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Gelesen. Carr.

J. L. Carr: Die Lehren des Schuldirektors George Harpole. Übertragen von Monika Köpfer. Köln: DuMont, 2019.

Carr wusste offenbar aus eigener Erfahrung, von was er schrieb, als er in einem in den 1950er Jahren spielenden Schulroman die Auseinandersetzung mit Schuladministration und Umfeld thematisierte. Die erwähnten Eigentümlichkeiten, die fragwürdigen Hierarchien und behäbigen Entscheidungswege, die in Funktionen erstarrten Theoretiker, all das, was Außenstehende unbegreiflich fänden – all das ist heute selbstverständlich ganz anders.

Gelesen. Chabon.

Michael Chabon: Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay. Übertragen von Andrea Fischer. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2002.

Ein Roman über die US-amerikanische Comic-Industrie und die in ihr Schaffenden vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg und als solcher durchaus lehrreich. Kavalier, vor den Nazis aus Prag geflohener Jude, der sich dazu natürlich des Golems bedienen musste, und Clay, sein Cousin, erdenken Geschichten um den Superhelden Eskapist, die ein zunehmend größeres Publikum des aufstrebenden Mediums liest. Man könnte es als Absicht verstehen, dass der Roman ebenso wie die entstehenden Hefte von einer mindestens zeitweise übertrieben erscheinenden Breitwandüppigkeit zeugt – Farben nicht von Technicolor, sondern noch greller, dabei ebenso grob gerastert wie der Druck der frühen Superman-Hefte –, und damit einer Überwältigungstrategie durch immer mehr vom Besten folgt, die wie beim Hollywood-Film in technischer Perfektion Qualität bedeuten soll und doch mehr oder minder willkürlich kombinierte Inhalte – behauptete Freude, Liebe, gezeigtes Leid – stets nur als Mittel zum Zweck verstehen kann. So reicht es nur zum Melodram.

»Was könnte den Figuren denn noch so passieren?« scheint häufiger die Frage gewesen zu sein, die sich Chabon beim Schreiben stellte. Darin ist er seinen Figuren ähnlich, deren Schaffensprozess genau und schlüssig gezeigt wird: die Variationen von Superheld*innen, die jeweils gewisse Ähnlichkeiten haben dürfen, aber auch nicht zu viele, damit nicht die Copyright-Klage des Konkurrenten folgt. Die immer neue, noch unwahrscheinlichere Abenteuer bestehen, Kräfte entwickeln, Feinde besiegen müssen, um die Leser*innen jede Woche neu von der Notwendigkeit des Kaufes zu überzeugen. Nun, manchmal funktioniert’s halbwegs. Übrigens gerade dann, wenn es nicht um neue Abenteuer der Figuren geht.

Wie viele einsame Kinder war sein Problem nicht die Einsamkeit an sich, sondern dass er nie allein gelassen wurde, um sie zu genießen. Es gab immer wohlmeinende Erwachsene, die versuchten, ihn zu bequatschen, zu bessern und zu beraten, zu bestechen, zu beschwatzen und zu bedrohen, damit er sich Freunde suchte, laut und deutlich sprach, an die frische Luft ging; und am schlimmsten waren die anderen Kinder, die offenbar nicht spielen konnten, ohne ihn bei gemeinen Spielen auzuziehen, oder ihn nachdrücklich auszuschließen, wenn die Spiele nett waren. [Ebd., 658]

Abgesehen von der fragwürdigen Struktur des ersten Satzes, die auch der Übersetzung geschuldet sein kann, eine treffende Beschreibung – die jedoch auch das Problem des Autors im Überborden der Einfälle zeigt: es reicht eben nicht das »bequatschen«, nein, es müssen noch fünf weitere Möglichkeiten gefunden werden, die zudem teilweise gleichbedeutend sind.

Am gelungensten erscheint mir die Episode, in der die Protagonisten Welles’ Citizen Kane sehen und Kavalier aufgrund der ihn zutiefst beeindruckenden innovativen Machart des Films eine ganz neue Art der Bildsprache im Comic entwickelt.

Über die lange Strecke der Erzählung aber (über achthundert Seiten!) bleibt ein schales Gefühl.

Gelesen. Sterne.

Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Übertragen von Michael Walter. Berlin: Galiani, 2018.

Zum ersten Mal las ich das Buch in meiner Buchhandelszeit um 1990 herum, damals in der Ausgabe bei Artemis & Winkler, die mir aber zwischenzeitlich unerklärlicherweise abhanden kam, sodass ich nicht einmal nachsehen kann, ob es die Übersetzung von Bode war (was ich vermute). Definitiv enthielt sie die Sonderseiten nicht, die in der Neuausgabe bei Galiani (zuerst erschienen vor Urzeiten bei Haffmans) zumindest näherungsweise nachgebildet werden. Die Übersetzungs- und Editionsgeschichte übrigens wird im Nachwort ausführlich dargestellt.

Insgesamt (wie allerorten nachzulesen) eine sehr verdrehte Geschichte, deren Erzähler erst sehr spät als (auch dann nur selten) handelnde Figur eingeführt wird, vielmehr mittels der Kombination von verschrobenen Charakteren und grotesken Handlungselementen jede Ernsthaftigkeit ad absurdum führt – sei es zum Teil auch mit heutzutage sehr derb anmutenden humorigen Galanterien und mehr als offensichtlichen Anspielungen auf sexuelle Eigenheiten und Handlungen. Heute noch lesenswert aufgrund des Feuerwerks an Konstruktionseinfällen Sternes, die das erzähltheoretische Herzirn erfreuen, aber auch des freigeistigen Entlarvens vorgeblich wissenschaftlicher und zeitgemäßer geistlicher Übungen wegen.

Wertvoller Anmerkungsapparat, gute Fadenheftung, Lesebändchen. Was will man mehr?

Comics bei Ben.

Und dann lest mal rasch die Graphic-Novel-Empfehlungen bei Ben – nicht alles unbedingt mein Geschmack (allein von Gung Ho weiß ich, dass es mir gefiel), aber andere mögen das anders sehen, nachdem sie die Titel so enthusiastisch ans Herz gelegt bekommen haben.

Gelesen. Typex.

Typex: Rembrandt. Hamburg: Carlsen, 2019.

Opulent ausgestatteter Band vorzüglicher Herstellungsqualität.

Aus der letzten Woche …

Schule ist ein wenig fordernd momentan, weil bei einer dünnen Personaldecke auch kurze krankheitsbedingte Ausfälle von Kolleg*innen (von den langen zu schweigen) zu deutlichem Mehreinsatz führen. Das strengt die verbleibenden an, wenn sie auch – wie die Schüler*innen – guter Dinge zu bleiben suchen … Für mich bedeuten mehr Unterrichtsstunden, dass kaum Zeit für die Leitungsarbeit bleibt und das eine oder andere länger liegen bleibt, als es gut ist. –

Bei der Benotung im BG führen unter Lehrkräften nicht optimal abgestimmte Bewertungskriterien zu Enttäuschungen bei Schüler*innen, die noch im Jahr zuvor bei anderen Kolleg*innen bessere Noten erhielten als jetzt. –

Unzufriedenheit mit der technischen Ausstattung bestimmter Abteilungen der Schule, in denen zeitgemäßer Unterricht (zum Beispiel à la Blume) kaum möglich ist, und der Anbindung an Netz – daran soll sich zwar bald etwas ändern, doch ich glaube es erst, wenn’s soweit ist. In unserer Außenstelle liegt das Glasfaserkabel seit Anfang Juli 2018 (ein damals schon deutlich verzögerter Termin) und IQSH und Dataport wiederholen seitdem die immer gleichen unzureichenden Gründe, warum unser pädagogisches Netz nicht endgültig mit dem Kabel verbunden wird. –

Kürbis-Knödel mit MangoldEin Foodblogger wird aus mir nicht mehr, aber festhalten möchte ich doch zumindest, dass die angebratenen Kürbis-Knödel nach Salzkornküchenrezept vorzüglich schmecken. Zwar habe ich nur die Hälfte des Solawi-Butternusskürbisses (dafür alle Kartoffeln und die Mangoldlieferung) verarbeiten können, doch das Ergebnis waren trotz des verwendeten Vollkornmehls überraschend fluffige Klöße. Aufwendig, aber lohnenswert. –

Pilze im GartenIm Garten herbstet es vor sich hin und die Pilze sprießen beim Flieder und unterm Pflaumenbaum. –

Andauernde Lektüre von Sternes Tristram Shandy in Michael Walters Übersetzung bei Galiani. Zudem grafische Literatur für die Graphic-Novel-UE bei den Buchhändler*innen sowie die Philosophinnen-Sondernummer des Philosophie-Magazins.

Gelesen. Janka.

Walter Janka: Schwierigkeiten mit der Wahrheit. Reinbek: Rowohlt Taschenbuch, 1989.

Das Buch habe ich in meiner Buchhandelszeit zwar verkauft, aber nicht gelesen (wo anfangen, wo aufhören, wenn man täglich eine vortrefflich sortierte Buchhandlung um sich hat?). – Jetzt nachgeholt: die Geschichte des Leiters des Aufbau-Verlags, der im Zuge spätstalinistischer Säuberungen dem Staat zum Opfer fällt. Nach wie vor schauderhaft zu lesen.