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Gelesen. Hardy.

Thomas Hardy: Jude Fawley, der Unbekannte. Übertragen von Alexander Pechmann. München: Hanser, 2018.

Ein Buch, das schon aufgrund der Ausstattung (Leinen, Fadenheftung, zwei Lesebändchen) zum Lesen einlädt: eine weitere schön gestaltete Neuübersetzung eines Klassikers bei Hanser.

Die Geschichte selbst ist so eine Art »Reihe betrüblicher Ereignisse« für Erwachsene, Schopenhauer reloaded: das einfache ländlich aufwachsende Waisenkind Jude hat den Hang zum Höheren, will – durch Phillotson, einen Dorfschullehrer, intellektuell herausgefordert – lernen und wissen, bringt sich selbst die alten Sprachen bei und scheitert doch: an seiner Naivität, was den Umgang mit Frauen anbelangt (was ihm rasch eine im Lebensplan bislang nicht vorgesehene Ehe mit Arabella, einer weiteren Dörflerin, einbringt), aber auch an den Klassenschranken, die einen Autodidakten vom Dorf aus der höheren Bildung ausschließen, sodass er den größten Teil seines Lebens als Steinmetz arbeitet.

Pessimismus pur also; ein paar Stationen im Einzelnen: Die Ehe scheitert, Jude geht nach Christminster (i. e. Oxford), wo er von den Professoren als Student abgelehnt wird, lernt die städtisch geprägte Sue, die Liebe seines Lebens, kennen, kann sich ihr aber aufgrund der bestehenden Ehe nicht über freundschaftliche Dienste hinaus nähern; er vermittelt ihr einen Arbeitsplatz bei Phillotson, worauf sie sich diesem, ihrem künftigen Vorgesetzten, anverlobt; unerlaubte Annäherungen zwischen Jude und Sue finden statt, Sue heiratet aus Pflichgefühl trotzdem Phillotson (und Jude führt sie zum Altar!), ist in der Ehe ebenso unglücklich wie Jude in seiner. Beide Ehen werden gelöst, die Liebenden flüchten, Leser*innen könnten an ein gutes Ende glauben, denn endlich sind die beiden frei füreinander, doch die nächste Hürde ist schon bereitgestellt … und Ihr seid gewarnt: es wird sehr bitter!

Begleitet und beeinflusst wird die (bis zum Schluss scheiternde) Liebeshoffnung durch Auseinandersetzungen um individuelle, gesellschaftliche und besonders natürlich kirchlich gebotene Moralvorstellungen, das Ringen um die richtige Form von Lebensgemeinschaft sowie die Frage der Bedeutung von Bildung, sozialem Stand und privater Zufriedenheit, dem richtigen Verhältnis von Pflichterfüllung und Wollen.

Jude ist stets nur der Reagierende; er wird kalt manipuliert (von Arabella, die bis zum Schluss immer wieder neue Intrigen ersinnt) oder in seinem dogmatischen Denken herausgefordert (durch Sue); wenn er selbst sich zu Handlungen entscheidet (bzw. von seinem Willen getrieben wird), haben diese meist schlechte Auswirkungen auf sein weiteres Leben.

Die interessantere Figur ist Sue, die als unkonventionell, unabhängig, klug und stark gekennzeichnet wird – Jude sieht sie als »Poetin, Seherin, eine Frau, deren Seele wie ein Diamant glitzerte« (ebd., 520), und sie habe ihm die Freiheit gebracht, indem sie ihn dazu brachte, »das Christentum, den Mystizismus, oder das Pfaffentum oder wie man es sonst nennen will zu hassen« (ebd.). –

Aus dem Nachwort erfährt man, dass die Publikumsreaktion auf dieses Buch Ende des 19. Jahrhunderts – kaum erstaunlich – mehrheitlich negativ war (was Hardy davon abhielt, weitere Romane zu schreiben). Im Regelfall ist dies schon eine Empfehlung für die Leser*innen des 21. Jahrhunderts.

Von Dahme nach Dahmeshöved und zurück …

2018-03-30_121232… führte uns gestern ein Spaziergang bei schönstem Winterwetter.

(Wir waren da, weil ich im Johnson / Grass / Grass-Briefwechsel gerade (wieder) gelesen hatte, dass Uwe Johnson mit seiner Familie in den 1960er Jahren einige Male in Dahmeshöved seinen Urlaub verbrachte; außerdem bin ich in den 1970er Jahren mehrfach in Dahme in Strandferien gewesen, weil meine Omi dort Zimmer untervermietete. Das war aber zu Zeiten, als ich noch mehr am täglichen Braunen Bär (der damals viel besser war als seine heutige Wiederauflage) interessiert war als an grantigen Dichtern.) –

Heute isses wieder grau.

Gelesen. Johnson / Grass / Grass.

Uwe Johnson, Anna Grass und Günter Grass: Der Briefwechsel. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007.

Im Jahr 1965 trat Günter Grass auf einer Reihe von Wahlkampfveranstaltungen für die SPD auf. Aus den Einnahmen finanzierte er fünf Bibliotheken für die Bundeswehr. Die Auswahl der Bücher übertrug er Uwe Johnson mit dem Ziel einer »richtigen Mischung aus lesbarer und dennoch anspruchsvoller Literatur, Nachschlagewerken aufklärender Art, gut ausgewählten Kriminal- und Unterhaltungsromanen.« [Ebd., 55]

Ausschnitt aus der BücherlisteWer die Liste heute liest, dürfte von allem über den Maßstab stolpern: kaum ein Titel ist in heutigem Sinne der unterhaltsamen, möglicherweise bestsellertauglichen Literatur zuzuordnen; selbst die einfacher lesbaren Titel sind eher für Literaturinteressierte einfacher lesbar. War Johnsons Auswahl – nebenstehend ein Auszug – vielleicht schon damals zu hoch angesetzt oder hat sich unser Maßstab so verschoben?

Gelesen. Coates.

Ta-Nehisi Coates: Between the World and Me. New York: Spiegel & Grau, 2017.

Berührender offener Brief des Autors an seinen Sohn; letztlich vielleicht nicht allgemeingültig, aber doch weit mehr beschreibend als die Gefährdung Schwarzer in den USA:

Perhaps being named “black” had nothing to do with any of this: perhaps being named “black” was just someone’s name for being at the bottom, a human turned to object, a human turned to pariah. [Ebd., 55]

Es geht um gesellschaftliche Macht und damit einhergehende Zuschreibungen. –

Nebenbei, über Schule und Bibliotheken (aus der Sicht des Jugendlichen):

The pursuit of knowing was freedom to me, the right to declare your own curiosities and follow them through all manner of books. I was made for the library, not the classroom. The classroom was a jail of other people’s interests. The library was open, unending, free. Slowly, I was discovering myself. [Ebd., 48]

Gelesen. Murakami.

Haruki Murakami: 1Q84. Buch 3. Übertragen von Ursula Gräfe. Köln: DuMont, 2011.

Die drei Bücher 1Q84 (in zwei Bänden erschienen) enthalten die merkwürdige Geschichte um eine nur das Gute anstrebende Auftragsmörderin, eine legasthenische Autorin, einen literarisch interessierten Mathematiklehrer und ein bis zwei Sekten, ferner eine reiche alte Dame, die ein Frauenhaus unterhält, und ihren Leibwächter; all das in einer surrealen, gering gegen unsere verschobenen Nebenwelt, in der »Little People« und ein zweiter Mond zum Inventar gehören. Aufgrund der seltsamen Figuren mit ihren je eigenen Geschichten, die Sonderlinge im Laufe ihrer Sozialisation erleben, eindrucksvoller als es scheinen könnte; trotz einzelner fragwürdiger Eigenheiten der stärkste Murakami, den ich bisher gelesen habe, und in jedem Fall zu empfehlen.