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Echtheit und Wahn.

Zu Guttenberg schreibt im Vorwort (6) seiner Dissertation:

»Meiner Frau und meinen Töchtern sei diese familienunfreundliche Lektüre in tiefer Dankbarkeit zugedacht. Sie sind der unerreichte wie dauerhafte ›echte Augenblick‹ meines Lebens.«

So schreibt einer, der sich poetisch ausdrücken möchte: seine Familie ist aber nicht unerreicht, sondern Realität; wenn sie aber nicht unerreicht ist, steht das gleichgeordnete »dauerhaft« ebenso in Zweifel (abgesehen davon: wie kann ein Augenblick nicht erreicht, aber dauerhaft sein?); und wieso der »echte Augenblick« in die an anderer Stelle so häufig fehlenden, hier aber fehlerhaften, weil relativierenden Anführungszeichen gesperrt wird, versteht man wohl auch nur, wenn man zu Guttenberg heißt.

Das Guttenplag-Wiki weist inzwischen auf 267 von 393 Textseiten (fast 68%) nicht wissenschaftsüblich gekennzeichnete Zitate nach (hier herausragende Fundstellen), darunter viele, die auch unter noch so guttenbergfreundlicher Betrachtung nur als mit eindeutig verschleiernder Absicht in das Konvolut eingearbeitet angesehen werden können: zu Guttenberg hat im Wissen um sein Tun abgeschrieben oder abschreiben lassen.

So muss die widersprüchliche Widmung als Zeichen verstanden werden für die Orientierungslosigkeit Guttenbergs, der zwischen Realität und Schein offenbar nicht mehr zu differenzieren vermochte, dem Familienglück und Reichtum nicht reichten, der von allen geliebt werden wollte: »Letztlich ist es die Tragödie eines Menschen, der wohl nie ein normales Kind sein durfte, sondern stets nur ein adliges, mit dem entsprechenden Leistungsdruck« (Demokratie und Alltag), also ein trauriger Fall.

Wenn dann inzwischen die »Fans« zu Guttenbergs sich »gegen die Jagd auf Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg« in Stellung bringen, kann ich nur sagen »Agitiert nur, Agitiert nur.« Denn auch die Propaganda der Bild-»Zeitung« und der konservativen Freunde zu Guttenbergs können das Geschehene und eindeutig Belegte nicht ungeschehen und unbemerkt werden lassen. Einen Vernebelungsversuch dieser Art als »Versachlichung der Diskussion um zu Guttenberg« zu bezeichnen ist Neusprech pur: sachlicher und transparenter als die Analyse im Guttenplag-Wiki geht es nun einmal nicht, denn die Gegenüberstellung von Originaltexten und Dissertation ist für jedermann nachvollzieh-, überprüf- und ggf. korrigierbar.

Freunde würden zu Guttenberg raten zu kündigen, bevor ihm gekündigt wird – aber die »Freunde« bei Facebook brauchen ihre Lichtgestalt noch, und so darf er noch nicht gehen, sondern muss weiter leiden.

Dr. Copy and Paste.

Guttenberg hat abgeschrieben. Bericht beim früheren Nachrichtenmagazin, angemessen angeekelter Kommentar bei Quirinus.

(Nein, bei Doktorarbeiten kann man sich nicht mehr damit herausreden, man sei krank gewesen, als die Sache mit der Kennzeichnungspflicht von Zitaten erklärt wurde. Der Mann hat vorsätzlich gegen die üblichen Regeln wissenschaftlichen Arbeitens verstoßen. Eine Aberkennung der Doktorwürde ist das Mindeste, was ihn erwarten sollte.)

Erinnert sei an dieser Stelle noch an den Fall seiner Kollegin, bei der auch alles im üblichen Rahmen ablief ...

Google Art Project.

In einem Kommentar drüben bei DeutschKunst schrieb ich:

»Ich finde es großartig, über das Google Art Project die spezielle Art einer Pinselführung, Farbgebung oder andere Details nicht mehr nur behaupten, sondern auch zeigen zu können, dabei so weit ans Bild heranzuzoomen wie es kein Museumspersonal der Welt erlaubte.

Aber nein: natürlich ersetzt das nicht den echten Museumsbesuch. Der Wow!-Effekt, den auch Schüler verspüren, wenn sie die ihnen als Abbildung ausreichend bekannte Nachtwache dann mal in Amsterdam im großen Original sehen, ist durch nichts zu ersetzen.

Daher: ›Noch bei der höchstvollendeten Reproduktion fällt eines aus: das Hier und Jetzt des Kunstwerks – sein einmaliges Dasein an dem Orte, an dem es sich befindet.‹ [Benjamin, ebd.] Anders als Benjamin dann aber ausführt, erlebe ich (nicht nur bei mir) den Fortbestand der von ihm beschriebenen Aura über alle Reproduktionen hinweg, die eben doch nur sind, was sie sind.«

Baru bei Arte.

Eine Kurzvorstellung des Comicautors Baru hier, ein ausführliches Porträt lief gestern abend in der Sendung Metropolis bei Arte. Heute wird die Sendung am späten Nachmittag wiederholt.

(In derselben Sendung übrigens auch ein Film über Yael Naïm, deren Song »New Soul« in der Apple MacBook Air-Werbung zu Bekanntheit gelangte, und ihre Zusammenarbeit mit David Donatien.)

Beim abendlichen Blättern und Falten.

Nicht vergessen sollte, wer die Zeit nicht im Abonnement bezieht, beim morgigen Wochenendeinkauf die Besorgung derselben, denn die aktuelle Nummer beinhaltet im Feuilleton (nicht im Ressort »Wissen«: eine feine Spitze) einen Schwerpunkt über die Bedeutung der Philosophie.