Skip to content

G8 und G9.

Nachdem G8 in Schleswig-Holstein (wie anderswo) aus rein ökonomischen Gründen ohne Rücksicht auf pädagogische Bedenken eingeführt wurde, hat man in den letzten Jahren völlig überraschend erkennen dürfen, dass eine kürzere Schulzeit weniger Zeit zum Lernen (und weniger Zeit für gesellschaftlich erwünschte Nebentätigkeiten von Schülerinnen und Schülern) bedeutet.

Dass die gleiche CDU, die für die Einführung von G8 stand, nun die Rückkehr zu G9 organisiert (und auch für diesen Programmpunkt gewählt wurde), ist natürlich ein Witz; dass Lehrpersonen aber, die für die Organisation von derlei Hin & Her wertvolle, im Regelfall nicht gesondert vergütete Arbeitsstunden haben verwenden müssen, diese nun als verschwendet ansehen und bei der nächsten Reform vielleicht eher gebremst freudig agieren, dürfte sich von selbst verstehen. Dabei sind viele Neuerungen, die im Zuge der Einführung von G8 in den Schulen eingeführt wurden (Unterstützungskurse, Doppelstundensystem etc.), weiterhin sinnvoll – ebenso wie die Rückkehr an sich. Wenn aber Ministerien deutschlandweit so blind absehbare Probleme herbeiführten, spricht dies nicht für hervorragende Expertise. Der nun prognostizierte Lehrkräftemangel an Grundschulen ist ein weiterer Hinweis auf optimierbare Planung.

Demgegenüber bis ich immer wieder erstaunt, was vor diesem Hintergrund in den Schulen vor Ort an guter Praxis gedeiht.

Mal seh’n: Torpus & The Art Directors.

Set ich die Music For A Found Harmonium des Penguin Cafe Orchestra kenne, schätze ich das Instrument. Und wenn dann eines auf der Bühne steht, da man mit Freunden unpassenderweise aus den plüschigen Sesseln eines von einer Kulturinitiative geretteten ehemaligen Verzehrkinos auf die Bühne schaut, verzeiht man auch, dass einige Songs der Band in den Plattenaufnahmen ein wenig zu glatt daherkommen, denn in der Live-Darbeitung überzeugen die Fünf Freunde von Torpus & The Art Directors auf angenehme, ehrliche und friedliche Art & Weise, die auch durch gewagte Experimente mit Rückkopplungen, Rhythmusmaschinenrhythmen von Tonbandkassette in Radiorecorder und kraftvoll bäriger Mehrstimmigkeit in ihrer unschuldigen Freude an der Musik und unbestrittenen Musikalität nie in Frage gestellt wird. Neben dem Harmonium gibt es übrigens auch ein Schlagzeug und Perkussionsinstrumente, diverse Gitarren, einen E-Bass und einen Kontrabass, ein Glockenspiel, eine Mandoline, ein elektronisches Ding mit kleiner Klaviertastatur sowie Posaune und Trompete. (Das Banjo hat Ove leider nicht mitgebracht.) – Eine Empfehlung für den Rest ihrer gerade begonnenen Tour der unbestritten norddeutschen Combo.

Gelesen. Flašar.

Milena Michiko Flašar: Ich nannte ihn Krawatte. München: btb, 2014.

Hikikomori begegnet Salaryman und sie haben sich etwas zu erzählen.

Auch in diesem Buch habe ich etwas über Japan gelernt. Von einer Österreicherin.

Knapp und gut.

Gelesen. Natsume.

Natsume Sōseki: Kokoro. Übertragen von Oskar Benl. Zürich: Manesse, 2016.

Ein besonderes Buch in besonderem Ton: fast alle Lebensfakten bleiben unbestimmt, sodass die eigentliche Geschichte in einem universellen Schwebezustand zu verharren scheint. Figuren sind ein »Onkel«, eine »Frau«, ihre »Tochter«, ein »Freund« namens »K.« – und all diese Bezeichnungen stammen aus einem Brief des »Sensei«, der eben auch eine »Frau« hat wie der Erzähler einen »Vater« und eine »Mutter« … Relationen, Funktionen, nicht aber identifizierte Subjekte. Entsprechend wird ein »Spezialfach« einer »Fakultät« studiert – alle Benennungen bleiben so abstrakt wie die Diskussionen der Handelnden über die Liebe, die jeden Bezug auf konkrete Personen vorsichtig missen lassen, um nicht Empfindlichkeiten zu verletzen.

Umso deutlicher der Gegensatz zum erzählerischen Kern des Ganzen, auf den das Buch von der ersten Seite an zusteuert, eine Lebensschuld, die aufgrund emotionaler Irrungen, Wirrungen entstand und in jahrzehntelangem Leid ertragen wird, bis sie – analog zum Tod des Kaisers – wieder ausgeglichen wird.

Ein Wiener Doktor riet zur Lektüre. Ich schließe mich an.

Gelesen. Rinke.

Moritz Rinke: Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2017.

Für mich interessant aufgrund der Geschichte um den in den Figuren wirksamen Zusammenhang von Vergangenheit (Verhalten im »Dritten Reich«) und Gegenwart sowie aufgrund der regionalen Bezüge: der Handlungsort Worpswede, kurz vor Bremen, wo ich meine Buchhandelszeit verbrachte; Beschwerden über die Sumpfluft der Gegend, Erwähnungen von Kuchen der Firma Knigge … ansonsten schwer erträglicher heiterer Erzählton.

Schmuddelig: Herr Dobrindt.

An sich mag ich hier keine Schmuddelthemen besprechen, aber wenn Herr Dobrindt, der wesentlich mit dafür gesorgt hat, dass wir noch keine funktionierende Regierungskoalition haben (gegen die man dann gern opponieren darf), laut lesenswertem Zeit-Kommentar Christian Bangels von einer vermeintlich notwendigen »bürgerlich-konservativen Wende« spricht, dann ist das schon beachtlich.

Nur so viel: ich bin so alt, dass ich mich noch an die von Herrn Kohl ausgerufene »geistig-moralische Wende« erinnere. Sie brachte uns unter anderem das Privatfernsehen als Verdummungsmaschine durch Inhalte auf unterstem Niveau. Man darf also Schlimmes befürchten. Und der Begründungszusammenhang, den Herr Dobrindt konstruiert, bestätigt das dann auch gleich.

Dass er dies zudem einbetten will in eine »konservative Revolution« (womit er sich unter anderem in eine mehr als fragwürdige und alles andere als staatstragende Tradition stellt), diskreditiert ihn ihn als ehemaliges Regierungsmitglied über jedes Maß. Der Mann ist als Politiker in einer Bundesrepublik Deutschland untragbar.

Schmuddelig.

Chaos macht Schule – und die Schule.

Der CCC ist eine sehr verdienstvolle Einrichtung, viele der Talks auf seinem jährlichen Congress sind anregend, und wenn wir keinen CCC hätten, müssten wir ihn erfinden. Chaos macht Schule ist eine ehrenamtlich getragene Initiative von CCC-(nahen) Menschen, die in Schulen gehen und dort wichtige Arbeit leisten.

Hier nun beklagt sich der CCC über zweierlei: dass die Leute in der Schule und den Ministerien sehr beschränkt seien und auch im Jahr 2017 noch Hilfe des CCC brauchten.

Dazu ein paar Gedanken: als Lehrer halte ich es immer für wertvoll, echte Fachleute in der Schule zu haben. Das geht so ein bisschen in die Richtung, die Anne Roth (CCC!) hier anspricht und offenbar für richtig hält. Ein echter Informatikmensch (ein echter Imker, eine echte Mechatronikerin, ein echter Landschaftsgärtner, eine echte Astronomin) in der Schule hat eben noch einmal eine andere Bedeutung für Schüler_innen als wir Lehrkräfte, die als zur Einrichtung gehörend wahrgenommen werden.

(Lehrkräfte hätten bezüglich IT generell gern mehr Fachkompetenz in der Schule, beispielsweise bei der Installation und Wartung von IT-Einrichtungen. In der Regel wollen aber Schulträger das nicht zahlen. Hat mit Schule im Grunde gar nichts zu tun, ist aber Bedingung der Möglichkeit von Bildung für die digitale Welt.)

Dass inklusive Medienbildung seit Jahren in den Lehrplänen vieler (aller?) Bundesländer verankert ist, wird von den Vortragenden leider ebensowenig erwähnt wie dass es einen Beschluss der Kultusministerkonferenz gibt, der die Handlungsbedarfe und -strategien in Bezug auf Bildung in der digitalen Welt festschreibt. Wenn all das, was dort geschrieben steht, umgesetzt würde, wäre das im Sinne der Lehrkräfte, der Schulen und vermutlich auch des CCC. Statt allerdings auf diesen Grundlagen aufzubauen, wird als »Realität!« behauptet, an Schulen werde Internet vor Schülern verheimlicht. Ich bitte Euch.

Ich halte es weiterhin für wertvoll, voneinander lernen zu können. Hierfür ist es wenig zielführend, das Gegenüber pauschal als vertrottelt darzustellen.

An keiner Stelle wird erwähnt, dass es viele Lehrpersonen gibt, die zum Teil unter fragwürdigen Bedingungen ihren jeweiligen Teil zur digitalen Bildung beitragen. Dass Schulen und selbst Ministerien sich auf den Weg machen. Dass Schülerinnen und Schüler auch deshalb vieles haben lernen können, was ansonsten unterhalb ihres Horizontes geblieben wäre.

An keiner Stelle allerdings passiert etwas von allein. »Tuwat« halte ich deshalb für einen hervorragenden Leitspruch, love für einen besseren als hate.

Update: Chaos macht Schule weist auf diesen Talk hin – danke!

Laufen 2017.

Im Jahr 2017 gelaufen: 1513 km – meist in der Gegend, aber auch im Urlaub; 10 km dieser Strecke mit dem ersten Paar Mizuno Wave Inspire 12, 929 km dieser Strecke mit zweiten Paar des gleichen Schuhs, 148 km mit dem Nachfolger Wave Inspire 13, 425 km mit dem Wave Mujin 3 G-TX (bei fragwürdigen Bodenverhältnissen auf Feld- und Waldwegen sowie bei Regen oder Schnee). Insgesamt knapp 30 Kilometer weniger als 2016 – im Mai und Juni bin ich aufgrund einer Zerrung fast gar nicht gelaufen, danach habe ich zunächst sehr vorsichtig mit kleinen Strecken wieder begonnen.

Gelesen. Melville.

Herman Melville: Moby-Dick. Übertragen von Matthias Jendis. München: Hanser. 2001.

Natürlich könnte man das Buch auf vielleicht 30 statt der tatsächlich 135 Kapitel einkürzen, wenn es einem nur um die Geschichte der Jagd auf den weißen Wal ginge – für Jugendbucheditionen und Kinderhörspiele ist ja genau das geschehen, und Verfilmungen verfuhren im Grunde genauso. Heute wäre es auch möglich, in einer Doppelfolge einer der neun Staffeln von Moby Dick – die Serie beispielsweise die »cetologogischen« (zum teil arg hanebüchenen) Ausführungen zum Wal schlechthin zu illustrieren, die bislang zu den weggestrichenen Inhalten gehörten, doch der Erfolg dürfte gering sein. Dem Lesevergnügen allerdings schaden die vermeintlich überflüssigen Kapitel nicht, und auch wenn man dem Buch die hastige Arbeit des Autors anmerkt (und durch das kundige Nachwort entsprechend unterrichtet wird), kann die Lektüre empfohlen werden, denn mit dem Buch bekommt die Leserin einen umfassenden Einblick in eine Zeit und ihr Denken, in der der Walfang eine bedeutende, hoch spezialisierte Industrie darstellte.

Die Neuübersetzungen des Klassikers um das Jahr 2000 herum waren für mich die erste Begegnung mit der Auseinandersetzung um das beste Übersetzungskonzept im Belletristikbereich (für mittelhochdeutsche Texte und ihre Übertragungen habe ich Entsprechendes schon vorher studieren dürfen), und die Frage, ob denn Friedhelm Rathjens wagemutige Übersetzung mehr als nur tollkühn, sondern vielleicht maßlos und gar untauglich sei, oder ob Matthias Jendis zu sehr massenkompatibel geglättet habe, erregte das Feuilleton und seine Leser_innen. (Dargestellt beispielsweise in einem Artikel Dieter Zimmers in der Zeit – leider nicht online; dafür hier immerhin ein Vergleich anhand einiger Absätze.)

Ausführliche Blogartikel zum Beispiel bei Ben und bei Marius.

Gelesen. Westerfeld / Puvilland.

Scott Westerfeld / Alex Puvilland: Spill Zone. 1. New York: First Second, 2017.

Ein einige Zeit zurückliegender Unfall in der spill zone unter der Beteiligung von Atom- und Nanotechnik lässt Dinge dort seitdem seltsam sein, weshalb das Areal auch vor der Öffentlichkeit abgeschottet wird. Addison lässt sich jedoch nicht davon abhalten, von Zeit zu Zeit dort einzubrechen und Fotos von den eigentümlichen Veränderungen zu machen – auch um jene zu verkaufen, was ihr und ihrer kleinen Schwester, beide seit dem Unfall verwaist und im Verborgenen allein lebend, das finanzielle Auskommen sichert. Plötzlich allerdings kommt ungewöhnlich viel Geld und eine fremde Macht ins Spiel, und die Aufgabe wird gefährlicher …

Gelesen. McGuire.

Richard McGuire: Here. New York: Pantheon, 2014.

Die in einer Ecke eines mehr oder minder zufälligen (und damit exemplarischen) Wohnzimmers stattfindenden Geschehnisse werden ungeachtet der tatsächlichen Chronologie in Andeutungen entweder allein gezeigt oder in Kombination mit Ausschnitten anderer Zeiten kombiniert – von der Entstehung der Welt bis hin zu Zukunftsvorstellungen (die wiederum heute Gegenwärtiges aufnehmen).