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Beim abendlichen Blättern und Falten.

Nicht vergessen sollte, wer die Zeit nicht im Abonnement bezieht, beim morgigen Wochenendeinkauf die Besorgung derselben, denn die aktuelle Nummer beinhaltet im Feuilleton (nicht im Ressort »Wissen«: eine feine Spitze) einen Schwerpunkt über die Bedeutung der Philosophie.

Gelesen. Kunze.

Reiner Kunze: Die wunderbaren Jahre. Frankfurt am Main: Fischer, 1976.

Vielleicht vor sechsundzwanzig Jahren sehe ich das Buch öfter bei Freunden, die Eltern haben, die lesen, über was man spricht. Vielleicht blättere ich in dem Buch, doch es scheint wenig interessant; es geht um die DDR (vielleicht weiß ich das), und die ist ferner als Österreich und die Schweiz zusammen, obwohl das Deutsch in diesen Ländern noch seltsamer klingt.

Bei irgendeiner Lektüre stoße ich jetzt wieder auf den Titel; bei Booklooker kostet mich der schmale Band 25 Cent, das Porto fünfmal so viel. Ein Helmut hat es »mit den besten Wünschen« 1977 verschenkt, seine Widmung zeigt ihn des Schreibens wenig geübt, auch wenn er sich seine Worte trotz des Kulis sauber auf das Vorsatzpapier zu bringen zwingt.

Kunze berichtet über die Erziehung der Halbwüchsigen zur Vorsicht, nicht alles gleich zu sagen wie gedacht, von der Zurichtung des Kindes auf das gesellschaftlich Gebotene, von der Meldung zum Militär, von polizeilichen Schikanen gegen Jugendliche. Von Bach auch und anderen Inseln.

»Wählerisch beim Essen« und andere Ausdrücke.

In unserer überregional besetzten Mittagsrunde thematisierten wir heute Ausdrücke dafür, ein wenig kritischer ans Essen heranzugehen – diese und andere nach Landstrichen unterschiedliche Bennenungen kartiert eine Forschergruppe um Prof. Dr. Stephan Elspaß und Dr. habil. Robert Möller als Bestandsstücke des Atlas zur Deutschen Alltagssprache.

An Runde 8 darf man noch teilnehmen.

(Fast hätte ich's vergessen: richtig heißt es natürlich »krüüsch«.)

Facebook wolln wa nich.

Ich schrieb hier:

Inzwischen begreife ich die bewusste Entscheidung, bei Facebook (und Konsorten) nicht mitzutun, als netzpolitisch wichtige Stellungnahme (auch wenn man den einen oder anderen Kontakt gar nicht erst knüpft, weil es eben Nutzer gibt, die über die Grenzen von Facebook nicht schauen mögen).

Adorno, Busch, Camus, Lohbeck, Epiktet, Rammstein: Philosophie-Essays als Klausurersatz.

Da bei uns am Beruflichen Gymnasium das Fach Philosophie im 12. Jahrgang nur mit zwei Wochenstunden unterrichtet wird, ist kaum Zeit für die sinnvolle Unterbringung zweier Klausuren pro Halbjahr. Seit zweieinhalb Jahren schreiben die S bei mir daher ein philosophisches Essay, für deren Anfertigung sie drei bis vier Wochen Zeit haben und das sie in getippter und ausgedruckter Form bei mir abgegeben, als Klausurersatzleistung.

Die ersten Male bin ich ausgegangen von den Vorschlägen zum Bundeswettbewerb philosophischer Essay, inzwischen bediene ich mich da mit Aufgaben, ändere aber auch ab, da mir die Vorschläge zuweilen zu langweilig sind, und ergänze aus eigener Lektüre.

Anders als bei herkömmlichen Klausuren, bei denen alle S einen identische Aufgabe bekommen, haben die S in diesem Fall sechs verschiedene Schreibanlässe, von denen sie eines auswählen. Zu diesem schreiben sie anhand einer selbstentwickelten These zum Thema ein philosophisches Essay.

Die Themen waren diesmal diese:

1. »Taubstummenanstalt – Während die Schulen die Menschen im Reden drillen wie in der ersten Hilfe für die Opfer von Verkehrsunfällen […], werden die geschulten immer stummer. Sie können Vorträge halten, jeder Satz qualifiziert sie fürs Mikrofon, vor das sie als Stellvertreter des Durchschnitts gestellt werden, aber die Fähigkeit miteinander zu sprechen erstickt.« [Ado51, 179 (Nr. 90)]

2. »Oh, hüte dich vor allem Bösen! / Es macht Pläsier, wenn man es ist, es macht Verdruß, / wenn man’s gewesen.« [Bus72, 67]

3. Evelien Lohbeck: Noteboek

4. Ȇber den Luxus
Als Maß für den Besitz soll jedem das leibliche Bedürfnis gelten wie der Fuß für den Schuh. Bleibst du dessen eingedenk, so wirst du Maß halten. Andernfalls geht es ohne Aufhalten die abschüssige Bahn hinab. Es ist wie mit dem Schuh: gehst du über das Bedürfnis des Fußes hinaus, so wird er zuerst vergoldet, danach mit Purpur verbrämt, endlich gar gestickt. Ist einmal das Maß überschritten, so gibt es keine Grenze mehr.« [Epi84, 44 (Nr. 39)]

5. »Wenn man zu denken anfängt, beginnt man untergraben zu werden.« [Cam42, 10]

6. Rammstein: Ich will [Ram01]

Für den Korrigierenden sind diese Ersatzleistungen immer angenehmer als Klausuren, weil sie formal und inhaltlich wenig standardisiert sind. Sie können mit Interesse gelesen werden – auch wenn das Essay als Form beim ersten Mal nur wenigen hinreichend gelingt. Beim zweiten Durchgang geht's schon besser. (Übrigens ein Grund dafür, dass ich so gut wie nie Benotungsskalen vorab festlege, sondern immer erst mal die Ergebnisse ansehe.)

Beim Korrigieren benutze ich – wie immer bei Aufsätzen – einen Rückmeldebogen.

Unter den S gibt es übrigens zwei Gruppen: solche, die sich durch die recht offene Form herausgefordert sehen, sich freuen, dass sie mal über längere Zeit (oder aber auch einfach nachts, wenn es sich besser schreibt) zuhause an einer Aufgabe arbeiten können und (mindestens relativ) beachtliche Leistungen erbringen und solche, die die herkömmliche Klausur schätzen, weil man da weiß, was man hat …

Literatur:

[Ado51] Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt am Main : Suhrkamp, 1951 (Bibliothek Suhrkamp 236)
[Bus72] Busch, Wilhelm: Die fromme Helene. In: Das dicke Busch-Buch. Leipzig : Eulenspiegel, 1983 (EA 1872)
[Cam42] Camus, Albert: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde. Reinbek bei Hamburg : Rowohlt Taschenbuch, 1991 (EA 1942) (rororo 12375)
[Epi84] Epiktet ; Schmidt, Heinrich (Hrsg.) ; Metzler, Karin (Hrsg.): Handbüchlein der Moral und Unterredungen. Stuttgart : Kröner, 1984 (KTA 2)
[Ram01] Rammstein: Mutter. Motor Music, 2001