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Diktattexte und Rechtschreibung.

Anlässlich der Vorstellung von Diktattexten bei meinem Kollegen schrieb ich:

Passagen wie »wie weise, weiße Skihasen« kennzeichnen Texte dieser Art aber auch als groben Unfug: sie lassen den Text in die Sinnlosigkeit abdriften (inwiefern sollte Skifahrern Weisheit eigen sein? Wieso sind die »Skihasen« (»Skihasen«! Gute Güte!) alle weiß? (Wurden uniforme Skianzüge verteilt? – Etc.)). – Nee, nee, ein Kind, das derart traktiert mit sofortiger Orthographieverweigerung reagiert, darf meiner tief empfundenen Sympathie sicher sein. :-)

In Bezug auf das Lernen von zu unterscheidenden, aber ähnlichen Phänomenen (z. B. weise vs. weiße) lässt das Ranschburg-Phänomen die Gegenüberstellung unklug erscheinen. In der Situation einer Klassenarbeit erlaubt die Häufung von Zweifelsfällen zwar das rasche Abprüfen (relativ unaufwendig wird eine Note erzeugt), inwieweit die so erzeugten Ergebnisse allerdings etwas über die alltägliche Rechtschreibkompetenz aussagen, bleibt offen.

(Diktate schreibe ich mit meinen S nicht, da ich nur in der Oberstufe unterrichte. Tatsächlich muss ich mir daher gar keine Gedanken über sinnvolle Diktattexte machen. In Aufsätzen würde ich S, die in Rechtschreibung Schwächen zeigen, gern nur die erste Seite korrigieren – das reicht meist für einen Eindruck, und genug zu berichtigen ist auch.

Häufig bemerke ich aber auch, dass den S auf der/den ersten Seite(n) relativ wenige Fehler unterlaufen, sich die Fehlerfrequenz zum Ende der Arbeit aber erhöht. Ist es richtig, ihnen das anzukreiden (was mit der vollständigen Zählung aller Fehler passiert) oder muss ich nicht eigentlich erkennen, dass eine relativ hohe Rechtschreibkompetenz vorhanden ist, diese aber mit dem Zeitdruck zugunsten des zu vermittelnden Inhalts zurücktritt, zurücktreten muss?)

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Kommentare

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Maik Riecken am :

*Ich bin besagter Kollege. In der Tat hätte ich für die Veröffentlichung genau diese Passage - zu der es eine Geschichte gibt - besser gestrichen. Dass Diktate wahrscheinlich alles prüfen, nur keine Rechtschreibfertigkeit, ist schon in einigen Studien untersucht worden.
Dass meine Möglichkeiten, mich Dikaten in der Mittelstufe zu verweigern, recht eingeschränkt sind, dürfte auch klar sein. Bleibt die Frage nach dem inhaltlichen Sinn. Mit den "didaktischen wertvollen Texten" aus den käuflich zu erwerbenden Büchlein mache ich deutlich schlechtere Erfahrungen, was den Ausfall angeht. Was also tun?

Hanjo am :

*Ich weiß es auch nicht, Maik. Die Klammerbemerkung zeigt ja, dass ich an dieser Stelle ein wenig ratlos bin: einerseits bin ich davon überzeugt, dass Rechtschreibkompetenz sinnvoll (und auch gar nicht so schwierig zu gewinnen) ist, andererseits bemerke ich bei einigen S immer wieder, dass ich Ihre Gesamtleistung im Aufsatz deutlich herabsetzen muss, weil sie durch eine bloß formale Minderleistung im Elementarbereich auffallen (Sprachrichtigkeit macht ein Viertel der Gesamtnote, die ansonsten noch die Bereiche Inhalt, Aufbau und Ausdruck/Sprache umfasst, aus). Mir scheint das so unnötig.

Und da treffen sich unsere Erfahrungen: wie Du verpflichtet bist, Häufungen an sich seltener Phänomene im Grunde gegen methodische Erkenntnisse abzuprüfen, bin auch ich nicht überzeugt von der Sinnhaftigkeit der Viertelwertung vor dem Hintergrund der im Artikeltext beschriebenen Entstehung.

Maik Riecken am :

*In Schleswig-Holstein gilt eine Viertelwertung - kenne ich noch aus meinem Referendariat. In NDS darf (!) ich angeblich keine Einzelnoten ausweisen, sondern muss mir ein Gesamtbild machen. Das erscheint zunächst freiheitlicher, für viele SuS zu Recht auch willkürlicher. Rechtschreibung erlebe ich zusätzlich oft als eher intuitive Fertigkeit, die mit zunehmenden Druck Einschränkungen erfährt (das gleiche Diktat zur "Übung" und "scharf" geschrieben fällt - zumindest bei meinen Experimenten - vollkommen anders aus).
Diktate haben aber eine Lobby - sie sind schnell korrigiert und wirken objektiv. Daher wird diese Praxis nicht so schnell verschwinden - wenn man nicht gleichzeitig an anderen Schrauben dreht...

Hanjo am :

*Ja, den Eindruck mit der umstandsabhängigen Intuition habe ich ebenfalls. Allerdings ist die Intuition ja auch bei den im Bereich der Orthographie hervorragenden Schülern wesentlich. Es soll sogar Deutschlehrer geben, die erst im Referendariat explizit Rechtschreibregeln lernten …

Und (aus guten Gründen) auf schnelle Korrektur hin optimierte Klassenarbeiten kenne ich aus anderen Bereichen.

Hokey am :

*Bei uns gilt insgesamt der "sprachliche Bereich" als Grundlage für die Viertelwertung. Dazu zählen allerdings Grammatik, Ausdruck und Rechtschreibung - wobei die Rechtschreibung selbst relativ wenig Punkte ausmacht. Zudem bewerten wir in der Fünf noch nahezu keine Rechtschreibung und beziehen dann die Bewertung der Rechtschreibung immer mehr ein.
Ich finde, das ist als Teilaspekt der Bewertung auch richtig so, denn der sprachliche Bereich unterscheidet den sprachlich exakteren Schüler von den sprachlich ungenaueren - und das hat, auch bei formalen Fehlern, im zu lesenden Text durchau qualitative Dimensionen.

Hanjo am :

*Welche drei Bereiche werden bei Euch noch (da doch die Ausdrucksfähigkeit in den »sprachlichen Bereich« eingeht) unterschieden?

yanine am :

*Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich diesen Beitrag kommentiere. Letztendlich bin ich aber zu dem Schluss gekommen, dass ich das nicht so im Raum stehen lassen möchte. Ich mache zurzeit eine schulische Ausbildung zur Sozialpädagogischen Assistentin, dementsprechend bleiben mir Diktate nun auch erspart. Trotzdem habe ich bis zum Erwerb der Mittleren Reife einige Diktate kennengelernt und muss sagen – ich kenne keine ansprechenden.
Ich möchte mich gerne zu Ihrem Kommentar vom 28. Januar 2013 um 7:25 Uhr äußern. In diesem schreiben Sie „ […] einerseits bin ich davon überzeugt, dass Rechtschreibkompetenz sinnvoll (und auch gar nicht so schwierig zu gewinnen) ist, […]“ (Zeile 2f).
Dass Rechtschreibkompetenz sinnvoll ist, steht natürlich außer Frage, aber das diese „gar nicht schwierig zu gewinnen“ ist, habe ich persönlich bisher nicht so wahrgenommen. Ich gehöre zu der Gruppe der Schüler, die in Diktaten grundsätzlich eine Sechs schreiben und deren Aufsatznote immer aufgrund der Rechtschreibung schlechter ausfällt. Aufgrund dieses Umstandes wurde ich in der fünften Klasse eines Legasthenietests unterzogen, dieser fiel allerdings knapp negativ aus, aufgrund eines erhöhten Leseverständnisses. Danach hatte ich gut zwei Jahre Nachhilfe bei einer Deutschlehrerin und Logopädin in Rente, meine Mutter hat mit mir fast täglich ein Diktat geschrieben und meine damalige Deutschlehrerin hat mir einige Übungsblätter gegeben. Trotz dieses doch zeit- und kostenintensiven Programms hat sich meine Rechtschreibkompetenz nicht verbessert. Es geht hierbei nicht nur um die Fehlerquote bei Diktaten oder Aufsätzen, sondern auch um die alltäglichen Texte und Mitschriften, die vor Rechtschreibfehlern teilweise nur so strotzen.
Ohne Ihnen oder Ihrer fachlichen Kompetenz zu nahe treten zu wollen, habe ich es persönlich bisher anders erlebt.
Aber das alles ist natürlich nur meine subjektive Wahrnehmung …
Dieser Test ist fehlerfrei dank der Rechtschreibprüfung von duden.de (http://www.duden.de/rechtschreibpruefung-online).

Hanjo am :

*Danke, yanine, für Ihren Beitrag.

In der Tat ist meine Sicht eine beschränkte insofern, als ich das Problem nicht aus eigener Sicht kenne: es gibt nur wenige Rechtschreibregeln, die ich als Regeln lernen musste – das meiste funktionierte eben einfach so.

Wenn ich mit rechtschreibunsicheren S in der Schule beispielsweise die dass/das-Regel übe, bestätigt sich das, was ich mit dem »und auch gar nicht so schwierig zu gewinnen« meine: die S verstehen (manche sofort, manche später, aber im Grunde schon alle) die Regel, und anhand von übungstypischen Beispielsätzen (z. B. Lückentexte) ist der Lernerfolg auch nachzuweisen.

Allerdings ist dieser Lernerfolg bei einigen S nicht dauerhaft: schon in der Hausaufgabe noch am selben Tag wird die Regel praktisch ignoriert. – Hier stellt sich für mich die Frage, warum dies geschieht: wird die Regel als unnötig empfunden? (Warum aber können S in anderen Fächern viel kompliziertere Sachverhalte und Lösungsalgorithmen problemlos lernen, behalten und dauerhaft anwenden?) Ist die Regel tatsächlich nicht mehr präsent? (Könnten andere Lernstrategien hilfreich sein?) Ist das Denken so auf die Inhalte konzentriert, dass es die Form nicht mehr bewältigt? (Dann allerdings müsste die Übungsarbeit, die Sie investiert haben, auch Früchte getragen haben.) Etc.

Sie merken hoffentlich: fertig bin ich (und ich kann vernuten: auch andere Lehrkräfte mindestens im sprachlichen Bereich) mit diesem Thema nicht.

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