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Gelesen. Dobyčin.

Leonid Dobyčin: Die Stadt N. Übertragen von Peter Urban. Berlin: Friedenauer Presse, 2009.

Das Ziel des von Katharina Wagenbach-Wolff geleiteten Verlages:

Lyrik, Essays und Romane den Lesern zugänglich zu machen und dem Vergessen zu entreißen, die Leser auf bisher nicht übersetzte und veröffentlichte Werke, oftmals aus dem Russischen, aufmerksam zu machen sowie eine sorgfältige Buchgestaltung, ohne den Anspruch, Luxusprodukte herzustellen. [Verlagsseite]

Das ist gelungen. Das Büchlein ist eine wunderbar sorgfältige (gut gesetzter fehlerfreier Text, ausführlicher Anmerkungsteil zu inhaltlichen und übersetzungstechnischen Fragen, Daten zu Leben und Werk, Nachwort, Anmerkungen zum Nachwort) und schöne (Einbandpapier, Lesebändchen, Fadenheftung) Ausgabe eines lange verschollenen Werkes in Ungnade gefallener moderner russischer Literatur, in dem aus der beschränkten Perspektive eines Halbwüchsigen städtisches Leben erzählt wird.

»Ich lese viel. Zweimal habe ich schon ›Dostoevskij‹ durchgelesen. Worin er mir gefällt, Serge, ist, daß er mir so viel zu lachen gibt.« [Ebd., 84]

Ha!

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Prantl statt Frontex.

Wenn der wichtigste Aspekt des 10-Punkte-Plans der EU-Kommission die Aufstockung der Frontex darstellt, die für Abwehr der Flüchtlinge (»Sicherung der Außengrenzen«), nicht aber für ihre Rettung zuständig ist, dann ist das natürlich der falsche Weg.

Es sei daran erinnert, dass wir die ganze Diskussion schon mehr als einmal erlebt haben. Deshalb gibt es den lesenswerten Artikel (»Die Rettung«), den Heribert Prantl im letzten Jahr geschrieben hat und der jetzt vermutlich irgendwo im SZ-Archiv verschimmelt, auch schon längst. Dieser enthielt einen alternativen 10-Punkte Plan, der zum Beispiel hier dokumentiert ist und den man jetzt einfach umsetzen könnte.

Gelesen (und lesend). Proust. II.

Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. 2: Im Schatten junger Mädchenblüte. Übertragen von Bernd-Jürgen Fischer. Stuttgart: Reclam, 2014.

Für den zweiten Band brauchte ich ein wenig länger als für den ersten (bei einem längeren Leseprojekt sind ja immer auch andere Lektüren zu bedenken; zudem ist mir bewusst geworden, dass die Beschleunigung des Lesers nicht auch die des Übersetzers nach sich zieht: für 2015 ist zwar noch Band 4 angekündigt, folgende Bände oder gar der Abschluss der Projektes sind allerdings noch nicht absehbar), aber nun ist er mit seinen über 700 Seiten (plus Anmerkungen) bewältigt.

Im Schatten junger Mädchenblüte enthält zwei Teile: »In der Welt von Madame Swann« und »Ländliche Namen: Das Land«.

Im ersten Teil wird die Emotionalität von Erwartung und Erfüllung ausgebreitet, letztere allzuoft die Enttäuschung beinhaltend: die schwärmerische Begeisterung für die Sängerin Berma, für den Autor Bergotte, letztlich auch für Gilberte, die erste Liebe Marcels, die er sich, kaum genossen, mühsam wieder abgewöhnt, weil sie ihn nicht in dem Maße zu lieben scheint wie er sie. Dass in biographischer Lesart die Frauenfiguren der Liebschaften Marcels – man beachte den androgyn ambivalenten Klang der Namen – wohl eher als Männer vorgestellt werden müssen, ist dabei ganz unerheblich. Im Zentrum stehen wie stets die Gefühle.

Der zweite Teil zeigt Marcel im Seebad Balbec inmitten eines Kreises von mehr oder weniger guten Bekannten und Freunden – Saint-Loup, Bloch – in gelangweilter Zerstreuung. Nach Gesang und Literatur ist nun die Malerei in Person Elstirs Thema für Marcel; hier knüpft er nun auch eine Verbindung zu Albertine, die er zuvor schon in einer Gruppe alberner Backfische wahrgenommen hatte. Fast kommt es zum Kuss! – Eine weitere Freundin (sind sie nicht alle irgendwie ähnlich?): Andrée.

Das Leben der Décadence erfasst Proust dabei in allen Facetten; die andere Sicht auf Welt wird zwar selten thematisiert, bleibt aber nicht unbemerkt, zum Beispiel wenn das Hotel beschrieben wird,

wo die elektrischen Quellen Fluten von Licht durch den großen Esssaal branden ließen, der wie zu einem riesigen, wundersamen Aquarium wurde, vor dessen gläserner Wand sich die arbeitende Bevölkerung von Balbec, die Fischer und auch die Kleinbürgerfamilien, unsichtbar im Dunkel an die Scheiben drückte, um das langsam von den goldenen Strömen gewiegte Luxusleben dieser Leute zu betrachten, das für die Armen ebenso fremdartig war wie exotische Fische oder Mollusken (eine bedeutende soziale Frage, ob die gläserne Wand auf Dauer das Gelage der wundersamen Bestien schützen wird und ob nicht die Schattengestalten, die gierig in der Nacht zuschauen, kommen werden, um sie in ihrem Aquarium einzufangen und aufzuessen). [Ebd., 348]

Habe derweil schon den Weg nach Guermantes eingeschlagen.

Zurück zu Band I – weiter zu Band III.

Gelesen. Alafenisch.

Salim Alafenisch: Die acht Frauen des Großvaters. Zürich: Unionsverlag, 2015.

In offenkundiger Erzählfreude stellt Alafenisch die uns fremde Kultur der Beduinen des alten Palästina vor, zeigt dabei die Funktionsweise (beispielsweise von angebahnten Eheverbindungen) wie auch Probleme, Konflikte und Lösungsstrategien der Kultur auf. Die Vielehe des Großvaters ist dabei Zentrum einer umfänglich angelegten Schilderung der Lebensumstände eines ganzen Stammes über Jahrzehnte. Die mündliche Erzähltradition offenbart sich in repetitiven Elementen, die allerdings auf der Handlungsebene auch den ritualhaften Charakter wiederkehrender Vorgänge kennzeichnen.

Auch wenn Alafenisch immer die Sympathie für das Erzählte anzumerken ist, ist es der gutmütige, teilweise burschikose Spott, der der westlich geprägten Leserin die Lektüre erträglich macht; etwa wenn geschildert wird, dass der sehnsüchtig erwartete (und allein drei Ehen erfordernde) erste Sohn des Großvaters, nach dem Propheten Mohammed benannt und von der Mutter als künftiger Löwe des Stammes bezeichnet, zunächst von den anderen Frauen und schließlich vom ganzen Stamm nur »Gewandscheißer« gerufen wird …