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Bloggen und Leben.

Wer nur (noch) selten bloggt, wird von der Blogosphäre mit Missachtung gestraft. Die Einschaltquoten gehen runter, man wird nicht mehr verlinkt; nur noch zufällig finden Menschen per Suchmaschine auf die Seiten – zwar nicht immer die selben, aber in ihrer anonymen Quantität und ihren unterschiedlichen Anfragen verlässlicher als dem Avantgardismus verpflichtete Blogger.

Es gibt ja auch immer neue tolle Blogs: Zwilobit und die Riesenmaschine zum Beispiel, und so gibt's gar keinen Grund, den alten treu zu bleiben. Das regelmäßige Posten ist das Lebenszeichen, und wer keines mehr von sich gibt, ist halt dem virtuellen Ableben anheimgefallen: regelmäßig wird die Abonnementsliste des RSS-Readers auf Karteileichen durchgesehen – nur ein stets zappelnd um Aufmerksamkeit heischender Blogger ist ein guter Blogger.

(Herbst eben.)

Gelesen.

Dieter Forte: Das Haus auf meinen Schultern. Frankfurt am Main: Fischer TB, 2003.

Drei Romane in einem Band über zwei Familien in wirren Zeitläuften. Viele episodenhafte Bilder – „Epiphanien“ stünde bei Joyce – starke Figuren. Empfehlenswert.

Einen bibliophilen Ausschnitt aus dem Werk hat Markus Kolbeck herausgesucht.

Kurzgeschichten für den Deutschunterricht.

Kurze Geschichten sind seit Jahr und Tag Knäckebrot des Deutschunterrichts: eine Art Prosakonzentrat, mit dessen Hilfe Schülerinnen und Schüler lernen können sollen, was an Texten jedweder Art besonders sein kann. Zweifel, ob dies mit den kurzen Texten und ihrer Art der Behandlung gelingen könne, überkommt mich von Zeit zu Zeit, umso heftiger, je böll-, lenz- oder wohmannhaltiger die jeweilige Unterrichtseinheit ist.

Besonders gut für die Behandlung im Unterricht eignen sich die Kurzgeschichten der genannten und ähnlicher Autoren aus verschiedenen Gründen:


  1. Die Lehrperson hat die Texte schon als Schüler intensiv hassen kennengelernt.

  2. Es existiert umfangreiche Sekundärliteratur, sodass eigene Lektüre- und Denkarbeit nicht mehr notwendig ist.

  3. Die genannten Kurzgeschichten sind besonders typische Beispiele ihrer Art, die sich deshalb gut eignen, mit Schülern typische Eigenheiten herauszuarbeiten und ihnen damit auch die Chance zu geben, diese Anwendung auch in Klassenarbeiten und Klausuren zu leisten.

  4. Das Finden neuer geeigneter Geschichten ist nicht einfach.


Die beiden ersten Gründe sind natürlich recht fragwürdig, werden aber sicher in vielen Fällen die entscheidenden sein.

Erfahrene Erfindungen


Grund 4 ist spätestens hinfällig, seit es eine neue feine Geschichtensammlung für die Schule gibt: Sabine Grunow: Erfahrene Erfindungen. Deutschsprachige Kurzgeschichten seit 1989. Leipzig: Klett, 2004.

Zu den Autoren gehören Peter Stamm, Thomas Hürlimann, Undine Gruenter, Stefanie Viereck (mit dem sehr beeindruckenden Text „Am Ende des Dorfes“), Christoph Hein, Claudia Rusch, Michael Kleeberg und viele andere (ja, auch Judith Hermann; aber einen Ausrutscher darf sich ja jeder mal leisten). Knappe, aber wohlausgewählte Materialien zur Kurzgeschichte an sich, aber auch zu den Autorinnen und Autoren runden den Band ab.

Herausragende (!) Autoren der Nachkriegszeit dürfen also gern weiterhin gelesen werden, wenn es um die Darstellung der Literatur nach 1945 geht. Es gibt aber schon lange keinen Grund mehr, länger als unbedingt nötig bei ihnen zu verbleiben: gerade wenn es in einer Unterrichtseinheit um die Kurzgeschichte an sich geht, sollte aktuellen Autoren der Vorzug gegeben werden.

Ein weiterer Ansatz dabei kann übrigens die Kontrastierung literarisch gemeinter Texte mit slam poetry (derley Texte sammelt zum Beispiel der Salbader) und ähnlichen stärker publikumswirksam ausgerichteten Geschichten, hinführend zu einem erkenntnisfördernden kriteriengeleiteten Vergleich sein.

[Update 25.8.2005:] Ich wurde per E-Mail gefragt, ob sich die Sammlung auch für die Sek I eigne. Folgendes habe ich geantwortet:

„[...] meist liest man Kurzgeschichten ja frühestens in der 9., eher in der 10. Klasse (und später); vorher wird meist auf kurze Geschichten zurückgegriffen, die noch nicht die volle Kennzeichenfülle „echter“ Kurzgeschichten aufweisen (z. B. Johann Peter Hebels Kalendergeschichten etc., Fabeln, Geschichten mit gruselig offensichtlicher pädagogischer Absicht)

Eignet sich die Sammlung für die Sekundarstufe I?

Das kommt auf dreierlei an: die Zusammensetzung der Klasse (unterschiedliche Interessen, Lernausgangslagen etc.), die Geschichte selbst (die Kurzgeschichten sind unterschiedlich komplex und anspruchsvoll) und die Vorbereitung durch die Lehrerin.

Tendenziell würde ich sagen, dass wenige Geschichten aus der Sammlung vor der 10. Klasse zu erfassen sind - nur: ist man ehrlich, trifft dies auch für einen großen Teil der "klassischen" Geschichten von Böll, Borchert, Malecha etc. zu.

Ich nutze die Sammlung im Moment für BFS-Klassen (gute Hauptschüler, die in der Berufsfachschule in drei Jahren den Realschulabschluss nachholen wollen), und da sind nur wenige im ersten Jahr verwendbar, z. B. Vierecks "Am Ende des Dorfes" - sehr eindrucksvoll, zu echter Teilnahme führend. Letzte Woche beispielsweise habe ich eine Geschichte, von der ich vermute, dass sie nicht voll erfasst worden wäre, als Schreibanlass genutzt (Loschütz, "Aquarium": Die ersten acht Zeilen habe ich vorgelesen, die S haben die Geschichte zuende geschrieben, überarbeitet; später war dann die Differenz zur "echten" Geschichte bedeutsam). Mit solch kreativen Verfahren kann manche Geschichte aufgebrochen werden.

Ein großer Teil der Geschichten ist – so vermute ich – vor der Oberstufe nicht zu verstehen, was mit lebensweltlichen, aber auch mit satirischen oder humoristischen Elementen in einigen Texten zusammenhängt.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: vermutlich eher wenige, ausgewählte Texte; mehr, wenn eine im Umgang mit literarischen Texten kompetente Klasse gut vorbereitet wurde."

Anforderungen an Buchhandelsauszubildende.

Begleitend zum Unterricht nutze ich bei den Buchhandelslehrlingen seit einiger Zeit ein Wiki, in das die S in ihrer freien Zeit Texte zu sechs von ihnen gelesenen Büchern aus der internationalen Literatur eintragen sollen.

Die Qualität schwankt natürlich (es sind auch wirklich schwache Präsentationen dabei), und ich werde auch immer wieder gefragt, wie die Texte denn nun sein sollen, damit sie gut sind. Das ist deshalb schwer zu sagen, weil ich alles lesen möchte – nur keine 08/15-Buchvorstellungen. Auf der Seite Anmerkung für Auszubildende versuche ich dies zu verdeutlichen: dass Texte ganz unterschiedlich und trotzdem allesamt hervorragend sein können.

Vorschläge für Auszeichnungen nehme ich jederzeit entgegen. ;-)

Gelesen.

Rankin: Souvenir des Mörders
Ian Rankin: Das Souvenir des Mörders. München: Goldmann Taschenbuch, 2005.

Die Reihe um den schottischen Ermittler John Rebus steht wie andere auch für den modernen Kriminalroman, der die Kriminalermittlung nur als Aufhänger nutzt, um die eigentliche Geschichte zu erzählen. Natürlich überwiegt der Ermittlungsanteil in der Geschichte weit andere Aspekte, doch gleichwohl sind auch in der Ermittlung zentrale Fragen solche:

  • Wie reagiert der Ermittler?

  • Was verrät die Reaktion des Ermittlers über eben diesen?

  • Welche Auswirkungen hat die Ermittlung (mit ihren soziologischen, moralischen, politischen Implikationen) auf den Ermittler und sein familiäres und sein dienstliches Umfeld, sein Privatleben, sein Gewissen?

  • Wie entwickelt sich der Ermittler (samt Umfeld) über den einzelnen Roman hinaus?


Gerade das letzte Moment – ich nenne es mal Makrogeschichte – ist ein nicht zu unterschätzendes. Zwar bemühen sich deutschsprachige Verlage meist, die ursprüngliche Editionshistorie möglichst zu hintertreiben und die Makrogeschichte damit zu zerstören oder aber hinderlich werden zu lassen im Verständnis der einzelnen Bände, doch wenn eine Serie erst einmal mehr oder weniger komplett vorliegt, kann der Leser der Makrogeschichte folgen.

Diese ist oftmals alles andere als kriminalistisch motiviert, gleichwohl vermute ich, dass sie für einen großen Teil der Leserschaft ebenso bedeutsam ist wie die Kriminalhandlung. Schon die Liebesgeschichte zwischen Lord Peter Wimsey und Harriet Vane war ja treibende Kraft ein den letzten Romanen Dorothy Sayers', und es ist kein Zufall, dass die Romane um Wimsey mit der Heirat der Liebenden ein Ende finden.

Triviales Interesse auf dem Niveau der Soap-Opera ist es also, was uns Krimileser neben dem intellektuellen Moment des Rätselratens zumindest auch umtreibt, und der moderne Kriminalroman kommt uns dabei weit entgegen. Die Krimihandlungen sind häufig hanebüchen, überzogen, fernab normaler polizeilicher Realität (der nächste Blogeintrag wird ein hervorragendes Beispiel dafür liefern, wenn ich ihn schreibe ;-)), doch die Makrogeschichte trägt auch einen weiteren Band einer Serie.

Und ja, ich habe also auch wissen wollen, wie es mit Rebus weitergeht. In Das Souvenir des Mörders erfährt man's.

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Die Retrolinke.

»Ach, wären sie doch links!« betitelt Frank Drieschner einen klugen Artikel in der Zeit über die Hobbypolitiker Oskar Lafontaine und Gregor Gysi und andere in ihrem Fahrwasser.

»Gäbe es eine linke Alternative zur Modernisierung à la Merkel? Aber ja, sie liegt sogar recht nahe. Nördlich von Deutschland gibt es vier komfortable Sozialstaaten mit hohen Steuersätzen und niedriger Arbeitslosigkeit. In den Schulen lernen die Kinder dort mehr als ihre deutschen Altersgenossen. Und die Bürger sind reich genug, für Arbeiten, zu denen sie selbst keine Lust mehr haben, Gastarbeiter aus Deutschland anzuwerben.«


Drieschner nennt die entstehende Formation die »Retrolinke«, weil sie in erster Linie rückwärtsgewandt alte Besitzstände verteidigt – ohne zu sehen, dass es beispielsweise in Skandinavien moderne funktionierende Gesellschaften gibt, die letztlich viel eher als links zu bezeichnen sind, weil sie den Gerechtigkeitsgedanken nicht zementieren, sondern weiterentwickeln.

[Update:] Und weil bei IT&W darauf hingewiesen wurde, ein Link zur Kolumne Robert Leichts zum Thema.

Gelesen.

Nathaniel Hawthorne: Der scharlachrote Buchstabe. Leipzig: Dieterich, 1955.

Gelesen.

[Nur damit's nicht verloren geht:]

Raoul Schrott: Gilgamesch. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 2003.

Sehr beeindruckende Neufassung sowie eine textgetreue Übersetzung. Sehr empfehlenswerte Ausgabe.

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