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Laufen 2019.

Im Jahr 2019 gelaufen: 142 Läufe, die sich auf 1671 km summieren – meist in der Gegend, aber auch im Urlaub; das meiste mit dem Mizuno Wave Inspire 15 (ausgetauscht nach knapp 1000 km), den Rest mit dem Mizuno Wave Mujin 3 G-TX (bei fragwürdigen Bodenverhältnissen auf Feld- und Waldwegen sowie bei Regen oder Schnee).

Durchschnittlich sind das 32 km pro Woche. Insgesamt erneut etwas mehr als im Vorjahr, aber ebenso mit nochmals verschlechtertem Pace (6:02/km statt 5:51/km). Das Alter. (Und das Gewicht.)

Gelesen. Zhou.

[Zhou Xingsi:] Der 1000[-]Zeichen[-]Klassiker. Übertragen von Eva Lüdi Kong. Ditzingen: Reclam, 2018.

Reclam hat sich in den letzten Jahren ja schon durch verschiedene (Neu-) Übersetzungen chinesischer Klassiker hervorgetan, und dieses ist ein von der Konzeption her besonderes Projekt:

Kaiser Wu beauftragte um 500 v. u. Z. Zhou Xingsi, die in Stein gemeißelte Vorlage von genau 1000 grundlegenden Schriftzeichen, die gemeinhin zur Übung der Pinselschrift verwendet wurden, in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Dies gelang Zhou sogar in Reimen, und in dieser Form – 250 Strophen à 4 Verse (wobei jeder Vers aus einem Schriftzeichen besteht) – ist der Text über Jahrtausende überliefert worden, diente fast ebenso lang als Grundschulfibel, sodass unzählige Generationen von Schüler*innen sich beim Üben der Schriftzeichen den Inhalt einschrieben und aufgrund der gereimten Form vermutlich auch lebenslang behielten.

Das für uns Nichtchinesen Faszinierende ist dabei, dass tatsächlich jedes einzelne Zeichen einen weiten Sinnhorizont evoziert, aber im Kontext vergleichsweise eindeutig verstanden werden kann, sodass insgesamt historisches und naturwissenschaftliches Wissen wie auch gesellschaftliche Vorstellungen und Normen tradiert wurden – wer beispielsweise Konfuzius’ Gespräche gelesen hat, wird viele Gedanken wiedererkennen.

Foto einer Doppelseite des besprochenen Buches.In der vorliegenden Übertragung wird ein sinniges Layout verwendet, um einerseits das Original zu präsentieren, andererseits den des Chinesischen Unkundigen eine annotierte Übersetzung zeigen zu können: auf der jeweils rechten Buchseite finden sich (neben der Versnummerierung als Marginalie ganz rechts) vier Spalten. Die erste enthält die im Kontext sinnvollste Ein-Wort-Übersetzung des in der nächsten Spalte folgenden chinesischen Schriftzeichens, in der dritten folgt eine phonetische Umschrift, die den Reim des Originals erahnen lässt, in der vierten schließlich die Übertragung in deutsche Verse. Ergänzt wird diese Textpräsentation durch Anmerkungen auf der linken Buchseite; diese wiederum sind illustriert mit Bildern aus Ausgaben des Klassikers, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden sind. (Ein erklärender Abschnitt zur Textgestalt findet sich fast wörtlich wiederholt auf den Seiten 8 und 116; an Absicht mag ich nicht so ganz glauben.)

Insgesamt eine sehr schöne Ausgabe in rotem Seideneinband, natürlich fadengeftet mit Lesebändchen (dessen Abdruck auf dem Foto erkennbar ist).

Gelesen. Carr.

J. L. Carr: Die Lehren des Schuldirektors George Harpole. Übertragen von Monika Köpfer. Köln: DuMont, 2019.

Carr wusste offenbar aus eigener Erfahrung, von was er schrieb, als er in einem in den 1950er Jahren spielenden Schulroman die Auseinandersetzung mit Schuladministration und Umfeld thematisierte. Die erwähnten Eigentümlichkeiten, die fragwürdigen Hierarchien und behäbigen Entscheidungswege, die in Funktionen erstarrten Theoretiker, all das, was Außenstehende unbegreiflich fänden – all das ist heute selbstverständlich ganz anders.

Gelesen. Chabon.

Michael Chabon: Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay. Übertragen von Andrea Fischer. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2002.

Ein Roman über die US-amerikanische Comic-Industrie und die in ihr Schaffenden vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg und als solcher durchaus lehrreich. Kavalier, vor den Nazis aus Prag geflohener Jude, der sich dazu natürlich des Golems bedienen musste, und Clay, sein Cousin, erdenken Geschichten um den Superhelden Eskapist, die ein zunehmend größeres Publikum des aufstrebenden Mediums liest. Man könnte es als Absicht verstehen, dass der Roman ebenso wie die entstehenden Hefte von einer mindestens zeitweise übertrieben erscheinenden Breitwandüppigkeit zeugt – Farben nicht von Technicolor, sondern noch greller, dabei ebenso grob gerastert wie der Druck der frühen Superman-Hefte –, und damit einer Überwältigungstrategie durch immer mehr vom Besten folgt, die wie beim Hollywood-Film in technischer Perfektion Qualität bedeuten soll und doch mehr oder minder willkürlich kombinierte Inhalte – behauptete Freude, Liebe, gezeigtes Leid – stets nur als Mittel zum Zweck verstehen kann. So reicht es nur zum Melodram.

»Was könnte den Figuren denn noch so passieren?« scheint häufiger die Frage gewesen zu sein, die sich Chabon beim Schreiben stellte. Darin ist er seinen Figuren ähnlich, deren Schaffensprozess genau und schlüssig gezeigt wird: die Variationen von Superheld*innen, die jeweils gewisse Ähnlichkeiten haben dürfen, aber auch nicht zu viele, damit nicht die Copyright-Klage des Konkurrenten folgt. Die immer neue, noch unwahrscheinlichere Abenteuer bestehen, Kräfte entwickeln, Feinde besiegen müssen, um die Leser*innen jede Woche neu von der Notwendigkeit des Kaufes zu überzeugen. Nun, manchmal funktioniert’s halbwegs. Übrigens gerade dann, wenn es nicht um neue Abenteuer der Figuren geht.

Wie viele einsame Kinder war sein Problem nicht die Einsamkeit an sich, sondern dass er nie allein gelassen wurde, um sie zu genießen. Es gab immer wohlmeinende Erwachsene, die versuchten, ihn zu bequatschen, zu bessern und zu beraten, zu bestechen, zu beschwatzen und zu bedrohen, damit er sich Freunde suchte, laut und deutlich sprach, an die frische Luft ging; und am schlimmsten waren die anderen Kinder, die offenbar nicht spielen konnten, ohne ihn bei gemeinen Spielen auzuziehen, oder ihn nachdrücklich auszuschließen, wenn die Spiele nett waren. [Ebd., 658]

Abgesehen von der fragwürdigen Struktur des ersten Satzes, die auch der Übersetzung geschuldet sein kann, eine treffende Beschreibung – die jedoch auch das Problem des Autors im Überborden der Einfälle zeigt: es reicht eben nicht das »bequatschen«, nein, es müssen noch fünf weitere Möglichkeiten gefunden werden, die zudem teilweise gleichbedeutend sind.

Am gelungensten erscheint mir die Episode, in der die Protagonisten Welles’ Citizen Kane sehen und Kavalier aufgrund der ihn zutiefst beeindruckenden innovativen Machart des Films eine ganz neue Art der Bildsprache im Comic entwickelt.

Über die lange Strecke der Erzählung aber (über achthundert Seiten!) bleibt ein schales Gefühl.