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Wertung von Literatur.

Wenn ich bei meinen Buchhandelsauszubildenden das Thema »Literatur beurteilen« behandele, verbunden mit Gedanken zur Kanondiskussion etc., bin ich immer erstaunt, dass professionelle Leser (noch) so indifferent mit dem Thema umgehen.

Nein, mir geht es nicht darum, Goethe als einen Säulenheiligen ehren und nach Thomas Mann die deutsche Literatur enden zu lassen. Wohl aber möchte ich ein Bewusstsein dafür wecken, dass nicht »eh alles Geschmackssache«, sondern Literatur durchaus in bessere und weniger gute unterscheidbar ist. Dass Urteile dieser Art auch strittig sein können und zeitabhängig sind, dass es sich eben nicht um objektive Beurteilungen à la TÜV oder DIN handelt, ist doch gerade das, was Literatur interessant macht - mitnichten aber ein Argument gegen den Versuch von Wertung an sich.

(Und abgesehen davon ist ein jedes Sortiment immer schon Wertung, wenn auch nach unterschiedlichen Kriterien.

Und wenn ich die eine oder andere Belletristikabteilung durchstöbere, wünschte ich mir schon, es wären kundige Einkäufer mit Mut zum eigenen Urteil (und der Fähigkeit, diese auch in Verkaufserfolge umzusetzen) am Werke - die n-te genaue Abbildung eines Rundum-Glücklich-Paketes eines Barsortimenters zu sehen überzeugt mich nämlich nicht.)

Gelesen.

Denis Diderot: Jacques der Fatalist und sein Herr. Berlin: Rütten & Loening, 1979.

Gelesen.

Irene Dische: Großmama packt aus. Hamburg: Hoffmann & Campe, 2005.

Klug, amüsant, ernsthaft.

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(Und ja, man muss unterscheiden können zwischen Autorin und Erzählerin, muss Rollenprosa als solche wahrnehmen. Die Großmama entlarvt sich selbst, sie ist die typische unglaubwürdige Erzählerin. Genau darin aber liegt ein Wert des Buches als Dokument des zeittypischen Vorurteils.)