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Zur Diskussion um »Die Ballade von Wolfgang und Brigitte« …

drüben bei Ben schrieb ich:

Menschen sind Kippfiguren – nie ist nur eine Sicht richtig.

Mit 18 waren wir tolle Typen, und es gibt für uns keinen Grund anzunehmen, dass wir mit jetzt Mitte 30, 40 oder 50 nicht immer noch tolle Typen sind. Von außen sieht das Ganze natürlich ganz anders aus, und ein grauhaariger Zausel, der zur Musik seiner Jugend abrockt, mag uns peinlich erscheinen – für ihn selbst allerdings ist seine Reaktion die selbe wie damals, als er den Song zum ersten Mal hörte. Das Eigentümliche am Altern ist ja, dass wir einen Teil unserer früheren Persönlichkeit in uns bewahren.

(Und dass wir – unabhängig vom Lebensalter – bestimmte Menschen als authentischer wahrnehmen als andere, muss auch nicht bedeuten, dass es so ist.)

So sehe ich den Helden-Song + Video oben als reifer an als so manche jugendlich-kritische Reaktion darauf: er weiß nämlich schon um Wesen und Wert des Familiären, des (gemeinsam) Alterns etc., ohne den Sachverhalten ein Übermaß an Verklärung angedeihen zu lassen: es scheint glühlampenfarbenes Licht – aber die Falten wurden nicht weichgezeichnet.

Neues Schuljahr, neues Glück.

Eine Woche des neuen Schuljahrs ist vorbei, damit viel Organisatorisches, was mit dem Unterrichten noch gar nichts zu tun hat. Was ich unterrichten darf:

Einen zum Zentralabitur führenden Deutschkurs im 13. Jahrgang mit der Korridorformulierung »Literarische Moderne zwischen Tradition und Postmoderne – Die Idee des Neuen / Technik- und Menschenbilder in Lyrik des Expressionismus und der Literatur der Gegenwart« – da ist zwischen Pinthus' Menschheitsdämmmerung und ganz aktueller Literatur alles drin, und es ist schade, dass nicht mehr Zeit bleibt: lese ich Brechts Leben des Galilei, bleibt keine Zeit für Hasenclevers Der Sohn und Schnitzlers Traumnovelle, lese ich Frischs Homo faber (nicht neu, aber funktionierend), kann ich mir Schmidts Schwarze Spiegel nicht erlauben etc. Mal sehen. Ransmayrs Die letzte Welt führte früher mal nicht zu Begeisterungsstürmen, also vielleicht doch lieber Süskinds Das Parfum? Und Kafka sollte auch nicht vergessen werden …

Die S des neuen Deutschkurses mit erhöhtem Anforderungsniveau (früher: Leistungskurs) werde ich zunächst anhand von Kurzprosa (erste Geschichte: Uwe Johnsons »Osterwasser«) kennen lernen, danach werden wir Jugendbezogenes (Wedekinds Frühlings Erwachen; Horváths Jugend ohne Gott; Herrndorfs Tschick gibt's leider noch nicht als Taschenbuch ...) lesen und Grundlagen des Arbeitens mit unterschiedlichen Arten von Literatur einüben. Ich habe hier mehr Stunden zur Verfügung als im anderen Kurs, insofern möchte ich auch die Zusammenarbeit über Onlinewerkzeuge thematisieren, ohnehin der Reflexion über Methoden und Lernstrategien einen größeren Raum einräumen.

In der Philosophie habe ich wie stets je zwei Kurse im 11. und 12. Jahrgang, die mit der Einführung in die Philosophie und anthropologischen Fragestellungen (11) bzw. der Epistemologie (12) starten; außerdem werden wir im 13. Jahrgang in Vorbereitung auf das Abitur mit einem vertieften ethischen Thema, gesellschaftlichen Fragestellungen und Fragen der Medienphilosophie (leider wieder keine philosophische Ganzschrift ...) befasst sein.

Im Buchhandel unterrichte ich zum letzten Mal das Lernfeld »Weitere Warengruppen erschließen« nach altem Lehrplan; der nächste Durchgang an Auszubildenden darf im Unterricht den neuen kompetenzorientierten Lehrplan, an dessen Erstellung ich mitarbeiten durfte, auf seine praktische Eignung überprüfen … wir werden sehen.

Darüber hinaus habe ich mir aus dem Fortbildungsangebot des IQSH schon ein paar Fortbildungsangebote ausgesucht, die ich besuchen möchte, damit ich auch etwas außerhalb meines Unterrichts dazu lerne.

Gelesen. Kämmerlings.

Richard Kämmerlings: Das kurze Glück der Gegenwart. Deutschsprachige Literatur seit '89. Stuttgart: Klett-Cotta, 2011.

Nur in Ausnahmefällen trage ich hier Fach- und Sachliteratur ein; vor allem, weil ich von vielen Büchern (zunächst) nur Teile, zum Beispiel bestimmte Kapitel lese, die ich für irgend etwas (meist Schulbezogenes) brauche. Kämmerlings Überblick über die Literatur seit der Wende ist hier eine Ausnahme, weil er einen klar subjektiven Ansatz bei der Vorstellung der von ihm ausgewählten Titel hat und die Lektüren auch biographisch verortet. Seine Wertungskriterien allerdings legt er offen, und insgesamt ist die thematisch geordnete Präsentation nicht nur kurzweilig, sondern auch mit Gewinn zu lesen. Ich empfehle sie hier also – mindestens als herausfordernde Diskussionsgrundlage im Hinblick auf die vorgestellten Titel – ausdrücklich weiter (auch wenn Kämmerlings die Frechheit besitzt, Juli Zeh zu ignorieren).

Buch bei Amazon angucken.

Nachdenkliche Rechte.

Die inzwischen auch für manchen Konservativen offensichtlich untaugliche Wirtschaftspolitik der letzten Jahrzehnte beleuchtet Constantin Seibt in seinem Artikel Der rechte Abschied von der Politik. Zitiert wird darin etwas Charles Moore, Biograph Margaret Thatchers:

Ich habe mehr als 30 Jahre gebraucht, um mir diese Frage zu stellen. Aber heute muss ich es tun: Hat die Linke doch Recht? […] Die Reichen werden reicher, aber die Löhne sinken. Die Freiheit, die dadurch entsteht, ist allein ihre Freiheit. Fast alle arbeiten heute härter, leben unsicherer, damit wenige im Reichtum schwimmen. Die Demokratie, die den Leuten dienen sollte, füllt die Taschen von Bankern, Zeitungsbaronen und anderen Milliardären.

Leseempfehlung. [Via]