reagiere ich allergisch. –

Wie nun handeln? In den nächsten Tagen werde ich mich genauer informieren, welche Regeln für mein Blog gelten werden. Ich bin mir sicher, dass in meinem Blog keinerlei »entwicklungsbeeinträchtigende« Inhalte zu finden sind. Soviel ich bisher lese, ist dies aber vollkommen irrelevant, da ich mich trotzdem um eine Alterskennzeichnung bemühen müsste, die aber aufgrund fehlender technischer Möglichkeiten erst Mitte nächsten Jahres verfügbar sein wird. Da man sich bis dahin in einer rechtlich fragwürdigen Situation bewegt, ist die Gefahr von Abmahnungen gegeben.

Ich halte das Schließen des Blogs für die schlechteste Variante, auf den JMStV zu reagieren. Es scheint allerdings keine Alternative zu geben.

[Update:] Udo Vetter entwarnt bedingt.

[Update 2:] Prof. Hoeren auch.

Passig und die Bücher.

Kathrin Passig, aus Versehen mal Bachmannpreisträgerin geworden (vgl. hier und öfter), sinniert im Merkur über das Ende des Buchs in der Schrumpfform des Geldbäumchens.

Plappernd beredt sucht die Autorin Gründe, wieso – weil es ihr so gegangen – auch der Rest der Leserwelt die Lust am Objekt Buch zugunsten neuer Lesegeräte verlieren müsse. (Damit widerlegt sie ihres willenlos mäandernden Textes wegen nebenbei ihre eigene These, elektronisch vermittelte Literatur komme immer fix auf den Punkt.)

Einen wesentlichen Vorteil des elektronischen Buchs stelle beispielsweise das Wegfallen des exhibitionistischen Charakters der Lektüreauswahl dar: da dem Lesegerät nicht mehr anzusehen ist, was sich darin verberge, könne sie nun unbeobachtet und daher ungestraft allerorten blöde Bücher lesen.

Da Passig ja dem hemmungslosen Subjektivismus anheimgefallen ist, schreibe auch ich so: meine Krimisucht habe ich nie verbergen zu müssen geglaubt. Auch soziale Ausgrenzung meine ich deswegen nicht wirklich erfahren zu haben. Wenn ich aber zu beurteilen hätte, ob derjenige, der sich in der Kneipe durch plakativ präsentiertes Adornolesen positiv zu profilieren glaubt oder diejenige, die ihr Sein durch ein elektronisches Gadget samt Ildikó-von-Kürthy-E-Book aufwertet, fragwürdiger im Tun sei, hätte ich wohl kaum Schwierigkeiten. Setzte ein weiterer sich zu dem bislang einsamen Kneipengast, wäre im ersten Fall der Anknüpfungspunkt des Gesprächs vermutlich ein inhaltlicher (es würde beispielsweise die Relevanz des Autors erörtert im Angesicht der Tatsache, dass er doch schon tot sei und auch schwierig geschrieben habe etc.), im zweiten ein formaler (geiles Teil, so'n iPad, mache was her, wie viel Gigabyte habe es denn, ah, es sei die große Version, Mensch, Mensch, …). Auch hier würde ich bei aller Vorsicht gegenüber der Notwendigkeit eines intellektuellen Werts von Kneipengesprächen generell dazu neigen, die erste Variante vorzuziehen, denn sie eröffnet zumindest die Chance, dass über mehr gesprochen wird als nur über Technikgeraffel, dessen Halbwertszeit mit allen zum Beispiel auch ökologischen Folgen deutlich kürzer ist als selbst eines von-Kürthy-Bandes.

Offenbar hat Passig inzwischen auch ein Problem mit ihrer Konzentrationsfähigkeit: »Vor allem meine Toleranz für Füllmaterial in Texten hat internetbedingt nachgelassen. Da ein Buch eine bestimmte Mindestlänge haben muss, ist Füllmaterial im Buch gebräuchlicher als in Onlineveröffentlichungen.« Das stimmt. Informationen können viel kürzer präsentiert werden als es gnadenlose Schwafler vergangener Zeiten wagten, denen die Leser alternativlos ausgeliefert waren: »Mann liegt auf Sofa.«, »Paar Typen gehen durch Dublins Kneipen. Molly nicht.«, »Wer der Pflicht folgt, muss hinterher auf Steinen sitzen.« – das sind so Sätze, die locker 1500 Seiten Lektüre ersparen können.

Es gab immer Leute, die nach dem Abebben ihrer Sturm-und-Drang-Phase jugendlichen Massenlesens schließlich gereift lieber in Illustrierten geblättert haben als sich erneut auf Bücher einzulassen. Daran ist nichts Schlechtes. Früher allerdings haben sie dies nicht zum gesellschaftlichen Ideal erhoben.

[An dieser Stelle breche ich ab. Wegen gebotener Kürze.]

Urheberrecht und Autorenverdienst.

Wenn ich mit meine Buchhandelsauszubildenden das schwierige Feld der buchverlagsinternen Preiskalkulation bespreche, spielt am Rande auch Heinrich Bölls Klage über die unzureichende Beteiligung des Autors am Verkaufspreis (in »Ende der Bescheidenheit«, aus urheberrechtlichen Gründen nicht online verfügbar) eine Rolle.

Jörg Kantel rechnet nun Bodo Ramelow vor, wieso für ihn bei weiteren Publikationen nur der Verzicht auf Verlagsdienstleistungen in Frage kommt.

Sankelmark 2010.

Schon öfter erzählt habe ich ja, dass sich aktive Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer im Fachverband Deutsch zusammengetan haben. Auch die von der schleswig-holsteinischen / hamburgischen Sektion des Fachverbandes organisierte Fortbildung in Sankelmark erwähnte ich schon.

Dieses Mal durften wir zum ersten Mal nach langer Zeit wieder schon am Freitagvormittag mit der Fortbildung beginnen, sodass unser Programm zum Thema »Gegenwartsliteratur und Erzähltheorien« recht umfangreich geworden ist und wir neben Fachvorträgen und den obligatorischen Arbeitsgruppen (diesmal zu Werken von Karen Duve, Peter Stamm, Botho Strauß, Daniel Kehlmann und Herta Müller) auch eine Lesung mit Peter Stamm und ein Fishbowl-Gespräch mit ihm unterbringen konnten. Außerdem haben wir ein neues Format ausprobiert, bei dem vier bis fünf Referenten in einer Stunde aus subjektiver Sicht je einen Autor bzw. je ein Werk (diesmal zu Georg Klein, Hanns-Josef Ortheil, Julia Franck und Juli Zeh) vorstellen. Und so habe ich neben den Arbeiten im Hintergrund mit einem Kurzreferat zu Juli Zehs Corpus Delicti teilgenommen – hier das Papier für Zehn Minuten Zeh.

Nebenbei blieb natürlich auch bei dieser Fortbildung Zeit für viele informelle Gespräche rund um den Deutschuntericht, die Schule und das Leben.

Da ich die Vorstellung von Dillingen an der Donau interessiert gelesen habe (auch wenn ich mich dort nie fortbilden werde), auch hier ein paar Impressionen aus Sankelmark: am See sieht's so aus:

2010-11-13_125259

den Blick vom Seeufer auf Teile des Tagungsgebäudes zeigt dieses Bild –

2010-11-13_125238 –,

so präsentiert sich der Eingangsbereich:

2010-11-13_125741.

Die ganze Anlage liegt mitten in der Pampa, ist also für kontemplative Fortbildungen hervorragend geeignet. Das einzige nennenswerte Event außerhalb des zweitägigen Programms ist die Umrundung des Sankelmarker Sees in der Mittagspause.

Zu erwähnen sind vielleicht noch die (vor allem angesichts eines Schwungs von paarundachtzig Lehrerinnen und Lehrern) geradezu überirdische Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Verwaltungs- und Servicekräfte und des technischen Personals. Die machen mich ganz stumm.

Über das Lesen.

Schon im Februar las ich im Lanier. Erst jetzt – da die deutsche Ausgabe erschienen ist – habe ich die Lektüre beendet. Warum so spät?

Das Buch besteht aus fünf Teilen mit bis zu fünf Kapiteln; die einzelnen Kapitel sind überdies in kleine Abschnitte unterteilt, die meist weniger als eine Seite ausmachen. Der Stil Laniers ist – obwohl seine Grundthese klar wird – eher assoziativ, und so passiert es dem Leser leicht, dass er (und ich sehe das nicht negativ) abschweift und das Buch auch mal in Gedanken zur Seite legt, um der Hecke beim Wachsen oder dem Kaminfeuer beim Flackern zuzusehen. So geschieht es allerdings nicht nur dem Lanier (wenn auch Sachbüchern generell eher als Romanen).

Zeitungen, Zeitschriften und andere Bücher kommen hinzu und so bildet sich neben dem Lesesessel (und/oder im Arbeitszimmer) ein Kultursediment, das nur unter Schwierigkeiten wieder gänzlich aufzulösen ist. Manchmal gerät ein Buch auf diese Weise längere Zeit in Vergessenheit, neue Lektüren nehmen den Platz der alten ein; überraschend tauchen zuweilen die vernachlässigten wieder auf. Manchmal wird man an die Lektüre erinnert, angestoßen, sie doch fortzusetzen. Und so ganz gemächlich geschieht es dann auch.

An unterschiedlichen Orten im Haus liegen begonnene Lektüren. Einige werden bald, andere irgendwann, wenige vielleicht nie wieder zur Hand genommen.

Es gibt Menschen, die lesen immer ein Buch zur Zeit. Ist die Lektüre beendet, darf das nächste Buch begonnen werden. Für so etwas bin ich zu undiszipliniert.

Gelesen. Abonji.

Melinda Nadj Abonji: Tauben fliegen auf. Salzburg und Wien: Jung und Jung, 2010.

Der Beitrag zum Bachmannpreis schien nicht nur mir zu gewollt artifiziell – das oben genannte Buch Abonjis aber wurde verdient prämiert: nicht ganz leicht zu lesen, doch die Bemühungen lohnen sich in einem empathischen, dabei differenzierten Blick auf eine von der Aus- und Einwanderung gekennzeichnete Kindheit und Jugend eines Schwesternpaares, das nicht gefragt wird, als die Eltern die Idee leben, ein besseres Leben in einem anderen Land zu suchen.

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