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Du bist Deutschland.

Die in den Blogs ja schon annoncierte und vor Erscheinen schon in Grund & Boden verdammte Werbekampagne Du bist Deutschland ist nun erschienen. Und es zeigt sich, dass sie in ihrer Grundkonzeption so gruselig ist wie befürchtet.

Ich schrieb damals »Der Satz wird gemeinhin als anbiedernd und deutschtümelnd verstanden. Ich möchte ihn sehen als aufklärerisch und subversiv. – Ich möchte ihn so sehen - wir können ihn uns zu eigen machen. Das ist so wie das grundgesetzlich garantierte Widerstandsrecht, auf das sich Castor-Blockierer berufen: es kommt immer darauf an, sich gar nicht so ernst gemeinte Sätze zu eigen zu machen.«

Es zeigt sich nun, dass genau das möglich ist. Hella Streicher, die einen der ausführlichsten Beiträge zu diesem Thema geschrieben hat (und, nebenbei gesagt, eine Gegnerin dieser Kampagne ist), schreibt hier:

»Vielleicht sehe ich nicht so aus, wie er [Walter Kempowski] sich Deutschland vorstellt. Aber ich bin doch Deutschland! Was um Himmels willen soll ich denn noch alles tun, damit die Premium-Deutschen begreifen, daß es außer ihnen auch noch andere Deutsche gibt, die etwas zu sagen haben? Wir alle sind doch Deutschland! Wir alle ziehen doch, sagt die Website, an einem Strang! Oder ziehen nur die Wirtschaft, die Politiker und die Medien, und alle anderen Deutschen sind Marionetten, vielleicht sogar als Bundeswehrsoldaten Todeskandidaten? Was um Himmels willen soll ich tun, damit Deutschland begreift, daß auch Menschen wie ich Deutschland sind?«


Q. e. d.

Gelesen.

John Brunner: Die Plätze der Stadt. München: Heyne, 1980.

Bundestagswahl.

Nachdem ich heute meine Lütte in den Kindergarten gebracht hatte, begleitete mich vor und hinter mir je ein Fahrzeug eines hiesigen Bestattungsunternehmens. An der rotbeampelten Kreuzung durfte ich einen Blick auf den Fahrer eines der Autos werfen, der gerade seine Manschetten zurechtzog, auf dass sie genau die angemessenen wenigen Millimeter aus der Anzugjacke herausschauten. Ich fragte mich: Was haben die Bestatter Deutschlands gewählt? Hat ein Bestatter den Merkelschen Plakataussagen wie »Ein neuer Anfang« Glauben schenken können? –

Wie auch immer: Wir haben unseren Politikern ein interessantes Ergebnis beschert, das in der CDU Frau Dr. Merkel in Frage stellt, das aber nüchtern betrachtet auch Gerhard Schröder nicht jubilieren lassen sollte.

Die CDU ist zu christlicher Demut ermahnt worden, die SPD muss sich über eines der schlechtesten Ergebnisse auch noch freuen, weil es im Vergleich zu den Umfragewerten geradezu sensationell gut ist. Ich freue mich natürlich mit, obwohl ich die Frage, die das Kellerkind stellt, mit einem einigermaßen verständnisvollen Grinsen lese.

Vollkommen unerklärlich ist mir das Abschneiden der FDP. Wer kann diese Partei mit diesem Vorsitzenden ernsthaft wählen? Wer hat Guido Westerwelle triumphieren sehen wollen?

Die Linkspartei hat ein hervorragendes Ergebnis erzielt – nur wozu? Statt sich die Finger schmutzig zu machen in den Niederungen der Realpolitik, möchte sie Opposition betreiben: Ich bin contra. Von Berufs wegen.

Der Lack der Grünen ist ab, die Öko-FDP hat ihre Schwierigkeiten, noch als besonders und hip wahrgenommen zu werden. Es ist Herbst.

Zu den Direktkandidaten: gewählt ist hier im Wahlkreis 9 unsere Bettina Hagedorn, SPD-MdB, deren Fleiß, Durchsetzungskraft und Sachkompetenz allgemein anerkannt wird. Auch Eutin hat rot gewählt. Gewählt ist aber auch die SPD-Kandidatin Elke Ferner gegen Oskar Lafontaine in dessen Wahlkreis.

Das Wahlergebnis ist knifflig, weil es Kompromisse fordert, die nicht nur den Parteien schwer fallen, sondern auch in der Konsequenz für den Bürger stets von eigentümlicher Ambivalenz getragen sein werden. Mathias Bröckers in der Telepolis: Wahl paradox – Deutschland wählt links, wird künftig aber wohl von (halb)rechts regiert.

Vielleicht hätte ein Mehrheitswahlrecht doch Einiges für sich.

Wahlkampf und Wahl.

Dass die SPD hinter dem Kanzler verschwände, wie die Telepolis behauptet, war beim gestrigen Infostand der SPD Eutin ganz gewiss nicht zu bemerken, vielmehr, dass Vorstand und Fraktion fast komplett versammelt waren, um gemeinsam mit unserer Abgeordneten Bettina Hagedorn rote Rosen und Nelken zu verteilen – nur der Kanzler nicht, denn der war anderenorts.

Gleichwohl ist er derjenige, über dessen Kanzlerschaft heute abgestimmt wird.


Bei Industrial Technology & Witchcraft liest man Launiges: »Unsere Wahlempfehlung folgt schlicht dem Rat von Deutschlands erster bester Satire-Site: Gehen Sie wählen. Ganz egal, ob Sie noch nicht wissen, was. Bei den derzeitigen Überlegungen über mögliche Koalitionen muss das kein Nachteil sein. Und: wenn Sie dann in der Wahlkabine stehen und die Zukunft unserer kleinen Bananenrepublik bestimmen - denken Sie an Tomaten. Kreuzen Sie die ersten beiden Farben an, die Ihnen dabei in den Kopf kommen.«

Letztlich stützen aber nur Stimmen für die SPD Schröder – alle anderen schaden ihm (wenn auch in unterschiedlichem Maße) und führen zu nicht erwünschten Regierungsbildungen. Wählen Sie bedachtsam und verantwortungsvoll. Wählen Sie SPD.

Optische Täuschungen.

Für die Einführungsstunde in die Erkenntnistheorie nutze ich gern optische Täuschungen. Eine Sammlung eigentümlicher visueller Phänomene findet sich hier.

Gelesen.

John Brunner: Mehr Dinge zwischen Himmel und Erde. München: Heyne, 1983.

Gelesen.

Arne Dahl: Falsche Opfer. München: Piper, 2005.

Lehrermangel.

„Zum Schuljahresbeginn fehlen 10.000 Lehrer“, meldet die Tagesschau Die Welt zitierend. Dies ist bedauerlich, ergibt sich aber nun einmal zwangsläufig aus dem Zusammenspiel positiver Entwicklungen wie der Förderung von Gesamtschulen und negativer Begleitumstände wie zögerlicher Ausbildungs- und Einstellungspolitik.

Die Politik wird sich ebenso wie die Gesellschaft insgesamt an den Gedanken gewöhnen müssen, dass Bildung etwas kostet, dass in Schulen investiert werden muss – Halbherzigkeit führt nicht weiter.

Es gibt positive Aspekte der Kulturhoheit der Bundesländer, insgesamt aber überwiegen für mich die negativen. Aus der Sicht der Landesfinanzminister ist es möglicherweise die richtige Entscheidung, die Personalkosten durch Arbeitszeitverlängerungen und Einstellungsstops zu verringern – gesamtgesellschaftlich ist es fatal. Ein bundespolitisch hervorragender (wenn auch noch nicht ausreichender) Coup wie die Unterstützung des Ausbaus bestehender Schulen zu Ganztagsschulen verpufft, wenn die Länder nicht das Personal bereitstellen.

Kommentar zu Johnsons <i>Jahrestage</i> II.

Vor einiger Zeit beschwerte ich mich einmal darüber, dass der Kommentar zu Uwe Johnsons Jahrestage (hg. von Holger Helbig, Klaus Kokol, Irmgard Müller, Dietrich Spaeth und Ulrich Fries) zwar online verfügbar ist, sich aber nicht an Richtlinien der HTML-Programmierung halte, weswegen er mit vielen Browsern nicht lesbar sei.

Nun aber ist der Code repariert und der hervorragende Kommentar problemlos zugänglich.