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Gelesen. Von Ranke-Graves.

Titelbild: Antike in 50er-Jahre-ÄsthetikRobert von Ranke-Graves: Nausikaa und ihre Freier. Übertragen von F. G. Pincus. Berlin: Blanvalet, 1956.

Nausikaa wird vorgestellt als selbstbewusste und kluge Königstochter, die anlässlich der Abwesenheit ihres Vaters und der Ansammlung vieler diese Absenz nutzenden halbstarken Freier sowie der zufälligen Ankunft eines kretischen Schiffbrüchigen ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Später verarbeitet sie ihre Erlebnisse in einem viele tausend Verse langen Epos, als dessen Autor Homer bekannt werden sollte …

Gelesen. Homer.

Homer: The Odyssey. Translated by Emily Wilson. London: Norton, 2018.

Den ersten Hinweis auf die neue Übersetzung der Odyssee durch Emily Wilson bekam ich von unserem E-Kind. Zunächst hielt ich die Übersetzung für nur bedingt interessant, weil es ja auch Übertragungen der Odyssee ins Deutsche gibt und eine von einem Nicht-Muttersprachler gelesene Übersetzung ins Englische immer eine gelinde Lektüreerschwernis mit sich bringt, doch dann häuften sich die Anzeichen (die ich ohne den ersten Hinweis vermutlich übersehen hätte), dass es anders sein könnte, beispielsweise Artikel in der NYT, im Guardian und anderswo.

Ich las dann eine Weile auf Wilsons Twitteraccount mit, und was sie dort an Details zur Übersetzung erzählte, zeigte, dass ich hier eine Menge lernen könnte. Beispielsweise belegt Wilson im Thread zur Sirenenepisode den Einfluss des männlichen Blicks der Übersetzer auch auf inhaltliche Aspekte der Übersetzung, sodass die Sirenen, die durch ihr Wissen verführen wollen, stattdessen als körperlich verführerisch sexualisiert werden. Dass die Übersetzung (»Lippen« statt »Münder« für στομάτων) nicht nur vom Wort her falsch ist, sondern auch den Sinn im Kontext verfälscht (Münder sind für Odysseus bei Homer immer bedrohlich, Lippen nicht; dieser Gegensatz wird in vielen bisherigen Übersetzungen nivelliert), zeigt, dass es tatsächlich um Details geht, wenn Übersetzer*innen ans Werk gehen, und dass (bewusste oder unbewusste) Vorstellungen und Intentionen dabei eine gewichtige Rolle spielen.

In meiner Zivildienstzeit las ich begleitend zum Ulysses die Schadewaldtsche Prosaübertragung; Voß’ Verse waren mir immer zu sperrig, um mehr als nur einzelne Stellen goutieren zu können. Wilsons Versübertragung hingegen ist (auch allein und heimlich laut gelesen) rhythmisch ein Genuss, auch wenn sie – wiederum wohlbegründet – die originalen Hexameter nicht etwa abzubilden versucht, sondern stattdessen jambische Pentameter nutzt, um mittels einer dem aktuellen Alltagsenglisch nahen Sprache einerseits die Inhalte genau zu übersetzen, andererseits aber gerade durch den Verfremdungseffekt des nicht künstlich archaisierenden Ausdrucks zu verdeutlichen, dass Homers Original wie die Zeit, von der er erzählt, fern bleiben müssen.

Neben ausführlichen Anmerkungen zur Übersetzungsarbeit finden sich dem Text vorangestellt auch eine Einführung in den historischen und kulturellen Hintergrund, zum Autor (inklusive der homerischen Frage) und Text, zu einzelnen Figuren und -gruppen etc.

Ihre Anmerkungen beendet Wilson mit den – sowohl auf die Figur Odysseus als auch auf den Text anwendbaren – Worten:

There is a stranger outside your house. He is old, ragged, and dirty.

He is tired. He has been wandering, homeless, for a long time, perhaps many years. Invite him inside. You do not know his name. He may be a thief. He may be a murderer. He may be a god. He may remind you of your husband, your father, or yourself. Do not ask questions. Wait. Let him sit on a comfortable chair and warm himself beside your fire. Bring him some food, the best you have, and a cup of wine. Let him eat and drink until he is satisfied. Be patient. When he is finished, he will tell his story. Listen carefully. lt may not be as you expect. [Ebd., 91]

Ein empfehlenswertes Bildungserlebnis!

(Nachtrag 19. Oktober 2018: ausführliche Rezension von Julia Rosche bei TraLaLit.)

Räuber der Nordsee.

Zu Bens Blogpost schrieb ich:

Oh, wir haben das (zu viert) seit mehreren Wochen jeden Samstag gespielt; es hat also definitiv Wiederspielwert. Interessanterweise sind Gewinner und Verlierer bei diesem Spiel nicht dieselben wie normalerweise (wir haben in unserer Spielerunde eine klare Favoritin für viele andere komplexe Spiele) und es lässt sich auch nur schwierig vorhersagen, wer gewinnen wird; die Spielmöglichkeiten (und Schwerpunkte für das Sammeln von Punkten) sind doch erstaunlich variabel. Was das Artwork anbetrifft, stimme ich Dir voll zu: sehr anders, nicht so bedrückend niedlich wie so manche Spielgestaltungen, ohne indes in Metal-Düsternis zu versinken.

Mithin eine echte Empfehlung für Spieler*innen.

Kirschblüten.

Kirschblüte

Den Frost der letzten Nacht haben sie glücklicherweise überstanden (anders als voriges Jahr, als tiefe Nachtfröste die Blüten zerstörten, sodass wir im Sommer keine Kirschmarmelade bereiten konnten).

Kirschblüte

Gelesen. Hardy.

Thomas Hardy: Jude Fawley, der Unbekannte. Übertragen von Alexander Pechmann. München: Hanser, 2018.

Ein Buch, das schon aufgrund der Ausstattung (Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen) zum Lesen einlädt: eine weitere schön gestaltete Neuübersetzung eines Klassikers bei Hanser.

Die Geschichte selbst ist so eine Art »Reihe betrüblicher Ereignisse« für Erwachsene, Schopenhauer reloaded: das einfache ländlich aufwachsende Waisenkind Jude hat den Hang zum Höheren, will – durch Phillotson, einen Dorfschullehrer, intellektuell herausgefordert – lernen und wissen, bringt sich selbst die alten Sprachen bei und scheitert doch: an seiner Naivität, was den Umgang mit Frauen anbelangt (was ihm rasch eine im Lebensplan bislang nicht vorgesehene Ehe mit Arabella, einer weiteren Dörflerin, einbringt), aber auch an den Klassenschranken, die einen Autodidakten vom Dorf aus der höheren Bildung ausschließen, sodass er den größten Teil seines Lebens als Steinmetz arbeitet.

Pessimismus pur also; ein paar Stationen im Einzelnen: Die Ehe scheitert, Jude geht nach Christminster (i. e. Oxford), wo er von den Professoren als Student abgelehnt wird, lernt die städtisch geprägte Sue, die Liebe seines Lebens, kennen, kann sich ihr aber aufgrund der bestehenden Ehe nicht über freundschaftliche Dienste hinaus nähern; er vermittelt ihr einen Arbeitsplatz bei Phillotson, worauf sie sich diesem, ihrem künftigen Vorgesetzten, anverlobt; unerlaubte Annäherungen zwischen Jude und Sue finden statt, Sue heiratet aus Pflichgefühl trotzdem Phillotson (und Jude führt sie zum Altar!), ist in der Ehe ebenso unglücklich wie Jude in seiner. Beide Ehen werden gelöst, die Liebenden flüchten, Leser*innen könnten an ein gutes Ende glauben, denn endlich sind die beiden frei füreinander, doch die nächste Hürde ist schon bereitgestellt … und Ihr seid gewarnt: es wird sehr bitter!

Begleitet und beeinflusst wird die (bis zum Schluss scheiternde) Liebeshoffnung durch Auseinandersetzungen um individuelle, gesellschaftliche und besonders natürlich kirchlich gebotene Moralvorstellungen, das Ringen um die richtige Form von Lebensgemeinschaft sowie die Frage der Bedeutung von Bildung, sozialem Stand und privater Zufriedenheit, dem richtigen Verhältnis von Pflichterfüllung und Wollen.

Jude ist stets nur der Reagierende; er wird kalt manipuliert (von Arabella, die bis zum Schluss immer wieder neue Intrigen ersinnt) oder in seinem dogmatischen Denken herausgefordert (durch Sue); wenn er selbst sich zu Handlungen entscheidet (bzw. von seinem Willen getrieben wird), haben diese meist schlechte Auswirkungen auf sein weiteres Leben.

Die interessantere Figur ist Sue, die als unkonventionell, unabhängig, klug und stark gekennzeichnet wird – Jude sieht sie als »Poetin, Seherin, eine Frau, deren Seele wie ein Diamant glitzerte« (ebd., 520), und sie habe ihm die Freiheit gebracht, indem sie ihn dazu brachte, »das Christentum, den Mystizismus, oder das Pfaffentum oder wie man es sonst nennen will zu hassen« (ebd.). –

Aus dem Nachwort erfährt man, dass die Publikumsreaktion auf dieses Buch Ende des 19. Jahrhunderts – kaum erstaunlich – mehrheitlich negativ war (was Hardy davon abhielt, weitere Romane zu schreiben). Im Regelfall ist dies schon eine Empfehlung für die Leser*innen des 21. Jahrhunderts.