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Gelesen. Kesten.

Hermann Kesten: Josef sucht die Freiheit. Göttingen: Steidl, 1999.

Von der Entstehungszeit her ebenfalls der Neuen Sachlichkeit zuzuordnen, stilistisch aber deutlich elaborierter und mit mehr Witz als Kästners Fabian, unsere derzeitige Korridorlektüre. – Gefällt.

Gelesen. Berg.

Sibylle Berg: RCE. #RemoteCodeExecution. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2022.

Dass der Trend aus dem Jugend-/All-Age-Buch, den Plot immer mindestens auf drei Bände aufzuteilen, nun auch auf die ernsthafte Literatur übergreift, muss nicht positiv sein: GRM Brainfuck habe ich als singuläres literarisches Ereignis begriffen und gelesen, von einer Wucht, die ihresgleichen sucht (und auch nicht zwingend der Ergänzung bedarf). Dass dies Gestaltungsprinzip nun weitere fast 700 Seiten trägt (und noch weitere tragen müssen wird), scheint mir nicht unbedingt überzeugend.

Auch dieses neue Buch ist nun eine Enzyklopädie scheiternder Menschheit – wer Gründe für die Annahme sucht, dass diese Welt nicht bestehen wird, schlage eine beliebige Seite auf und lasse sich ein paar Sätze um die Ohren hauen – und dass der Anschlag auf das System (Obacht: Spoiler!) diesmal glücken wird, ist in Anbetracht der gargantuesken Fülle der Dummheit des Menschen, für die Berg fleißig Belege gesammelt hat, eher dünn motiviert und nicht wirklich glaubwürdig. Da habe ich in Genretiteln wie Suarez’ Daemon und Darknet Besseres gefunden.

Gelinde Spannung immerhin entsteht aus der Frage, was Berg denn bald im dritten Band präsentieren wird. Denn für Selbstorganisiation in technisierten Hippiekommunen als Zukunft der Menschheit, wie sie Suarez vorstellt, scheint mir Berg nicht trommeln zu wollen.

Gelesen. Nagelschmidt.

Thorsten Nagelschmidt: Arbeit. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch, 2020.

Nee, nee, habe ich gedacht, als ich die zweite Episode dieses Romans las, das interessiert mich nicht, weil es nur eine weitere romantisierend glorifizierende Darstellung eines Dealer- und Konsumentenlebens im Partyleben Berlins ist; tatsächlich aber wird es dann rasch besser: anhand unterschiedlicher Einzelschilderungen schildert Nagelschmidt überzeugend Alltagsgeschehnisse eines Tableaus von Figuren, die allesamt zum Berliner Dienstleistungsbereich gehören: ein Taxifahrer, eine Fahrradkurierin, eine Sanitäterin, ein Schüler nichtdeutscher Herkunft, eine Frau in ihrem eigenen Späti, auch eine Buchhändlerin, die sich aber eher als Flaschensammlerin begreift, etc. Jeder Lebensbereich wird dabei ernsthaft, kenntnisreich und stimmig aus der Perspektive der Figuren geschildert, wobei letzteres besonders reizvoll wird, wenn die engeren Verbindungen zwischen einzelnen Figuren deutlich werden.

Eine Roman mit dokumentarischem, durchaus aber auch erzählerischem Wert. Bezüge zu anderen Großstadtromanen wie Berlin Alexanderplatz, Fabian etc. ergeben sich wie von selbst.

Lesenswert.