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Gelesen. Ferrari.

Jérôme Ferrari: Predigt auf den Untergang Roms. Übertragen von Christian Ruzicska. Zürich: Secession, 2013.

Gut, Matthieu und Libero haben in Paris Leibniz und Augustin studiert – dann haben sie aber doch lieber eine Kneipe in der korsischen Provinz eröffnet; und ob das Scheitern dieses Versuchs (der doch über weite Strecken ganz gelungen schien) mehr aussagt über den notwendigen Verfall menschlicher Werke als es eine den Studenten vorgezeichnete bürgerliche Karriere (die ja auch irgendwann als beendet erkannt werden muss) getan hätte, und ob es tatsächlich literarisch notwendig oder zielführend ist, die philosophische Ebene einzuziehen (sie drängt sich nämlich keienswegs auf, sondern wird recht auffällig konstruiert), fragt sich der Leser dann schon. Nebenbei nämlich wird Wichtigeres verhandelt, so der Zusammenhang der Generationen einer Familie, die je eigenen Historie spiegelnden Erfahrungen der Großeltern, Eltern, Kinder, all dies aus der ungewohnten Perspektive Korsikas.

Die Zweifel Liberos am Studium übrigens entzünden sich an einem Beispiel fragwürdiger Berufsauffassung:

Sein Ethikprofessor war ein junger, außergewöhnlich weitschweifiger und sympathischer Absolvent der École normale supérieure, der die Texte mit schon fast ekelhaft brillanter Ungezwungenheit behandelte, indem er seinen Studenten definitive Betrachtungen über das absolut Böse an den Kopf schmiss, die ein Landpfarrer nicht in Abrede gestellt hätte, selbst wenn er sie mit einer beachtenswerten Anzahl an Referenzen und Zitaten schmückte, die weder dazu geeignet waren, deren konzeptuelle Leere zu füllen noch deren absolute Trivialität zu kaschieren. Und dieses ganze moralische Ausschweifen stand obendrein noch im Dienste eines bravourös zynischen Ehrgeizes, es war vollkommen offensichtlich, dass die Universität für ihn nur eine notwendige, aber unbedeutsame Stufe darstellte auf seinem Weg hin zur Weihe der Fernsehauftritte, wo er öffentlich mit seinesgleichen den Namen der Philosophie entwürdigen würde unter den Blicken der weich gestimmten Augen ungebildeter und beglückter Journalisten, denn Journalismus und Kommerz dienten inzwischen als Ersatz für Denken, Libero konnte daran gar nicht mehr zweifeln, und er war wie ein Mensch, der nach unerhörten Anstrengungen soeben ein Vermögen gemacht hatte in einer Währung, die keine Gültigkeit mehr besaß. Gewiss war die Haltung des Professors nicht repräsentativ für die anderen Lehrenden, welche ihre Arbeit mit strenger Rechtschaffenheit ausübten, was ihnen Liberos Respekt einbrachte. [Ebd., 56f.]

Derlei Fernsehphilosophentum ist ja auch hierzulande verbreitet, die Abneigung verständlich, wenn vielleicht auch nicht ausreichend als Grund für die Abkehr von der Philosophie – später zeigt sich, dass Libero die Alternative auf Dauer ebensowenig behagt.

Das Buch selbst ein fast durchgängig gelungenes Objekt: fadengeheftet und in Leinen gebunden, Lesebädchen, schöne Typografie, Vorsatzklappen. Leider unpassende Ästhetik der Titelprägung.

Neue Essay-Themen: Arendt, de Waal, Kleist, Beck, Bachmann.

Beim aktuellen Essay-Durchgang (diesmal ausschließlich für meinen Kurs im 13. Jahrgang) greife ich auf die Themen des Bundeswettbewerbs zurück (Themen 1–4) und ergänze nur um drei weitere Denkanlässe, sodass die S die Möglichkeit hätten, ihre Arbeit auch an solchen außerhalb der Schule messen zu lassen.

Hier sind die Themen dieses Halbjahres zum Nachlesen.

Gelesen. Eribon.

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Übertragen von Tobias Haberkorn. Berlin: Suhrkamp, 2016.

Hin und wieder schickte ich ihnen [den Eltern] eine Postkarte von meinen Auslandsreisen, halbherzig bemüht, eine Verbindung aufrechtzuerhalten, die ich mir so lose wie möglich wünschte. [Ebd., 9]

Diese Ausgangslage wird verändert, als der Vater stirbt, was den Foucault-Biograph Eribon zu einer Auseinandersetzung mit dem für ihn nie heimischen Arbeitermilieu, seinen soziologischen Bedingungen und nicht zuletzt auch zu einer Wiederannäherung an seine Mutter veranlasst.

In seinem autobiographischen Text werden ganz verschiedene Themen methodisch unterschiedlich angegangen: es findet sich die schlichte Erinnerung an Begebenheiten in Kindheit und Jugend, ebenso aber Gesellschaftsanalysen etwa zur Erklärung des Aufstiegs des Front National bei traditionell linken Arbeitern. Auch die eigene Motivation zur Flucht aus dem Herkunftsort – der intellektuellen Provinz – ins zentrale und offene Paris revidiert Eribon: während er lange seine dort nicht akzeptierte Homosexualität zur Erklärung heranzog, sieht er inzwischen die eigene Distanz zum Arbeitermilieu als ebenso wesentlich an – dies ist für ihn auch deshalb umso erstaunlicher, als er als linker Denker gerade in seiner Sturm- und Drangzeit die Interessen der Arbeiterschaft abstrakt verteidigte.

Ein schwierig einzuordnender, meist kluger Text, der nur selten in unnötig akademischen Jargon abrutscht.

Ein Interview mit Didier Eribon findet ihr hier.

»Glück« und »Flow« im Comic.

The Oatmeal betrachtet das im Philosophieunterricht immer mal wieder untersuchte Thema Glück – bei dem bei uns meist nicht nur antike Glückskonzeptionen gegenüber gestellt werden, sondern meist auch auf die modernere Variante Mihály Csíkszentmihályis hingewiesen wird: How to be perfectly unhappy.

Philosophische Diskussion (mit Lena Stoehrfaktor).

Rap ist meine Sache nicht. Aber wenn man mit Schüler_innen ins Gespräch darüber kommen will, was philosophische Diskussion im Unterricht (und außerhalb) ausmachen soll, dann könnte dieser Song von Lena Stoehrfaktor ein Ausgangspunkt sein. [Via]

Gelesen. Bakewell.

Sarah Bakewell: Das Café der Existenzialisten. Freiheit, Sein und Aprikosencocktails. Übertragen von Rita Seuß. München: C. H. Beck, 2016.

Bakewells Montaigne-Monografie hatte ich seinerzeit in London nur halb lesen können, weil die Abreise dazwischen kam, und danach ganz aus den Augen verloren, obwohl das Gelesene gefiel; so war klar, dass ihre neue Publikation willkommene Lektürepflicht war: ein Sachbuch, aber so behaglich zu lesen wie so mancher Roman, dessen äußerliche Ausrichtung am Publikum (Titel, Untertitel) aufgrund der guten Synopsis inklusive differenzierten Darstellung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede derjenigen Philosoph_innen, die gemeinhin zum Existenzialismus gezählt werden (die Wichtigsten verzeichne ich in den tags), verziehen werden kann.

Macht Freude und ist auch Schüler_innen zu empfehlen, denen die Unterrichtseinheit zum Existenzialismus zu kurz erschien.

Neue Essay-Themen: Immanuel Kant, John Gray, Marc Aurel, Laurie Penny, Guoan Shiyuan, Albert Einstein, Roger Willemsen.

Damit ich in den Osterferien etwas zu lesen (und leider auch zu benoten) habe, bekamen meine Philosophiekurse im 12. Jahrgang wieder die obligatorische Essayaufgabe, für die sie gut drei Wochen Bearbeitungszeit hatten. Gestern habe ich die Texte der Schüler_innen eingesammelt, nun darf ich die Lektüre beginnen.

Hier sind die Themen dieses Halbjahres zum Nachlesen.

Veränderungen.

Seit einiger Zeit habe ich mich deutlich zurückhaltend zu Projekten und Vorhaben in der Schule geäußert, was seinen Grund in einer Verlagerung des Schwerpunkts meiner Arbeit hat, die vorbereitend einigen Mehraufwand erfordert. Außerdem sollten von dieser Veränderung meine Schüler_innen, deren Unterricht ich leider nicht mehr fortführen kann, zuerst direkt erfahren, bevor sie es hier lesen könnten. Seit heute vormittag wissen sie Bescheid.

Zuletzt habe ich bis einschließlich des zu Ende gehenden Schulhalbjahres etwa gleich viele Stunden am Beruflichen Gymnasium (BG) und an der Berufsschule erteilt; mit Wirkung vom 1.2.2016 aber wird mir die »Wahrnehmung der Aufgaben der Funktionsstelle ›Leitung der Abteilung – Außenstelle Bad Malente mit Landesberufsschulen –‹ an der Beruflichen Schule des Kreises Ostholstein in Eutin« übertragen, wie es im freundlichen Verwaltungsdeutsch des offiziellen Schreibens heißt und was bedeutet, dass ich die Leitung der Abteilung, an der ich bislang schon mit etwa der Hälfte meines Stundendeputats tätig war, übernehmen werde.

Konkret werde ich künftig nur noch sechs Stunden Philosophie am BG (und kein Deutsch mehr) unterrichten, an der Berufsschule jedoch werde ich meine Stunden spezieller Betriebslehre bei den Buchhändlern sowie EDV in allen vier kaufmännischen Berufen (neben den Buchhändler_innen Immobilienkaufleute, Tourismuskaufleute (Privat- und Geschäftsreisen) sowie Kaufleute für Tourismus und Freizeit) behalten. Eventuell kommt die eine oder andere Stunde Politik (wieder) hinzu, sehr verlässlich aber viel planerische Arbeit, denn an der Landesberufsschule haben wir aus Gründen einen wöchentlich wechselnden Stundenplan. Zudem handeln wir als Außenstelle unserer Schule in Bezug auf viele ganz unterschiedliche Aspekte für schulische Verhältnisse schon immer vergleichsweise selbständig – die Leitung hat damit eine zentrale Funktion als Ansprechpartner aller am Schulleben beteiligten Akteure. Hier den unterschiedlichen (und sicher auch mal gegensätzlichen) Erwartungen gerecht zu werden, wird eine besondere Herausforderung sein.

Auf diese Leitungsaufgabe freue ich mich (sonst hätte ich mich ja nicht dafür beworben). Ich bin gespannt auf die Erfahrungen – auch im Hinblick auf die Problematik, die Thomas als wesentlich für den anstehenden Wechsel beschrieben hat, auch im Hinblick auf die Komplexität und Vielfältigkeit der Aufgabe, wie sie immer mal wieder bei Tanja deutlich wird, und so fort.

Von etwas erzählen: Quantenphysik und Kosmologie.

Schon erstaunlich, was wir uns in der Schule so für Gedanken machen: wie wir mit immer neuen Methoden, einem Wechsel vom wissens- zum kompetenzorientierten Lernbegriff [und hier bitte den Rest der pädagogischen Diskussionen und Neuerungen der letzten Jahre und Jahrzehnte ergänzen] sowie heutzutage auch immer mehr Technik unseren Schülerinnen und Schülern etwas »beibringen« könnten.

Beim 32c3 [Wiki] des CCC – wo man, wie an anderer Stelle sichtbar wird, immer alle notwendige Technik zur Verfügung hat – läuft das zum Beispiel so: jemand, der Bescheid weiß, setzt sich auf einen Tisch und erzählt eine Stunde lang über Quantenphysik und Kosmologie. Wie am Lagerfeuer: ganz ohne Material, ohne Folien, nur mit dem Maß an Veranschaulichung, das mit Mimik und Gestik eben möglich ist.

John Searle im Interview.

Ausgehend vom Turing-Test, den wir nachvollziehen, indem wir uns mit Chatbots unterhalten, ist John Searles Chinesisches-Zimmer-Gedankenexperiment ein Standard im Philosophieunterricht des 11. Jahrgangs.

Im New Philosopher wird Searle interviewt. Über das Bewusstsein, das im genannten Experiment durch das (im Falle des Hantierens mit chinesischen Schriftzeichen) fehlende bzw. (im Falle des Agierens mit Ausdrücken der Muttersprache) vorhandene Verständnis für die Inhalte der Botschaften repräsentiert wird, meint Searle: »Consciousness is a biological property like digestion or photosynthesis.«

Wenig freundlich spricht er über seine Artgenossen: »it upsets me when I read the nonsense written by my contemporaries, the theory of extended mind makes me want to throw up.«

John Searle live bei TEDxCERN [via].

Gelesen. Beckett.

Bernard Beckett: Das neue Buch Genesis. Bindlach: Script5, 2009.

Aus dem Bücherregal von Kind 1: Science-fiction-Kammerspiel mit ethischen Fragestellungen und Schwerpunkten auf Fragen der philosophischen Anthropologie und den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz. Sicher geeignet als Schullektüre. Vielleicht noch viel besser als Zuhauselesetipp für interessierte jugendliche Leserinnen.