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Gelesen. Espedal.

Tomas Espedal: Wider die Kunst. Die Notizbücher. Übertragen von Hinrich Schmidt-Henkel. Berlin: Matthes & Seitz, 2015.

Trauer- und Erinnerungsbuch eines Menschen, der seiner Tochter Mutter und Vater sein muss und will. Immer wieder verschmelzend die Rollen und Generationen in Erinnerung und Erleben. Reflexionen über die Funktion des Autors und den Schreibprozess. Herbstlich.

Wie geht’s weiter mit der Schule? (5)

Wahrscheinlich ist es das Alter.

Wenn ich die Diskussionen um den Vorschlag der Bundesbildungsministerin, viel Geld für technische Ausstattung in die Hand zu nehmen und auszugeben, so lese, dann fällt mir auf, wie wenig mich die Argumente für und wider noch interessieren. (Ja, die Investitionen sind nötig, möglicherweise sollte endlich das Kooperationsverbot fallen, nein, wenn WLAN installiert wird, sind die Schultoiletten nicht sauberer, das Mobiliar immer noch rott und die Wände versparkt. – Die greisen Lehrervertreter wollen das Geld nicht, weil es Das Böse in die Schulen bringen könnte, die Digitalisierungsapologeten fürchten um ihren Alleinvertretungsanspruch, ihre Exklusivität. Und so weiter. Ja, und so fort.) Das mag – Alter, eben! – damit zusammenhängen, dass ich sie so oder ähnlich schon viele Male gehört habe. Vor allem aber damit, dass sie in ihrer Pauschalität meist ebenso falsch sind wie diese Aussage.

Jede Meinungsäußerung geht vom ureigenen Standpunkt aus, verabsolutiert ihn und sieht nicht die hundertdrei anderen möglichen. Das eigene Fachwissen und die Vertrautheit mit der je eigenen Situation (die Frau Wanka nun einmal nicht kennen kann, und dann können wir ihr mal so richtig zeigen, wie beschränkt so eine Bundesministerin ist und wie unterschätzt und großartig Die Unbekannte Lehrkraft) werden zur Waffe, an deren Macht wir uns berauschen. Dann wird berechnet, wie wenig Geld mehrere Milliarden sind, wenn wir sie auf einzelne Schüler_innen umrechnen – und das gar als ernsthaftes Argument gegen die Investition betrachtet.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass den Schulen das Geld schaden wird. Wenn Ihr es nicht wollt, werdet Ihr es nicht nehmen müssen. Wenn es Geld für unsere Schule gibt, werde ich probieren, etwas für unsere Abteilung abzubekommen und es nach Beratung mit den Kolleg_innen sinnvoll auszugeben. Wir stehen technisch schon ganz gut da. Aber wir könnten noch besser sein. Wir werden auch mit diesem Geld (wie mit früher ausgegebenem) etwas gestalten, was sich in der Praxis bewähren muss. Wir werden uns die Ergebnisse ansehen: mit einigen Lösungen werden wir scheitern, anderes wird echte Verbesserungen bringen. Und so geht’s wieder von vorn los – wir kennen das doch alle vom täglichen Unterrichten, oder nicht?

Mann, Mann, Mann.

Aber wahrscheinlich ist es das Alter.

Gelesen. Brod.

Max Brod: Tycho Brahes Weg zu Gott. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch, 1978.

(Mein peinlichster Moment damals im Buchhandel: als ich in der Fachbuchabteilung nach einer Monografie über Tycho Brahe gefragt wurde und nicht wusste, wie sein Vorname geschrieben wird. (Nachname reichte zum Glück auch zum Bibliografieren.))

Gelesen. Barker.

Pat Barker: Die Straße der Geister. Übertragen von Matthias Fienbork. München: Deutscher Taschenbuch, 2002.

Wie die Verleihung des Man Booker Prize 1995 andeutet, ist der dritte Band der Trilogie der stärkste – literarisch in der Zeichnung der Figuren, die immer differenzierter wird, sowie in der Verschränkung von Erinnerungen an die anthropologische Forschung Rivers’, in der gerade der Umgang mit Gewalt und Tod eine zentrale Rolle spielte, mit der Kriegserfahrung Priors und Owens, die zum gänzlich unnötigen, aber gesellschaftlich geforderten Tod der beiden führt, und inhaltlich in der Darstellung des Grauens des Ersten Weltkriegs.

Gelesen. Percy.

Walker Percy: Der Idiot des Südens. Übertragen von Peter Handke. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988.

Offenbar bin ich kein idealer Walker-Percy-Leser (der Übersetzername hätte mich warnen sollen), wie ihn Angela Praesent definiert, denn auch wenn einzelne Figuren und Schilderungen mich berührten, empfand ich den Roman als insgesamt zu lang (was vielleicht, auch das lässt Praesents Rezension vermuten, am wenig sorgfältigen Übersetzer liegt, der offenbar sich selbst wichtiger nimmt als den zu übertragenden Text): Unzuverlässigkeit und borderlineske Verhaltensweisen sind dem Leser auch nach der Hälfte des Buches schon in ausführlichen Variationen verständlich geworden, die ironische Haltung des Erzählers ist ebenso rasch deutlich, und trotzdem würde ich empfehlen, mal hineinzuschauen, denn ein paar Stellen fielen mir doch auf, so, wenn die Sicht der Hauptfigur, des Technikers, auf Mitmenschen beschrieben wird:

»Kennen Sie ihn?«
»Nein«
»Das ist Dr. Moon Mullins, ein lieber Kerl.«
Es muß sich um eine ernste Erkrankung handeln, dachte der Techniker: er findet jeden lieb. [Ebd., 65]

Auch die Herzallerliebste ist manches Mal wenig freundlicher, wenn es um den Blick auf die Menschheit geht (betrifft es hier auch ein einzelnes Exemplar):

Als er sich zwischen den Polstern zurücklehnte, fiel sein Blick auf ein Votivbild. Es zeigte einen Mann, der, von einem Motorrad geschleudert, in einem Graben lag. Er hatte offensichtlich innere Verletzungen davongetragen, denn Blut schoß aus seinem Mund wie aus einem Gartenschlauch.
»Das ist mein Lieblingsbild«, sagte Kitty. »Ist es nicht großartig?« [Ebd., 123]

Wie aus jedem guten Buch kann man natürlich auch Lehren fürs Leben mitnehmen, indem man die Erfahrungen der Figuren als relevant begreift:

»Ich möchte bei einem Menschen immer dessen Philosophie erfahren, und ich möchte Ihnen die meine darlegen.«
Jammer, dachte der Techniker düster. Nach fünf Jahren New York, Central Park und Y.M.C.A. nahm er sich vor Philosophen in acht. [Ebd., 150]

In diesem Sinne.

Gelesen. Eribon.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Übertragen von Tobias Haberkorn. Berlin: Suhrkamp, 2016.

Hin und wieder schickte ich ihnen [den Eltern] eine Postkarte von meinen Auslandsreisen, halbherzig bemüht, eine Verbindung aufrechtzuerhalten, die ich mir so lose wie möglich wünschte. [Ebd., 9]

Diese Ausgangslage wird verändert, als der Vater stirbt, was den Foucault-Biograph Eribon zu einer Auseinandersetzung mit dem für ihn nie heimischen Arbeitermilieu, seinen soziologischen Bedingungen und nicht zuletzt auch zu einer Wiederannäherung an seine Mutter veranlasst.

In seinem autobiographischen Text werden ganz verschiedene Themen methodisch unterschiedlich angegangen: es findet sich die schlichte Erinnerung an Begebenheiten in Kindheit und Jugend, ebenso aber Gesellschaftsanalysen etwa zur Erklärung des Aufstiegs des Front National bei traditionell linken Arbeitern. Auch die eigene Motivation zur Flucht aus dem Herkunftsort – der intellektuellen Provinz – ins zentrale und offene Paris revidiert Eribon: während er lange seine dort nicht akzeptierte Homosexualität zur Erklärung heranzog, sieht er inzwischen die eigene Distanz zum Arbeitermilieu als ebenso wesentlich an – dies ist für ihn auch deshalb umso erstaunlicher, als er als linker Denker gerade in seiner Sturm- und Drangzeit die Interessen der Arbeiterschaft abstrakt verteidigte.

Ein schwierig einzuordnender, meist kluger Text, der nur selten in unnötig akademischen Jargon abrutscht.

Ein Interview mit Didier Eribon findet ihr hier.

»Glück« und »Flow« im Comic.

The Oatmeal betrachtet das im Philosophieunterricht immer mal wieder untersuchte Thema Glück – bei dem bei uns meist nicht nur antike Glückskonzeptionen gegenüber gestellt werden, sondern meist auch auf die modernere Variante Mihály Csíkszentmihályis hingewiesen wird: How to be perfectly unhappy.

Gelesen. Brussig.

Thomas Brussig: Wie es leuchtet. Frankfurt: S. Fischer, 2004.

Wie fern dieses Thema doch schon ist. Wie vertrieben von scheinbar Wichtigerem, vom Alltag: Knalltüten fabulieren vom Niedergang Deutschlands und fühlen sich im vermeintlichen Kampf gegen die Zeitläufte heroisch eins mit dem Lauf der Geschichte, indem sie, das schon damals falsche »Wir« rezitierend, an den Niedergang der DDR erinnern.