Skip to content

Patti Smith und Bob Dylan.

Man mag ja darüber streiten, ob Bob Dylan nun die richtige Wahl für den Literaturnobelpreis 2016 war oder ob nicht andere diese Auszeichnung viel eher verdient hätten (und in welchem Jahr tun wir das nicht?), was aber in der Annahme bestärkt, es könnte eine weise Entscheidung gewesen sein, ist zum einen Dylans Fernbleiben, zum anderen Patti Smith, die, als Künstlerin fremd wirkend in der scheinfeinen Atmosphäre von Monarchen und Großbürgerinnen, an seiner Statt den musikalischen Beitrag liefert, und die gerade durch die Fehlerhaftigkeit des Vortrags, die stille Würde, mit der sie sich entschuldigt und neu einsetzt, den mittels Preisverleihung nur vermeintlich dem Publikum assimilierten, tatsächlich stets gegenkulturellen Wert des Vorgetragenen bestätigt.


[Update 16.12.2016:] Patti Smith zum Geschehen.

Philosophische Diskussion (mit Lena Stoehrfaktor).

Rap ist meine Sache nicht. Aber wenn man mit Schüler_innen ins Gespräch darüber kommen will, was philosophische Diskussion im Unterricht (und außerhalb) ausmachen soll, dann könnte dieser Song von Lena Stoehrfaktor ein Ausgangspunkt sein. [Via]

Wochenende.

Gestern groß eingekauft, Linzer Schnitten gebacken; abends in vollständiger Familienrunde (Kind 1 besucht aus Studienort die Daheimgebliebenen, Kind 2 ist erfreut) Pride gesehen, dabei zu drei Vierteln Salat (2 Convenience-Grünzeugbüdel, Paprika, Apfel, Kidneybohnen, Thunfisch, Schafskäse, Wurzeln und Standard-Rotweinessig-Olivenöl-Gewürzwürze), zu einem Viertel Suppe aus dem Chemiebaukasten (Yum Yum!) gegessen.

Heute nach dem Frühstück (mit Geburtstagskuchenkerze und Ranunkelstrauß) für abends Tomatensuppe gekocht, Eier-Käse-Salat und Kräuterbutter bereitet – dabei Nirvanas MTV Unplugged in Endlosschleife; während Herzallerliebste weiteren Kuchen backt und andere Vorbereitungen tätigt, Wohnzimmer gesäubert und gar Staub gewischt (an den sichtbaren Stellen), Bücherstapel durch Kombinieren niedrigerer zu höheren zumindest quantitativ reduziert.

Später kommen die Freunde, haben Bücher, Platten, Blümchen und Kinder mitgebracht (letztere nehmen sie hinterher wieder mit); es wird viel gegessen, viel erzählt; Wein und Bitter Lemon, Hipsterbrause und Leitungswasser konsumiert, ein Spaziergang durch Wind und Matsch und Nieselregen unterbricht kurz das Gelage, weitere liebe Menschen melden sich aus Winsen (an der Aller), Rom (am Tiber) und von anderen Orten … später noch ein paar Seiten im von Patti Smith empfohlenen Astragalus von Albertine Sarrazin gelesen, dann Sleaford Mods gehört.

Gute Nacht, Freunde.

E-Books, DRM und die Sympathie für die Rechtsbrecher.

Wenn ich diese Maschine sehe, die mittels Lego und einem cloudbasierten OCR-Service den Text aus der DRM-geregelten Datei befreit, überkommt mich eine selbstverständlich ganz unangemessene Sympathie für den Erbauer – und dies nicht nur, weil es ein Kindle ist und sich die Aktion hier gegen das DRM des den klassischen Buchhandel bedrohenden Versandhauses Amazon richtet.

Warum es sich vermutlich bei vielen Betrachtern so verhält, erklärt vielleicht der Blick auf ein beteiligtes Produkt: Lego. Seit ein Patentschutz (o. ä., IANAL) abgelaufen ist, gibt es durchaus Nachbauten des Legosteins – allein: sie haben keine Chance auf dem Markt, weil sie wichtige Qualitätsansprüche offenbar nicht erfüllen. Deshalb kaufen Eltern ihren Kindern weiterhin echte Legosteine, obwohl die Konkurrenzprodukte billiger und die Preise für Lego erstaunlich hoch sind.

Es ist also die Aufgabe der Verlage (im Auftrag der Autorinnen und Autoren), ein im oben angeführten Sinne qualitativ gutes Produkt anzubieten, das die Kunden trotz der kostenlos verfügbaren Kopien kaufen. Nun könnte man sagen, dass die Lage verzweifelt sei, denn der Unterschied zwischen Lego und einem E-Book sei nun einmal die Kopierbarkeit – also müsse die mittels DRM verhindert werden, weil die Menschen sich sonst – es ist vom Musikmarkt her bekannt – haufenweise Festplatten mit kopierten E-Books befüllen könnten.

Dies aber ist der falsche Weg, weil DRM die Kunden gängelt. Als Kunde habe ich keine Lust, mich mit verschiedenen Formaten und Speichermöglichkeiten für E-Books auseinanderzusetzen, ich möchte mein E-Book auch in zwanzig Jahren (mehreren Gerätegenerationen) noch lesen können, ich möchte mit den Texten arbeiten und die E-Books verleihen, verschenken und verkaufen dürfen – kurz: aus der Sicht eines potentiellen Käufers muss ein E-Book alles können und erlauben, was ein klassisches Buch auch kann – nur mehr (hier beschrieb ich diesen Anspruch schon einmal für Schulbücher), denn mehr ist technisch möglich.

Im Bereich der Musik zeigt sich inzwischen Folgendes (und ich vermute, alles ist übertragbar auf den E-Book-Markt): über den legalen Weg der Privatkopie kann jeder Musiknutzer jede Datei über Umwege umsonst bekommen. DRM ist nutzlos, weil allenfalls störend, kann aber die Kopie nicht verhindern. YouTube ist trotz des Störfeuers von Seiten der GEMA eine Quelle für Musik, deren kultureller Wert als Archiv kaum zu überschätzen ist – und ersetzt darüber hinaus das Probehören im nicht mehr existierenden Plattenladen (der übrigens im Regelfall seine Pforten schloss, bevor man an MP3-Player dachte). Funktionierende (und übrigens sehr lukrative!) Verkaufsmodelle à la iTunes hingegen funktionieren über Bequemlichkeit (der Nutzer muss nicht fragen, ob jemand jemanden kennt, der jemanden kennt, der eventuell die MP3-Datei kopieren könnte, sondern lädt sie einfach herunter) und niedrige finanzielle Hürden (99 ct sind eben relativ wenig und wirken nicht kaufhemmend). Was allerdings gekauft wird (wenn auch nur von einem kleinen Teil der Dateieigner), sind gute CDs – besondere, zum Beispiel limitierte oder aber anderweitig nicht austauschbare Ausgaben, solche mit früher selbstverständlichen Zugaben wie Texten in lesbarer Größe etc. Das große Geld verdient der Künstler jedoch dem Hörensagen nach mit Konzerten, für die Fans durchaus erkleckliche Summen zu zahlen bereit sind. Crowdfunding ist in diesem Bereich ebenfalls nicht mehr ganz neu – beispielsweise Amanda Palmer hat mit der Finanzierung über Kickstarter die zehnfache Summe dessen eingenommen, was sie für ein neues Projekt zu brauchen glaubte.

So ähnlich könnte es im Buchhandel auch kommen – und es wäre gegenüber dem durch den Wandel zum E-Book befürchteten großen Kahlschlag möglicherweise die bessere Alternative. Der Sortimentsbuchhandel muss die Verlage dazu drängen, dass der Standard für das verkaufte Buch die möglichst nicht per DRM geschützte kostenlos dreingegebene E-Book-Datei ist (die im crossmedialen Workflow ohnehin nebenbei entstehen kann), denn für das E-Book als Standard ist der Sortimentsbuchhandel überflüssig. (Amazon testet schon.) Ähnlich wie die MP3-Datei wird dieses E-Book kopiert werden – warum auch nicht? Es ist allerdings als Werbeträger (so Cory Doctorow, den ich aufgrund dieser Äußerung kennenlernte und von dem ich kürzlich ein papiernes Exemplar kaufte, obwohl es das Buch kostenlos auf seiner Seite gibt) zu verstehen – just so wie die Videos auf der Website einer Band, die gerade durch das kostenlose Zur-Verfügung-Stellen von Musik CDs/Konzertkarten/Weiteres zu verkaufen gedenkt. Wer von der Qualität des Buches (analog zum oben angeführten Lego-Beispiel) überzeugt ist, wird es – gleich dem CD- und Vinylsammler – zuhause stehen haben wollen: fadengeheftet, leinengebunden, auf feinem Papier, oder wohlfeil zwischen zwei Pappdeckel geklebt, weil man, am Strand liegend, mit dem Bleistift Anmerkungen anbringen will. Möglicherweise wird in der Buchhandlung der Zukunft auch der Veranstaltungsteil einer größere Bedeutung haben: wie der Musiker an seinen Konzerten, so verdient die Autorin an ihren Lesungen – die Buchhandlung wäre Veranstalter, erweiterter Büchertisch und ganz allgemein kulturelles Zentrum. Veränderungen, ja – aber nicht notwendigerweise Verschlechterungen.

DRM jedenfalls wird den Buchhandel nicht retten, sondern den Kunden nur Sympathie für diejenigen spüren lassen, die die Zeit und Energie aufbringen, die als lästig empfundenen Regeln durch mehr oder minder kreative Mittel zu überwinden.