Skip to content

Gelesen. Lehmann.

Matthias Lehmann: Die Favoritin. Übertragen von Volker Zimmermann. Hamburg: Carlsen, 2016.

»Ich ließ den abscheulichen Geruch einer dumpfen Welt hinter mir, in welcher die Hilflosigkeit und die Gemeinheit an der Macht sind.« (Thomas Bernhard: Ein Kind)

Dieses Zitat steht als Motto vor dem düster gezeichneten Roman, der von einem unter Misshandlung und Lieblosigkeit leidenden Kind erzählt, das ein Mädchen zu sein scheint, tatsächlich aber keines ist; dabei steht der Leitspruch von Anfang an für grimmige Hoffnung und traumhafte Fluchten, letztlich aber auch für ein gutes Ende.

Blog des Autors.

Gelesen. Gardam.

Jane Gardam: Letzte Freunde. Übertragen von Isabel Bogdan. München: Hanser Berlin, 2016.

Insgesamt sind die drei Bände Gardams gefällig zu lesen, mit leichten (bewusst gesetzten) Störungen, die das Angenehme der Lektüre jedoch nie gefährden. Ein unsentimentaler Blick auf einen Kreis alter Menschen – im Zentrum ein Ehepaar – und die Geschichte ihres Lebens in spätkolonialen Zusammenhängen.

Der erste Band erzählt das Geschehen aus der Perspektive des Richters Sir Edward Feathers in vielfältigen Rückblenden und Verschränkungen, der zweite mit seiner Frau Betty geb. Mackintosh als Reflektorfigur, der dritte changiert zwischen den wenigen noch lebenden Bekannten (z. B. Fincal-Smith) und klärt die Herkunft des Antagonisten Feathers’ und einmaligen Geliebten Bettys, Terry Veneering. Dabei bleiben die Charaktere lange rätselhaft, ihr Verhalten scheint zuweilen wenig motiviert, schließlich aber (und das macht die Gefälligkeit aus) werden weit zurückliegende Zusammenhänge aus den jeweiligen historischen Kontexten heraus abschließend aufgedeckt.

Gelungenes englisches Erzählen mit hoher Sensibilität für die schrundigen Seelen der Figuren, ohne ein angemessenes Quantum Ironie missen zu lassen.

Konveniert.

Neue Essay-Themen: Arendt, de Waal, Kleist, Beck, Bachmann.

Beim aktuellen Essay-Durchgang (diesmal ausschließlich für meinen Kurs im 13. Jahrgang) greife ich auf die Themen des Bundeswettbewerbs zurück (Themen 1–4) und ergänze nur um drei weitere Denkanlässe, sodass die S die Möglichkeit hätten, ihre Arbeit auch an solchen außerhalb der Schule messen zu lassen.

Hier sind die Themen dieses Halbjahres zum Nachlesen.

Gelesen. Espedal.

Tomas Espedal: Wider die Kunst. Die Notizbücher. Übertragen von Hinrich Schmidt-Henkel. Berlin: Matthes & Seitz, 2015.

Trauer- und Erinnerungsbuch eines Menschen, der seiner Tochter Mutter und Vater sein muss und will. Immer wieder verschmelzend die Rollen und Generationen in Erinnerung und Erleben. Reflexionen über die Funktion des Autors und den Schreibprozess. Herbstlich.

Wie geht’s weiter mit der Schule? (5)

Wahrscheinlich ist es das Alter.

Wenn ich die Diskussionen um den Vorschlag der Bundesbildungsministerin, viel Geld für technische Ausstattung in die Hand zu nehmen und auszugeben, so lese, dann fällt mir auf, wie wenig mich die Argumente für und wider noch interessieren. (Ja, die Investitionen sind nötig, möglicherweise sollte endlich das Kooperationsverbot fallen, nein, wenn WLAN installiert wird, sind die Schultoiletten nicht sauberer, das Mobiliar immer noch rott und die Wände versparkt. – Die greisen Lehrervertreter wollen das Geld nicht, weil es Das Böse in die Schulen bringen könnte, die Digitalisierungsapologeten fürchten um ihren Alleinvertretungsanspruch, ihre Exklusivität. Und so weiter. Ja, und so fort.) Das mag – Alter, eben! – damit zusammenhängen, dass ich sie so oder ähnlich schon viele Male gehört habe. Vor allem aber damit, dass sie in ihrer Pauschalität meist ebenso falsch sind wie diese Aussage.

Jede Meinungsäußerung geht vom ureigenen Standpunkt aus, verabsolutiert ihn und sieht nicht die hundertdrei anderen möglichen. Das eigene Fachwissen und die Vertrautheit mit der je eigenen Situation (die Frau Wanka nun einmal nicht kennen kann, und dann können wir ihr mal so richtig zeigen, wie beschränkt so eine Bundesministerin ist und wie unterschätzt und großartig Die Unbekannte Lehrkraft) werden zur Waffe, an deren Macht wir uns berauschen. Dann wird berechnet, wie wenig Geld mehrere Milliarden sind, wenn wir sie auf einzelne Schüler_innen umrechnen – und das gar als ernsthaftes Argument gegen die Investition betrachtet.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass den Schulen das Geld schaden wird. Wenn Ihr es nicht wollt, werdet Ihr es nicht nehmen müssen. Wenn es Geld für unsere Schule gibt, werde ich probieren, etwas für unsere Abteilung abzubekommen und es nach Beratung mit den Kolleg_innen sinnvoll auszugeben. Wir stehen technisch schon ganz gut da. Aber wir könnten noch besser sein. Wir werden auch mit diesem Geld (wie mit früher ausgegebenem) etwas gestalten, was sich in der Praxis bewähren muss. Wir werden uns die Ergebnisse ansehen: mit einigen Lösungen werden wir scheitern, anderes wird echte Verbesserungen bringen. Und so geht’s wieder von vorn los – wir kennen das doch alle vom täglichen Unterrichten, oder nicht?

Mann, Mann, Mann.

Aber wahrscheinlich ist es das Alter.