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Laufen 2016.

Im Jahr 2016 gelaufen: 1541 km – meist in der Gegend, aber auch im Urlaub; 58 km dieser Strecke mit dem Mizuno Wave Inspire 11, 955 km dieser Strecke mit dem Mizuno Wave Inspire 12, 274 km mit dem Mizuno Wave Ascend 8, 254 km mit dem Wave Mujin 3 GTX (letztere beide bei fragwürdigen Bodenverhältnissen auf Feld- und Waldwegen sowie bei Regen oder Schnee). Etwa 300 Kilometer weniger als letztes Jahr – mehr Arbeit und drei Wochen gesundheitsbedingtes Aussetzen machen sich bemerkbar.

Gelesen. Tempest.

Kate Tempest: Hold Your Own. Originaltext; ergänzt um Übertragungen von Johanna Wange. Berlin: Suhrkamp Taschenbuch, 2016.

Nachdem Everybody Down hier schon rauf & runter läuft, musste ich auch mal ein wenig in gedruckten Texten Kate Tempests lesen:

Hold Your Own beginnt mit dem Langgedicht »Tiresias«, das den Lebenslauf des Sehers, der uns beispielsweise in Sophokles’ Antigone in der Schreibweise Teiresias begegnen kann, in die aktuelle Zeit überträgt: ein Fünfzehnjähriger stromert der Schule ausweichend durch den Stadtwald, beobachtet Schlangen bei der Paarung. Verstört scheucht er sie auseinander, indem er sie mit einem Stock schlägt, und wird dafür von Hera mit einem Geschlechtswechsel bestraft. Fortan lebte Teiresias jahrelang als Frau, bis sie sich nach einiger Zeit wieder zum Mann verwandeln kann. Er wird in einem Streit zwischen Zeus und Hera als Richter berufen, entscheidet unter Verrat eines weiblichen Geheimnisses zugunsten Zeus’, worauf Hera ihm die Augen nimmt. Zeus versucht dies auszugleichen, indem er Teiresias zum Ausgleich zum Seher macht.

Auf das Langgedicht folgen einzelne kurze Gedichte, die aber in thematische Gruppen geordnet sind – »Childhood«, »Womanhood«, »Manhood«, »Blind Profit« – und damit wie auch innerhalb der einzelnen Gedichte mehr oder weniger explizit auf Tiresias und andere Mythen Bezug nehmen. Gleichwohl werden moderne Ereignisse geschildert, typische Situationen Heranwachsender gezeigt (»Bully«, »Thirteen«), wird vermutlich vielfach biografisches Material verwendet, Großstadtleben vorgeführt, Sprache und menschliches Sein reflektiert.

Language lives when you speak it. Let it be heard.
The worst thing that can happen to words is that they go unsaid.

Let them sing in your ears and dance in your mouth and ache in your guts. Let them make everything tighten and shine.

[…] [Erste Verse von »These things I know«]

Eine Stunde Bewegtbilder einer Performance des Zyklus:


Tempest lesen, hören und sehen kann nicht verkehrt sein.

(Johanna Wanges Übertragung scheint mir inhaltlich stimmig, kann aber der Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Englischen wegen des Rhythmus der Texte nicht 1:1 abbilden. Wo ich Wanges Übersetzung gebraucht habe, wird die Problematik auch gleich offenbar, etwa wenn in der Strophe

You’re the crazy on the corner
Old, and smelling weird
Queuing for electric
With birdbones in your beard. [Aus »Tiresisas«]

der vierte Vers mit »In der Schlange für die Strom-Wertbons« übersetzt wird. Als Nicht-Muttersprachler hätte ich diesen Vers vielleicht nicht genau verstanden, in der Übertragung wird mir der notwendige Hintergrund mitgeliefert, gleichzeitig aber die lakonische Kürze des Originalausdrucks vollkommen konterkariert. Gleichwohl halte ich die Parallelausgabe für empfehlenswert.)

Patti Smith und Bob Dylan.

Man mag ja darüber streiten, ob Bob Dylan nun die richtige Wahl für den Literaturnobelpreis 2016 war oder ob nicht andere diese Auszeichnung viel eher verdient hätten (und in welchem Jahr tun wir das nicht?), was aber in der Annahme bestärkt, es könnte eine weise Entscheidung gewesen sein, ist zum einen Dylans Fernbleiben, zum anderen Patti Smith, die, als Künstlerin fremd wirkend in der scheinfeinen Atmosphäre von Monarchen und Großbürgerinnen, an seiner Statt den musikalischen Beitrag liefert, und die gerade durch die Fehlerhaftigkeit des Vortrags, die stille Würde, mit der sie sich entschuldigt und neu einsetzt, den mittels Preisverleihung nur vermeintlich dem Publikum assimilierten, tatsächlich stets gegenkulturellen Wert des Vorgetragenen bestätigt.


[Update 16.12.2016:] Patti Smith zum Geschehen.

Gelesen. Weyhe.

Birgit Weyhe: Madgermanes. Berlin: avant, 2016.

Miteinander verknüpfte Schicksale dreier junger Menschen aus Mosambik, die von ihrer Regierung der DDR als Vertragsarbeiter zur Verfügung gestellt wurden – angeblich zur Ausbildung, tatsächlich zur Ausbeutung. Nach der Implosion der DDR werden die drei nicht mehr gebraucht, die auch vorher schon spürbaren Feindseligkeiten der Deutschen verstärken sich noch, und so ist die Rückkehr nach Mosambik eine Möglichkeit. Eine Heimkehr allerdings wird es nicht: so fremd die Arbeiter in der DDR und der BRD waren, so fremd sind sie jetzt den Mosambikern, die zuhause geblieben sind und einen Bürgerkrieg miterleben mussten. Die Frage nach der Bedeutung von Heimat stellt sich.

Bei Amazon lese ich die Rezension von Erhard H: »wer sich für die situation der ddr-vertragsarbeiter im sozialistischen musterland, den rassismus und danach interessiert, muss das buch kaufen und lesen.« Das stimmt natürlich nicht. Tatsächlich interessierte ich mich kein Stück (!) für die Situation dieser Menschen – wie auch?: ich wusste ja nicht einmal von ihnen. Die Autorin aber überzeugt auch den Uninteressierten, das ist ihre besondere Leistung mit diesem Comic.

(Und anderer in Bezug auf andere Themen, muss man sagen: ich habe in den letzten Tagen neben diesem noch ein paar andere aktuelle Graphic Novels gelesen, die sich mit Krieg und seinen Folgen, Flucht und Vertreibung sowie der Rolle heutiger Journalisten (Im Schatten des Krieges), Familiengeschichte als Flucht- und Vertreibungsgeschichte (Palatschinken) sowie Kindheit und Geschlechterrollen und -identität (Die Favoritin) befassen. Wer diese Geschichten liest (und sie sind ja prinzipiell deutlich zugänglicher als Vieles, was zur Zeit auf dem Gebiet des Romans Ähnliches versucht), wird erkennen, was (auch grafische) Literatur kann: das allgemein Menschliche im speziellen Leben aufdecken. Die Ähnlichkeit unserer Bedürfnisse zeigen. Und ganz häufig auch: uns Satten zeigen, welches außerordentlich seltene Glück wir haben, ein sattes Leben führen zu dürfen.)

Grafisch besonders in der Integration europäischer und afrikanischer Zeichentraditionen.

Die Website der Autorin.