Skip to content

Veränderungen II.

Seit dem 1.2.2016 leite ich nun die Außenstelle Malente unserer Schule, zum 1.2.2020 habe ich stattdessen die Koordination des Beruflichen Gymnasiums in Eutin übertragen bekommen.

Der Wechsel ist für mich ein echter Einschnitt, weil es schon noch einmal eine andere Verwurzelung in einer Abteilung bedeutet, wenn man sie leitet: fast alles Geschehende vollzieht sich auf die eine oder andere Art und Weise unter eigener Beteiligung, Verantwortung zu tragen heißt eben auch, über alles mindestens Bescheid zu wissen (sei es auch, indem man weiß, dass sich andere gute Leute darum kümmern).

Dass ich trotzdem noch einmal wechseln wollte, hat vor allem mit dem dann möglichen Unterrichtseinsatz mit dem Schwerpunkt auf meinen Fächern Deutsch und Philosophie zu tun, die in den letzten vier Jahren eine zu geringe Bedeutung bekamen, aber auch mit der Lust auf etwas Neues (ohne dabei das Alte zu missachten).

Die letzten Wochen und Monate bedeuteten daher – neben dem normalen Unterricht – Einlesen in neue Vorschriften, Einarbeitung in die neuen Aufgaben durch meine Vorgängerin im Amte, die in Pension geht, sowie Einarbeitung meiner Nachfolgerin. In beiden Fällen werden die alten Abteilungsleitenden nach dem Wechsel noch erreichbar sein, sodass es ein möglichst sanfter Übergang wird. Auch Kolleg*innen fühlen schon einmal vorsichtig vor, ob ihre Interessen denn unter der neuen Leitung weiterhin Berücksichtigung finden können.

Die Buchhändler*innen unterrichte im Umfang von 5 Stunden zunächst weiter, anderer Unterricht (EDV, Politik) entfällt aber. In Eutin treten zu meinen bisherigen Deutsch- und Philosophiekursen am BG weitere hinzu.

Es wird einmal wieder eine interessante Zeit – wie ohnehin Beteiligung an Schulleitung etwas ziemlich Großartiges ist.

Gelesen. Sente, Berserik, van Dongen.

Yves Sente, Teun Berserik und Peter van Dongen: Das Tal der Unsterblichen 1: Gefahr für Hongkong. Übertragen von Harald Sachse. Hamburg: Carlsen, 2019.

Auch diese Neubelebung der Blake-und-Mortimer-Abenteuer hat zwar den Charme der ligne claire, kommt aber an Hergés Werk nicht heran. Trotzdem werde ich natürlich den zweiten Teil lesen müssen, sobald er erscheint.

Küste · Marzipantorte · Spiel · Gedichte.

2020-01-11_120110Während der heutige Tag wieder mit Standardnieselwetter beginnt, schien am Samstag zeitweise die Sonne, daher sind wir rausgefahren nach Niendorf und von dort auf dem Höhenweg des Brodtener Ufers nach Travemünde spaziert. Dort waren wir tatsächlich vorher noch nie, weil wir, wenn uns nach Steilküste war, immer zwischen Rettin und Brodau wanderten.

2020-01-11_133822Wider Erwarten war die Küste gut besucht (hoffte, dass die Leute samstags noch mit Konsum beschäftigt sind), und im Café Marleen bekam man nur mit Glück noch einen Platz, was vor allem einer Geburtstagsgesellschaft im Saal zu verdanken war, die von der Wirtin und der Bedienung mit entschlossenem Frohsinn besungen wurde. Wir schufen indes auf unserem Tisch Platz für Flammkuchen und Tee, indem wir einen Teil der fragwürdigen Dekoration (siehe Bild) auf der Abtrennung aufreihten, was uns wiederum der Gefährlichkeit wegen einen Rüffel vom Kellner einbrachte, bevor er die wertvolle Deko anderswohin in Sicherheit brachte. Die Marzipantorte und der Espresso zum Nachtisch waren mächtig und stark.

2020-01-11_152558Zurück sind wir am Strand gewandert und haben die Wirkung der Ostsee auf die Küste bewundert.

Abends Alhambra (plus Wechselstuben und Diamanten) mit Freunden bei Tee und Weinen, Wurzeln und Haribo-Erzeugnissen.

Am Sonntag Laufen im Regen auf moddrigen Wegen, dann aus Gründen erneute Lektüre der BGVO und Entwurf eines Klausurenplans.

Das nächste Korridorthema für meinen Deutschkurs im 12. Jahrgang wird die Lyrik des 19. Jahrhunderts sein, was eine Fülle an Möglichkeiten eröffnet. Beginnen werde ich mit Goethes »Künstlerlied« und Holzens »Ihr Dach stieß fast bis an die Sterne« (AB), die – entstanden am Anfang bzw. Ende des Zeitraums – über die inhaltliche Gegensätzlichkeit bei gleicher Thematik Anlass zur Problematisierung bieten sollten.

Laufen 2019.

Im Jahr 2019 gelaufen: 142 Läufe, die sich auf 1671 km summieren – meist in der Gegend, aber auch im Urlaub; das meiste mit dem Mizuno Wave Inspire 15 (ausgetauscht nach knapp 1000 km), den Rest mit dem Mizuno Wave Mujin 3 G-TX (bei fragwürdigen Bodenverhältnissen auf Feld- und Waldwegen sowie bei Regen oder Schnee).

Durchschnittlich sind das 32 km pro Woche. Insgesamt erneut etwas mehr als im Vorjahr, aber ebenso mit nochmals verschlechtertem Pace (6:02/km statt 5:51/km). Das Alter. (Und das Gewicht.)

Gelesen. Zhou.

[Zhou Xingsi:] Der 1000[-]Zeichen[-]Klassiker. Übertragen von Eva Lüdi Kong. Ditzingen: Reclam, 2018.

Reclam hat sich in den letzten Jahren ja schon durch verschiedene (Neu-) Übersetzungen chinesischer Klassiker hervorgetan, und dieses ist ein von der Konzeption her besonderes Projekt:

Kaiser Wu beauftragte um 500 v. u. Z. Zhou Xingsi, die in Stein gemeißelte Vorlage von genau 1000 grundlegenden Schriftzeichen, die gemeinhin zur Übung der Pinselschrift verwendet wurden, in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Dies gelang Zhou sogar in Reimen, und in dieser Form – 250 Strophen à 4 Verse (wobei jeder Vers aus einem Schriftzeichen besteht) – ist der Text über Jahrtausende überliefert worden, diente fast ebenso lang als Grundschulfibel, sodass unzählige Generationen von Schüler*innen sich beim Üben der Schriftzeichen den Inhalt einschrieben und aufgrund der gereimten Form vermutlich auch lebenslang behielten.

Das für uns Nichtchinesen Faszinierende ist dabei, dass tatsächlich jedes einzelne Zeichen einen weiten Sinnhorizont evoziert, aber im Kontext vergleichsweise eindeutig verstanden werden kann, sodass insgesamt historisches und naturwissenschaftliches Wissen wie auch gesellschaftliche Vorstellungen und Normen tradiert wurden – wer beispielsweise Konfuzius’ Gespräche gelesen hat, wird viele Gedanken wiedererkennen.

Foto einer Doppelseite des besprochenen Buches.In der vorliegenden Übertragung wird ein sinniges Layout verwendet, um einerseits das Original zu präsentieren, andererseits den des Chinesischen Unkundigen eine annotierte Übersetzung zeigen zu können: auf der jeweils rechten Buchseite finden sich (neben der Versnummerierung als Marginalie ganz rechts) vier Spalten. Die erste enthält die im Kontext sinnvollste Ein-Wort-Übersetzung des in der nächsten Spalte folgenden chinesischen Schriftzeichens, in der dritten folgt eine phonetische Umschrift, die den Reim des Originals erahnen lässt, in der vierten schließlich die Übertragung in deutsche Verse. Ergänzt wird diese Textpräsentation durch Anmerkungen auf der linken Buchseite; diese wiederum sind illustriert mit Bildern aus Ausgaben des Klassikers, die in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entstanden sind. (Ein erklärender Abschnitt zur Textgestalt findet sich fast wörtlich wiederholt auf den Seiten 8 und 116; an Absicht mag ich nicht so ganz glauben.)

Insgesamt eine sehr schöne Ausgabe in rotem Seideneinband, natürlich fadengeftet mit Lesebändchen (dessen Abdruck auf dem Foto erkennbar ist).

Gelesen. Carr.

J. L. Carr: Die Lehren des Schuldirektors George Harpole. Übertragen von Monika Köpfer. Köln: DuMont, 2019.

Carr wusste offenbar aus eigener Erfahrung, von was er schrieb, als er in einem in den 1950er Jahren spielenden Schulroman die Auseinandersetzung mit Schuladministration und Umfeld thematisierte. Die erwähnten Eigentümlichkeiten, die fragwürdigen Hierarchien und behäbigen Entscheidungswege, die in Funktionen erstarrten Theoretiker, all das, was Außenstehende unbegreiflich fänden – all das ist heute selbstverständlich ganz anders.

Gelesen. Chabon.

Michael Chabon: Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay. Übertragen von Andrea Fischer. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2002.

Ein Roman über die US-amerikanische Comic-Industrie und die in ihr Schaffenden vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg und als solcher durchaus lehrreich. Kavalier, vor den Nazis aus Prag geflohener Jude, der sich dazu natürlich des Golems bedienen musste, und Clay, sein Cousin, erdenken Geschichten um den Superhelden Eskapist, die ein zunehmend größeres Publikum des aufstrebenden Mediums liest. Man könnte es als Absicht verstehen, dass der Roman ebenso wie die entstehenden Hefte von einer mindestens zeitweise übertrieben erscheinenden Breitwandüppigkeit zeugt – Farben nicht von Technicolor, sondern noch greller, dabei ebenso grob gerastert wie der Druck der frühen Superman-Hefte –, und damit einer Überwältigungstrategie durch immer mehr vom Besten folgt, die wie beim Hollywood-Film in technischer Perfektion Qualität bedeuten soll und doch mehr oder minder willkürlich kombinierte Inhalte – behauptete Freude, Liebe, gezeigtes Leid – stets nur als Mittel zum Zweck verstehen kann. So reicht es nur zum Melodram.

»Was könnte den Figuren denn noch so passieren?« scheint häufiger die Frage gewesen zu sein, die sich Chabon beim Schreiben stellte. Darin ist er seinen Figuren ähnlich, deren Schaffensprozess genau und schlüssig gezeigt wird: die Variationen von Superheld*innen, die jeweils gewisse Ähnlichkeiten haben dürfen, aber auch nicht zu viele, damit nicht die Copyright-Klage des Konkurrenten folgt. Die immer neue, noch unwahrscheinlichere Abenteuer bestehen, Kräfte entwickeln, Feinde besiegen müssen, um die Leser*innen jede Woche neu von der Notwendigkeit des Kaufes zu überzeugen. Nun, manchmal funktioniert’s halbwegs. Übrigens gerade dann, wenn es nicht um neue Abenteuer der Figuren geht.

Wie viele einsame Kinder war sein Problem nicht die Einsamkeit an sich, sondern dass er nie allein gelassen wurde, um sie zu genießen. Es gab immer wohlmeinende Erwachsene, die versuchten, ihn zu bequatschen, zu bessern und zu beraten, zu bestechen, zu beschwatzen und zu bedrohen, damit er sich Freunde suchte, laut und deutlich sprach, an die frische Luft ging; und am schlimmsten waren die anderen Kinder, die offenbar nicht spielen konnten, ohne ihn bei gemeinen Spielen auzuziehen, oder ihn nachdrücklich auszuschließen, wenn die Spiele nett waren. [Ebd., 658]

Abgesehen von der fragwürdigen Struktur des ersten Satzes, die auch der Übersetzung geschuldet sein kann, eine treffende Beschreibung – die jedoch auch das Problem des Autors im Überborden der Einfälle zeigt: es reicht eben nicht das »bequatschen«, nein, es müssen noch fünf weitere Möglichkeiten gefunden werden, die zudem teilweise gleichbedeutend sind.

Am gelungensten erscheint mir die Episode, in der die Protagonisten Welles’ Citizen Kane sehen und Kavalier aufgrund der ihn zutiefst beeindruckenden innovativen Machart des Films eine ganz neue Art der Bildsprache im Comic entwickelt.

Über die lange Strecke der Erzählung aber (über achthundert Seiten!) bleibt ein schales Gefühl.

Gelesen. Sterne.

Laurence Sterne: Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman. Übertragen von Michael Walter. Berlin: Galiani, 2018.

Zum ersten Mal las ich das Buch in meiner Buchhandelszeit um 1990 herum, damals in der Ausgabe bei Artemis & Winkler, die mir aber zwischenzeitlich unerklärlicherweise abhanden kam, sodass ich nicht einmal nachsehen kann, ob es die Übersetzung von Bode war (was ich vermute). Definitiv enthielt sie die Sonderseiten nicht, die in der Neuausgabe bei Galiani (zuerst erschienen vor Urzeiten bei Haffmans) zumindest näherungsweise nachgebildet werden. Die Übersetzungs- und Editionsgeschichte übrigens wird im Nachwort ausführlich dargestellt.

Insgesamt (wie allerorten nachzulesen) eine sehr verdrehte Geschichte, deren Erzähler erst sehr spät als (auch dann nur selten) handelnde Figur eingeführt wird, vielmehr mittels der Kombination von verschrobenen Charakteren und grotesken Handlungselementen jede Ernsthaftigkeit ad absurdum führt – sei es zum Teil auch mit heutzutage sehr derb anmutenden humorigen Galanterien und mehr als offensichtlichen Anspielungen auf sexuelle Eigenheiten und Handlungen. Heute noch lesenswert aufgrund des Feuerwerks an Konstruktionseinfällen Sternes, die das erzähltheoretische Herzirn erfreuen, aber auch des freigeistigen Entlarvens vorgeblich wissenschaftlicher und zeitgemäßer geistlicher Übungen wegen.

Wertvoller Anmerkungsapparat, gute Fadenheftung, Lesebändchen. Was will man mehr?

Comics bei Ben.

Und dann lest mal rasch die Graphic-Novel-Empfehlungen bei Ben – nicht alles unbedingt mein Geschmack (allein von Gung Ho weiß ich, dass es mir gefiel), aber andere mögen das anders sehen, nachdem sie die Titel so enthusiastisch ans Herz gelegt bekommen haben.