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Gelesen. Bradbury.

Ray Bradbury: Die Mars-Chroniken. Zürich: Diogenes, 1981.

Update auf den Wunsch eines Herrn hin:

Das Alter ist den zunächst einzeln in den 1940er Jahren erschienenen Geschichten, die unter dem Titel Die Mars-Chroniken zusammengefasst wurden, durchaus anzumerken – und zwar auf eine sehr positive Weise: keine der Geschichten scheint stromlinienförmig auf einen Markt ausgerichtet geschrieben (obwohl sie das ja sind, und es zeigt sich daran, wie sich der Markt zum Schlechten hin weiter entwickelt hat), vielmehr sind sie schräg, von Witz und zuweilen bösem Humor geprägt, und, obwohl von unterschiedlicher Wucht, nie platt.

Mir gefällt besonders die Geschichte »Da oben, mitten in der Luft«, in der das Erstaunen der Weißen im Süden der USA thematisiert wird, die den Auszug der »Nigger« auf den gelobten Mars erst spöttisch-geringschätzig, dann aber zunehmend irritiert und ängstlich beobachten, den einen oder anderen vom Mitgehen abzuhalten versuchen, darin jedoch des Zusammenhalts der Hoffenden und einzelner weißer Sympathisanten wegen scheitern …

Klasse vor allem der literarischen Bezüge wegen ist auch »Usher II«, in der Bradbury auf die Anfänge der McCarthy-Ära in den USA reagiert und gleichzeitig auf Fahrenheit 451 anspielt. Kontrolleure der vermeintlich richtigen Denkungsart werden mit Nachbauten von Poes phantastischen Erfindungen konfrontiert – der Befehlshaber eingemauert:

»Garrett«, sagte Stendahl. »Wissen Sie, warum ich Ihnen das antue? Weil Sie Mr. Poes Bücher verbrannt haben, ohne sie wirklich gelesen zu haben. Sie haben sich mit dem Hinweis anderer Leute begnügt, daß sie verbrannt werden müßten. Denn wenn Sie sie gelesen hätten, wäre Ihnen beim Betreten der Zelle sofort klar gewesen, was ich mit Ihnen vorhatte. Unkenntnis ist verhängnisvoll, Mr. Garrett.«

Und viele andere interessante Ideen – keine naturwissenschaftlich-technisch argumentierende Science-fiction, sondern eher psycho- und soziologische Gedankenspiele.

– Ja, eine Leseempfehlung.

Gelesen. Beckett.

Bernard Beckett: Das neue Buch Genesis. Bindlach: Script5, 2009.

Aus dem Bücherregal von Kind 1: Science-fiction-Kammerspiel mit ethischen Fragestellungen und Schwerpunkten auf Fragen der philosophischen Anthropologie und den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz. Sicher geeignet als Schullektüre. Vielleicht noch viel besser als Zuhauselesetipp für interessierte jugendliche Leserinnen.

Schleswig-Holstein im Bildungsmonitor.

Den letzten Platz hat Schleswig-Holstein zugewiesen bekommen beim Bildungsmonitor 2012 der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft. Naturgemäß hat dies in Schleswig-Holstein für gelinden Aufruhr gesorgt – allerdings sollte man bei der Analyse und Wertung der Ergebnisse stets bedenken, dass der Auftraggeber der Studie keineswegs ein neutraler Bildungsbeobachter, sondern Lobbyverein ist.

Genaueres berichtet Melanie Richter im Landesblog. Auch die Kommentare sind lesenswert.

Reflexion im Schulalltag.

Herr Larbig lädt ein zur Blogparade »Reflektierende Praktiker« – »Frage an LehrerInnen: Wer führt zur Unterstützung eigener Praxisreflexion ein Arbeitsjournal? Oder: Wie sieht eure ReflexionsROUTINE aus?« und alle, alle kommen.

Nein, kein Arbeitsjournal, das geführt wird, nein, keine Reflexionsroutine im Sinne eines etablierten Rituals.

Ab & zu anlässlich der Halbjahreszäsur entscheide ich mich mal wieder, einen der vielen Rückmeldebögen zu verwenden, die sich bei mir inzwischen angesammelt haben. Allerdings habe ich aus den Ergebnissen noch nie etwas Erstaunliches erfahren – sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht: sind mir bestimmte Aspekte der unterrichtlichen Gestaltung nicht so gut gelungen wie ich es mir vorgestellt habe, bekomme ich doch im Alltag eine ganz unmittelbare Rückmeldung, wenn ich in die Gesichter der S sehe, wenn ich beobachte, wie sie ihre Arbeit aufnehmen (z. B. unwillig-genervt statt freudig-motiviert). Und wenn’s klasse läuft, bemerke ich es auch ohne Bogen (für die dem Zählen Verhafteten unter Euch: natürlich sind es belegbare Indizien, die eine gute Stimmung, förderliche Lernatmosphäre etc. erkennen lassen. Es ist zu hoffen, dass der L sich die notwendige Sensibilität erhält, diese wahrzunehmen). Die Nivellierung durch Betrachtung längerer Zeiträume in Rückmeldebogen lässt wichtige Einzelbeobachtungen ganz verschwinden, eine wichtige Außenseiterrückmeldung wird zum statistisch nicht signifikanten Ausreißerwert. Eine Rückmeldung durch S nach einem Halbjahr sagt möglicherweise mehr über die S als über den Unterricht aus. Mir scheint die unmittelbare Kommunikation, das alltägliche Sichvergewissern durch Nachfragen im Unterricht und die Etablierung einer Kultur des offenen Dialogs zielführender als Rückmeldebogen.

Auf meinen Festplatten gibt es inzwischen selbst erstellte Arbeitsbogen zu vielen Unterrichtsreihen mit vielen verschiedenen Wegen des Abbiegens in unterschiedliche Richtungen. Die handschriftlichen Notizen allerdings, die ich zu einigen Stunden vorab anfertige, verschwinden meist wieder mit dem sommerferienbeginninitiierten Aufräumwahn. Schade, eigentlich. Muss besser werden.

Zur Überarbeitung von Unterrichtsreihen jedoch: was beim letzten Mal nicht gut lief, kann beim nächsten Mal trotzdem das Richtige sein. Zuweilen unterrichte ich zwei Lerngruppen mit identischen Unterrichtsvorhaben – steuert die eine bereitwillig und zufrieden auf einen Stillarbeitsauftrag zu, will die andere lange im UG diskutieren; in der einen Lerngruppe gelingt ein Unterrichtsvorhaben, in der anderen scheitert es (wobei »scheitern« bei langjährig tätigen Lehrkräften ja nicht bedeutet, dass S über Tisch & Bänke gehen, sondern dass man selbst das parallel zur Unterrichtsausführung entstehende ad-hoc-Reflexion evozierende Gefühl hat, es laufe nicht so gut wie es sollte). Auch insofern ist das unmittelbare und aktuelle Erspüren des richtigen Weges eher das Ziel als die vermeintlich in Vorausplanung zu optimierende Überstunde (glücklicherweise habe ich zur Zeit keinen Referendar, der anderes glauben soll).

Ein Grund, warum es passieren kann, dass ich im Lehrerzimmer in mich versunken vor mich hin ins Leere starre: ich denke noch mal drüber nach (manchmal bin ich natürlich auch einfach müde).

Seit einiger Zeit laufe ich zweimal pro Woche (öfter klappt aus Zeitgründen nicht). Die Stunden, die ich beim Laufen zubringe, sind mir auch für die Arbeit wichtig. Nicht nur bemerke ich Zipperlein an/in diesem oder jenem Teil vornehmlich des Bewegungsapparates, die sich durch Weiterlaufen auf diese oder jene Art weiterentwickeln und schließlich meist verschwinden, nicht nur sehe ich Rehe, Fruchtstände des Aronstabs und genieße die Bewegung in frischer Luft und im Freien, in Wald und Feld, sondern auch so manche Begebenheit aus dem schulischen Alltag wird noch einmal durchdacht und eingeordnet. Ganz in Ruhe und ohne Ablenkung.

Hm. Wenig Systematisches, was als Tipp weiter gegeben werden könnte. Aber Philosophielehrer sind ja ohnehin schon fachspezifisch geschädigt in steter Reflexion befangen …

Rundbrief 44 des Fachverbandes Deutsch.

Auch der Rundbrief (44) 2012 des Fachverbands Deutsch im Deutschen Germanistenverband – Landesverband Schleswig-Holstein steht nun zum Download zur Verfügung.

Wie sich von selbst versteht, bekommen Mitglieder des Verbands eine fein gedruckte Version, die noch viel schöner ist. (Es gibt eine Informationsseite zur Anmeldung im Fachverband mit diversen Kommunikationswegen.)

Außer dem üblichen Editorial vom Redakteurssetzer (oder wie das heißt) gibt’s meinerseits diesmal eine gedruckte Fassung der hier regelmäßig Mitlesenden schon bekannten Kurzserie zur Liebe, dem Leben und der Lyrik sowie einen kleinen Artikel zu Tiny Tales.

(Der Rundbrief ist natürlich wieder gesetzt in LaTeX, Titelseite mit Scribus.)

Tiny Tales im Twitter-Format.

[Dieser Text erschien erstmals im Rundbrief des Fachverbandes Deutsch im Deutschen Germanistenverband, Landesverband Schleswig-Holstein/Hamburg.]

Den das Fach Englisch unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen sind sie vermutlich schon länger bekannt: tiny tales – Geschichten noch kürzer als Kürzestgeschichten.

Mit Florian Meimbergs Auf die Länge kommt es an (Affiliate-Link) ist ein aktueller Anlass erschienen, die winzigen Geschichtchen auch einmal im Deutschunterricht als kreativen Schreibanlass auszuprobieren (passenderweise nur eine Kleinigkeit, aber eine, die den S durchaus Freude bereitet, weil sie ähnlich wie das eigene Schreiben von Haikus und ähnlichen kleinen Formen einerseits herausfordernd, andererseits durchaus beherrschbar ist – optimal mithin, um in den von Mihaly Csikszentmihalyi für solcherlei Tätigkeiten prophezeiten Flow zu geraten).

Meimberg veröffentlichte auf seinem Twitter-Account fortlaufend kleine Geschichten, die aufgrund der technischen Begrenzung des Nachrichtendienstes auf höchstens 140 Zeichen festgesetzt sind. Viele dieser tweets sind jetzt in der schon erwähnten gedruckten Form erschienen, sodass Sie einige davon für den Unterricht auswählen können. Im Unterricht kann dann zunächst die Konstruktion dieser Geschichten analysiert und dann nachgebastelt werden. (Möglich ist es natürlich, diese Texte nicht nur als Twitter-Texte mit der dort gegebenen Zeichenbeschränkung zu simulieren, sondern sie dort unter einem Klassen-/Kursaccount auch zu publizieren …)

Zwei Beispiele zur Verdeutlichung, von denen das zweite näher betrachtet werden soll:

»Trick or Treat?« Die verkleideten Kinder strahlten die Rentnerin an. »Kommt doch rein«, sagte die Kreatur. Sie schwitzte unter der Maske. (Meimberg, 109)

Behutsam setzte Dr. Perez das Skalpell an. Mit einem feinen Schnitt durchtrennte er das Gewebe. Grelles Tageslicht flutete herein. (Meimberg, 55)

In den ersten beiden Sätzen wird durch die Skizze einer Situation eine Erwartung evoziert, die mit dem letzten Satz gezielt enttäuscht wird. Während der Leser die ersten beiden Sätze beispielsweise als Beschreibung einer Operation liest, findet im dritten Satz ein Perspektivwechsel statt: der Leser sieht nicht mit Dr. Perez von außen auf etwas Operiertes, sondern offenbar von innen! Die Situation muss also eine vollkommen andere als die zunächst vorgestellte sein – welche, ist der Vorstellungskraft des Rezipierenden überlassen. Das Spiel der im Sinne Ecos offenen Texte mit Schauer-, Horror- und anderen Genre- und Popkulturelementen bereitet sowohl Lesern wie auch nach diesem Muster kreativ schreibenden Schülern Vergnügen – und wer erst einmal mit dem Schreiben der kurzen Texte begonnen hat, will vielleicht auch die lange Version schriftlich fassen …

Gelesen. James.

Henry James: Die Drehung der Schraube. Zürich: Manesse, 2010.

(Wenn ich nichts übersehen habe, der letzte Nachtrag aus offline-Ferienzeiten.)