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Über ein gesellschaftlich negativ wirkendes psychologisches Problem …

… schreibt Jens Scholz (@jensscholz) in: Warum wir Überwachung nicht verhindern werden, wenn wir nicht etwas anderes grundlegend ändern ....

Es geht dabei – anders als der Titel nahelegt – gar nicht nur um Überwachung, sondern um einen fundamentalen sozialen Mechanismus, dessen »Erfolg« allerdings durch interessierte Spieler gefördert wird. Ein wichtiger Satz darin:

So lange Menschen glauben, dass sie zu kurz kommen, weil Menschen, die ebenfalls zu kurz kommen, Schuld daran sind, wird sich da wenig ändern und schlecht gelaunte Menschen neidisch auf andere schlecht gelaunte Menschen schimpfen.

Auch ich vermute inzwischen, dass es psychologisch beschreibbare Grundeinstellungen und -mechanismen (à la Watzlawick) sind, die den rationalen Diskurs und das Finden sinnvoller Lösungen im Interesse der gesellschaftlich Schwächeren (in allen möglichen Zusammenhängen) in vielen Fällen von vornherein ausschließen. Die notwendige Offenheit für eine wirksame Debatte wird allenfalls im Dialog gelebt; im gesellschaftlichen Zusammenhang siegen die beschriebenen Dysfunktionsweisen.

Schulinterne Fortbildung zum Burn-out-Syndrom.

Schulinterne Fortbildungen sind eine feine Gelegenheit, in der Schule mit Kolleginnen und Kollegen etwas Sinnvolles zu tun, ohne dass einem die Schüler zwischen den Füßen rumwuseln. (Schriebe ich hier nur Wahres, müsste ich mich nun verbessern und darauf verweisen, dass die meisten meiner Schüler volljährig sind und mich – zumindest was die männlichen Vertreter betrifft – körperlich eher überragen.)

Gestern haben wir (vor einem gemeinsamen Mittagessen und einem in Gruppen mit unterschiedlichen Aufgaben verbrachten Nachmittag) an einer Veranstaltung zum Burn-out-Syndrom teilgenommen, die durch Information natürlich auch zur Prävention beitragen sollte. Das ist für Lehrkräfte sinnvoll (und eine Schulleitung zu loben, die derley veranstaltet), weil sie einer potentiell stark gefährdeten Berufsgruppe angehören.

Gründe hierfür sind auf zwei Seiten zu sehen: auf der einen erscheinen die hohen Anforderungen des Berufs, zu denen lange Arbeitszeiten, stressverursachende Umgebungen, fachliche und pädagogische Herausforderungen etc. gehören. Auf der anderen Seite steht das Lehrerindividuum, das mehr oder minder bedeutsame Anlagen zum Burn-out besitzt und / oder (weiter-) entwickelt. Viele dieser Anlagen sind im Lehrerberuf unerlässlich: ganz generell beispielsweise ein hohes Engagement für die sich stellenden Aufgaben. Hier allerdings das auch langfristig richtige Maß zu finden ist die Schwierigkeit.

Ein Exempel: Eine gute Unterrichtsstunde (oder gar eine -einheit!) vorzubereiten ist eine komplexe und potentiell unendliche Aufgabe. Immer kann die Stunde noch weiter und besser vorbereitet werden, sie ist nie fertig in dem Sinne, in dem ein materielles Produkt fertig ist. Die Lehrkraft muss also lernen, von einem bestimmten Zeitpunkt an die Unterrichtsstunde als fertig zu bestimmen. Genau das kann aber mit einem Gefühl der Unzufriedenheit verbunden sein, weil die Lehrkraft ja die oben benannte Forderung hohen Engagements an sich stellt und daher mit einer in ihrem Sinne noch nicht guten Stunde nicht zufrieden ist. Natürlich gewöhnt sich die Lehrkraft nach dem Referendariat, in dem an einer einzigen Vorführstunde schon mal tagelang gearbeitet wird, rasch an die Erfordernisse des Alltags, in dem 25 Stunden und mehr gehalten werden müssen. Zu bedenken allerdings ist, dass dies nicht die einzige Stelle ist, an der der Perfektionsdrang der Lehrkraft scheitern muss. Gerade die engagierte Lehrkraft, die einen hohen Anspruch an sich selbst stellt, weil sie ein positives Bild vom Lehrerberuf hat, ihn möglicherweise gar als Berufung begreift, wird immer wieder subjektiv beurteilt zu große Abstriche machen müssen. Hinzu kommt, dass ein definierter Feierabend nicht möglich ist: fest liegt die Zahl der Unterrichtsstunden. Wie viel Arbeit die Lehrkraft sich damit (und mit allem damit verbundenem) macht, ist in ihr Ermessen gestellt. Der große Vorteil des Lehrerberufs – ein hohes Maß selbstbestimmten Arbeitens – verkehrt sich dergestalt ins Gegenteil.

Nach Freudenberger, so habe ich gestern gelernt, seien beim Burnout-Syndrom 12 Stadien zu beobachten – vom »Zwang sich zu beweisen« über die »Vernachlässigung eigener Bedürfnisse«, den »Rückzug«, die »Depersonalisation« bis hin zur »völligen Erschöpfung«. Die Prophylaxe kann allenfalls davor bewahren, in diese Entwicklung einzutreten; spätestens nach Durchlaufen der Hälfte der Stadien bzw. bei Vorliegen einer Reihe signifikanter Symptome wird angeraten, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Die Prophylaxe rät weiter, statt stets die Höchstleistung von sich abzufordern und alles nicht arbeitsspezifische als (allenfalls) sekundär zu behandeln eine neue Balance zwischen Arbeit und Ich, Beruf und anderen Bereichen zu finden, das Ich dabei als zentrales Element neu zu entdecken. Regenerationspausen seien zwischen Phasen der Anstrengung vonnöten, um langfristig den Anforderungen begegnen zu können. Dazu zählen nicht beruflich motivierte soziale Kontakte ebenso wie schlichte Ruhepausen, Sport, Lesen, Musizieren oder anderes. Ziel sei die Ich-bewusstere Lehrkraft, die auch mal fünfe gerade sein lassen könne und einen ohnehin nie erfüllbaren Perfektionsanspruch zugunsten einer leistbaren guten Qualität aufgebe. –

Die Veranstaltung selbst dauerte mit Pausen vier Stunden, die rasch vergingen, auch weil die Referentin, Frau Weinhold von Holzrichter Beratungen, ihre Inputphasen immer wieder durch Tests, Selbsteinschätzungen und ähnliche Ich-bezügliche Übungen auflockerte. Das Echo war einhellig positiv, weshalb ich eine solche Themensetzung für schulinterne Fortbildungen unbedingt weiterempfehlen kann.

Der Skeptiker in mir sieht allerdings nicht nur die Hilfe, die diese Burn-out-Veranstaltung bietet. Eingangs hatte ich darauf hingewiesen, dass es zwei Seiten seien, auf denen sich Burn-out-Risiken verbergen: die der Umgebung und die der Lehrkraft. Bearbeitet werden in der Burn-out-Prophylaxe allerdings nur letztere. Die Lehrkraft also, die ohnehin an ihrem eigenen Anspruch an die Erfüllung von Aufgaben scheitert, bekommt signalisiert, dass auch dieses Scheitern auf eigenen Defiziten beruht: problematisch seien also nicht die Bedingungen schulischen Lehrens, sondern dass die Lehrkraft diesen Bedingungen nicht entspricht. Zu bearbeiten sei daher auch nicht die Frage, inwiefern diese Bedingungen zu ändern sind, sondern die Haltung der Lehrkraft. Ganz pragmatisch gesehen mag dieser Ansatz richtig und auch hilfreich sein. Tatsächlich aber stellt schon das Referendariat den Eingang in die Burn-out-Spirale dar, denn es ist der Inbegriff des oben genannten Zwangs sich zu beweisen. –

Ausführliche Informationen zum Thema Burn-out bei Lehrkräften gibt's bei Paul Tresselt.

Und vielleicht sollte der eine oder die andere auch mal bei Gerhard Sennlaub nachlesen.