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Passig und die Bücher.

Kathrin Passig, aus Versehen mal Bachmannpreisträgerin geworden (vgl. hier und öfter), sinniert im Merkur über das Ende des Buchs in der Schrumpfform des Geldbäumchens.

Plappernd beredt sucht die Autorin Gründe, wieso – weil es ihr so gegangen – auch der Rest der Leserwelt die Lust am Objekt Buch zugunsten neuer Lesegeräte verlieren müsse. (Damit widerlegt sie ihres willenlos mäandernden Textes wegen nebenbei ihre eigene These, elektronisch vermittelte Literatur komme immer fix auf den Punkt.)

Einen wesentlichen Vorteil des elektronischen Buchs stelle beispielsweise das Wegfallen des exhibitionistischen Charakters der Lektüreauswahl dar: da dem Lesegerät nicht mehr anzusehen ist, was sich darin verberge, könne sie nun unbeobachtet und daher ungestraft allerorten blöde Bücher lesen.

Da Passig ja dem hemmungslosen Subjektivismus anheimgefallen ist, schreibe auch ich so: meine Krimisucht habe ich nie verbergen zu müssen geglaubt. Auch soziale Ausgrenzung meine ich deswegen nicht wirklich erfahren zu haben. Wenn ich aber zu beurteilen hätte, ob derjenige, der sich in der Kneipe durch plakativ präsentiertes Adornolesen positiv zu profilieren glaubt oder diejenige, die ihr Sein durch ein elektronisches Gadget samt Ildikó-von-Kürthy-E-Book aufwertet, fragwürdiger im Tun sei, hätte ich wohl kaum Schwierigkeiten. Setzte ein weiterer sich zu dem bislang einsamen Kneipengast, wäre im ersten Fall der Anknüpfungspunkt des Gesprächs vermutlich ein inhaltlicher (es würde beispielsweise die Relevanz des Autors erörtert im Angesicht der Tatsache, dass er doch schon tot sei und auch schwierig geschrieben habe etc.), im zweiten ein formaler (geiles Teil, so'n iPad, mache was her, wie viel Gigabyte habe es denn, ah, es sei die große Version, Mensch, Mensch, …). Auch hier würde ich bei aller Vorsicht gegenüber der Notwendigkeit eines intellektuellen Werts von Kneipengesprächen generell dazu neigen, die erste Variante vorzuziehen, denn sie eröffnet zumindest die Chance, dass über mehr gesprochen wird als nur über Technikgeraffel, dessen Halbwertszeit mit allen zum Beispiel auch ökologischen Folgen deutlich kürzer ist als selbst eines von-Kürthy-Bandes.

Offenbar hat Passig inzwischen auch ein Problem mit ihrer Konzentrationsfähigkeit: »Vor allem meine Toleranz für Füllmaterial in Texten hat internetbedingt nachgelassen. Da ein Buch eine bestimmte Mindestlänge haben muss, ist Füllmaterial im Buch gebräuchlicher als in Onlineveröffentlichungen.« Das stimmt. Informationen können viel kürzer präsentiert werden als es gnadenlose Schwafler vergangener Zeiten wagten, denen die Leser alternativlos ausgeliefert waren: »Mann liegt auf Sofa.«, »Paar Typen gehen durch Dublins Kneipen. Molly nicht.«, »Wer der Pflicht folgt, muss hinterher auf Steinen sitzen.« – das sind so Sätze, die locker 1500 Seiten Lektüre ersparen können.

Es gab immer Leute, die nach dem Abebben ihrer Sturm-und-Drang-Phase jugendlichen Massenlesens schließlich gereift lieber in Illustrierten geblättert haben als sich erneut auf Bücher einzulassen. Daran ist nichts Schlechtes. Früher allerdings haben sie dies nicht zum gesellschaftlichen Ideal erhoben.

[An dieser Stelle breche ich ab. Wegen gebotener Kürze.]

Urheberrecht und Autorenverdienst.

Wenn ich mit meine Buchhandelsauszubildenden das schwierige Feld der buchverlagsinternen Preiskalkulation bespreche, spielt am Rande auch Heinrich Bölls Klage über die unzureichende Beteiligung des Autors am Verkaufspreis (in »Ende der Bescheidenheit«, aus urheberrechtlichen Gründen nicht online verfügbar) eine Rolle.

Jörg Kantel rechnet nun Bodo Ramelow vor, wieso für ihn bei weiteren Publikationen nur der Verzicht auf Verlagsdienstleistungen in Frage kommt.

Sankelmark 2010.

Schon öfter erzählt habe ich ja, dass sich aktive Deutschlehrerinnen und Deutschlehrer im Fachverband Deutsch zusammengetan haben. Auch die von der schleswig-holsteinischen / hamburgischen Sektion des Fachverbandes organisierte Fortbildung in Sankelmark erwähnte ich schon.

Dieses Mal durften wir zum ersten Mal nach langer Zeit wieder schon am Freitagvormittag mit der Fortbildung beginnen, sodass unser Programm zum Thema »Gegenwartsliteratur und Erzähltheorien« recht umfangreich geworden ist und wir neben Fachvorträgen und den obligatorischen Arbeitsgruppen (diesmal zu Werken von Karen Duve, Peter Stamm, Botho Strauß, Daniel Kehlmann und Herta Müller) auch eine Lesung mit Peter Stamm und ein Fishbowl-Gespräch mit ihm unterbringen konnten. Außerdem haben wir ein neues Format ausprobiert, bei dem vier bis fünf Referenten in einer Stunde aus subjektiver Sicht je einen Autor bzw. je ein Werk (diesmal zu Georg Klein, Hanns-Josef Ortheil, Julia Franck und Juli Zeh) vorstellen. Und so habe ich neben den Arbeiten im Hintergrund mit einem Kurzreferat zu Juli Zehs Corpus Delicti teilgenommen – hier das Papier für Zehn Minuten Zeh.

Nebenbei blieb natürlich auch bei dieser Fortbildung Zeit für viele informelle Gespräche rund um den Deutschuntericht, die Schule und das Leben.

Da ich die Vorstellung von Dillingen an der Donau interessiert gelesen habe (auch wenn ich mich dort nie fortbilden werde), auch hier ein paar Impressionen aus Sankelmark: am See sieht's so aus:

2010-11-13_125259

den Blick vom Seeufer auf Teile des Tagungsgebäudes zeigt dieses Bild –

2010-11-13_125238 –,

so präsentiert sich der Eingangsbereich:

2010-11-13_125741.

Die ganze Anlage liegt mitten in der Pampa, ist also für kontemplative Fortbildungen hervorragend geeignet. Das einzige nennenswerte Event außerhalb des zweitägigen Programms ist die Umrundung des Sankelmarker Sees in der Mittagspause.

Zu erwähnen sind vielleicht noch die (vor allem angesichts eines Schwungs von paarundachtzig Lehrerinnen und Lehrern) geradezu überirdische Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Verwaltungs- und Servicekräfte und des technischen Personals. Die machen mich ganz stumm.