Skip to content

Zu Moby Dick und Bartleby.

Auf Bens ausführlichen Lektürebericht über Melville/Rathjens Moby Dick hin schrieb ich:

Dass Moby Dick als Mythos auch demjenigen bekannt ist, der das Buch nicht gelesen (und vielleicht auch Verfilmungen nicht gesehen) hat, ist schon etwas Besonderes – schön, dass Du uns hier an der Entdeckung dieser Welt teilhaben lässt.

Als ich letztens Bartleby, der Schreiber las, ging’s mir ähnlich: den wesentlichen Inhalt der Geschichte (ein Mensch weigert sich mit der Begründung »Ich möchte lieber nicht« die ihm übertragenen Aufgaben zu erledigen) kannte ich eben schon. Allerdings erwartete ich in meiner Unkenntnis auch in diesem Fall, dass es sich um ein viele hundert Seiten langes Werk handeln müsse – Pustekuchen!: gut 70 Seiten sind’s. Und da wird für mich die Frage nach dem Entstehungsprozess von Moby Dick wieder interessant: wieso wird die eine Geschichte so denkbar knapp, die andere so enzyklopädisch erzählt? Der reine Kern ist doch in jedem Falle kurz.

Vielleicht also das Vorhaben für ein kollaboratives Internet-Schreibprojekt: man schreibe gemeinsam den Bartleby neu: enzyklopädisch, datenbankgestützt, facettenreich das Negieren der Zumutung immer aufs Neue deklinierend und damit ein Abbild des Lohnschreibers heutiger Zeiten liefernd.

Gelesen. Euripides.

Euripides: Medea. Übersetzt von Karl Heinz Eller. Stuttgart: Reclam, 1983.

(Besucht man eine Fortbildung zu Christa Wolfs Medea. Stimmen, wird in Diskussionsbeiträgen gern in simpler Schwarzweißzeichnung die frauenfreundliche Darstellung Wolfs gegen die vermeintlich frauenfeindliche Euripides’ (die auch nicht jeder wirklich zu kennen scheint) ins Feld geführt. Im Nachwort zur oben angeführten Übersetzung wird die These vertreten, dass das möglicherweise so gar nicht richtig sei, vielmehr schon die außergewöhnlich ausführliche Darstellung des existenziellen Konflikts, den Medea mit sich selbst austrägt, ein für die Zeit ausnehmend positives Signal dargestellt habe [vgl. Nachwort, 132]. Damit wäre das Drama deutlich weniger zeitgeistkonform gewesen als Wolfs Erzählung in den 1990er Jahren.)

Digitale-Schulbuecher.de ist in echt ja eigentlich eine hervorragende virale Marketingmaßnahme für das gedruckte Buch.

Die gemeinsame Plattform der Schulbuchverlage ist online und natürlich habe ich sie auch gleich ausprobiert. Hinterher versuchte ich zunächst, die Erfahrung zu verdrängen. Andere sind da klüger und stellen sich ihren Traumata:

Damian Duchamps schreibt einen langen Artikel über die Erfahrungen, die man beim Testen durchleben darf – und ich habe kommentiert:

Read the Printed Word!
Ich habe mich eine halbe Stunde mit dieser Plattform beschäftigt (bin also nicht so weit gekommen wie Du) und weiß nun, dass mindestens ein Jahr vergehen wird, bevor ich ihr versuchsweise noch einmal eine halbe Stunde schenke.

Der primäre Gedanke beim Entwurf des Verkaufstresens war offenbar der der Sicherung vor unberechtigten Kopien. Geld gebe ich aber nur für Produkte aus, die mit dem Gedanken an möglichst vielseitige und einfache Nutzbarkeit entworfen wurden. Solange ein E-Book schlechter ist als ein echtes (obwohl es den technischen Möglichkeiten nach viel besser sein könnte), ist es seinen Preis nicht wert.

Gelesen. Cervantes.

Miguel de Cervantes Saavedra: Der geistvolle Hidalgo Don Quijote von der Mancha. 2 Bde. Übersetzt von Susanne Lange. München: Hanser, 2008.

Als ich die Lektüre begann, vor zwei Jahren im Sommer, meinte ich, dies sei schon passend, das Buch der spanischen Literatur in der Sommerwärme zu beginnen. Doch es passte weniger als erwartet und die Lesefreude wollte nicht so recht aufkommen. So stellte ich die Bücher erst einmal ins Regal.

Als nun Kind 1 eine Lesung von Flix besuchte und mit der (gelungenen) Comic-Adaption des Don-Quijote-Stoffes zurückkehrte, war klar: dies ist der Anlass für den zweiten Anlauf. Seit so einiger Zeit habe ich nicht nicht mehr so lange (mehrere Wochen) an einem Buch gelesen (es sind auch über 1200 Seiten), dabei durchaus erfreut vor allem durch den sprachlichen Witz, den Susanne Lange in die Übersetzung gerettet hat. Lohnend mithin die schöne Ausgabe von Hanser.

Im Regen laufen.

Ganz und gar allein unterwegs war ich auf Wegen, auf denen man normalerweise immerhin Hundespazierenführern und vereinzelten verirrten Touristen begegnet.

Den Regen – nicht stark, aber beständig – bemerkt man mit der richtigen Kleidung gar nicht so sehr, allerdings sollte ich mir merken, dass bei windstillen 11°C statt des Langarmshirts noch ein T-Shirt unter der Regenjacke gereicht hätte. So war mir den ganzen Lauf über zu warm.

Als weiteres Verzögerungsmoment wirkte die schlechte Sicht: meine Brillengläser waren rasch betropft, und wo dies nicht, beschlagen, sodass ich auf den dunkleren Passagen im Buchengehölz lieber ohne Brille lief. In jedem Fall war das visuelle Erlebnis impressionistisch (man denke an den späten Monet), das Tempo aus Sicherheitsgründen mithin eher verhalten.

Klar natürlich, dass zwei Kilometer vorm Ziel der Regen versiegt, die Wolken aufbrechen und schließlich schönsten blauen Himmel freigeben. Seitdem scheint die Sonne.

Schön war’s trotzdem.