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Gelesen. Maljartschuk.

Tanja Maljartschuk: Biografie eines zufälligen Wunders. Übertragen von Anna Kauk. Wien: Residenz, 2013.

Auch dieser Blick in die ukrainische Literatur lohnt. Maljartschuk begleitet hier Lena vom Kindergarten- bis ins Erwachsenenalter im Entstehen des ukrainischen Staates nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion. Bitterhumorig geschildert kollidiert die Protagonistin immer wieder mit den Zumutungen der Gesellschaft, die Kapitalismus übt und Bürokratie beherrscht.

Empfehlenswert.

Krieg · Grenzen · Lesen · Migration · Atomkraft · Klima.

Nach wie vor halte ich es für einen entscheidenden Beweis für die Nichtexistenz Gottes, wenn ein Mensch wie Putin nicht (spätestens) im Moment des Marschbefehls für seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine vom Blitz getroffen wird. Kein normaler Mensch braucht einen Krieg. Wir kommen alle gut ohne aus. Allein ein vereinsamter KGB-Pensionär mit verklärten Erinnerungen an goldene Zeiten der Sowjetunion meint seine Senilität mit einem Krieg unter Beweis stellen zu müssen. Wie viel Leid bei wie vielen Menschen entsteht, weil ein einziger Mensch eine falsche Entscheidung trifft (und die Leute in seiner Nähe nicht die Kraft haben, ihm in den Arm zu fallen)! –

Kenyas Botschafter spricht über Grenzen. [Via fefe] –

Wenn ich etwas begreifen will, lese ich. –

Heute in der Deutsch-Stunde aus Gründen über Migration gesprochen. Einige Schüler*innen stammen aus Gebieten, die früher mal der Sowjetunion angehörten, und sprechen daher Russisch. Ich empfinde die Vielsprachigkeit (auch wenn im Unterricht die hiesige lingua franca gesprochen werden sollte) und die dahinterstehenden Familiengeschichten als einen Gewinn und hoffe, sie merken sich Vieles, um es ihren Kindern weiter erzählen zu können. –

Dass man in Zeiten, in denen man glaubt, 100 Milliarden Euro (!) für die Bundeswehr ausgeben zu müssen, weil militärische Auseinandersetzungen wieder für wahrscheinlicher gehalten werden, über das Weiterbetreiben von Atomkraftwerken über den vereinbarten Zeitpunkt hinaus auch nur nachdenkt, ist ja auch einigermaßen abenteuerlich. –

Die Vorstellung des IPCC-Reports versickert. Von anderen Entwicklungen wie dem Rückgang der Biodiversität etc. ganz abgesehen.

Gelesen. Zhadan.

Serhij Zhadan: Internat. Übertragen von Juri Drukot und Sabine Stöhr. Berlin: Suhrkamp, 2018.

Pascha, ein Lehrer für Ukrainisch im Donbass, soll wegen der militärischen Aktivitäten seinen dreizehnjährigen Neffen aus dem Internat am anderen Ende der Stadt holen. Unter normalen Umständen kein Problem – wenn aber Krieg herrscht, gerät alles und jeder zur potentiellen Bedrohung, nichts bleibt sicher, und die vertraute Umgebung wird zur Fremde. So braucht Pascha denn einen ganzen Tag, um seinen Neffen zu erreichen, und ihre gemeinsame Rückkehr nach Hause lässt sie zwischen die Fronten geraten.

Eindrucksvoll und – nicht nur in diesen Tagen – wichtig.

Gelesen. Franzen.

Jonathan Franzen: Crossroads. Übertragen von Bettina Abarbanell. Hamburg: Rowohlt, 2021.

Sprachlich deutlich dichter als Sandgrens Gesammelte Werke, aber inhaltlich mit einem ähnlichen Problem, nämlich hoher Redundanz in Bezug auf wesentliche Handlungsaspekte: wir lernen die Familie eines Pastors in einer amerikanischen Kleinstadtgemeinde kennen, indem die sich entwickelnde Geschichte aus der Perspektive ihrer Mitglieder erzählt wird. Das ist handwerklich sauber gemacht und ergibt auch recht stimmige Bilder der Zeit. Russ Hildebrandt, der Pastor, hat allerdings ein Problem mit der ehelichen Treue und ein wirklich wesentlicher Handlungsstrang besteht in der Verfolgung des Ziels, eine für ihn attraktive Witwe aus der Gemeinde zu verführen. Das wird mit all den Gewissensbissen und Selbstrechtfertigungen sehr eindrücklich geschildert und noch einmal geschildert und, damit es nicht überlesen wird, noch einmal geschildert. Und als es denn zum lang ersehnten Erlebnis kommt, wird es vom Erzähler verschränkt mit einer hochproblematischen Handlung eines von Russ' Kindern, das ja aufgrund der anderweitigen Aktivitäten des Pastors unbeaufsichtigt ist. Was entsteht: geradezu existenzielle Schuld! Schuld! Schuld!, die nur durch was wieder negiert werden kann? Durch einen allverzeihenden Exkulpationskoitus mit der ebenfalls schuld!schuld!schuld!beladenen Ehefrau Marion, die im zwar fremdgehenden, aber doch ganz passabel aussehenden Pastor die zum probehalber noch einmal in Augenschein genommenen früheren, deutlich gealterten und auch gar nicht so großartigen früheren Liebhaber bessere Alternative sieht. Ja, so spielt das Leben in amerikanischen Pastorenfamilien, wenn Franzen es beschreibt.

Tatsächlich kann er auch anders. Durchaus berührend sind die Schilderungen der Annäherungen zwischen dem jungen Russ und Navajo-Vertretern, Fremdeleien zwischen Nachbarschaftshilfeprojekten und der betreuten Nachbarschaft, auch Erzählungen der anderen Perspektiven haben immer wieder auch gute Momente. Doch gerade durch die Fokussierung auf eine Pastorenfamilie, deren fundamentale Auseinandersetzung immer die mit dem Glauben und der Gemeinde sein wird, scheinen mir wesentliche Aspekte der ja an Facetten nicht armen amerikanischen Gesellschaft ausgelassen bzw. nur angedeutet. Die Universalität des Zugriffs, der im Anspruch der Trilogie, »ein[en] Schlüssel zu allen Mythologien« zu liefern, ist dadurch kaum gegeben.

Trotzdem werde ich dranbleiben und sehen, wie Franzen sich müht, das Panorama weiter auszuleuchten.

Kriegsdienstverweigerung.

Als ich so um 1986 ’rum den Kriegsdienst verweigerte, um nicht zum regulären Wehrdienst eingezogen zu werden, war ich übrigens sehr froh über die Informationsschriften des VVN-BdA zum Thema.

Gelesen. Sandgren.

Lydia Sandgren: Gesammelte Werke. Übertragen von Stefan Pluschkat und Karl-Ludwig Wetzig. Hamburg: Mare, 2021.

Eine Mutter zweier Kinder verschwindet spurlos, Mann und Kinder richten sich im neuen Leben ein. Als das Buch einsetzt, sind die Kinder junge Erwachsene; die Tochter Rakel stößt auf eine Spur.

Was wie der Plot eines Kriminalromans klingt, wäre als solcher eine Enttäuschung, denn das Buch endet an einer Stelle, an der die Lösung präsentiert werden könnte. Statt tatsächlich die Verfasstheit und Gründe der Frau zu erforschen, die Kinder und Mann verlässt, stehen im Fokus dieses Buches eine langjährige Männerfreundschaft und die Befindlichkeiten der beiden – die letztlich recht langweilig sind. Interessanter ist da schon die Tochter Rakel, die ihre positiven Erinnerungen an die Mutter mit dem über sie Erfahrenen in Einklang zu bringen versucht.

Kein schlechtes Buch, aber auf mindestens das Doppelte des Gehalts aufgebläht (wer Novellen denkt, muss nicht Romane schreiben). Eine gute Lektorin hätte Wunder wirken können.

Schulbau und Verkehr in Eutin.

Noch immer ringt die Eutiner Politik um die notwendige Erweiterung der Wisser-Schule.

Nachdem eine Mehrheit von CDU und Grünen eine Wahlperiode lang für eine Sporthalle fernab der Schule stritt, dann kommentarlos von dem Vorhaben abrückte (das den Schulbau damit unnötig um fünf Jahre verzögerte), soll nun auf dem zu kleinen Bestandsgelände im Wesentlichen neu gebaut werden.

Auch dies ist verkehrt, und ich wünsche dem Bürgerbegehren der Eltern der Wisser-Schule, das einen Neubau auf genau dafür vorgehaltenem Bauland neben der Gustav-Peters-Schule vorsieht, viel Erfolg: nur dort kann eine zukunftsgerichtete Schule entstehen.

Dass es auf dem bestehenden Gelände nicht geht, zeigt an einem Beispiel die Stellplatzplanung, wie Constanze Emde hier berichtet.

Dabei ist es ganz richtig, dass mit zu wenig Stellplätzen für Autos geplant wird: es muss unbequem sein, mit dem Auto zu kommen, damit weniger Lehrkräfte das Auto als Verkehrsmittel wählen. Dass aber vor dem Hintergrund des von der Stadtvertretung festgestellten Klimanotstands für Fahrräder gegenüber den in der Stellplatzsatzung, die ja nur ein notwendiges Minimum (!) darstellt, geforderten 290 Plätzen 100 Plätze zu wenig ausgewiesen werden sollen, sollte jedem Stadtvertreter verdeutlichen, dass diese Planung falsch ist. Das Ziel müsste sein, die 290 Plätze zu übertreffen, um den zunehmenden Radverkehr aufzunehmen!

Für Fahrräder wird in den nächsten Jahren bei jeder Baumaßnahme Angebotsplanung das Mittel der Wahl sein müssen, um dem Klimanotstand entgegenzuwirken: es muss bequem und sicher sein, mit dem Fahrrad zu kommen. Schüler*innen wie Lehrer*innen müssen sich auf einen sauberen und trockenen Fahrradabstellplatz verlassen können – dann steigen sie aufs Fahrrad um bzw. bleiben dabei. Und wenn die Politik unbedingt am ungeeigneten Standort festhalten will, ist als Minimallösung ein Fahrradparkhaus, wie es die Initiative des Schulleiters Sven Ulmer vorsieht, vollkommen richtig, damit kein Kind, das mit dem Fahrrad kommen will, stattdessen mit dem Auto chauffiert werden muss.

Grüne Kommunalpolitiker*innen, die ein Unterlaufen der Stellplatzsatzung für Fahrräder mittragen, statt im oben genannten Sinne ein Übererfüllen anzumahnen, haben diese Farbe zu tragen nicht verdient. Sie sind in Eutin – so leid es mir tut – unwählbar.

Gelesen. Fittko.

Lisa Fittko: Mein Weg über die Pyrenäen. Erinnerungen 1941/42. München: dtv, 2004.

Zusammen mit anderen führte Lisa Fittko, selbst zunächst aus Nazi-Deutschland, dann vor der Besetzung Frankreichs in das Gebiet des Vichy-Regimes geflohen, Flüchtlinge aus Deutschland über die Grenze nach Spanien, von wo aus sie der Franco-Diktatur wegen weiterfliehen mussten – beispielsweise, wie später die Fittkos selbst, nach Kuba. Der bekannteste Flüchtling auf dieser Route war sicher Walter Benjamin.