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Gelesen. Schalansky.

Judith Schalansky: Der Hals der Giraffe. Berlin: Suhrkamp, 2011.

Nachdem ich es von einem Freund schon vor Erscheinen empfohlen bekam, hatte ich es vorbestellt; bei Erscheinen dann die Lobeshymne von Marius (die ich um den Kommentar »Ja.« ergänzen könnte); nun die Lektüre. –

Nur rasch ein Zitat, bevor ich wieder an Unterrichtsvorbereitung (!) gehen muss. Inge Lohmark, aus der DDR übrig gebliebene Lehrerin vom alten Schlag:

Früher sollten die Kinder zu fortschrittlichen und friedliebenden Menschen erzogen werden, heute eben zu freien. Dabei war doch Freiheit nichts als die Einsicht in die Notwendigkeit. Niemand war frei. Und sollte es auch gar nicht sein. Allein die Schulpflicht. Das war ein staatlich organisierter Freiheitsentzug. Ausgeheckt von der Konferenz der Kultusminister. Es ging gar nicht um Wissensvermittlung. Sondern darum, die Kinder an einen geregelten Tagesablauf und die jeweils vorherrschende Ideologie zu gewöhnen. Das war Herrschaftssicherung. Ein paar Jahre Aufsicht, um das Schlimmste zu verhindern. Das Gymnasium als Vollbeschäftigung bis zur Volljährigkeit. Gute Staatsbürger. Gehorsame Untertanen. Nachschub fürs Rentensystem. […] Kritisches Denken war immer erlaubt. Nur linientreu musste es sein. Gerade in einem kranken System musste man auf seine Gesundheit achten. Und der Kern aller Gesundheit war die Anpassung.

Und in dieser Konzentration geht es immerfort weiter.

Ein feines Buch, das ich zu kaufen bitte.

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Städtische und ländliche Provinzen.

Dörfer, in denen nichts passiert. Dörfer, in denen der Hundefriedhof und der Briefkasten die einzigen zentralen Einrichtungen sind. In einem anderen Dorf ein Puppentheater der einzige farbige Fleck. Dörfer, in denen die Gewerbebetriebe »Man schleppt sich so durch« heißen müssten. Dörfer mit einer Bushaltestelle, auf deren Bank ein Alter auf seinen Stock gestützt auf den Boden starrt. Schon lange. Noch lange. Dörfer, in denen die Verkaufswagen von Lebensmittelläden und Bäckereiketten vergeblich warten – wenn sie noch halten. Dörfer, in denen Gemüsegärten noch notwendig sind. Dörfer, in denen die Gardinen schon lange nicht mehr bewegt wurden, denn es gab nichts zu sehen auf der Straße. Dörfer, in die scheinfeine Geschäftsleute verborgene Luxusanwesen setzen. Dörfer, in denen der Verfall auch vor jenen kaum zögern wird.

(»Wenn ich hier stürzte und am Straßenrand liegenbliebe«, denke ich beim Lauf um den Carwitzer See, »fände mich so bald niemand; ›unbekannte Männerleiche‹ heißt das in den Kriminalromanen immer.«)

Vertreter zweier Personengruppen würde ich gern mal mitnehmen in die mecklenburger Provinz: Politiker aus Berlin und Großstadtblogger. Zum Neujustieren. Um ihnen begreiflich zu machen, wie unterschiedlich Lebenswirklichkeiten sein können. Um Verantwortung zu verdeutlichen. Um Wesentliches zu erkennen.