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Was hat es denn nun auf sich mit Terry Pratchetts »Night Watch«-Serie?

Zur kurzen Einführung: Terry Pratchetts Romane spielen in einer fiktiven »Scheibenwelt«, die als Grundlage sehr verschiedener Serien zu verstehen ist. Zu diesen gehören Zauberer-Romane, Hexen-Romane, Tod-Romane etc. (Näheres zum Beispiel hier, etwas weiter unten). Haupstadt der Scheibenwelt ist Ankh-Morpork – chaotisch, anarchisch, lebensvoll.

Die Romane Pratchetts werden häufig als Fantasy bezeichnet, sie werden von diesem Begriff aber nicht erfasst, weil wesentliches Bestandsstück der heroischen Fantasy im Regelfall ihre absolute Ironieferne ist, was sie mit der Science-Fiction-Literatur gemeinsam hat. Was Douglas Adams dann für die letztere geschafft hat – sie mit Witz und programmatischer Unernsthaftigkeit für Menschen lesbar zu machen, die Science Fiction ansonsten verabscheuen –, ist Pratchett mit der Fantasy schon längst gelungen – bzw. hätte ihm gelungen sein können, wenn denn nicht viele potentielle Leser leider dem Etikett (oder den zum Teil üblen Buchumschlaggestaltungen) mehr Vertrauen schenkten denn ihrem eigenen Leseerlebnis.

So wie der Leser etwas verpasst, wenn er Stephen King nicht liest, weil er nicht an den Horrorelementen vorbei auf das Wesentliche schauen mag, geht es ihm auch, wenn er in den Wachen-Romanen auf Trolle, Vampire, Werwölfe, Zwerge etc. stößt und schon deshalb nicht weiter liest.

Die Wachen-Romane schildern die Erlebnisse Sam Vimes', des Chefs der Nachtwache Ankh-Morporks, und seiner Leute. In ihnen und den ihnen begegnenden Geschehnissen – häufig in Form einer Krimihandlung – spiegelt Pratchett unsere Welt und ihre Zeitläufte – und zwar auf humoristische, und das heißt: oberflächlich leichte und oft komische, innerlich letztlich aber oft bittere Art und Weise.

Zwei Zitate aus dem bislang letzten Buch der Wachen-Reihe, Thud! (deutsch: Klonk!):

Es geht um die Frage der Verhörpraktiken in einer gewaltbereiten Stimmung – Trolle und Zwerge rüsten sich in fundamentalistischer Verbohrtheit auf eine Schlacht gegeneinander –; Vimes denkt

»And he was not certain, not certain at all, what he'd do if the prisoner gave him any lip or tried to be smart. Beating people up in little rooms ... he knew where that led. And if you did it for good reason, you'd do it for a bad one. You couldn't say 'we're the good guys' and do bad-guy things.« (256)

– muss man mehr sagen zur Debatte um das absolute Folterverbot?

An anderer Stelle wird ein die Kraft der Magie auf der Scheibenwelt beschrieben: die Zauberer haben Vimes eine Kutsche beschleunigt (bis auf dieses Ereignis sind die Wachen-Romane so gut wie frei von Zauber) und ein Extra-Pferd angeschirrt (es folgt eine irrwitzige Verfolgungsjagd). Ich weiß, Zauberergeschichten sind etwas für kleine Kinder. Aber auch ihnen kann man platonische Ideen so erklären:

»And there was a fifth horse, larger than the other four, and transparent. It was visible only because of the dust and the occasional glint of light off an invisible flank; it was, in fact, what you got if you took away a horse but left the movement of a horse, the speed of a horse, the ... spirit of a horse, that part of a horse which came alive in the rushing of a wind. The part of a horse that was, in fact, Horse.« (311)

Es sind dies zwei von sehr vielen Stellen – witzigen und ernsten, lustigen und schönen – in unterhaltsamen Geschichten, die unter anderem vom Ausgang des Golems aus der gar nicht selbst verschuldeten Unmündigkeit, von der Emanzipation eines weiblichen Zwergs, von falsch verstandenem Heldentum, von den Schwierigkeiten des Nichtzuhauseseins im eigenen Körper am Beispiel eines Werwolfs, von blinder, braver Diensterfüllung im Namen des Bösen, von Rassismus gegenüber Trollen und so weiter handeln. – Offenbar also reine weltflüchtige Fantasy, die so gar nichts mit unserem Leben zu tun hat.

Lest Pratchett: es ist ein weiser Mann.

Die Bücher der Wachen-Reihe in der Reihenfolge des Geschehens (in der sie auch gelesen werden sollten) bei Amazon ansehen:

Guards! Guards!Wachen! Wachen!
Men At ArmsHelle Barden
Feet of ClayHohle Köpfe
JingoFliegende Fetzen
The Fifth ElephantDer fünfte Elefant
Night WatchDie Nachtwächter
Thud!Klonk!

Trackbacks

ats20.de am : Gelesen. Pratchett.

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Terry Pratchett: Snuff. London: Corgi, 2011. (Ein weiterer Wachen-Roman. Siehe dort.)

ats20.de am : Terry Pratchett (1948–2015).

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Früher einmal schrieb ich was über die Unterschätzung und den wahren Wert Pratchetts. Es gilt nach wie vor. Ein Nachruf beim Guardian. Fare thee well, Pterry!

Kommentare

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rip am :

*Ein sehr schöner Artikel, der die grundsätzliche Qualität der Pratchett-Bücher gut darstellt. Was mir noch ein wenig zu kurz gekommen zu sein scheint, ist das Lob auf den im Überfluss vorhandenen Humor, der vom einfachen Wortspiel bis zu komplexen bizarren Szenen reicht und einfach köstlich ist (z. B. die Passwort-Szene ziemlich am Anfang von "Guards").

Hanjo am :

* Du hast natürlich recht, Peter, dass das Humoristische eine der wesentlichen Eigenschaften ist - aber ich wollte den Schwerpunkt doch gerade auf das Ernsthafte an den Pratchett-Romanen legen, damit auch Menschen, die mit solcher Art von Literatur nicht so vertraut sind, sie lesen. Und »Humor« ist ja durchaus so einige Male explizit oder zumindest implizit erwähnt.

Gerade die Sache mit den Wortspielen sollte aber mal jemand beschreiben, der als Anglist (und Humoranthologist) mehr davon versteht. Einfache »Thunder rolled. – It rolled a six.« sind ja auch leicht zu verstehen, andere werden vom unaufmerksamen nur-germanistischen Laienleser vielleicht auch übersehen.

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