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Genug der Neuerungen.

So, nach üblen Erfahrungen mit meinem bisherigen Provider habe ich nun zu Strato gewechselt; der Umzug ist extrem schnell vonstatten gegangen - am längsten dauerte das Einspielen der MySQL-Tabellen. Die letzten 3 Postings sind verloren gegangen, doch dies ist zu verschmerzen.

So soll's denn nun hier weitergehen.

Freiheit oder Schule.

Ein anonymer »Schulrevoluzzer« (also vermutlich letztendlich Lampenputzer) überschreibt einen Artikel über die Schule Willkommen im Knast!. In diesem heißt es:
»Der deutsche Staat zwingt tagtäglich ca. 15 Millionen Menschen nur aufgrund ihres Alters dazu, sich dem Zwang und psychischen Druck eines veralteten und auf Kapitalismus normierten Schulsystems unter zuordneten [sic].«


Das Problem der Schulpflicht allerdings reflektieren zumeist Schülerinnen und Schüler, für die diese gar nicht mehr besteht, weil sie nur noch freiwillig weiterführende Schulen besuchen. Und abgesehen vom revolutionären Impetus wissen sie meist sehr genau, warum sie noch immer dieses »auf Kapitalismus normierte Schulsystem« nutzen.

(»Muss ich zum Unterricht kommen?« ist übrigens auch eine FAQ. Zur Frage der Schulpflicht an sich schreibe ich bei Gelegenheit auch mal eine Antwort. Nun muss ich aber erst mal an die Korrektur der Deutsch-GK-Klausuren gehen.)

Die SPD und die Macht.

Der Kanzler schmeißt den Bettel hin. Er weiß, dass es wenig Sinn hat, gegen einen übermächtigen CDU-dominierten Bundesrat zu regieren und wählt daher lieber ein Ende mit Schrecken als einen Schrecken ohne Ende. Dass er wahrlich glaubt, er könne die Wahl gewinnen, ist ihm nicht recht abzunehmen, denn die Situation wäre im Falle eines erneuten Rot-Grün-Sieges ja dieselbe. Zwar wäre die moralische Verpflichtung zur Kooperation für die Union dann größer, doch mit Moral haben die Schwarzen es ja nicht so.

Stattdessen zeigt ausgerechnet die Partei der »vaterlandslosen Gesellen« Verantwortung für das Land, indem sie ihr Machtwollen hintanstellt gegenüber dem vermuteten Interesse der Mehrheit der Bundesbürger, die Sozialdemokraten nicht mehr an der Regierung zu sehen – Hans Herbert von Arnim laut Spiegel dazu:

»Das hat etwas staatspolitisch Honoriges. Schröder eröffnet damit dem Wähler die Möglichkeit eines Machtwechsels und der Beendigung der Blockade durch den Bundesrat.«


– nie würde die Union, die ja davon überzeugt ist, dass der Normalzustand eine CDU-geführte Regierung ist, so etwas tun.

Ich vermute darüber hinaus, dass die meisten Wählerinnen und Wähler gar nicht kapieren, was sie da im Moment tun: nämlich die Kraft zu demontieren, die sich wenigstens ein Mindestmaß an Vernunft und Augenmaß gegen die vollkommene Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche bewahrt hat. Dies ist von der CDU von heute (Merkel und Koch statt Geißler und Weizsäcker!) – gerade in Verbindung mit der FDP von heute (Westerwelle statt Hirsch!) – ganz gewiss nicht zu erwarten.

Ich hoffe sehr (und werde im Wahlkampf dafür streiten), dass die Wählerinnen und Wähler verstehen, dass gerade in diesem letzten medial wirksamen Schachzug Schröders und Münteferings auch die Größe und Tragik der SPD begründet liegt: im Bewusstsein der Verantwortlichkeit für das Land, nicht für die eigenen Pfründe. Und ich hoffe sehr (und werde im Wahlkampf dafür streiten), dass die Wählerinnen und Wähler es endlich verstehen, dass es auch sinnvoll sein kann, das kleinere Übel zu wählen - und das sind niemals Merkel, Westerwelle und Stoiber.

Gelesen.

Uwe Tellkamp: Der Eisvogel. Berlin: Rowohlt Berlin, 2005.

Zwei Bürgersöhnchen – ein aus Trotz gegen den Vater zum Philosophiestudium Getriebener sowie ein wirrköpfiger Neunazi – streiten sich um die rechte Weise, unsere Gesellschaft terrorunterstützt zu erneuern. Jungmann 1 erschießt Jungmann 2 – es stellt sich nun die Frage nach der geheimnisvollen Motivation. Der Autor verpackt die simple Geschichte in gewollt avantgardistische Perspektivwechsel, um wenigstens ein wenig Spannung zu erzeugen.

Ja, ein paar gelungene Stellen gab es. Sie rechtfertigen aber nicht die Lektüre der 300 Seiten. Das bei der Bachmann-Preisverleihung gelesene Prosastück versprach mehr.

Buch bei amazon angucken.

Kommentare.

Da es zuweilen vorkommt, dass jemand beim Kommentieren von meiner Spamschutzsoftware als Spammer identifiziert wird, obwohl dies gar nicht der Fall ist, bitte ich für diesen Fall um Rückmeldung an mich. Ich möchte meinen Spamschutz nicht lässiger einstellen als es unbedingt nötig ist, lese aber auch gern Kommentare.

Danke.

Frühling.

Garten Vorm Haus, wo wir nur ein bisschen Garten haben, blühen schon unser Ranunkelstrauch, Kaiserkronen und ein ungeplanter knallgelber Goldlack. Pfingstrosen und Clematis setzen Knospen an, und unter der Clematis wuchert der Frauenmantel. Im Vordergrund der Rhabarber (arg gerupft, weil's heute -kuchen gab), ganz rechts eine Ecke des Frühbeets, in dem Salat wächst.

Ich stehe auf dem Gang in dem Beet, das ich vorgestern per Sauzahn wieder bepflanzbar machte. Wir haben zwei Reihen Kartoffeln gepflanzt, die im Moment ja schneller keimen als man sie essen kann; die Bohnen kommen Mitte Mai dazu, dann stellen wir auch wieder das Stangengerüst auf.

Du bist verantwortlich.

Der Herr Johnny von der Spree hat eine Diskussion über eine Deutschland-Kampagne initiiert, die wohl derzeit in der Mache ist. Das ist nicht schlecht, obwohl diese Nationalismus-Debatten meist auf einem Feld sich tummeln, das Interessantes gar nicht mehr enthalten kann, weil eh schon alles mal gesagt wurde – aber sei's drum.

Alles Entscheidende, was in diesem Fall gegen die Aufnahme eines weiteren Buttons in irgendwelche Buttonzeilen oder -spalten spricht, hat Anke Gröner schon differenziert dargelegt und bitte ich dort nachzulesen.

Der Slogan »Du bist Deutschland« ist es, der mich interessiert und den ich hier noch einmal genauer beleuchten möchte. Der Satz wird gemeinhin als anbiedernd und deutschtümelnd verstanden. Ich möchte ihn sehen als aufklärerisch und subversiv.

Aufklärerisch: sapere aude! – dieser Appell steht hinter diesem Satz: du bist verantwortlich für das, was hier geschieht. Es ist sehr einfach, eine Liste zu eröffnen und zu versammeln, was »ihr« alles falsch macht. Schon schwieriger ist es, die eigene Verantwortlichkeit zu erkennen, die vielen Handlungen zu sehen, die man unterlässt, obwohl sie dringend notwendig wären und vielleicht auch die allzeit bereite Kritikkeule mal einzupacken und stattdessen etwas zu tun. In Monty Pythons Das Leben des Brian kommt eine Szene vor, in der eine Masse Menschen ihrem Messias im Chor zuruft »Ja, wir sind alle Individuen!« – So scheinen mir die Leute mit Spreeblicks Button umzugehen.

Der unfreie Mensch ist der unbeschwerte: immer tragen andere die Schuld für ihn. Und so sind wir dank Johnnys Liste jetzt auch sicher, warum wir die Guten und die anderen die Bösen sind. – Dschungs und Mädchen, mit Verlaub: diese Art des Denkens ist unter dem Deckmantel des kritischen Bewusstseins eskapistisch. Der Slogan könnte uns daran erinnern: was tust du eigentlich für die Gemeinschaft, in der du lebst? Was tust du eigentlich - außer furchtbar unangepasst zu denken und dir Buttons ins Blog zu pflastern?

Das Subversive übrigens liegt darin, dass der Slogan an jeden gerichtet ist: auch an den angepunkten Bewohner einer Wagenburg. Auch an die Obdachlose. Auch an die Castor-Protestler. Auch an die Kehrwochen-Dissidentin. Und auch an Sie, in dieser eigentümlichen Art, in der Sie so vor sich hinleben. Und wir alle können hinzutun zu unserem (!) Gemeinwesen, was wir bereit sind zu geben. Ist das nicht wunderbar?

»Also räumt den Saustall endlich auf.« – so manches Mal bin ich versucht, diesen Satz zu Schülerinnen und Schülern zu sagen, in deren Klassenraum ich gerade eintrete. Besonders motivierend indes ist der Satz nicht. Es ist einfacher anzufangen irgendwo: nach kürzester Zeit machen viele (selten alle) mit.

[Update:] Da Spreeblick-Johnny und ich noch die eine oder andere Mail ausgetauscht haben, hier noch eine Ergänzung, die vielleicht dem Verständnis dient:

In meinem Posting stand ja:

»Der Satz wird gemeinhin als anbiedernd und deutschtümelnd verstanden. Ich möchte ihn sehen als aufklärerisch und subversiv.«

Ich möchte ihn so sehen - wir können ihn uns zu eigen machen. Das ist so wie das grundgesetzlich garantierte Widerstandsrecht, auf das sich Castor-Blockierer berufen: es kommt immer darauf an, sich gar nicht so ernst gemeinte Sätze zu eigen zu machen. (Artikel 14, (2): »Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.« wäre ein ähnliches Beispiel.)

Wir könnten ihn uns zu eigen machen: wir - das sind eben auch all die unangepassten, unzufriedenen Menschen, die ich erwähnte. Ob wir uns das Heft aus der Hand nehmen lassen oder nicht, ist in vielen Dingen unsere Sache.

Wenn mir jemand sagt: »Du bist Deutschland«, dann muss derjenige auch damit rechnen, dass ich meinen Anteil verwirklicht sehen möchte.

Auf die Frage, ob ich »subversiv« ernst meine, antwortete ich: [Ich schrieb diesen Satz] mit dem gleichen Impetus, den auch Camus nutzte, als er sagte, man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen: zuweilen fördert die Umkehrung einer eigentlich selbstverständlichen Deutung erkenntnisförderndes Potential zutage.

Hat der Mensch einen freien Willen?

Stephan Schleim berichtet in seinem Telepolis-Artikel Ist der Mensch ein Automat? über »Probleme mit der Willensfreiheit bei Hirnforschern und Philosophen«.

Da wir dieses Thema gerade im Philosophieunterricht besprachen, ein wichtiger Link auch für meine Schülerinnen und Schüler des 11. Jahrgangs.