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Patti Smith und Bob Dylan.

Man mag ja darüber streiten, ob Bob Dylan nun die richtige Wahl für den Literaturnobelpreis 2016 war oder ob nicht andere diese Auszeichnung viel eher verdient hätten (und in welchem Jahr tun wir das nicht?), was aber in der Annahme bestärkt, es könnte eine weise Entscheidung gewesen sein, ist zum einen Dylans Fernbleiben, zum anderen Patti Smith, die, als Künstlerin fremd wirkend in der scheinfeinen Atmosphäre von Monarchen und Großbürgerinnen, an seiner Statt den musikalischen Beitrag liefert, und die gerade durch die Fehlerhaftigkeit des Vortrags, die stille Würde, mit der sie sich entschuldigt und neu einsetzt, den mittels Preisverleihung nur vermeintlich dem Publikum assimilierten, tatsächlich stets gegenkulturellen Wert des Vorgetragenen bestätigt.


[Update 16.12.2016:] Patti Smith zum Geschehen.

Gelesen. Weyhe.

Birgit Weyhe: Madgermanes. Berlin: avant, 2016.

Miteinander verknüpfte Schicksale dreier junger Menschen aus Mosambik, die von ihrer Regierung der DDR als Vertragsarbeiter zur Verfügung gestellt wurden – angeblich zur Ausbildung, tatsächlich zur Ausbeutung. Nach der Implosion der DDR werden die drei nicht mehr gebraucht, die auch vorher schon spürbaren Feindseligkeiten der Deutschen verstärken sich noch, und so ist die Rückkehr nach Mosambik eine Möglichkeit. Eine Heimkehr allerdings wird es nicht: so fremd die Arbeiter in der DDR und der BRD waren, so fremd sind sie jetzt den Mosambikern, die zuhause geblieben sind und einen Bürgerkrieg miterleben mussten. Die Frage nach der Bedeutung von Heimat stellt sich.

Bei Amazon lese ich die Rezension von Erhard H: »wer sich für die situation der ddr-vertragsarbeiter im sozialistischen musterland, den rassismus und danach interessiert, muss das buch kaufen und lesen.« Das stimmt natürlich nicht. Tatsächlich interessierte ich mich kein Stück (!) für die Situation dieser Menschen – wie auch?: ich wusste ja nicht einmal von ihnen. Die Autorin aber überzeugt auch den Uninteressierten, das ist ihre besondere Leistung mit diesem Comic.

(Und anderer in Bezug auf andere Themen, muss man sagen: ich habe in den letzten Tagen neben diesem noch ein paar andere aktuelle Graphic Novels gelesen, die sich mit Krieg und seinen Folgen, Flucht und Vertreibung sowie der Rolle heutiger Journalisten (Im Schatten des Krieges), Familiengeschichte als Flucht- und Vertreibungsgeschichte (Palatschinken) sowie Kindheit und Geschlechterrollen und -identität (Die Favoritin) befassen. Wer diese Geschichten liest (und sie sind ja prinzipiell deutlich zugänglicher als Vieles, was zur Zeit auf dem Gebiet des Romans Ähnliches versucht), wird erkennen, was (auch grafische) Literatur kann: das allgemein Menschliche im speziellen Leben aufdecken. Die Ähnlichkeit unserer Bedürfnisse zeigen. Und ganz häufig auch: uns Satten zeigen, welches außerordentlich seltene Glück wir haben, ein sattes Leben führen zu dürfen.)

Grafisch besonders in der Integration europäischer und afrikanischer Zeichentraditionen.

Die Website der Autorin.

Gelesen. Lehmann.

Matthias Lehmann: Die Favoritin. Übertragen von Volker Zimmermann. Hamburg: Carlsen, 2016.

»Ich ließ den abscheulichen Geruch einer dumpfen Welt hinter mir, in welcher die Hilflosigkeit und die Gemeinheit an der Macht sind.« (Thomas Bernhard: Ein Kind)

Dieses Zitat steht als Motto vor dem düster gezeichneten Roman, der von einem unter Misshandlung und Lieblosigkeit leidenden Kind erzählt, das ein Mädchen zu sein scheint, tatsächlich aber keines ist; dabei steht der Leitspruch von Anfang an für grimmige Hoffnung und traumhafte Fluchten, letztlich aber auch für ein gutes Ende.

Blog des Autors.

Gelesen. Gardam.

Jane Gardam: Letzte Freunde. Übertragen von Isabel Bogdan. München: Hanser Berlin, 2016.

Insgesamt sind die drei Bände Gardams gefällig zu lesen, mit leichten (bewusst gesetzten) Störungen, die das Angenehme der Lektüre jedoch nie gefährden. Ein unsentimentaler Blick auf einen Kreis alter Menschen – im Zentrum ein Ehepaar – und die Geschichte ihres Lebens in spätkolonialen Zusammenhängen.

Der erste Band erzählt das Geschehen aus der Perspektive des Richters Sir Edward Feathers in vielfältigen Rückblenden und Verschränkungen, der zweite mit seiner Frau Betty geb. Mackintosh als Reflektorfigur, der dritte changiert zwischen den wenigen noch lebenden Bekannten (z. B. Fincal-Smith) und klärt die Herkunft des Antagonisten Feathers’ und einmaligen Geliebten Bettys, Terry Veneering. Dabei bleiben die Charaktere lange rätselhaft, ihr Verhalten scheint zuweilen wenig motiviert, schließlich aber (und das macht die Gefälligkeit aus) werden weit zurückliegende Zusammenhänge aus den jeweiligen historischen Kontexten heraus abschließend aufgedeckt.

Gelungenes englisches Erzählen mit hoher Sensibilität für die schrundigen Seelen der Figuren, ohne ein angemessenes Quantum Ironie missen zu lassen.

Konveniert.