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Anforderungen an Buchhandelsauszubildende.

Begleitend zum Unterricht nutze ich bei den Buchhandelslehrlingen seit einiger Zeit ein Wiki, in das die S in ihrer freien Zeit Texte zu sechs von ihnen gelesenen Büchern aus der internationalen Literatur eintragen sollen.

Die Qualität schwankt natürlich (es sind auch wirklich schwache Präsentationen dabei), und ich werde auch immer wieder gefragt, wie die Texte denn nun sein sollen, damit sie gut sind. Das ist deshalb schwer zu sagen, weil ich alles lesen möchte – nur keine 08/15-Buchvorstellungen. Auf der Seite Anmerkung für Auszubildende versuche ich dies zu verdeutlichen: dass Texte ganz unterschiedlich und trotzdem allesamt hervorragend sein können.

Vorschläge für Auszeichnungen nehme ich jederzeit entgegen. ;-)

Gelesen.

Rankin: Souvenir des Mörders
Ian Rankin: Das Souvenir des Mörders. München: Goldmann Taschenbuch, 2005.

Die Reihe um den schottischen Ermittler John Rebus steht wie andere auch für den modernen Kriminalroman, der die Kriminalermittlung nur als Aufhänger nutzt, um die eigentliche Geschichte zu erzählen. Natürlich überwiegt der Ermittlungsanteil in der Geschichte weit andere Aspekte, doch gleichwohl sind auch in der Ermittlung zentrale Fragen solche:

  • Wie reagiert der Ermittler?

  • Was verrät die Reaktion des Ermittlers über eben diesen?

  • Welche Auswirkungen hat die Ermittlung (mit ihren soziologischen, moralischen, politischen Implikationen) auf den Ermittler und sein familiäres und sein dienstliches Umfeld, sein Privatleben, sein Gewissen?

  • Wie entwickelt sich der Ermittler (samt Umfeld) über den einzelnen Roman hinaus?


Gerade das letzte Moment – ich nenne es mal Makrogeschichte – ist ein nicht zu unterschätzendes. Zwar bemühen sich deutschsprachige Verlage meist, die ursprüngliche Editionshistorie möglichst zu hintertreiben und die Makrogeschichte damit zu zerstören oder aber hinderlich werden zu lassen im Verständnis der einzelnen Bände, doch wenn eine Serie erst einmal mehr oder weniger komplett vorliegt, kann der Leser der Makrogeschichte folgen.

Diese ist oftmals alles andere als kriminalistisch motiviert, gleichwohl vermute ich, dass sie für einen großen Teil der Leserschaft ebenso bedeutsam ist wie die Kriminalhandlung. Schon die Liebesgeschichte zwischen Lord Peter Wimsey und Harriet Vane war ja treibende Kraft ein den letzten Romanen Dorothy Sayers', und es ist kein Zufall, dass die Romane um Wimsey mit der Heirat der Liebenden ein Ende finden.

Triviales Interesse auf dem Niveau der Soap-Opera ist es also, was uns Krimileser neben dem intellektuellen Moment des Rätselratens zumindest auch umtreibt, und der moderne Kriminalroman kommt uns dabei weit entgegen. Die Krimihandlungen sind häufig hanebüchen, überzogen, fernab normaler polizeilicher Realität (der nächste Blogeintrag wird ein hervorragendes Beispiel dafür liefern, wenn ich ihn schreibe ;-)), doch die Makrogeschichte trägt auch einen weiteren Band einer Serie.

Und ja, ich habe also auch wissen wollen, wie es mit Rebus weitergeht. In Das Souvenir des Mörders erfährt man's.

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Die Retrolinke.

»Ach, wären sie doch links!« betitelt Frank Drieschner einen klugen Artikel in der Zeit über die Hobbypolitiker Oskar Lafontaine und Gregor Gysi und andere in ihrem Fahrwasser.

»Gäbe es eine linke Alternative zur Modernisierung à la Merkel? Aber ja, sie liegt sogar recht nahe. Nördlich von Deutschland gibt es vier komfortable Sozialstaaten mit hohen Steuersätzen und niedriger Arbeitslosigkeit. In den Schulen lernen die Kinder dort mehr als ihre deutschen Altersgenossen. Und die Bürger sind reich genug, für Arbeiten, zu denen sie selbst keine Lust mehr haben, Gastarbeiter aus Deutschland anzuwerben.«


Drieschner nennt die entstehende Formation die »Retrolinke«, weil sie in erster Linie rückwärtsgewandt alte Besitzstände verteidigt – ohne zu sehen, dass es beispielsweise in Skandinavien moderne funktionierende Gesellschaften gibt, die letztlich viel eher als links zu bezeichnen sind, weil sie den Gerechtigkeitsgedanken nicht zementieren, sondern weiterentwickeln.

[Update:] Und weil bei IT&W darauf hingewiesen wurde, ein Link zur Kolumne Robert Leichts zum Thema.

Gelesen.

Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe. Leipzig: Dieterich, 1955.

Gelesen.

[Nur damit's nicht verloren geht:]

Raoul Schrott: Gilgamesch. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 2003.

Sehr beeindruckende Neufassung sowie eine textgetreue Übersetzung. Sehr empfehlenswerte Ausgabe.

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Genug der Neuerungen.

So, nach üblen Erfahrungen mit meinem bisherigen Provider habe ich nun zu Strato gewechselt; der Umzug ist extrem schnell vonstatten gegangen - am längsten dauerte das Einspielen der MySQL-Tabellen. Die letzten 3 Postings sind verloren gegangen, doch dies ist zu verschmerzen.

So soll's denn nun hier weitergehen.

Freiheit oder Schule.

Ein anonymer »Schulrevoluzzer« (also vermutlich letztendlich Lampenputzer) überschreibt einen Artikel über die Schule Willkommen im Knast!. In diesem heißt es:
»Der deutsche Staat zwingt tagtäglich ca. 15 Millionen Menschen nur aufgrund ihres Alters dazu, sich dem Zwang und psychischen Druck eines veralteten und auf Kapitalismus normierten Schulsystems unter zuordneten [sic].«


Das Problem der Schulpflicht allerdings reflektieren zumeist Schülerinnen und Schüler, für die diese gar nicht mehr besteht, weil sie nur noch freiwillig weiterführende Schulen besuchen. Und abgesehen vom revolutionären Impetus wissen sie meist sehr genau, warum sie noch immer dieses »auf Kapitalismus normierte Schulsystem« nutzen.

(»Muss ich zum Unterricht kommen?« ist übrigens auch eine FAQ. Zur Frage der Schulpflicht an sich schreibe ich bei Gelegenheit auch mal eine Antwort. Nun muss ich aber erst mal an die Korrektur der Deutsch-GK-Klausuren gehen.)

Die SPD und die Macht.

Der Kanzler schmeißt den Bettel hin. Er weiß, dass es wenig Sinn hat, gegen einen übermächtigen CDU-dominierten Bundesrat zu regieren und wählt daher lieber ein Ende mit Schrecken als einen Schrecken ohne Ende. Dass er wahrlich glaubt, er könne die Wahl gewinnen, ist ihm nicht recht abzunehmen, denn die Situation wäre im Falle eines erneuten Rot-Grün-Sieges ja dieselbe. Zwar wäre die moralische Verpflichtung zur Kooperation für die Union dann größer, doch mit Moral haben die Schwarzen es ja nicht so.

Stattdessen zeigt ausgerechnet die Partei der »vaterlandslosen Gesellen« Verantwortung für das Land, indem sie ihr Machtwollen hintanstellt gegenüber dem vermuteten Interesse der Mehrheit der Bundesbürger, die Sozialdemokraten nicht mehr an der Regierung zu sehen – Hans Herbert von Arnim laut Spiegel dazu:

»Das hat etwas staatspolitisch Honoriges. Schröder eröffnet damit dem Wähler die Möglichkeit eines Machtwechsels und der Beendigung der Blockade durch den Bundesrat.«


– nie würde die Union, die ja davon überzeugt ist, dass der Normalzustand eine CDU-geführte Regierung ist, so etwas tun.

Ich vermute darüber hinaus, dass die meisten Wählerinnen und Wähler gar nicht kapieren, was sie da im Moment tun: nämlich die Kraft zu demontieren, die sich wenigstens ein Mindestmaß an Vernunft und Augenmaß gegen die vollkommene Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche bewahrt hat. Dies ist von der CDU von heute (Merkel und Koch statt Geißler und Weizsäcker!) – gerade in Verbindung mit der FDP von heute (Westerwelle statt Hirsch!) – ganz gewiss nicht zu erwarten.

Ich hoffe sehr (und werde im Wahlkampf dafür streiten), dass die Wählerinnen und Wähler verstehen, dass gerade in diesem letzten medial wirksamen Schachzug Schröders und Münteferings auch die Größe und Tragik der SPD begründet liegt: im Bewusstsein der Verantwortlichkeit für das Land, nicht für die eigenen Pfründe. Und ich hoffe sehr (und werde im Wahlkampf dafür streiten), dass die Wählerinnen und Wähler es endlich verstehen, dass es auch sinnvoll sein kann, das kleinere Übel zu wählen - und das sind niemals Merkel, Westerwelle und Stoiber.

Gelesen.

Uwe Tellkamp: Der Eisvogel. Berlin: Rowohlt Berlin, 2005.

Zwei Bürgersöhnchen – ein aus Trotz gegen den Vater zum Philosophiestudium Getriebener sowie ein wirrköpfiger Neunazi – streiten sich um die rechte Weise, unsere Gesellschaft terrorunterstützt zu erneuern. Jungmann 1 erschießt Jungmann 2 – es stellt sich nun die Frage nach der geheimnisvollen Motivation. Der Autor verpackt die simple Geschichte in gewollt avantgardistische Perspektivwechsel, um wenigstens ein wenig Spannung zu erzeugen.

Ja, ein paar gelungene Stellen gab es. Sie rechtfertigen aber nicht die Lektüre der 300 Seiten. Das bei der Bachmann-Preisverleihung gelesene Prosastück versprach mehr.

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