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Ratschläge für Schreibende.

Nachdem ich kürzlich von Stephen Kings Ratschlag an Jungschriftsteller schrieb, Adverbien möglichst sparsam – am besten gar nicht – zu verwenden, lese ich in der neuesten Ausgabe der Sinn und Form einen »Tod dem Adjektiv« betitelten Eintrag aus Thomas Braschs bislang unveröffentlichten Tagebuchnotaten:

Das Adjektiv ist eine Erfindung der Leute, denen die Dinge nicht genug waren, wie sie waren. Es dient zur Verschleierung. Ein großes Pferd ist nichts vor meinem Auge, ein Pferd aber steht.

Es folgt nun eine durchaus konsistente Argumentation für diese Ansicht, bevor Brasch schließt:

Aus diesen Gründen muß das Adjektiv gekillt werden, wenn ich es treffe.

[Brasch, Thomas: Aus den Tagebüchern 1972–74. In: Sinn und Form 64 (2012), Nr. 2, S. 152–164; hier: 154f.]

Mal sehen, welche Wortarten es noch trifft …

Was hat es denn nun auf sich mit Terry Pratchetts »Night Watch«-Serie?

Zur kurzen Einführung: Terry Pratchetts Romane spielen in einer fiktiven »Scheibenwelt«, die als Grundlage sehr verschiedener Serien zu verstehen ist. Zu diesen gehören Zauberer-Romane, Hexen-Romane, Tod-Romane etc. (Näheres zum Beispiel hier, etwas weiter unten). Haupstadt der Scheibenwelt ist Ankh-Morpork – chaotisch, anarchisch, lebensvoll.

Die Romane Pratchetts werden häufig als Fantasy bezeichnet, sie werden von diesem Begriff aber nicht erfasst, weil wesentliches Bestandsstück der heroischen Fantasy im Regelfall ihre absolute Ironieferne ist, was sie mit der Science-Fiction-Literatur gemeinsam hat. Was Douglas Adams dann für die letztere geschafft hat – sie mit Witz und programmatischer Unernsthaftigkeit für Menschen lesbar zu machen, die Science Fiction ansonsten verabscheuen –, ist Pratchett mit der Fantasy schon längst gelungen – bzw. hätte ihm gelungen sein können, wenn denn nicht viele potentielle Leser leider dem Etikett (oder den zum Teil üblen Buchumschlaggestaltungen) mehr Vertrauen schenkten denn ihrem eigenen Leseerlebnis.

So wie der Leser etwas verpasst, wenn er Stephen King nicht liest, weil er nicht an den Horrorelementen vorbei auf das Wesentliche schauen mag, geht es ihm auch, wenn er in den Wachen-Romanen auf Trolle, Vampire, Werwölfe, Zwerge etc. stößt und schon deshalb nicht weiter liest.

Die Wachen-Romane schildern die Erlebnisse Sam Vimes', des Chefs der Nachtwache Ankh-Morporks, und seiner Leute. In ihnen und den ihnen begegnenden Geschehnissen – häufig in Form einer Krimihandlung – spiegelt Pratchett unsere Welt und ihre Zeitläufte – und zwar auf humoristische, und das heißt: oberflächlich leichte und oft komische, innerlich letztlich aber oft bittere Art und Weise.

Zwei Zitate aus dem bislang letzten Buch der Wachen-Reihe, Thud! (deutsch: Klonk!):

Es geht um die Frage der Verhörpraktiken in einer gewaltbereiten Stimmung – Trolle und Zwerge rüsten sich in fundamentalistischer Verbohrtheit auf eine Schlacht gegeneinander –; Vimes denkt

»And he was not certain, not certain at all, what he'd do if the prisoner gave him any lip or tried to be smart. Beating people up in little rooms ... he knew where that led. And if you did it for good reason, you'd do it for a bad one. You couldn't say 'we're the good guys' and do bad-guy things.« (256)

– muss man mehr sagen zur Debatte um das absolute Folterverbot?

An anderer Stelle wird ein die Kraft der Magie auf der Scheibenwelt beschrieben: die Zauberer haben Vimes eine Kutsche beschleunigt (bis auf dieses Ereignis sind die Wachen-Romane so gut wie frei von Zauber) und ein Extra-Pferd angeschirrt (es folgt eine irrwitzige Verfolgungsjagd). Ich weiß, Zauberergeschichten sind etwas für kleine Kinder. Aber auch ihnen kann man platonische Ideen so erklären:

»And there was a fifth horse, larger than the other four, and transparent. It was visible only because of the dust and the occasional glint of light off an invisible flank; it was, in fact, what you got if you took away a horse but left the movement of a horse, the speed of a horse, the ... spirit of a horse, that part of a horse which came alive in the rushing of a wind. The part of a horse that was, in fact, Horse.« (311)

Es sind dies zwei von sehr vielen Stellen – witzigen und ernsten, lustigen und schönen – in unterhaltsamen Geschichten, die unter anderem vom Ausgang des Golems aus der gar nicht selbst verschuldeten Unmündigkeit, von der Emanzipation eines weiblichen Zwergs, von falsch verstandenem Heldentum, von den Schwierigkeiten des Nichtzuhauseseins im eigenen Körper am Beispiel eines Werwolfs, von blinder, braver Diensterfüllung im Namen des Bösen, von Rassismus gegenüber Trollen und so weiter handeln. – Offenbar also reine weltflüchtige Fantasy, die so gar nichts mit unserem Leben zu tun hat.

Lest Pratchett: es ist ein weiser Mann.

Die Bücher der Wachen-Reihe in der Reihenfolge des Geschehens (in der sie auch gelesen werden sollten) bei Amazon ansehen:

Guards! Guards!Wachen! Wachen!
Men At ArmsHelle Barden
Feet of ClayHohle Köpfe
JingoFliegende Fetzen
The Fifth ElephantDer fünfte Elefant
Night WatchDie Nachtwächter
Thud!Klonk!

Gelesen. King.

Stephen King: Das Monstrum. »Tommyknockers«. München: Heyne, 1991.

Glaubt man den Kundenrückmeldungen bei Amazon, ist dies ein schwächeres Werk Kings. Mag sein. Tatsächlich enthalten auch die schwächeren Werke Kings immer noch eine ganze Menge mehr an Leben als große Mengen der ernsten und hochgelobten Literatur. Dafür muss man dann ggf. an in Flammen stehenden Haaren, im Todeskrampf sich windenden zombieähnlichen Kreaturen, großen Mengen grünen Schleims als Nährlösung für als Batterien genutzten Feinden des Systems, platzenden Augäpfeln, zerschossenen Knöcheln etc. vorbeilesen. Das ist genrespezifischer Trash, als solcher natürlich schlecht und Grund genug, um King nicht zu mögen.

Wer King aber deswegen ignoriert, verpasst auch den grimmigen Humoristen: die sich durch den Einfluss eines neuentdeckten Raumschiffartefakts verändernden Kleinstädter erfinden Maschinen zur Zerstörung ihrer Gegner, bedienen sich dabei aus der Alltagstechnik – und so wird uns geboten der Aberwitz fliegender Colaautomaten als Hüter der Kleinstadtgrenzen, ein schwebender Rasentraktor und derlei mehr. Das Schrille, Bedrohliche, Tödliche zeigt sich hier – wie bei King oft – dem Normalen inhärent.

Interessant wird es auch, wenn King Gesellschaft schildert: den Kampf der Frau gegen ihren Mann, der hier – dem destruktiv-inventorischen Furor gemäß – in der Nutzung des Hochspannungsteils des Fernsehers sein Ende findet oder der genau gezeichnete Unterschied zwischen öffentlich verlautbarten Bekundungen (»Wir lieben Ruth alle«) und tatsächlich still-bedrohlichem, letztlich zum Suizid der Verfolgten führenden Handeln einer gleichgeschalteten Menge Mensch, die zwar nicht durch gelbe Schuhe, dafür aber mit Lücken im Gebiss gekennzeichnet wird.

Kings Sympathien sind dabei immer beim Individuum. Und dabei ist beeindruckend seine Zärtlichkeit, mit der er die resignierte Machtlosigkeit des kleinen Bruders schildert, der weiß, dass das neuerfundene Zauberkunststück des großen Bruders ihm nicht gut tun wird, ebenso wie die überzeugende Darstellung des Anti-Atomkraftaktivisten, der auf einer Party für einen Eklat sorgt, indem er grausame Wahrheiten ausspricht, die den Horrorphantasien Kings in nichts nachstehen, aber möglich sind und des Profits wegen in Kauf genommen werden.

[Mit Alexander Kluges Die Lücke, die der Teufel läßt bin ich ja immer noch nicht fertig. Aber die Schilderungen über den Umgang mit dem Unfall in Tschernobyl seien schon jetzt jedem zur Lektüre empfohlen, der noch einmal darüber nachdenkt, ob nicht die Atomkraft doch die sauberere Alternative sei …]

Und der Protagonist eben dieses Skandälchens ist auch der des Buches: ein Loser (King ist immer auf der Seite der Loser), ein schwacher Mensch (King ist …), ein Alkoholiker – der gleichwohl aufgrund einer medizinisch indizierten Immunität gegen die vom Raumschiff ausgehende Beeinflussung als einziger die Kraft besitzt, gegen die erstarkende Macht im Kleinstädtchen zu bestehen. Seine Zweifel, die Ängste des Verfolgten in einer ihm gegenüber einigen und offen zerstörerischen Gesellschaft, schildert King wieder ganz überzeugend.

Tscha, was bleibt?: lesen, natürlich. Seht ihn Euch an –

»:" – :king !"«