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Tafeln.

Einen Artikel im Spiegel nahm Matthias zum Anlass, über die Problematik der Tafeln zu schreiben. In Eutin haben wir das Thema gerade im Sozialausschuss behandelt, und eine Mehrheit der Parteien hat den Beschluss gefasst, die Eutiner Tafel finanziell deutlich stärker zu unterstützen als dies bislang der Fall war. Ich kommentierte daher:

Bei uns im Ort haben sich langjährige Sponsoren aus der Wirtschaft aus der Unterstützung der Tafel zurückgezogen, sodass die Tafel plötzlich ohne ausreichende finanzielle Deckung da steht. Man kann in einer solchen Situation dann den Standpunkt vertreten, dass Tafeln ohnehin ein falsches Konzept verwirklichen (ich sehe das prinzipiell genau wie Du) – wir haben von Seiten der Kommunalpolitik stattdessen den jährlichen Zuschuss deutlich erhöht. Der Grund dafür ist, dass wir an der Bedürftigkeit der Tafelkunden nichts ändern können, weil sie zum Beispiel gesetzlich auf anderer Ebene erzeugt wird. Wir können auch nichts daran ändern, dass Wirtschaftsunternehmen Profit höher werten als gesellschaftliche Verantwortung. Was wir können: einen Verein unterstützen, dessen Notwendigkeit bitter ist, aber Realität. Dessen ehrenamtliche Mitarbeiter konkret vor Ort helfen, statt über das System insgesamt zu lamentieren. – Dass nebenbei weiter daran gearbeitet werden sollte, dass Tafeln unnötig werden, ist klar – bis dahin ist aber ein weiter Weg.

Vielleicht sollte man dazu auch noch erwähnen, dass die Eutiner Tafel eine derjenigen ist, die sich auf ihr »Kerngeschäft«, wie es im Spiegel-Artikel so freundlich heißt, beschränken.

Übersetzerinnen und Übersetzer.

Ha! Jetzt ist es so weit!

Angeregt von Isabel Bogdan, bei der ich immer mal wieder Gutes zum Thema Übersetzen gelesen habe, verzeichne ich in meinen Lektüreeinträgen (sowohl im eigentlichen Text als auch in den tags) seit einiger Zeit immer auch die Übersetzenden. Beim letzten Eintrag über Auster wird nun erneut Werner Schmitz genannt, den ich jetzt als gemeinsamen Nenner von Auster und McEwan wahrgenommen habe.

Danke, Isabel; danke, Herr Schmitz.

Gelesen. Auster.

Paul Auster: Winterjournal. Übertragen von Werner Schmitz. Reinbek: Rowohlt, 2011.

Schon lange begleitet Auster dich, gut ein halbes (wenn auch kurzes) Brett füllen seine Bücher in deinem Regal, und auch wenn es Zeiten gibt, in denen dich die Lektüre ärgert, kehrst du immer wieder mal zu ihr zurück. Nun, da du deine erste Gleitsicht- und deine erste Lesebrille erworben hast, um dich den Begleitumständen deines körperlichen Verfalls entgegen zu stemmen, ist ein guter Moment zum Lesen des Winterjournals gekommen: der (gar noch ältere!) Freund, der dir das Buch anlässlich der Weihnacht schenkte, hat eine gute Wahl getroffen.

Auster erzählt aus seinem Leben, und es gelingt ihm so, dass du, der du für Celebrity-Stalking wenig übrig hast, interessiert den Weg verfolgst und die verschiedenen Ordnungsprinzipien, derer sich Auster episodenhaft erzählend spielerisch bedient (mal entlang aller Wohnungen, mal entlang guter Gerichte, mal entlang bestimmter Erlebnisarten …) goutieren kannst. (Du kannst verstehen, warum diese Art des sinnierenden Erinnerns eifrigen Jungspunden langweilig erscheint. Kann halt nicht jeder immer alles in 140 oder 160 Zeichen erzählen wollen. Und auch einen guten Wein zu schmecken bedarf es jahrelanger Übung.)

Fast zum Schluss erzählt Auster, wie er mit seinem damaligen deutschen Verleger Michael Naumann Bergen-Belsen besucht, die Gedenkstätte, in dem dein Freund, der dir das Buch schenkte, schon seit Jahren dokumentierend seinen Dienst tut in der Erinnerung an die Opfer des Lagers, und an dem du bisher immer vorbeigefahren bist aus Scheu vor der Konfrontation, denn du weißt ja, was dich erwartet.

Buch bei Amazon angucken.

John Searle im Interview.

Ausgehend vom Turing-Test, den wir nachvollziehen, indem wir uns mit Chatbots unterhalten, ist John Searles Chinesisches-Zimmer-Gedankenexperiment ein Standard im Philosophieunterricht des 11. Jahrgangs.

Im New Philosopher wird Searle interviewt. Über das Bewusstsein, das im genannten Experiment durch das (im Falle des Hantierens mit chinesischen Schriftzeichen) fehlende bzw. (im Falle des Agierens mit Ausdrücken der Muttersprache) vorhandene Verständnis für die Inhalte der Botschaften repräsentiert wird, meint Searle: »Consciousness is a biological property like digestion or photosynthesis.«

Wenig freundlich spricht er über seine Artgenossen: »it upsets me when I read the nonsense written by my contemporaries, the theory of extended mind makes me want to throw up.«

John Searle live bei TEDxCERN [via].

Nebel überm Kellersee.

Wer bei -8°C am Ufer entlangläuft, sieht in der kalten Wintersonne auf dem knallweiß gefrorenem Kellersee dichte Nebelschwaden sich bilden, die einen Meter über dem Eis schon wieder verweht werden. Die Landschaft frostig und lebensfeindlich: wirkt nur freundlich.

Notengespräche (und die Folgen).

Geht es auf die Zeugniskonferenzen zu, sitzen bei uns überall Lehrkräfte auf den Fluren und bitten nacheinander die Schülerinnen und Schüler (S) aus dem Klassenraum zu sich, um mit ihnen einzeln die mündlichen (und in der Folge die Zeugnis-) Noten zu besprechen (die schriftlichen Noten sind ja ohnehin bekannt). Trotz der freundlichen Vokabel »besprechen« entscheidet über die Note natürlich die Lehrkraft, und trotzdem habe ich heute wieder bemerkt, dass diese Gespräche eine wichtige, im Tagesgeschäft viel zu selten genutzte Form der Rückmeldung sind.

In meinen Deutschkursen habe ich mir in diesem Halbjahr zu fast jeder Stunde aufgeschrieben, wie ich die S erlebt habe (in Philosophie seltener). Die Zeichen ++, +, o und - stehen dabei für hervorragende, gute, pflichtgemäße oder fehlende Unterrichtsbeiträge. Zuhause habe ich die Notengespräche vorbereitet, indem ich die Notate ausgewertet und in meine Vorstellung der mündlichen Note gewandelt habe.

Das Gespräch selbst läuft bei fast jedem Schüler, bei fast jeder Schülerin gleich ab: ich frage nach der Eigenbewertung und erkläre danach meine Sicht der Dinge. In fast allen Fällen geht das überein; selten gibt es für die S schlechte Überraschungen (die ich dank der Stundennotate belegen kann), häufiger gute (sei es die Bestätigung der eigenen Einschätzung, sei es ein Notenpunkt mehr als gedacht). Natürlich tauschen wir uns auch über andere, meist durch persönliche Lebensumstände beeinflusste Aspekte des Leistungsstandes aus. Die ausgesprochene Versicherung meinerseits, dass ich an die Möglichkeit der (weiteren) Verbesserung glaube, ist trotz ihrer Häufigkeit keine Floskel.

Das für mich Interessante passiert nach diesen Gesprächen: in der unmittelbar auf den Austausch folgenden Stunde ist die Beteiligung am Unterrichtsgeschehen außergewöhnlich gut. Da die S wissen, dass sich an den zuvor besprochenen Noten nichts mehr ändert, führe ich die Verhaltensänderung auf die Bewusstwerdung des Tuns zurück: die S bemerken, dass ich sie bemerke, und sie wollen wahrgenommen werden, sie wollen ihren besonderen Teil zum Ganzen beitragen, einerseits, um den positiven Eindruck zu festigen oder aber ein verbesserungsfähiges Bild zu korrigieren (nach dem Spiel ist …), andererseits, weil auch in Bezug auf die inhaltliche Arbeit deutlich wurde, dass die Unterrichtsbeiträge von Belang sind. Offenbar bedeutet ihnen die Rückmeldung in den Gesprächen etwas. Mich freut das.

Erinnerung an mich fürs nächste Halbjahr: häufiger mit den S über Stundeneindrücke sprechen.

Gelesen. Regener.

Sven Regener: Meine Jahre mit Hamburg-Heiner. Logbücher. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2013.

Weihnachtsgeschenk von Kind 1.

Durch den Nieselregen laufen (und Jäger).

Gestern bei Zippels erworbene Mizuno Wave Inspire 10 (die hässlichste mir bekannte Inkarnation des Wave Inspire bislang) im Nieselregen eingeweiht; die Standardrunde durch Prinzenholz zu laufen war nicht möglich, weil dort die Sonntagsjäger ihrem Mordsvergnügen nachgingen. Ihre Fahrzeuge hatten sie natürlich alle auf dem die Landesstraße begleitenden Geh- und Radweg abgestellt, der damit ebenfalls versperrt wurde (auf der Straße darf man Autos ja nicht parkieren, weil dann der Autoverkehr behindert werden könnte; auf dem Grünstreifen zwischen Straße und Geh-/Radweg geht’s auch nicht, weil dann die Räder der (sämtlich geländegängig ausgelegten) Fahrzeuge möglicherweise dreckig würden; den Parkplatz ein paar Meter weiter schließlich kann man nicht benutzen, weil man dann zu weit zu Fuß gehen müsste und man es bevorzugt, mit dem jägergrün lackierten Zweitonner direkt vors zu jagende Wild zu fahren).

Genau 1 Vertreter der Jägerkumpanen besaß genügend Vernunft, eine Entschuldigung für angemessen zu halten (was natürlich noch nicht notwendigerweise beinhaltet, beim nächsten Mal anders zu handeln).

Lauf im Nieselregen war trotzdem klasse.