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Gelesen. Hanff.

Helene Hanff: 84 Charing Cross Road. Übertragen von Rainer Moritz. Hamburg: Atlantik, 2014.

Ein Buch für Leser, die nachempfinden möchten, wie es war, als 1949 ff. eine an Literatur und schönen Büchern interessierte Amerikanerin ein englisches Antiquariat anschrieb, um fürderhin über 20 Jahre Bücher von dort zu beziehen, weil die heimischen Ausgaben ihr zu schlampig hergestellt erschienen. Über eine Buchsendung freut sie sich zum Beispiel so:

[…] die Stevenson-Ausgabe ist so schön, dass sie mein Bücherregal aus Orangenkisten beschämt. Ich fürchte mich fast davor, solche schweren cremefarbenen Velinseiten anzufassen. Da ich an das kalte weiße Papier und an die steifen Pappumschläge amerikanischer Bücher gewöhnt bin, wusste ich gar nicht, was es für eine Freude sein kann, ein Buch zu berühren. [Ebd., 9]

Der Briefwechsel, zuerst steif und förmlich, wird rasch vertrauter und freundschaftlicher, weitet sich schließlich auf die Familien der Angestellten des Londoner Antiquariats aus, endet dann aber leider mit der Auflösung der Firma.

Eine angenehme Lektüre, die bei aller Leichtigkeit unsere Art mit Büchern zu handeln (und vielleicht auch unsere Art zu kommunizieren und zu leben) in Frage stellt.

In einer hübschen Neuausgabe erschienen bei Atlantik, einem Imprint von Hoffmann und Campe.

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Was ist eine berufliche Schule?

Anlässlich mir gerade wieder zu Ohren gekommener Missverständnisse stelle ich fest, dass offenbar gerade unter Kolleginnen und Kollegen am Gymnasium unzutreffende Vorstellungen existieren, was denn nun so eine Berufliche Schule sei. Das ist verständlich, weil Gymnasiallehrer, die sich nicht unterwegs mal verirren, im Regelfall nur Gymnasium und Universität kennen lernen. So ähnlich ging es mir auch: als nach meiner Ausbildung zum Gymnasiallehrer keine Stellen mit meiner Fächerkombination frei waren, bewarb ich mich an meiner jetzigen (beruflichen) Schule, kannte das System aber gar nicht. Als ich dann eingestellt wurde, brauchte ich so einige Zeit, bis ich die Strukturen überblicken konnte.

Ich möchte daher hier kurz einmal vorstellen, wie eine solche Schule aufgebaut sein kann, und ich werde immer wieder auf unsere Schule zurückgreifen (und auf diese verlinken, stelle aber ausdrücklich fest, dass dieser Artikel keine offizielle Information darstellt!): zum einen, weil ich sie am besten kenne, vor allem aber, weil sie als Schule im ländlichen Raum nicht so stark spezialisiert ist wie so manche großstädtische Schule und daher vielgestaltiger ist als diese.

Unsere Schule beispielsweise versammelt unter ihrem organisatorischen Dach in vier Schulgebäuden (ein Hauptstandort und drei Außenstellen (500 m, 6 bzw. 35 km entfernt)):

  • die eigentliche Berufsschule für gewerbliche oder kaufmännische Berufe (verpflichtender Unterricht, den die Auszubildenden während ihrer dualen Berufsausbildung besuchen – entweder an ein bis zwei Berufsschultagen pro Woche oder aber im Blockunterricht für 5 oder 6 Wochen pro Schulhalbjahr)

  • berufsvorbereitenden Unterricht (z. B. für schulpflichtige S, die bislang noch keinen Ausbildungsplatz gefunden haben (Ausbildungsvorbereitendes Jahr) und für S, die das erste Ausbildungsjahr ganz in der Schule verbringen (Berufsgrundbildungsjahr))

  • Berufsfachschule Typ I (ein- bzw. zweijährige fachbezogene Schulbildung für S mit Hauptschulabschluss, die zum Mittleren Schulabschluss führen kann)

  • Berufsfachschule Typ III (zu Berufsabschlüssen führende fachlich ausgerichtete schulische Bildungsgänge, deren Voraussetzung entweder der Hauptschul- oder der Realschulabschluss ist)

  • Fachoberschule (Klasse 12) (führt für S mit besonderen Eingangsvoraussetzungen zur Fachhochschulreife)

  • Berufliches Gymnasium (führt die S, die eine Sekundarstufe I absolviert haben, zum Abitur, also zur Allgemeinen Hochschulreife)

  • die Berufsoberschule (13. Klasse) führt zu einer fachgebundenen, unter bestimmten Bedingungen auch zur allgemeinen Hochschulreife

Daneben existieren noch kleinere Bildungsgänge, zum Beispiel Abendunterricht für Auszubildende, die sich während ihrer Ausbildungszeit die Fachhochschulreife erarbeiten.

Die Lehrkräfte unterrichten nie in allen Schularten, sondern stets nur in zweien oder dreien – beispielsweise arbeite ich seit einigen Jahren mit einem Schwerpunkt auf meinen Fächern Deutsch und Philosophie am Beruflichen Gymnasium (das ist ausschließlich Sekundarstufe II, also Oberstufe), aber weiteren Stunden im Berufsschulunterricht, vor allem für Buchhändler an der Landesberufsschule (Blockunterricht für alle Buchhandelsauszubildenden Schleswig-Holsteins).

Der größte Teil der Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen hat einschlägige berufliche Vorbildung, also im Regelfall mindestens eine Ausbildung absolviert, deshalb sind unsere Referendarinnen und Referendare meist auch ein paar Jahre älter als die an allgemeinbildenden Schulen. Daneben gibt es so einige Seiteneinsteiger, die ursprünglich beispielsweise aus technischen oder naturwissenschaftlichen Studiengängen stammen und danach häufiger mehrere Jahre in der sogenannten freien Wirtschaft arbeiteten. Gerade am Beruflichen Gymnasium ist der Anteil der Lehrkräfte, die ursprünglich für das Lehramt am Gymnasium studierten, sehr hoch.

Habt Ihr noch Fragen?

Gelesen. MacDonald.

Ann-Marie MacDonald: Wohin die Krähen fliegen. Übertragen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. München: Piper, 2004.

Nur die Geschichte eines Mädchens in den frühen 1960er Jahren, das als Tochter eines Piloten, der nicht mehr fliegen, und einer Hausfrau, die nur dies sein darf, auf einem Luftwaffenstützpunkt irgendwo in der kanadischen Provinz aufwächst. Aber von Anfang an weiß der Leser, dass die vermeintliche Idylle gestört werden wird (und zumindest diese Erwartung wird erfüllt) – nicht nur durch die politische Wetterlage, sondern auch durch viel näher liegende Bedrohungen. MacDonald lässt sich dabei alle Zeit der Welt (das Buch ist 1000 Seiten stark), um alles noch immer schlimmer werden zu lassen.

Die persönlichen Geschichten der Protagonisten werden erzählt vor dem auf sie einwirkenden Hintergrund der Blockkonfrontation, der Kuba-Krise, aber auch der Vergangenheit: der Krieg gegen Deutschland ist noch nicht so lange vorbei, dass er nicht doch noch das Leben beeinflussen könnte. Die Verschränkung der Handlungsfelder, deren Normen zu zum Teil widersprüchlichen Imperativen an die Figuren führen, an denen sie nur scheitern können, darf dabei durchaus als komplex bezeichnet werden und zeigt doch glaubwürdig die Zwänge des modernen Lebens der Zeit.

Das Ende ist leider nicht so stark wie die ersten drei Viertel, doch bringt es eben auch die Lösung des kriminalistischen Rätsels, das eine der Ebenen dieses vielschichtigen Romans darstellt.

Creepy. (Empfehlenswert mithin.)

Zur Buchmesse nach Leipzig.

Vom 12.–14. März habe ich eine Fahrt einer Berufsschulklasse von Buchhandelsauszubildenden und eine Kollegin nach Leipzig zu einem Besuch der Buchmesse begleiten dürfen. Mit dem Quer-durchs-Land-Ticket haben wir beim Blick aus dem Zug nach draußen interessante stille Gegenden Deutschlands kennengelernt – zum Beispiel Bahnstationen, die fast den Ort drumherum missen ließen (dessen Zentrum aus einer Bratwurstbude zu bestehen schien) –, sind aber auch konkurrenzlos billig nach Leipzig gelangt.

Das Stern-Hotel garni war nicht luxuriös, aber sauber und ordentlich, das Personal freundlich, das Frühstücksbüffet reichhaltig, ist für den kleinen Geldbeutel also durchaus weiterzuempfehlen – wenn wir fürs nächste Mal auch eher eine der Messe näher gelegene Unterkunft suchen werden, weil wir diesmal zu Fuß und mit der Tram über eine Stunde unterwegs waren.

Was mich sehr beeindruckt hat: wie präsent die Messe in der ganzen Stadt ist. Damit meine ich nicht nur die Veranstaltungen allerorten – eben Leipzig liest –, sondern dass man überall in der Stadt Gespräche über die Messe hört, Plakate und Ankündigungen, Hinweisschilder und Trambeschilderungen mit Messehinweisen sieht, Menschen als Messebesucher identifizieren kann (viele Taschen, Cosplayer, schicker Anzug, Vertretertrolley o. ä. als Accessoires) und so fort. Durchaus bewundernswert dabei der Umgang der Leipziger Verkehrsbetriebe mit dem Besucherandrang durch Bereitstellung vieler zusätzlicher Tramwagen (auf eine reguläre Bahn kamen zwei bis drei Extrazüge) und Präsenz von Ordnungspersonal (auch des Lesens Kundige verlieren angesichts knapper Ressourcen ja gern mal die Contenance und würfen zivilisatorische Errungenschaften über Bord, wenn es um den Sitzplatz geht).

Besonders schön auf der Messe selbst: gefühlt sämtliche Schulklassen (ab etwa der fünften aufwärts) der leipziger Schulen sind vor Ort und wuseln durch die Gänge und zwischen den Ständen hindurch, teilweise mit Aufgaben (den Rallyebogen immer vor sich auf dem Klemmbrett), teilweise ohne – dies tut der Atmosphäre einer Buchmesse, die ich von Frankfurt her als ernst und eher zu steif in Erinnerung habe, sichtlich gut. Ebenso wie die Cosplayer, die von Mangafiguren und Doctor Who über Disneyadaptionen, grimmige Zwerge wie Anime-Charaktere und Superhelden alles nur Vorstellbare verkörpern, was aus Nicht-Literatur so bekannt ist; sie haben diesmal eine ganze Halle für sich bekommen (die Graphic-Novel-Verlage finden sich lieber zwischen den etablierten Belletristen, zu zerbrechlich noch die frisch erworbene Würde des Ernstgenommenwerdens von Feuilleton und Publikum).

Viele Kleinveranstaltungen – Lesungen, Podiumsdiskussionen, Preisverleihungen – inmitten der großen, immer wieder laufen einem aus Funk und Fernsehen Bekannte – Roger Willemsen, Martin Suter, Axel Hacke (der gerade, als wir vorübergingen, eine extrem dümmliche Bemerkung über Frauen und Abseitsregeln von sich gab, die eines Mario Barth würdig gewesen wäre), Ulrich Greiner, Dennis Scheck, Thomas Meyer, John von Düffel, Lukas Bärfuss, Jonas Lüscher usw. – über den Weg, stören aber nicht weiter, weil man sich auch ganz & gar nur den Büchern widmen darf. Die Auszubildenden natürlich stets auf der Suche nach Leseexemplaren (meist unkorrigierte Vorabexemplare, häufig in einfacherer Ausstattung und für Buchhändler vor dem eigentlichen Erscheinungstermin kostenlos abgegeben, auf dass diese sich trotz ihres niedrigen Gehaltes einen umfassenden Überblick über Neuerscheinungen verschaffen können), aber auch sonstigem Informationsmaterial der Verlage, gerade auch derjenigen, die man im Alltagsgeschäft zu wenig sieht.

Die in den Kommentaren schon erwähnte Begegnung mit Tanja, einer übers Netz schon lange bekannten Kollegin aus dem Gastland Schweiz, war natürlich besonders klasse.

Ebenso besonders auf den gesamten drei Tagen unserer Fahrt: die Auszubildenden, die zu begleiten eine Freude ist, weil jede Verabredung eingehalten wird, die Motivation hoch ist, die von einem anstrengenden Tag auf der Buchmesse völlig platt zurückkehren und trotzdem zuverlässig, fröhlich, sozial miteinander sind … danke!

Laufen kann man in Leipzig übrigens auch (Karte – beim nächsten Mal werde ich die Strecke ein wenig mehr grünbetont wählen; ich habe bei unbeschilderten Wegen meines nicht vorhandenen Orientierungssinnes nur immer die Befürchtung, mich zu verirren; auf Straßen hilft mir immerhin mein Stadtplan).

Auf dem Weg zum Bahnhof auf dem Abreisetag noch entdeckt: zum einen den Markt, auf dem man sich mit Käsebrötchen und Bananen für die Rückfahrt versorgen kann, fachbezogen aber viel wichtiger: die Connewitzer Verlagsbuchhandlung in Specks Hof, einer Passage in der Innenstadt. Eine feine Buchhandlung vom alten Schlag, die zeigt, was am Buchhandel wichtig bleibt, wenn die Jungs aus dem BWL-Seminar die großen Filialisten kaputtberaten haben werden.

Gelesen. Stanišić.

Saša Stanišić: Vor dem Fest. Berlin: Luchterhand Literaturverlag, 2014.

Ja, das gefällt (nicht nur, weil Maxim Biller zu widersprechen, der Migranten lieber Migrantenliteratur schreiben sehen möchte, weshalb er Stanišićs Erkundung der Uckermark, von der dieser als Nichtdeutscher zu wenig verstehe, als Sünde an der Migrantenseele begreift, Freude bereitet): eine in episodenhaften Kapiteln erzählte Geschichte der Vorbereitung eines Dorffestes (das zuletzt auf kaum zehn Seiten abgehandelt wird), in eigenem einfachen und doch poetischem Duktus gehalten.

Immer wieder Verschränkungen der aktuellen Geschehnisse mit Begebenheiten aus frühneuzeitlichen Dorfchroniken, in denen sich das Leben der Heutigen spiegelt mit seinen verschrobenen Eigentümlichkeiten.

Etwa die Geschichte von Herrn Schramm, »ehemaliger Oberstleutnant der NVA, dann Förster, jetzt Rentner und, weil es nicht reicht, schwarz bei Blankenburg Landmaschinen« (ebd., 268), der mit »seinem« Mammut 6800 frühmorgens etwas nachdrücklicher Zigaretten holen geht, nachdem er sich in der Nacht zuvor fast aus dem Leben gebracht hätte aus Verzweiflung über sein Leben und die Tatsache, dass man für Kippenautomaten heutzutage eine ec-Karte braucht. – Wir erfahren aber auch die im 16. Jahrhundert situierte Geschichte des Lehnsherrn Poppo von Blankenburg, der Müller um Müller aus der Mühle schmiss, weil das Mehl nicht schmeckte, wie es sollte, der es schließlich selbst probierte mit dem Mahlen – aber nicht eher gute Ergebnisse erzielte als er nicht lernte, die Mühle mit Lob und Schmeicheleien, Streicheln und Umgarnen zum erfolgreichen Arbeiten zu verhelfen.

Aberglaube und Pragmatismus im dörflichen Leben, Schauergeschichte und dokumentarisch genauer Blick in der literarischen Gestaltung liegen sehr eng beieinander, wenn Stanišić das dörfliche Leben beschreibt. Und er spricht auch dann vom »Wir«, wenn es um die in den Chroniken niedergelegten Ereignisse geht.

Kein ganz großes, notwendiges Werk, aber eines, das bei aller Unterhaltsamkeit den Leser auch fordert; es liest sich angenehm und bleibt doch schräg genug, um zu gefallen. Dem würde ich – anders als demden Preis glatt geben.

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Lewitscharoff.

Zu Lewitscharoffs Dresdner Rede sagt neben Robert Koall, dem Chefdramaturgen des Staatsschauspiels Dresden, zum Glück Georg Diez das Nötige; so muss ich mich nicht weiter mit dem Sermon befassen. Danke.

Ich werde die freudlose Lektüre nicht vermissen.

(Update 7.3.2014: Wortvogel zum Thema. Ebenfalls Dank.)

LyX oder LaTeX?

Zu Thomas Raus Bericht über das Arbeiten mit LyX schrieb ich in etwa:

Die Einfachheit von LyX ist eben tatsächlich nur vermeintlich. Ich habe auch damit rumprobiert, mich letztlich aber doch in (La)TeX eingearbeitet, weil mir LyX eher die Nach- als die Vorteile von Textverarbeitung und Textsatzsystem zu vereinen schien. Das Komplizierte an TeX ist in erster Linie die Installation und das Erstellen des ersten Dokuments; wenn das klappt, kann man sich den Rest (ggf. mit der Hilfe von Newsgroups und Foren) peu à peu selbst beibringen.

Für den Schülerbedarf im Computerraum bräuchte man also eine funktionierende LaTeX- Installation und ein Musterdokument, mit dem man gleich losarbeiten kann.

Meine Vorlage (die natürlich für den angedachten Zweck nicht geeignet ist) habe ich hier untergebracht (müsste auch mal wieder aktualisiert werden …).